KörperspracheDie neue X-Klasse

Wenn junge Frauen in letzter Zeit irgendwo herumstehen, dann gerne mit überkreuzten Beinen. Warum? von Elisabeth Raether

Schauspielerin Emma Watson

Schauspielerin Emma Watson  |  © Chris Jackson/Getty Images

Wer sich hinstellt und dabei die Beine überkreuzt, Füße nebeneinander, sieht zwangsläufig etwas unbeholfen aus. Clowns im Zirkus stehen so da, bevor sie, begleitet von hellem Kinderlachen, hinfallen, und neuerdings auch weit gereiste junge Frauen wie Emma Watson , Emma Roberts und Alexa Chung. Kann es sein, dass Männer es attraktiv finden, wenn Frauen aussehen, als würden sie gleich stolpern? Sie mögen es ja auch, wenn Frauen kleine Füße und große Brüste haben. Ist diese wackelige Pose ein weiteres Anzeichen dafür, dass wir in einer konservativen Zeit leben, in der Frauen den Namen ihres Ehemannes auch dann annehmen, wenn er blöd klingt?

So wie unser Möbelgeschmack unterliegt die Art, wie wir für ein Foto posieren, dem Wandel der Zeit, und im Moment stellt man sich offenbar so unelegant wie möglich hin, wenn man fotografiert wird. Das Unbemühte ist unser ästhetisches Ideal. Selbst über Grace Kelly und Jackie O. , zwei Frauen mit nachweislich anstrengendem Leben, behaupten wir heute, sie verkörperten eine unangestrengte Eleganz. Eine ausgesuchte Garderobe kann man bestens konterkarieren, indem man dasteht wie eine Fünfjährige. Alexa Chung, die nur wegen ihres Kleiderschranks berühmt ist (und vielleicht wegen ihrer faszinierend dünnen Beine), steht da, als wäre es ihre Mutter gewesen, die ihr für den Besuch der Chanel-Modenschau ein Kleid angezogen hat. Emma Watson sieht im Burberry-Mantel so verlegen aus, als müsste sie gleich ein Weihnachtsgedicht aufsagen und nicht in der David-Letterman-Show auftreten.

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Der Hang zur inszenierten Nachlässigkeit begann vor ein paar Jahren mit dem Bademantel-Look der Zwillingsschwestern Mary-Kate und Ashley Olsen. Die beiden, Kinderstars in einer vergessenen TV-Serie, hatten mit 18 Jahren schon so viel Geld verdient, dass ihnen Sorgfalt im Umgang mit Dingen verständlicherweise überflüssig erschien. Sie trugen Pelz und sahen dabei aus wie Leute, die ihre gekauten Kaugummis überall liegen lassen. Heute haben wir einen Ausdruck für Haar, das so gefärbt ist, dass es nicht gefärbt aussieht (virgin hair) .

Wahrscheinlich haben wir uns ein besonders perfides Schönheitsideal eingehandelt, das nicht nur Mühe, sondern auch Mühelosigkeit verlangt. Aber es gibt positive Nebeneffekte: Wir, die wir im Schatten junger Celebritys leben, können heute ungeschminkt ins Büro kommen und behaupten, das sei ein modisches Statement.

Außerdem kaschiert die verhunzte Ballerinaposition die sogenannte Reiterhose, ein Schönheitsproblem, von dem Emma Watson noch nie etwas gehört hat und das mit Pferden leider nichts tun hat.

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Leserkommentare
  1. Frauen lästern über andere Frauen, die sie für attraktiver halten als sich selbst.

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    <em>Frauen lästern über andere Frauen, die sie für attraktiver halten als sich selbst.</em>

    Wenn Sie mich jetzt nicht darauf aufmerksam gemacht hätten, dann wäre ich davon ausgegangen, dass das ein Mann geschrieben hätte. Ohne irgend einer Frau zu Nahe treten zu wollen, aber diese ironisch bis sarkastische Art über Dinge zu schreiben erwarte ich eher von einem Mann.

    • Kriton
    • 12. Januar 2012 8:48 Uhr

    Vielen Dank für diesen spöttischen Artikel, der die Doppelzüngigkeit aktueller Schönheitsideale auf den Punkt bringt. Für weiteres Interesse empfehle ich zum Thema Inszenierung von Authentizität als Schönheit Kornelia Hahn: Die Repräsentation des authentischen Körpers, in: Hahn, Kornelia/ Meuser, Michael (Hrsg.):
    KörperRepräsentationen in der Ordnung des Sozialen, Konstanz: UVK 2002, S. 279 - 301
    und zu Schönheitsidealen verschiedener sozialer Gruppen: Nina Degele: Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln.
    Wiesbaden: VS, 2004

  2. Der Nachteil an diesen Online-Zeitungen ist: man macht sich keine Mühe mehr, Texte Korrektur zu lesen oder lesen zu lassen.

    Gleich der erste Satz begrüßt mich mit einem groß geschriebenen Verb: "Wer sich Hinstellt [...]". Ähm ja, die Welt geht ja ohnehin dieses Jahr unter, deshalb brauchen Journalisten sich auch nicht mehr um Grammatik, Rechtschreibung und Stil zu kümmern.

    • T.M.
    • 12. Januar 2012 8:49 Uhr

    Es gibt so Themen (und je alberner sie sind, umso einprägsamer sind sie auch), die kursieren immer und immer wieder in gewissen Abständen durch das multimediale Gedächtnis. Ohne Grund, und ohne Notwendigkeit. Dieses hier fiel mir mindestens schon zweimal auf, seinerzeit allerdings mit Fotostrecken. Wann taucht eigentlich wieder die Frisur oder das Tattoo von Frau Wulff hier auf? Oder der sog. Luftbiss prominenter Damen?

    Das Bittere daran ist, dass wahrscheinlich auch eine Vielzahl anderer, tieferer Themen journalistisch so behandelt wird, und man merkt es als Leser nicht. Es sind einfach Magazinbeiträge aus irgendeiner Schublade, in die sie auch wieder gelangen, bis zum nächsten Mal. Industrielle Themenproduktion. Willkommen in der neuen Welt.

    (Und sagen Sie mir noch, das sei keine ernstzunehmende, sachliche, konstruktive Kritik!)

  3. Interessant finde ich auch, dass viele Frauen in ihren letzten Lebensjahren gar nicht mehr "modern" aussehen, sondern wie ihre eigenen Großmütter. Als wäre die Zeit stehen geblieben!
    Die abgebildete Pose würde ich "scheues Reh" nennen...

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    "Interessant finde ich auch, dass viele Frauen in ihren letzten Lebensjahren"
    in den letzten lebensjahren nehmen viele gewisse dimge etwas lockerer

    "gar nicht mehr "modern" aussehen, sondern wie ihre eigenen Großmütter. Als wäre die Zeit stehen geblieben!"
    dass liegt daran, dass das was du als großmütterlich empfindest, nun sebst bist, wohingegen deine großmutter gerade ihr modisches comeback feiert ;-)

  4. "Interessant finde ich auch, dass viele Frauen in ihren letzten Lebensjahren"
    in den letzten lebensjahren nehmen viele gewisse dimge etwas lockerer

    "gar nicht mehr "modern" aussehen, sondern wie ihre eigenen Großmütter. Als wäre die Zeit stehen geblieben!"
    dass liegt daran, dass das was du als großmütterlich empfindest, nun sebst bist, wohingegen deine großmutter gerade ihr modisches comeback feiert ;-)

    Antwort auf "Wie Oma"
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    • Kriton
    • 13. Januar 2012 0:18 Uhr

    Und man sieht, dass Trends immer wieder kommen!

    • klunjes
    • 15. Januar 2012 17:21 Uhr

    So ganz stimmt ihre Aussage nicht. Die Körperhaltungen des Mädels und die des Denkmals von Konrad Duden haben außer in der ungefähren Beinhaltung nicht das Mindeste miteinander zu tun.

    Das Mädel gibt zu verstehen, dass es dort, wo es steht stehen bleiben will, bis jemand kommt und sie mitnimmt. Ihre geraden überkreuzenden Beine mit beiden Füßen flach auf dem Boden, geben zu verstehen, dass sie sich fast verstecken will und still abwartend und schüchtern dort steht. Ihre herunter hängenden Arme signalisieren Offenheit und Passivität. Ihr Kopf ist leicht zur Seite geneigt und legt ihren empfindlichen Hals als Zeichen der Gefahrlosigkeit frei. Hingehen, ansprechen, einpacken, sie aus der Situation erlösen. Das teilt sie mit.

    Duden hingegen wird dagestellt als jemand, der zwar auch wartet, aber nur für einen Augenblick um dann gleich darauf wieder gehen zu können. Eine gewisse Arroganz und viel Selbstsicherheit gegenüber seinen Betrachtern gibt die Skulptur wider. Das linke Bein ist vor dem rechten angewinkelt, berührt es nicht und der linke Fuß steht nur mit der Spitze auf dem Boden. Er hält aktiv seine Blumen mit beiden Händen fest, blickt mit festem Blick geradeaus, so als ob er nur darauf wartet, bis die Laudatio auf ihn beendet ist und er ans Rednerpult treten kann um sein hinter ihm wissendes Publikum anzusprechen.

  6. "Kann es sein, dass Männer es attraktiv finden, wenn Frauen aussehen, als würden sie gleich stolpern? Sie mögen es ja auch, wenn Frauen kleine Füße und große Brüste haben."

    Das ist natürlich eine extrem wichtige Frage und Aussage. Ich bezweifele allerdings, dass die meisten Frauen beim fotografiert-werden gar nicht daran denken, wie sie auf Männer wirken sondern allenfalls, ob sie mit diesem Bild andere Frauen ausstechen können, falls sie überhaupt denken (beim Knipsen). Egal. Das Thema ist witzig und wenn man sich mal selbst so hinstellt mit gekreuzten Beinen, merkt man, dass es gar nicht so einfach ist, nicht ins Wackeln zu kommen. Die Kleine oben macht so ein bisschen auf Girlie, man könnte das noch steigern, indem man einen bunten Lutscher im Mund hin und herschiebt. Der Rock öffnet sich von der Form her in die weite Welt und die Beine verschließen sich wie ein Sicherheitsschloss.If you know, what I mean.. Auch die Hände sind eher bemüht, bei einer vielleicht aufkommenden Windboe nicht auszusehen wie Marilyn Monroe über dem U-Bahn-Schacht.

    Man hat wirklich den Eindruck, dass der Zeitgeist verdämlicht. Mir fällt das immer auf, wenn bei Fernsehsendungen die Leute Pfeifen und Grölen (obwohl man niemanden sieht, der das macht und kein Grund da ist..). Das ist mit RTL und Co eingeführt worden, jetzt grölt man auch in der ARD. Der Gipfel ist, wenn alle ein Enttäuschungs-oooh schreien. Weil vorne der Einpeitscher steht mit dem Schild : oooohhh. Die Masse machts!

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  • Schlagworte Emma Watson | Clown | Grace Kelly | Pelz | Virgin | Zirkus
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