Leonardo DiCaprio im Film "J. Edgar" © 2011 Warner Bros.

Dieser neue Film von Clint Eastwood ist ein kleines Stück amerikanischer Traumabewältigung der Bush-Jahre, ein Beispiel für die große kulturelle Gesprächstherapie, die in den USA bei Bedarf manches Verzerrte wieder geraderückt und dabei gute Hollywoodfilme abwirft wie J. Edgar. Er zeichnet die Lebensgeschichte eines der Urväter des kollektiven Verfolgungs- und Bedrohungswahns nach, des legendären FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der die Freiheit Amerikas mit seinem Sicherheitsapparat so vollkommen in seine Obhut nahm, bis sie nach Luft zu schnappen begann.

Hoover ist eine dunkel schillernde Persönlichkeit der jüngeren amerikanischen Geschichte. Die Bundespolizei der USA ist im Grunde seine Erfindung, er baute sie zu einer technisch hochgerüsteten Behörde zur Verbrechensbekämpfung aus – und zu einem Inlandsgeheimdienst, den am Ende nur noch einer kontrollierte: J. Edgar. Acht Präsidenten diente Hoover. Die meisten wollten ihn loswerden, verzichteten am Ende aber darauf, ihn zu entlassen. Der FBI-Chef hatte früh damit begonnen, kompromittierende Informationen über Freund und Feind zu sammeln, besonders über Politiker. Seine Verdienste in den Gangsterkriegen der Dreißiger oder bei der Spionageabwehr im Zweiten Weltkrieg konnte niemand leugnen. Seit den vierziger Jahren rankten sich Gerüchte um die angebliche Homosexualität des Mächtigen. Genau hier knüpft Eastwoods Film an. Die Gerüchte verstummten bis zu Hoovers Tod 1972 nicht, tatsächlich wurde die Frage nach seiner Sexualität aber nie geklärt.

So steht – wie meistens – hinter jedem politischen Unhold eine starke Mutter. So auch bei Eastwood. Judi Dench spielt sie als furchterregenden puritanischen Über-Ich-Drachen, der in den Sohn ebenso viel Angst wie Ehrgeiz bläst. Und der Sohn nutzt die Zeit und die Umstände, eine rasante Karriere zu machen. Seit den Zwanzigern baut er im Klima der Furcht vorm Kommunismus eine Regierungseinrichtung auf, die in Wahrheit nichts anderes ist als eine monströse Manifestation der eigenen Persönlichkeit: der Schutzwall gegen das Böse. Und das Böse drängt von überall heran, vor allem aber steigt es aus dem Inneren auf.


Drei Menschen genügen dem Einsamen für sein Leben: die Mutter, seine Sekretärin Miss Gandy ( Naomi Watts ) sowie sein Assistent, Stellvertreter, Vertrauter Clyde Tolson (Armie Hammer). Alle sind sie ihm treu bis zum Tod. Den echten Tolson bezeichnete Hoover als "Alter Ego". Ob er wirklich sein Lebensgefährte war, weiß man nicht. Hier ist Tolson die große, glücklose Liebe seines Lebens. Der Film-Hoover ist schwul, aber Mutter verbot ihm, eine "Daffy" zu sein. Nur einmal kommen sich Tolson und Hoover körperlich nah. Dann raufen sie miteinander, und es ist vielleicht die schwächste Szene des Films.

Niemand anders als DiCaprio hätte diese Figur so erschaffen können

Clint Eastwood erzählt Hoovers erstaunliche Biografie weitgehend chronologisch, mit Vorgriffen und Rückblenden. Der Film entwickelt Nebenstränge wie beispielsweise die Entführung des Lindbergh-Babys und erweitert sich so auch zum zeitgeschichtlichen Tableau. Es ist kein politischer Film, sondern solides amerikanisches Starkino. Und man muss zugeben: Eastwood hat Stars. Der größte ist Leonardo DiCaprio . Caprios motziges Kindergesicht hindert manchmal daran, sein schauspielerisches Können wahrzunehmen, aber dieser Film lebt geradezu von seiner Physiognomie. Großartig ist vor allem sein später, dicklicher Hoover, der auf seine Form hält ( "solid flesh" ) und damit gewissermaßen das Bauwerk seiner Biografie zusammenhält, wache, eindringliche Augen unter gewaltigen Brauen, der bis zum Schluss diese überdeutliche, als Kind vor dem Spiegel trainierte Diktion pflegt und immer im selben Büro sitzt, der nie seine Gewohnheiten ändert: ein Mann ohne Zeit und ohne Vergangenheit, aber auch ohne Ich. Das ist eine Kunstfigur eigener Art, und niemand anders als Leonardo DiCaprio hätte sie wohl so erschaffen können.

Gegen Ende – die Kennedys sind tot, ebenso wie Martin Luther King – schleicht sich Depression ein. Hoover hat sie alle besiegt, idealistische Präsidenten, kleinmütige Senatoren und liberale Gesetzeswächter, echte und eingebildete Radikale, Spione, Staatsfeinde, Gangster. Wer neben ihm Macht hat, ist in seiner Hand. In einer der eindringlichsten Szenen sitzt er im Dunkeln und lauscht einem Tonband, auf dem Kennedy mit einer seiner Geliebten zu hören ist. In diesem Augenblick platzt ein Anruf herein: Der Präsident ist erschossen worden. Hoover triumphiert nicht und zeigt keine Trauer. Er ist schlichtweg ratlos. Das ist es: Er war kein Politiker, er verfolgte nie ausgreifende politische Ziele. Seine Macht war ideenlos. Der Bolschewistenjäger wirkt wie ein Tschekist, dem der Glaube an die Partei abhandenkam.

In Richard Nixon findet er am Ende seinen Meister. Für Nixon ist er nur noch "that old cocksucker" , und den Machtenergien des neuen Präsidenten hat Hoover nichts mehr entgegenzusetzen. In allen Ehren wird er beerdigt, aber da hat er bereits einen Platz im Pantheon des schlechten Gewissens der USA inne. So griff sich den Stoff der Republikaner Clint Eastwood. Früher spielte Eastwood selbst Charaktere, denen die Liebe zu einer Frau ziemlich schwul vorgekommen wäre. Heute ist er erklärter Gegner der Bush-Politik. J. Edgar Hoover war der Erste, der die Freiheit schützte, bis sie fast verschwunden war, dafür öffentlich Paranoia schürend, wo es nur ging. Und wenn die Bush-Zeit nach der Präsidentenwahl wiederaufleben sollte, wird J. Edgar immerhin das Zeugnis einer nachdenklichen und selbstironischen Zwischenphase gewesen sein.