David HilbertDer Einstein der Mathematik

Vor 150 Jahren wurde David Hilbert geboren – ein deutscher Jahrhundertmathematiker

Diese Fotografie des Mathematikers David Hilbert aus dem Jahr 1912 wurde als Postkarte der Uni Göttingen verwendet.

Diese Fotografie des Mathematikers David Hilbert aus dem Jahr 1912 wurde als Postkarte der Uni Göttingen verwendet.

Paris, August 1900. Die erste Metro-Linie fährt seit einem knappen Monat, die Olympischen Spiele halten die Stadt in Atem, und die Weltausstellung präsentiert Visionen von den Fortschritten des bevorstehenden 20. Jahrhunderts. Vielleicht haben dieser Rummel und das heiße Wetter die Wissenschaftler abgeschreckt: Nur 230 der ursprünglich erwarteten 1.000 Teilnehmer sind zum zweiten Internationalen Mathematikerkongress gekommen.

Unter ihnen ist der 38-jährige David Hilbert, ein Professor aus Göttingen. Man erwartet von dem Vorsitzenden der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) eine Rückschau auf die Entwicklung der Mathematik im 19. Jahrhundert. Doch der Redner blickt nicht zurück, sondern nach vorn. Bis zur letzten Minute hat er an seinem Vortrag mit dem Titel Mathematische Probleme gefeilt. Hilbert will der Disziplin mit seiner Liste von ungelösten Fragen ein Programm für die nächsten Jahrzehnte vorgeben.

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»Wer von uns würde nicht gern den Schleier lüften, unter dem die Zukunft verborgen liegt, um einen Blick zu werfen auf die bevorstehenden Fortschritte unsrer Wissenschaft und in die Geheimnisse ihrer Entwickelung während der künftigen Jahrhunderte!«, beginnt er seinen auf Deutsch gehaltenen Vortrag. Die zehn Probleme, die er vorstellt, gehen quer durch alle Gebiete des Fachs: Mengenlehre, Zahlentheorie, Geometrie, Beweistheorie, Differenzialgleichungen, bis hin zur mathematischen Physik. Noch im selben Jahr wird eine erweiterte Liste publiziert – mit 23 Problemen, zwei Jahre später folgt die englische Version. Die Hilbert-Probleme werden auch international Meilensteine auf dem Weg der Mathematik ins 20. Jahrhundert.

Max Dehn, ein Doktorand Hilberts, knackte als Erster eines der Probleme. Noch im Jahr 1900 konnte er die Aufgabe Nummer drei lösen (über die »Zerlegungsgleichheit von Polyedern«). Heute sind die meisten der 23 Probleme entweder geklärt – oder haben sich als unlösbar herausgestellt.

Die Autoren

Günter M. Ziegler und Andreas Loos lehren am Institut für Mathematik der Freien Universität Berlin.

David Hilbert, der vor 150 Jahren, am 23. Januar 1862, geboren wurde, war kein Popstar wie Einstein. Aber er war ein Revolutionär von ganz ähnlicher Bedeutung für seine Disziplin. Er war einer der Letzten seines Fachs, die die gesamte Mathematik und mathematische Physik überblickten. Schon vor seiner aufsehenerregenden Vorlesung in Paris war er längst kein No-Name mehr.

Seit seiner ersten Veröffentlichung 1885 hatte er sich einen Namen als jemand erarbeitet, dem es um die grundsätzliche Ordnung und Struktur ging: Zu seinen 50 Publikationen, die bereits erschienen waren, gehörte das Buch Grundlagen der Geometrie von 1899. Sieben Jahre zuvor hatte er durch systematische Untersuchungen vollständig die großen Probleme der sogenannten Invariantentheorie gelöst und damit Paul Gordan aus Erlangen düpiert, den weithin anerkannten Großmeister dieser Disziplin, von dem dann frustriert zu hören war: »Das ist keine Mathematik, sondern Theologie.«

Tatsächlich ging Hilbert die Mathematik sehr fundamental an. Nicht am Rechnen war ihm gelegen, sondern an den dahintersteckenden abstrakten Strukturen: Hilbert hielt die Mathematik für ein formales Spiel, strukturiert durch Regeln. In der Geometrie hatte man jahrtausendelang Euklid nachgebetet: »Eine Strecke ist eine Länge ohne Breite« – Geometrie als Formalisierung unserer intuitiven Vorstellungen von Punkten, Strecken und Dreiecken.

Von dieser konkreten Sicht auf die Dinge löste sich Hilbert. Stattdessen stellte er Regeln auf (»Axiome«), die in jeder Geometrie gelten müssen – zum Beispiel: »Durch zwei Punkte gibt es genau eine Gerade.« Die Axiome beschreiben Beziehungen der Objekte untereinander: Struktur statt konkreter Anschauung. Statt »Punkte, Geraden, Ebenen« müsse man jederzeit auch »Liebe, Gesetz, Schornsteinfeger« oder »Tische, Stühle, Bierseidel« sagen können, so sein Credo. Sein radikaler Bruch mit der Anschauung wurde ein Exportschlager. Hilbert machte die Universität Göttingen in dieser Zeit zum Zentrum der mathematischen Welt. Von hier aus trat die abstrakte Algebra im 20. Jahrhundert ihren Siegeszug an.

Leserkommentare
  1. die Mathematik vorangebracht zu haben.
    Das konnte und kann keiner zerstören.

    16 Leserempfehlungen
  2. Danke für den schönen Artikel. Aber wenn schon ein Vergleich mit Einstein sein muss, wäre Gödel der bessere Kandidat.

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    Dem kann ich mich nur anschließen. Übrigens waren Gödel und Einstein gut befreundet.

    "Aber wenn schon ein Vergleich mit Einstein sein muss, wäre Gödel der bessere Kandidat."

    Vom Begründerder strukturellen, mathematischen Logik, Pythagoras, ist eine Aússage überliefert, nach der er auf die Frage nach der Wahrheitin der Mathematik geantwortet habe, die eine Wahrheit läge in der mathematischen Logik - die andere Wahrheit in der Person des Mathematikers.

    Hilbert hob den Primat des abstrakten, strukturellen Denkens in der Mathematik hervor,
    die entspricht dem antiken Schritt vom empiristischen Rechnen zur mathematischen Logik mit der Möglichkeit abstrakter Beweisführung,
    Gödels Werk ergänzte das Werk Hilberts um den zweiten Teil der Aussage des Pythagoras - Logik-an-sich ist unvollständig, sie bedarf des Erkennenden.

    Dem kann ich mich nur anschließen. Übrigens waren Gödel und Einstein gut befreundet.

    "Aber wenn schon ein Vergleich mit Einstein sein muss, wäre Gödel der bessere Kandidat."

    Vom Begründerder strukturellen, mathematischen Logik, Pythagoras, ist eine Aússage überliefert, nach der er auf die Frage nach der Wahrheitin der Mathematik geantwortet habe, die eine Wahrheit läge in der mathematischen Logik - die andere Wahrheit in der Person des Mathematikers.

    Hilbert hob den Primat des abstrakten, strukturellen Denkens in der Mathematik hervor,
    die entspricht dem antiken Schritt vom empiristischen Rechnen zur mathematischen Logik mit der Möglichkeit abstrakter Beweisführung,
    Gödels Werk ergänzte das Werk Hilberts um den zweiten Teil der Aussage des Pythagoras - Logik-an-sich ist unvollständig, sie bedarf des Erkennenden.

  3. Dem kann ich mich nur anschließen. Übrigens waren Gödel und Einstein gut befreundet.

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    Antwort auf "Schöner Artikel."
  4. "Aber wenn schon ein Vergleich mit Einstein sein muss, wäre Gödel der bessere Kandidat."

    Vom Begründerder strukturellen, mathematischen Logik, Pythagoras, ist eine Aússage überliefert, nach der er auf die Frage nach der Wahrheitin der Mathematik geantwortet habe, die eine Wahrheit läge in der mathematischen Logik - die andere Wahrheit in der Person des Mathematikers.

    Hilbert hob den Primat des abstrakten, strukturellen Denkens in der Mathematik hervor,
    die entspricht dem antiken Schritt vom empiristischen Rechnen zur mathematischen Logik mit der Möglichkeit abstrakter Beweisführung,
    Gödels Werk ergänzte das Werk Hilberts um den zweiten Teil der Aussage des Pythagoras - Logik-an-sich ist unvollständig, sie bedarf des Erkennenden.

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    Antwort auf "Schöner Artikel."
    • carol
    • 23.01.2012 um 10:00 Uhr

    es ist löblich von der zeit, dass sie die schandtaten der "Nazis" damals immer wieder verdeutlicht. das ganze geschieht wahrscheinlich im rahmen der kürzlich eingetretenen modeerscheinung der "aufarbeitung".

    diese aufarbeitung dreht sich jedoch im kreis. und wenn man den artikel der Zeit über Dessau liest:

    http://www.zeit.de/gesell...

    dann bekommt man die antwort woher die "Nazis" kommen: aus dem deutschen Volke- damals wie heute!

    PS: für NAZI aus NAtionalsoZIalisten, müsste es eigentlich NASO (NAtionalSOzialisten) heissen. hört sich aber ziemlich doof an. aber schon bei der namensgebung, haben "die" eine begabung um die wahrheit zu verdrehen.

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    • mauhai
    • 23.01.2012 um 10:29 Uhr

    Da wurde wohl jemandem auf den Schlips getreten. In dem Artikel werden keine "Schandtaten" aufgearbeitet sondern an die Person David Hilbert erinnert. Ihre sogenannten "Nasos" werden lediglich im letzten Absatz des Artikels angerissen.
    Hier können Sie sich übrigens mal zu dem Ursprung des Begriffes Nazi informieren:

    http://de.wikipedia.org/w...
    http://de.wiktionary.org/...

    Die "Aufarbeitung" ist auch keinesfalls eine Modeerscheinung sondern ein Prozess, eine Routine, welche man permanent betreiben muss. Die Menschen sind das einzige Lebewesen mit einem kollektiven Gedächtnis. Um das zu bewahren muss Geschichte gelehrt und gelernt werden. Dazu dient eben dieser Artikel.

    Ich habe heute zum ersten Mal von David Hilbert gelesen. Danke dafür.

    • Moika
    • 23.01.2012 um 11:09 Uhr

    Man muß eigentlich gar nicht mehr darauf eingehen. Denn wes Geistes Kind die Eliten in der letzten Hälfte des "Tausendjährigen Reiches" waren läßt sich unschwer an einem der Leiter des damaligen Kaiser Wilhelm Institutes ausmachen, der Einsteins Theorien einfach als "jüdischen Blödsinn" bezeichnete.

    Mehr muß man dazu nicht sagen.

    • mauhai
    • 23.01.2012 um 10:29 Uhr

    Da wurde wohl jemandem auf den Schlips getreten. In dem Artikel werden keine "Schandtaten" aufgearbeitet sondern an die Person David Hilbert erinnert. Ihre sogenannten "Nasos" werden lediglich im letzten Absatz des Artikels angerissen.
    Hier können Sie sich übrigens mal zu dem Ursprung des Begriffes Nazi informieren:

    http://de.wikipedia.org/w...
    http://de.wiktionary.org/...

    Die "Aufarbeitung" ist auch keinesfalls eine Modeerscheinung sondern ein Prozess, eine Routine, welche man permanent betreiben muss. Die Menschen sind das einzige Lebewesen mit einem kollektiven Gedächtnis. Um das zu bewahren muss Geschichte gelehrt und gelernt werden. Dazu dient eben dieser Artikel.

    Ich habe heute zum ersten Mal von David Hilbert gelesen. Danke dafür.

    • Moika
    • 23.01.2012 um 11:09 Uhr

    Man muß eigentlich gar nicht mehr darauf eingehen. Denn wes Geistes Kind die Eliten in der letzten Hälfte des "Tausendjährigen Reiches" waren läßt sich unschwer an einem der Leiter des damaligen Kaiser Wilhelm Institutes ausmachen, der Einsteins Theorien einfach als "jüdischen Blödsinn" bezeichnete.

    Mehr muß man dazu nicht sagen.

  5. zu Hilberts 23 Problemen kommen in der Mathematik ständig neue Probleme hinzu.
    z.B. das bekannte N=NP Problem.
    Aber man sollte mathematische Probleme dieser Größenordnungen eher als Bereicherung & Herausforderung ansehen, an denen sich Generationen abarbeiten können.
    Mathematik bietet Gesprächsstoff auf jeder Stehparty (von Interessierten).
    Leider werden die mathematischen Sachverhalte viel zu schwer vermittelt.
    z.B. besteht durchaus ein allgemeines Interesse an "Fermats Letztem Satz", weil dieser Satz für jedermann leicht verständlich ist.
    Nur der Beweis ist leider nicht verständlich.
    Da endet dann leider das Partygespräch.
    An diesem Hindernis leidet die Mathematik.

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  6. Danke, ZEIT... ein schoener Beitrag zur gebuehrenden Erinnerung an einem grossen Wissenschaftler.

    Einziger Kritikpunkt: Leider wird im Artikel, trotz des Vergleichs mit Einstein, Hilberts grosser Beitrag zur theoretischen Physik kaum honoriert. Hilbert war grundlegend an der Entwicklung von Einsteins allgemeinen Relativitaetstheorie beteiligt und hat auch viel dazu beigetragen, den mathematischen Rahmen der Quantenmechanik zu formulieren.

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    • mauhai
    • 23.01.2012 um 10:29 Uhr
    8. Ups...

    Da wurde wohl jemandem auf den Schlips getreten. In dem Artikel werden keine "Schandtaten" aufgearbeitet sondern an die Person David Hilbert erinnert. Ihre sogenannten "Nasos" werden lediglich im letzten Absatz des Artikels angerissen.
    Hier können Sie sich übrigens mal zu dem Ursprung des Begriffes Nazi informieren:

    http://de.wikipedia.org/w...
    http://de.wiktionary.org/...

    Die "Aufarbeitung" ist auch keinesfalls eine Modeerscheinung sondern ein Prozess, eine Routine, welche man permanent betreiben muss. Die Menschen sind das einzige Lebewesen mit einem kollektiven Gedächtnis. Um das zu bewahren muss Geschichte gelehrt und gelernt werden. Dazu dient eben dieser Artikel.

    Ich habe heute zum ersten Mal von David Hilbert gelesen. Danke dafür.

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    Antwort auf "halb löblich"
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    • carol
    • 23.01.2012 um 10:57 Uhr

    natürlich werden in dem artikel schandtaten aufgearbeitet. die blosse erwähnung soll bei den menschen doch schon ein aufarbeitung in gang setzen.

    die aufarbeitung der Nazi vergangenheit war und ist geprägt von verdrängung. jetzt wo der widerstand der direkten täter langsam abstirbt, kann von der anderen seite etwas bewirkt werden.

    ich habe den aspekt der fehlerhaften aufarbeitung deshalb erwähnt, weil es in der überschrift steht und zweitens immer nur die "Nazis" als schuldige erwähnt werden, aber nie die "Deutschen". da will man doch lieber diese erkenntnis selbst aufkommen lassen.

    • carol
    • 23.01.2012 um 10:57 Uhr

    natürlich werden in dem artikel schandtaten aufgearbeitet. die blosse erwähnung soll bei den menschen doch schon ein aufarbeitung in gang setzen.

    die aufarbeitung der Nazi vergangenheit war und ist geprägt von verdrängung. jetzt wo der widerstand der direkten täter langsam abstirbt, kann von der anderen seite etwas bewirkt werden.

    ich habe den aspekt der fehlerhaften aufarbeitung deshalb erwähnt, weil es in der überschrift steht und zweitens immer nur die "Nazis" als schuldige erwähnt werden, aber nie die "Deutschen". da will man doch lieber diese erkenntnis selbst aufkommen lassen.

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