Nein, es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie noch einmal zu verfilmen. Außer der Tatsache, dass ein etwa zwanzigjähriger Mensch in, sagen wir mal, Kalifornien , Texas oder Ohio nicht fünfzig Kilometer zu einem Multiplex-Kino fährt, um sich dort einen skandinavischen Film anzuschauen. Deshalb hat nun auch David Fincher zugeschlagen.

Was interessiert den amerikanischen Regisseur an einer Thriller-Trilogie, die einer langen beklemmenden Aquavit-Nacht entsprungen scheint? An einem Plot, in dem ein investigativer Wirtschaftsjournalist um seine Ehre kämpft und Nazis und pathologische Frauenhasser über Generationen hinweg ihr unterirdisches Unwesen treiben? Die Frau natürlich! Das so faszinierende wie düstere Zentrum von Larssons Trilogie ist die gepiercte Punkerin und Hackerin Lisbeth Salander.

Wegen gewalttätiger Ausbrüche wird sie von einem staatlichen Vormund betreut, die Traumata, die sie hinter sich hat, kann man nur erahnen. In der schwedischen Kinoversion wurde Lisbeth Salander von Noomi Rapace gespielt, im US-amerikanischen Remake übernimmt Rooney Mara die Rolle. Auch sie ist eine fragile, mit ihren Hightech-Tools verschmolzene Kämpferin, die leicht unterschätzt wird, aber gnadenlos zuschlägt. Auch sie ist eine Getriebene – von Rachedurst und der unbestimmten Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Eins zu eins zwischen dem Remake und dem Original von 2009, möchte man sagen.

Daniel Craig hingegen, der den Investigativjournalisten Mikael Blomkvist spielt, verströmt eine Mischung aus viriler Eleganz und dekorativer Ruhe. Nach einer beruflichen Niederlage bekommt Blomkvist von einem schwedischen Großindustriellen den Auftrag, nach dessen seit vierzig Jahren verschwundener Nichte zu suchen. Die Familiengeheimnisse, Psychopathologien und schrecklichen Verbrechen, auf die Blomkvist bei seiner Recherche stößt, scheinen ihn aber nicht tiefer zu behelligen. Und das ist durchaus symptomatisch für David Finchers Film. Verblendung ist unterhaltsam, handwerklich perfekt und drängt spannungsreich voran, bleibt aber letztlich charakterlos. So abgründig Schweden in Larssons Büchern geschildert wird, so wenig Abgründe tun sich in Finchers Inszenierung auf. Im Grunde sind es nur ein paar flache Gräben, in denen man bequem die zerstückelte Katze verscharren könnte, die eines Morgens vor Blomkvists Tür liegt. Selbst während der schlimmsten Szene, Lisbeth Salanders sadistischer Analvergewaltigung durch ihren staatlichen Vormund, denkt man mehr über Finchers virtuose Schnitte nach als über das Gezeigte.

Verblendung ist wie der gut runtergehende Markenwhisky, den man manchmal zur Zerstreuung an der Bar trinkt, bevor der Abend losgeht. Es gibt kein rauchiges Aroma, keinen Geschmack, an den man sich erinnern könnte, nur diesen angenehmen leichten Schwindel im Kopf.