Film "J. Edgar"Die Paranoia beginnt

Clint Eastwoods nachdenklicher Film "J. Edgar" über den FBI-Chef Hoover. von Thomas E. Schmidt

Leonardo DiCaprio im Film "J. Edgar"

Leonardo DiCaprio im Film "J. Edgar"  |  © 2011 Warner Bros.

Dieser neue Film von Clint Eastwood ist ein kleines Stück amerikanischer Traumabewältigung der Bush-Jahre, ein Beispiel für die große kulturelle Gesprächstherapie, die in den USA bei Bedarf manches Verzerrte wieder geraderückt und dabei gute Hollywoodfilme abwirft wie J. Edgar. Er zeichnet die Lebensgeschichte eines der Urväter des kollektiven Verfolgungs- und Bedrohungswahns nach, des legendären FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der die Freiheit Amerikas mit seinem Sicherheitsapparat so vollkommen in seine Obhut nahm, bis sie nach Luft zu schnappen begann.

Hoover ist eine dunkel schillernde Persönlichkeit der jüngeren amerikanischen Geschichte. Die Bundespolizei der USA ist im Grunde seine Erfindung, er baute sie zu einer technisch hochgerüsteten Behörde zur Verbrechensbekämpfung aus – und zu einem Inlandsgeheimdienst, den am Ende nur noch einer kontrollierte: J. Edgar. Acht Präsidenten diente Hoover. Die meisten wollten ihn loswerden, verzichteten am Ende aber darauf, ihn zu entlassen. Der FBI-Chef hatte früh damit begonnen, kompromittierende Informationen über Freund und Feind zu sammeln, besonders über Politiker. Seine Verdienste in den Gangsterkriegen der Dreißiger oder bei der Spionageabwehr im Zweiten Weltkrieg konnte niemand leugnen. Seit den vierziger Jahren rankten sich Gerüchte um die angebliche Homosexualität des Mächtigen. Genau hier knüpft Eastwoods Film an. Die Gerüchte verstummten bis zu Hoovers Tod 1972 nicht, tatsächlich wurde die Frage nach seiner Sexualität aber nie geklärt.

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So steht – wie meistens – hinter jedem politischen Unhold eine starke Mutter. So auch bei Eastwood. Judi Dench spielt sie als furchterregenden puritanischen Über-Ich-Drachen, der in den Sohn ebenso viel Angst wie Ehrgeiz bläst. Und der Sohn nutzt die Zeit und die Umstände, eine rasante Karriere zu machen. Seit den Zwanzigern baut er im Klima der Furcht vorm Kommunismus eine Regierungseinrichtung auf, die in Wahrheit nichts anderes ist als eine monströse Manifestation der eigenen Persönlichkeit: der Schutzwall gegen das Böse. Und das Böse drängt von überall heran, vor allem aber steigt es aus dem Inneren auf.


Drei Menschen genügen dem Einsamen für sein Leben: die Mutter, seine Sekretärin Miss Gandy ( Naomi Watts ) sowie sein Assistent, Stellvertreter, Vertrauter Clyde Tolson (Armie Hammer). Alle sind sie ihm treu bis zum Tod. Den echten Tolson bezeichnete Hoover als "Alter Ego". Ob er wirklich sein Lebensgefährte war, weiß man nicht. Hier ist Tolson die große, glücklose Liebe seines Lebens. Der Film-Hoover ist schwul, aber Mutter verbot ihm, eine "Daffy" zu sein. Nur einmal kommen sich Tolson und Hoover körperlich nah. Dann raufen sie miteinander, und es ist vielleicht die schwächste Szene des Films.

Niemand anders als DiCaprio hätte diese Figur so erschaffen können

Clint Eastwood erzählt Hoovers erstaunliche Biografie weitgehend chronologisch, mit Vorgriffen und Rückblenden. Der Film entwickelt Nebenstränge wie beispielsweise die Entführung des Lindbergh-Babys und erweitert sich so auch zum zeitgeschichtlichen Tableau. Es ist kein politischer Film, sondern solides amerikanisches Starkino. Und man muss zugeben: Eastwood hat Stars. Der größte ist Leonardo DiCaprio . Caprios motziges Kindergesicht hindert manchmal daran, sein schauspielerisches Können wahrzunehmen, aber dieser Film lebt geradezu von seiner Physiognomie. Großartig ist vor allem sein später, dicklicher Hoover, der auf seine Form hält ( "solid flesh" ) und damit gewissermaßen das Bauwerk seiner Biografie zusammenhält, wache, eindringliche Augen unter gewaltigen Brauen, der bis zum Schluss diese überdeutliche, als Kind vor dem Spiegel trainierte Diktion pflegt und immer im selben Büro sitzt, der nie seine Gewohnheiten ändert: ein Mann ohne Zeit und ohne Vergangenheit, aber auch ohne Ich. Das ist eine Kunstfigur eigener Art, und niemand anders als Leonardo DiCaprio hätte sie wohl so erschaffen können.

Gegen Ende – die Kennedys sind tot, ebenso wie Martin Luther King – schleicht sich Depression ein. Hoover hat sie alle besiegt, idealistische Präsidenten, kleinmütige Senatoren und liberale Gesetzeswächter, echte und eingebildete Radikale, Spione, Staatsfeinde, Gangster. Wer neben ihm Macht hat, ist in seiner Hand. In einer der eindringlichsten Szenen sitzt er im Dunkeln und lauscht einem Tonband, auf dem Kennedy mit einer seiner Geliebten zu hören ist. In diesem Augenblick platzt ein Anruf herein: Der Präsident ist erschossen worden. Hoover triumphiert nicht und zeigt keine Trauer. Er ist schlichtweg ratlos. Das ist es: Er war kein Politiker, er verfolgte nie ausgreifende politische Ziele. Seine Macht war ideenlos. Der Bolschewistenjäger wirkt wie ein Tschekist, dem der Glaube an die Partei abhandenkam.

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In Richard Nixon findet er am Ende seinen Meister. Für Nixon ist er nur noch "that old cocksucker" , und den Machtenergien des neuen Präsidenten hat Hoover nichts mehr entgegenzusetzen. In allen Ehren wird er beerdigt, aber da hat er bereits einen Platz im Pantheon des schlechten Gewissens der USA inne. So griff sich den Stoff der Republikaner Clint Eastwood. Früher spielte Eastwood selbst Charaktere, denen die Liebe zu einer Frau ziemlich schwul vorgekommen wäre. Heute ist er erklärter Gegner der Bush-Politik. J. Edgar Hoover war der Erste, der die Freiheit schützte, bis sie fast verschwunden war, dafür öffentlich Paranoia schürend, wo es nur ging. Und wenn die Bush-Zeit nach der Präsidentenwahl wiederaufleben sollte, wird J. Edgar immerhin das Zeugnis einer nachdenklichen und selbstironischen Zwischenphase gewesen sein.

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Leserkommentare
    • deDude
    • 17. Januar 2012 12:44 Uhr

    ... hätte ich DiCaprio keine Rolle abseits von solchen Schnulzen wie "Titanic" zugetraut, aber spätestens seit "Departed" muss ich da wohl zurückrudern. Als Regisseur Clint Eastwood dazu und ich bin gespannt was am Ende dabei rauskommt :)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kurz bevor ich "Titanic" ansah, 1997, hatte ich einen Film mit Prad Pitt gesehen, der auf Deutsch vermutlich "7 Jahre in Tibet" hieß (hatte ihn auf Italienisch gesehen wie auch Titanic).
    Prad Pitt ist seit damals aus meiner Sicht einer der schlechtesten Schauspieler, die ich je gesehen habe und ich weigere mich, andere Filme von ihm anzusehen. Denn in diesem Werk, in dem er als "absoluter Superstar" angekündigt wurde, wurde er nicht nur von seinem Filmpartner gnadenlos an die Wand gespielt, sondern er hatte auch keinen anderen Gesichtsausdruck als des "Gebt mir doch bitte einen Föhn, dass ich meine Locke föhnen kann" Hilferufs.
    Nun, da DiCaprio ähnlich gefeiert wurde bei Ankündigung von Titanic befürchtete ich bereits das Schlimmste, wollte aber den Film sehen und dachte, Di Caprio gegebenenfalls einfach zu ignorieren und mich auf Kate Winslet zu konzentrieren.
    Ich war jedoch angenehm überrascht und stellte fest, dass Di Caprio keineswegs über seine Frisur nachdachte, sondern einen echt faszinieren konnte.
    Insofern werde ich mir J Edgar ansehen. Selbstverständlich auch wegen Clint Eastwood, der sicher einer der besten Filmemacher aller Zeiten ist.

    • cyzz
    • 17. Januar 2012 12:54 Uhr

    DiCaprio ist nicht erst seit gestern ein großartiger Schauspieler.
    This Boy's Life (1993) z.B

    • deDude
    • 17. Januar 2012 12:59 Uhr

    ... war er wohl dennoch den meisten unbekannt :)

  1. Zählt die Obama-Präsidentschaft mit in die Bush-Zeit hinein, ober warum erhalte ich den Eindruck der Autor des Artikels meint, unter Präsident Obama wäre in Punkto Sicherheits-/Innenpolitik irgendetwas anders geworden.

    Obama führt die Bush-Innenpolitik sogar konsequent fort. Die Handhabe gegen Whistleblower ist immens verstärkt worden und es ist inzwischen gesetzlich verankert, dass Verdächtige ohne Verhandlung unbegrenzt festgehalten werden.

    Insofern sollte es die "Bush-Obama-Zeit" heißen...

    ps: sorry 4 offtopic

    Zum Film nur eines: Eastwood-Film = must watch!

  2. ist mir vor etlichen Jahren in Romeo & Julia, Aviator und The Beach als großartiger Schauspieler, speziell für Charakterrollen, aufgefallen. Titanic war da eher ein Negativpunkt seiner Karriere. Und seitdem werden seine Rollen und seine Darstellung eher besser, denn schlechter. In spätestens 20 Jahren, also in den 50ern, dürfte er dort ankommen, wie auch Sean Connery ankam.

  3. Hoover hat die kommunisitsche Bedrohung in den USA eingedämmt. Übrigens hat er meines Wissens nach zumindest in den mittleren Jahren ein hohes politisches Amt angestrebt, er war eine Zeitlang recht beliebt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sofern Sie damit eine kommunistische Bedrohung aus dem Landesinneren meinen: diese gab es damals genausowenig wie die heutzutage gern propagierte existenzielle Bedrohung für Amerika durch den Terrorismus.

    Damals wie heute konnte nur ein Land den USA gefährlich werden: sie selbst durch ihre eigene Regierung mit ihrem paranoiden Hang zu mehr Überwachung und Kontrolle, getarnt als Sicherheitsversprechen an den leichtgläubigen Bürger.

    Damals wie heute waren die Amerikaner bereit, sich gegen die scheinbar allgegenwärtige Bedrohung kurzerhand ihre lang erkämpften Freiheits- und Grundrechte einschränken zu lassen.

  4. diesen Film mit Robert DeNiro's The Good Shepherd zu vergleichen, der die Geschichte der CIA anhand der Biographien ihrer Gründer darstellt. The good shepherd ist einfach ein Klassiker. Mal gucken was Eastwood gemacht hat. Ich gehe wegen Eastwood, und trotz Di Caprio.

  5. Eindrücke aus der Preview:
    Ein ganz konventioneller Erzählfilm von Eastwood, der allein dadurch aus dem Rahmen des heute Üblichen fällt.
    Dennoch erstaunlich fesselnd anzusehen durch das Spiel DiCaprios, der in Aviator schon einmal sehr fesselnd einen freak gespielt hatte. Hier ist er um Längen besser. Die hübsche Naomi soll hier gar nicht hübsch sein. Wer sich fragt, an wen die markante Stimme des schönen Assistenten Tolson im Kleidungsstil der 1930-50er erinnert: an den halbnackten schönen Xerxes aus "300", etwas irritierend, wenn eine Rolle am Schauspieler kleben bleibt.
    Die sehr schönen Bilder der Städte, Wohnungen, Strassen, Fahrzeuge und Clubs werden durch die ganz schwache Altersmaske von Tolson entwertet.
    Klassik kann auch im modernen 3d-orientierten Bombast-Kino bestehen.

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  • Schlagworte Film | Clint Eastwood | J. Edgar Hoover | Leonardo DiCaprio | Martin Luther | Bundespolizei
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