Fragen an den AltkanzlerVerstehen Sie das, Herr Schmidt?

Früher war die Gesellschaft durchlässiger, der Aufstiegswille stärker ausgeprägt. Heute halten viele die Einkommensverteilung für ungerecht, die weltweite Occupy-Bewegung bekommt immer mehr Anhänger. von 

Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo im Büro des ZEIT-Herausgebers in Hamburg

Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo im Büro des ZEIT-Herausgebers in Hamburg  |  © Sigrid Reinichs

Giovanni di Lorenzo: Lieber Herr Schmidt , in Ihrer Rede auf dem SPD-Parteitag Anfang Dezember haben Sie gesagt, Sie fühlten sich immer noch den drei Grundwerten des Godesberger Programms verpflichtet – Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit. Dabei ist mir aufgefallen: Über Gerechtigkeit haben wir in all den Jahren, wenn überhaupt, nur sehr wenig gesprochen.

Helmut Schmidt: Wenn das so ist, dann ist es Ihre Verantwortung; denn Sie stellen die Fragen.

Anzeige

di Lorenzo: Kann es nicht auch sein, dass es schwer ist, etwas Vernünftiges über Gerechtigkeit zu sagen?

Schmidt:(lange Pause) Es ist nicht schwieriger, als über Brüderlichkeit, Solidarität oder Nächstenliebe zu sprechen. Aber das sind alles Schlagworte...

Die Autoren

In loser Folge befragt der ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo den ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt zur aktuellen Politik. Vor Kurzem erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch das Buch zur Reihe: Verstehen Sie das, Herr Schmidt? – mehr als zwanzig Gespräche zum Zeitgeschehen.

di Lorenzo:  ...deren Gebrauch gelegentlich etwas inflationär wirkt.

Schmidt: Ja, und die mit sehr unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden können.

di Lorenzo: Welcher Aspekt von Gerechtigkeit ist Ihnen denn besonders wichtig?

Schmidt: Chancengleichheit für Kinder, Schüler und junge Leute. Und das schließt natürlich Kinder mit sogenanntem Migrationshintergrund ein. Es ist gerecht, allen die gleichen Chancen zu geben. Was der Einzelne dann daraus macht, ist eine andere Frage. Der eine macht das Abitur, vielleicht sogar den Doktor phil., der andere wird Dachdeckermeister, ein Dritter bleibt ungelernter Arbeiter – das ist in meinen Augen in Ordnung, wenn alle drei von Anfang an die gleichen Chancen hatten.

di Lorenzo: War die deutsche Gesellschaft früher nicht etwas durchlässiger und der Aufstiegswille ausgeprägter als heute?

Schmidt: Es war schon mal etwas besser, nämlich unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, zu Beginn der Weimarer Zeit. Da konnten Leute wie mein Vater, der eine reine Grundschulausbildung hatte, in ihrer Jugend Volkshochschulen besuchen, Seminare belegen, nachträglich ein Arbeiterabitur machen und studieren. Mein Vater war der Sohn eines ungelernten Arbeiters, aber er hat es bis zum Leiter einer Berufsschule in Hamburg gebracht. Das war ein typisches Beispiel dafür, was zu Beginn der Weimarer Zeit möglich war. Die damalige Gesellschaft hatte es allerdings auch etwas leichter, weil sie nicht viele Migranten integrieren musste. 

di Lorenzo: Spielte damals nicht auch der starke Aufstiegsgedanke in der Arbeiterschaft eine Rolle?

Schmidt: Eine ganz große Rolle. Man wollte es zu etwas bringen oder zumindest seinen Kindern Bildung und Aufstieg ermöglichen. Die Arbeiterbildungsbewegung erreichte in den zwanziger Jahren ihren Höhepunkt, danach wurde sie von der Arbeitslosigkeit erdrückt.

Leserkommentare
  1. "... Wie er allerdings behaupten kann, dass man es in der Weimarer Republik einfacher hatte, weil man nicht soviel Ausländer integrieren musste... "

    Die Behauptung Schmidts ist sogar historisch falsch, denn wer mal im Ruhrgebiet sich umhört, weiß, dass heute noch dort viele Nachkommen polnischer Einwanderer aus den 1920ern leben.

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mussec
    • 14. Januar 2012 21:55 Uhr

    Sie haben vollkommen recht. Das macht die Aussage sogar noch falscher.

    Oje, sogar der pragmatische Helmut Schmidt fällt in die Integrationsfalle.
    Als gäbe es keine anderen Probleme.....

  2. Helmut Schmidt ist ein beispielhafter Sozialdemokrat.
    Er nimmt genau die Themen auf, die die SPD aufnehmen, vermitteln und "sich zur eigenen Sache machen" muss.

    Willy Brandt und Helmut Schmidt mit Gustav Heinemann und Johannes Rau, Hans Jochen Vogel stehen für die Umsetzung sozialdemokratischer Politik, für die Kurt Schuhmacher, Ollenhauer und Erler in der Nachkriegsphase gekämpft haben, anknüpfend an Friedrich Ebert und Otto Wels. Hören wir heute Helmut Schmidt zu, dann erfahren wir, wo die SPD heute anknüpfen muss: Chancengleichheit und Gerechtigkeit sind die Themen der SPD. Und da "drückt der Schuh"!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...wie zum Beispiel Gerhard Schröder, der Krieg führen ließ, den Sozialstaat zertrümmerte und dafür sorgte, dass es den Reichen in der BRD nicht allzu schlecht ging.
    Oder wie Friedrich Ebert, der sich gegen die Revolution mit den Kräften verbündete, die die Republik und die SPD abgrundtief hassten.

    " Helmut Schmidt ist ein beispielhafter Sozialdemokrat.
    Er nimmt genau die Themen auf, die die SPD aufnehmen, vermitteln und "sich zur eigenen Sache machen" muss. "

    Deswegen protegiert er vermutlich auch Peer Steinbrück und will ihn als Kanzerkandidaten durchsetzen.
    Weil dessen gesamte politische Karriere durch nichts anderes gekennzeichnet war, als Klassenkampf zu führen und soziale Gerechtigkeit einzufordern.
    Also Klassenkampf in den Reihen der Oberschicht, und "soziale Gerechtigkeit" für Investmentbanker und Berufserben deren Vermögen endlich wieder 2-stellig p.a. wachsen dürfen.
    Danke Peer!

    Schmidt betreibt die klassische SPD Wählerverarsche von der Position des altersweisen Staatsmannes:
    Vor der Wahl mit Kapitalismuskritik, und dem Geschwafel von sozialer Gerechtigkeit nach links blinken um nach der Wahl von alledem nichts wissen zu wollen und scharf rechts abzubiegen, und jene deren Interessen man vorgibt zu schützen, brutalstmöglich zu verraten.

    Wenn Schmidt es ernst meinen würde, er wahrhaft sozialdemokratische Positionen vertreten würde, hätte er bereits vor Jahren sein Parteibuch medienwirksam verbrannt und wäre zu Lafontaine gewechselt.
    Ist er aber nicht.
    Er unterstützt lieber die Schröder-Klone innerhalb der SPD.

    Sozialdemokraten haben häufig prinzipienlos gehandelt, weil der Schrei nach Gerechtigkeit immer per se mit Neid verquickt ist. Sieht man ja auch an ihrer Aussage..
    Wie sonst schaffts die perfekte Sozdemokratin Kraft schön für die Gesamtschule zu agitieren, wenn ihr sohn gleichzeitig aus bilinguale Gymnasium soll?
    Es ist einfach immer das Gleiche mit politisch Linken.

  3. Die Ausschnitte zeigen nur, dass die CDU vor über 60ig Jahren weiter war, als es die SPD jemals sein wird.

    Die Sozialhilfe wurde übrigens von Adenauer in Hinblick auf die rückkehrenden Kriegsgefangenen geschaffen. Sie war nie als dauerhaftes System angelegt gewesen. Denn die in den Düsseldorfer Leitsätzen formulierte aufeinander abgestimmte Politik war der Garant dafür, das die Sozialhilfe als letzte Rettungsleine diente, wenn eigene Erwerbstätigkeit, private Absicherung und alle anderen gesetzlichen Sozialversicherungen (Arbeitslosen, Kranken-, Unfall-, Knappschaftsversicherung) nicht mehr griffen oder greifen durften, wegen des Subsidiaritätsprinzips.

    Antwort auf "@CDU Anwalt"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mussec
    • 14. Januar 2012 22:14 Uhr

    "Die Ausschnitte zeigen nur, dass die CDU vor über 60ig Jahren weiter war, als es die SPD jemals sein wird."

    Ich will jetzt keine Diskussion anzetteln über einzelne Parteien. Da kann ich auch über Schalke und Dortmund diskutieren mit Ihnen.
    Aber inhaltloser kann ein Vorwurf gar nicht sein. Da muss man doch der SPD zumindest eingestehen, dass sie schon eine reale Chance hat irgendwann mal weiter zu sein als die CDU vor über 60 Jahren.
    Aber ist die CDU jetzt sozial oder nicht? Wenn dies kein dauerhaftes Konzept gewesen ist. Und hat es nun die CDU beschlossen oder Adenauer alleine? Den sein Geschwätz selbst sowieso nicht interessiert hat. Solange es die Amerikaner anders gesehen haben.

    • mussec
    • 14. Januar 2012 21:55 Uhr

    Sie haben vollkommen recht. Das macht die Aussage sogar noch falscher.

    Oje, sogar der pragmatische Helmut Schmidt fällt in die Integrationsfalle.
    Als gäbe es keine anderen Probleme.....

    • garage
    • 14. Januar 2012 22:07 Uhr

    "Die Globalisierung hat deutsche Manager mit den Sitten und Gebräuchen in Kontakt gebracht, wie sie in Amerika und England üblich sind, auch mit einigen korrumpierenden und korrumpierten Verhaltensweisen von Managern und Unternehmern in einigen europäischen Staaten."

    Die Zerstörung der deutschen Unternehmenskultur ist eine der phantastischen Großtaten von Helmut Kohl. Er hat Deutschland dem internationalen Kapital zum Fraß vorgeworfen und alle Leitplanken der sozialen Maktwirtschaft herausgerissen.

    Dieses Thema gehört mal in einem großen Artikel aufgearbeitet.

    14 Leserempfehlungen
  4. ...wie zum Beispiel Gerhard Schröder, der Krieg führen ließ, den Sozialstaat zertrümmerte und dafür sorgte, dass es den Reichen in der BRD nicht allzu schlecht ging.
    Oder wie Friedrich Ebert, der sich gegen die Revolution mit den Kräften verbündete, die die Republik und die SPD abgrundtief hassten.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hören Sie doch bitte auf mit diesen Schmähkommentaren.
    Damit gelingt es Ihnen allenfallls ein paar frustrierte Zeitgenossen zu befriedigen, die oftmals selbst für ihren Frust verantwortlich sind. Sie werden auf Dauer auch nur wenigen suggerieren können, Schröder habe den Sozialstaat "zertrümmert".
    Ebert und Schröder mögen Fehler gemacht haben. Beide sind nicht mit dem Unfehlbarkeitsanspruch einer marxistisch-leninistischen Partei oder eines Papstes angetreten....
    Aber beide Politiker haben sich erfolgreich bemüht. Sie haben das Land stabilisiert, gerade als es notwendig war im Interesse des Ganzen, das eigene Interesse hinten anzustellen. Und das unterscheidet ihre Politik von einer Klientel-Politik, wie z B der heutigen FDP (Stichwort: Hotelsteuersenkung)!
    Und wenn es darauf ankommt in Deutschland eine Alternative zu Merkel & Westerwelle anzubieten, dann wird das ohne eine verantwortungsvolle SPD, die dort anfängt wo andere nicht weitergekommen sind, nicht möglich sein. Dazu bedarf es Gemeinsinn. Und bitte keine Schmähkommentare! Es geht um das Machbare. Eine Revolution steht nicht auf der Tagesordnung.

    Denen, denen Sie das Wort reden, kam es immer darauf an, die SPD zu schädigen, auch um den Preis, dass davon die Konservativen und Reaktionäre profitierten.

    Ihre Vorwurfshaltung gegenüber der SPD ist politisch chancenlos. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis auch noch zu Lafontaine-Wagenknecht durchdringt...

    Ich zitiere: "Es geht um das Machbare. Eine Revolution steht nicht auf der Tagesordnung. Denen, denen Sie das Wort reden, kam es immer darauf an, die SPD zu schädigen, auch um den Preis, dass davon die Konservativen und Reaktionäre profitierten."
    Es wäre schon viel gewonnen, wenn man einmal darüber nachdenken würde, ob nicht eine Revolution machbar wäre und auf der Tagesordnung stehen könnte. Kann man ja mal machen, Denken ist ja nicht verboten. Der deutsche Sozialdemokrat des Jahres 1909 und der deutsche Kommunist des Jahres 1941 hätten sich auch nicht vorstellen können, dass 10 Jahre später der verrückte Kaiser bzw. der verhasste Führer Geschichte sein würden.
    Und noch mehr wäre gewonnen, wenn nicht jede Kritik an der SPD und ihrer verheerenden Politik gleich mit dem Verweis auf die noch übleren Konservativen beantwortet würde.

    • garage
    • 14. Januar 2012 22:08 Uhr

    Und was Helmut Kohl nicht schaffen konnte, das hat Gerd Schröder erledigt. Und zwar gründlich.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ich denke eher, dass Schröder getan hat, was er tat, weil sich die CDU und Helmut der Prächtige sich 8 Jahre lang auf den Lorbeeren der Deutschen Wiedervereinigung ausgeruht haben. Und das Tante Merkel an der vielbeschimpften Öko-Steuer und dem ALGII nichts geändert hat spricht im übrigen Bände.

    Die CDU lebt seit über 20 Jahren im Zustand des einst verkündeten "Ende der Geschichte". Und wie ein störischer Esel tut sie auch heute nichts, wenn sie nicht durch äußere Gewalt dazu gezwungen wird.

    Nur eins hat sie nicht verlernt: die Deutsche Gesellschaft moralisch zu korumpieren, zusammen mit der Jungen Dekadenz von der FDP

    Und wer meint, Schröder hätte gerne Krieg getrieben, der vergisst, dass wir mit der CDU einen mehr gehabt hätten und die schäumenden Münder von Eddy und Angela ob der Loyalitäts-Aufkündigung Schröders gegenüber dem ah so demokratieliebenden und sich um die Freiheit verdient gemachten großen Freund jenseits des Teiches.

    Was das Interview angeht: mag sein, dass Herr Schmidt einiges zu rosig oder sanft sieht. Mag sein. Aber nicht ein Politiker kann ihm in Sachen Intelligenz und Redlichkeit das Wasser reichen. Ich bewundere ihn und sein Format einfach über alle Maße.

    • mussec
    • 14. Januar 2012 22:14 Uhr
    16. @CDUler

    "Die Ausschnitte zeigen nur, dass die CDU vor über 60ig Jahren weiter war, als es die SPD jemals sein wird."

    Ich will jetzt keine Diskussion anzetteln über einzelne Parteien. Da kann ich auch über Schalke und Dortmund diskutieren mit Ihnen.
    Aber inhaltloser kann ein Vorwurf gar nicht sein. Da muss man doch der SPD zumindest eingestehen, dass sie schon eine reale Chance hat irgendwann mal weiter zu sein als die CDU vor über 60 Jahren.
    Aber ist die CDU jetzt sozial oder nicht? Wenn dies kein dauerhaftes Konzept gewesen ist. Und hat es nun die CDU beschlossen oder Adenauer alleine? Den sein Geschwätz selbst sowieso nicht interessiert hat. Solange es die Amerikaner anders gesehen haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service