Film "Verblendung"Angenehmer Schwindel

"Verblendung" als Remake von David Fincher. von 

Rooney Mara als Lisbeth Salander in "Verblendung"

Rooney Mara als Lisbeth Salander in "Verblendung"  |  © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH

Nein, es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie noch einmal zu verfilmen. Außer der Tatsache, dass ein etwa zwanzigjähriger Mensch in, sagen wir mal, Kalifornien , Texas oder Ohio nicht fünfzig Kilometer zu einem Multiplex-Kino fährt, um sich dort einen skandinavischen Film anzuschauen. Deshalb hat nun auch David Fincher zugeschlagen.

Was interessiert den amerikanischen Regisseur an einer Thriller-Trilogie, die einer langen beklemmenden Aquavit-Nacht entsprungen scheint? An einem Plot, in dem ein investigativer Wirtschaftsjournalist um seine Ehre kämpft und Nazis und pathologische Frauenhasser über Generationen hinweg ihr unterirdisches Unwesen treiben? Die Frau natürlich! Das so faszinierende wie düstere Zentrum von Larssons Trilogie ist die gepiercte Punkerin und Hackerin Lisbeth Salander.

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Wegen gewalttätiger Ausbrüche wird sie von einem staatlichen Vormund betreut, die Traumata, die sie hinter sich hat, kann man nur erahnen. In der schwedischen Kinoversion wurde Lisbeth Salander von Noomi Rapace gespielt, im US-amerikanischen Remake übernimmt Rooney Mara die Rolle. Auch sie ist eine fragile, mit ihren Hightech-Tools verschmolzene Kämpferin, die leicht unterschätzt wird, aber gnadenlos zuschlägt. Auch sie ist eine Getriebene – von Rachedurst und der unbestimmten Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Eins zu eins zwischen dem Remake und dem Original von 2009, möchte man sagen.

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Daniel Craig hingegen, der den Investigativjournalisten Mikael Blomkvist spielt, verströmt eine Mischung aus viriler Eleganz und dekorativer Ruhe. Nach einer beruflichen Niederlage bekommt Blomkvist von einem schwedischen Großindustriellen den Auftrag, nach dessen seit vierzig Jahren verschwundener Nichte zu suchen. Die Familiengeheimnisse, Psychopathologien und schrecklichen Verbrechen, auf die Blomkvist bei seiner Recherche stößt, scheinen ihn aber nicht tiefer zu behelligen. Und das ist durchaus symptomatisch für David Finchers Film. Verblendung ist unterhaltsam, handwerklich perfekt und drängt spannungsreich voran, bleibt aber letztlich charakterlos. So abgründig Schweden in Larssons Büchern geschildert wird, so wenig Abgründe tun sich in Finchers Inszenierung auf. Im Grunde sind es nur ein paar flache Gräben, in denen man bequem die zerstückelte Katze verscharren könnte, die eines Morgens vor Blomkvists Tür liegt. Selbst während der schlimmsten Szene, Lisbeth Salanders sadistischer Analvergewaltigung durch ihren staatlichen Vormund, denkt man mehr über Finchers virtuose Schnitte nach als über das Gezeigte.

Verblendung ist wie der gut runtergehende Markenwhisky, den man manchmal zur Zerstreuung an der Bar trinkt, bevor der Abend losgeht. Es gibt kein rauchiges Aroma, keinen Geschmack, an den man sich erinnern könnte, nur diesen angenehmen leichten Schwindel im Kopf.

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Leserkommentare
    • Chaplin
    • 12. Januar 2012 15:11 Uhr

    Stieg Larssons Millenium-Trilogie lebt von all seinen Charakteren. Allen voran natürlich Lisbeth Salander.

    Wie geht man bei den Verfilmungen damit um? Man ignoriert es und sucht sich weitgehend unbekannte No-Name-Darsteller oder nimmt den erstbesten blond-blauäuigen als "Hauptperson".

    Ich lehne mich einfach mal aus dem Fenster und behaupte, ohne Expertise kann man diese tiefgründigen und komplexen Charaktere schauspielerisch nicht ausfüllen und so wirkte auch die erste Verfilmung auf mich. Abgesehen davon, dass man die Bücher anscheinend auf insgesamt 300 Seiten gekürzt hat.

    Es gibt meiner Ansicht nach nur drei Möglichkeiten für eine gelungene Verfilmung: Peter Jackson fragen, er hat bewiesen, dass er Epen wunderbar umsetzen kann. Mads Mikkelsen und Natalie Portman für die Hauptrollen verpflichten. Oder es schlicht und ergreifend sein lassen.

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    kehr mal vor der eigenen Tür und denk die ein lokales Soziotop aus für eine deutsche Bestseller-Verfilmung.
    Ich biete schon mal den sagenumwogenen Harz an, sehr mystisch. Ein verkommenes Jagdschloss, Honecker und Stasi-Konsorten haben dort verkehrt. Ein JPSler findet bei der Schatzsuche im Wald eine skeletierte Leiche. Ups, Heino Ferch spielt den Kommissar...

  1. kehr mal vor der eigenen Tür und denk die ein lokales Soziotop aus für eine deutsche Bestseller-Verfilmung.
    Ich biete schon mal den sagenumwogenen Harz an, sehr mystisch. Ein verkommenes Jagdschloss, Honecker und Stasi-Konsorten haben dort verkehrt. Ein JPSler findet bei der Schatzsuche im Wald eine skeletierte Leiche. Ups, Heino Ferch spielt den Kommissar...

    Antwort auf "Ich, der Kritiker."
    • TDU
    • 13. Januar 2012 14:16 Uhr

    Diese Frau Salander ging mir im zweiten Teil des Werkes sowas auf die Nerven mit ihrer an Manie grenzenden Ichbezogenheit und trotzdem bleibt sie letztlich sympathisch. Das macht auch m. E. die Qualität des Werkes aus.

    Den dritten Teil dieses Werkes, welches mir eine Händlerin in einem kleinen Buchladen empfohlen hat, als noch keine große Rede davon war, habe ich noch nicht gelesen. Den spare ich mir noch ein Weilchen auf, und schon deswegen schaue ich mir kein Verfilmung an. Und schon gar nicht wegen der Trailer, die auf Gewalt reduzieren und mit Perversionen spekulieren.

    Verfilmungen die den "Geist" eines Werkes unterhaltsam darstellen, gibt es eh wenige. Und es wäre schön, wenn der "Film" mal wieder selbst solche Stoffe erfinden würde.

  2. Ehrlich gesagt: ich habe noch keine einzige Verfilmung gesehen, die einer jeweiligen Romanvorlage gleichwertig gewesen wäre. Und das ist wohl ganz natürlich - beim Lesen produziert jeder seine eigenen Bilder im Kopf, und ist dann enttäuscht, wenn der Regisseur ein anderes besitzt.
    Bezüglich Finchers Verfilmung: alleine der Soundtrack von Trent Reznor dürfte den Gang ins Kino wert sein. Dem hat die skandinavische Version leider nichts entgegenzusetzen...

    P.S. Übermässig komplex sind Larssons Charaktere, bzw. sein Weltbild nicht unbedingt beschaffen. Für ihn gibt es die "Bösen", die sind fast samt und sonders pädophil oder anderweitig pervers, allein, oftmals rechtsradikal, immer konservativ und sich dem Staat oder Konzernen unterordnend. Und dann gibt es die "Guten", die sind links, investigativ und führen ein erfüllendes Sexualleben. Also ich fand es flach, einzig der Charakter Lisbeth Salander hebt seine Bücher über den Durchschnitt. Wenn Fincher sich darauf konzentriert, macht er definitiv etwas richtig.

  3. "Nein, es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, Stieg Larssons »Millennium«-Trilogie noch einmal zu verfilmen."

    Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

    Es gibt einen Grund, der allerdings mit Vernunft nichts zu tun hat: Geld. Und die Rechnung wird für Hollywood aka "die Gelddruckerei" (so wie immer) natürlich auch aufgehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Infamia
    • 16. Januar 2012 16:22 Uhr

    "Es gibt einen Grund, der allerdings mit Vernunft nichts zu tun hat: Geld. Und die Rechnung wird für Hollywood aka "die Gelddruckerei" (so wie immer) natürlich auch aufgehen."

    Das mag sicher ein Grund sein. Ein anderer ist aber einfach der Tatsache geschuldet, dass in den USA nicht synchronisiert wird und sich in den USA einfach niemand für schwedische Schauspieler interessiert. Insofern standen die Chancen gut, dass es ein Erfolg wird, denn offensichtlich wurden die Bücher auch in den USA gelesen.

    Ich habe den 1. und 2. Teil im Fernsehen gesehen und musste einmal mehr feststellen, die Skandinavier können es einfach nicht so, wie es Hollywood kann. Der 1. Teil war OK, hat mich aber nicht wirklich vom Hocker gerissen. Der 2. Teil war gelinde gesagt, müde und insofern war mein Drang, den 3. Teil zu sehen, nicht besonders groß.

    Was die bisherigen Kritiken betrifft, scheint die USA-Version gelungen zu sein, nur Lisbeth Salander wird von dem "schwedischen Original" besser verkörpert.

    Also, wie immer letztlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich weiß für mich persönlich, skandinavische Krimis sind nicht mein Ding. Ich habe es da mehr mit den amerikanischen Krimis.

    • Infamia
    • 16. Januar 2012 16:22 Uhr

    "Es gibt einen Grund, der allerdings mit Vernunft nichts zu tun hat: Geld. Und die Rechnung wird für Hollywood aka "die Gelddruckerei" (so wie immer) natürlich auch aufgehen."

    Das mag sicher ein Grund sein. Ein anderer ist aber einfach der Tatsache geschuldet, dass in den USA nicht synchronisiert wird und sich in den USA einfach niemand für schwedische Schauspieler interessiert. Insofern standen die Chancen gut, dass es ein Erfolg wird, denn offensichtlich wurden die Bücher auch in den USA gelesen.

    Ich habe den 1. und 2. Teil im Fernsehen gesehen und musste einmal mehr feststellen, die Skandinavier können es einfach nicht so, wie es Hollywood kann. Der 1. Teil war OK, hat mich aber nicht wirklich vom Hocker gerissen. Der 2. Teil war gelinde gesagt, müde und insofern war mein Drang, den 3. Teil zu sehen, nicht besonders groß.

    Was die bisherigen Kritiken betrifft, scheint die USA-Version gelungen zu sein, nur Lisbeth Salander wird von dem "schwedischen Original" besser verkörpert.

    Also, wie immer letztlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich weiß für mich persönlich, skandinavische Krimis sind nicht mein Ding. Ich habe es da mehr mit den amerikanischen Krimis.

    Antwort auf "Vernünftig nicht..."
  4. the girl with the dragon tattoo. wieso verblendung? was bedeutet das wort überhaupt?

    • hermie9
    • 18. Januar 2012 21:14 Uhr

    Haben mit dem Originaltitel überhauptnix zu tun, der heißt: Menn som hatar kvinnor.
    Zu Deutsch: Männer, die Frauen hassen.
    Das war nämlich eine fixe Idee von Stieg Larsson, der war feministischer als die Feministinnen.

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  • Schlagworte David Fincher | Film | Daniel Craig | Hacker | Trauma | Schweden
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