KörperspracheDie neue X-Klasse

Wenn junge Frauen in letzter Zeit irgendwo herumstehen, dann gerne mit überkreuzten Beinen. Warum?

Schauspielerin Emma Watson

Schauspielerin Emma Watson

Wer sich hinstellt und dabei die Beine überkreuzt, Füße nebeneinander, sieht zwangsläufig etwas unbeholfen aus. Clowns im Zirkus stehen so da, bevor sie, begleitet von hellem Kinderlachen, hinfallen, und neuerdings auch weit gereiste junge Frauen wie Emma Watson, Emma Roberts und Alexa Chung. Kann es sein, dass Männer es attraktiv finden, wenn Frauen aussehen, als würden sie gleich stolpern? Sie mögen es ja auch, wenn Frauen kleine Füße und große Brüste haben. Ist diese wackelige Pose ein weiteres Anzeichen dafür, dass wir in einer konservativen Zeit leben, in der Frauen den Namen ihres Ehemannes auch dann annehmen, wenn er blöd klingt?

So wie unser Möbelgeschmack unterliegt die Art, wie wir für ein Foto posieren, dem Wandel der Zeit, und im Moment stellt man sich offenbar so unelegant wie möglich hin, wenn man fotografiert wird. Das Unbemühte ist unser ästhetisches Ideal. Selbst über Grace Kelly und Jackie O., zwei Frauen mit nachweislich anstrengendem Leben, behaupten wir heute, sie verkörperten eine unangestrengte Eleganz. Eine ausgesuchte Garderobe kann man bestens konterkarieren, indem man dasteht wie eine Fünfjährige. Alexa Chung, die nur wegen ihres Kleiderschranks berühmt ist (und vielleicht wegen ihrer faszinierend dünnen Beine), steht da, als wäre es ihre Mutter gewesen, die ihr für den Besuch der Chanel-Modenschau ein Kleid angezogen hat. Emma Watson sieht im Burberry-Mantel so verlegen aus, als müsste sie gleich ein Weihnachtsgedicht aufsagen und nicht in der David-Letterman-Show auftreten.

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Der Hang zur inszenierten Nachlässigkeit begann vor ein paar Jahren mit dem Bademantel-Look der Zwillingsschwestern Mary-Kate und Ashley Olsen. Die beiden, Kinderstars in einer vergessenen TV-Serie, hatten mit 18 Jahren schon so viel Geld verdient, dass ihnen Sorgfalt im Umgang mit Dingen verständlicherweise überflüssig erschien. Sie trugen Pelz und sahen dabei aus wie Leute, die ihre gekauten Kaugummis überall liegen lassen. Heute haben wir einen Ausdruck für Haar, das so gefärbt ist, dass es nicht gefärbt aussieht (virgin hair).

Wahrscheinlich haben wir uns ein besonders perfides Schönheitsideal eingehandelt, das nicht nur Mühe, sondern auch Mühelosigkeit verlangt. Aber es gibt positive Nebeneffekte: Wir, die wir im Schatten junger Celebritys leben, können heute ungeschminkt ins Büro kommen und behaupten, das sei ein modisches Statement.

Außerdem kaschiert die verhunzte Ballerinaposition die sogenannte Reiterhose, ein Schönheitsproblem, von dem Emma Watson noch nie etwas gehört hat und das mit Pferden leider nichts tun hat.

 
Leserkommentare
  1. Frauen lästern über andere Frauen, die sie für attraktiver halten als sich selbst.

    10 Leserempfehlungen
  2. Die emanzipierte Frau der Theorie steht (!) ihren Mann. Am besten übernimmt sie auch gleich dessen typischen Eierschaukel-Gang.

    Keinesfalls darf sie klein, mädchenhaft, schüchtern sein. Weiblich = unschuldig und hilflos, welch Verbrechen gegen den gender mainstream!

    Es sollte den Theoretikern zu denken geben, wenn - allen Parolen zum Trotz - Frauen nicht nur weiterhin mit dieser Pose kokettieren, sondern dies sogar verstärkt tun. In zahlosen Foren und Zeitungen findet man besorgte Artikel politisch korrekter Menschen, die sich darüber aufregen, daß Frauen (!) sich einfach nicht politisch korrekt verhalten. Sie stehen auf die falschen Männer. Sie unterwerfen sich dem Modediktat, operieren massenhaft ihre Brüste, lieben Serien wie "Doctor´s Diary" (Thema: alles Streben der jungen Ärztin geht dahin, endlich den coolen Obermacho zu ehelichen), ergreifen "weibiche" Berufe, arbeiten Teilzeit und kümmern sich um ihre Kinder, statt dies gefälligst den Männern zu überlassen.

    Egal. Geschlechterrollen sind anerzogen! Basta. Nicht auszudenken, wenn es anders wäre! Wenn da etwa natürliche Unterschiede existieren würden, transportiert über Hormone, diese wiederum genetisch gesteuert und damit vererblich. Was das bedeuten könnte in einer Welt, in der die emanzipierten, gebildeten, selbstsicheren, karriereorientierten, modernen Frauen kaum noch Kinder in die Welt setzen! Ja, wer sind dann wohl die Mütter der nächsten Generation? Und was werden die wohl an ihre Töchter vererben? Auweia!

    8 Leserempfehlungen
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    ...so ist es!

    ...so ist es!

  3. "Kann es sein, dass Männer es attraktiv finden, wenn Frauen aussehen, als würden sie gleich stolpern? Sie mögen es ja auch, wenn Frauen kleine Füße und große Brüste haben."

    Das ist natürlich eine extrem wichtige Frage und Aussage. Ich bezweifele allerdings, dass die meisten Frauen beim fotografiert-werden gar nicht daran denken, wie sie auf Männer wirken sondern allenfalls, ob sie mit diesem Bild andere Frauen ausstechen können, falls sie überhaupt denken (beim Knipsen). Egal. Das Thema ist witzig und wenn man sich mal selbst so hinstellt mit gekreuzten Beinen, merkt man, dass es gar nicht so einfach ist, nicht ins Wackeln zu kommen. Die Kleine oben macht so ein bisschen auf Girlie, man könnte das noch steigern, indem man einen bunten Lutscher im Mund hin und herschiebt. Der Rock öffnet sich von der Form her in die weite Welt und die Beine verschließen sich wie ein Sicherheitsschloss.If you know, what I mean.. Auch die Hände sind eher bemüht, bei einer vielleicht aufkommenden Windboe nicht auszusehen wie Marilyn Monroe über dem U-Bahn-Schacht.

    Man hat wirklich den Eindruck, dass der Zeitgeist verdämlicht. Mir fällt das immer auf, wenn bei Fernsehsendungen die Leute Pfeifen und Grölen (obwohl man niemanden sieht, der das macht und kein Grund da ist..). Das ist mit RTL und Co eingeführt worden, jetzt grölt man auch in der ARD. Der Gipfel ist, wenn alle ein Enttäuschungs-oooh schreien. Weil vorne der Einpeitscher steht mit dem Schild : oooohhh. Die Masse machts!

    7 Leserempfehlungen
  4. Der Nachteil an diesen Online-Zeitungen ist: man macht sich keine Mühe mehr, Texte Korrektur zu lesen oder lesen zu lassen.

    Gleich der erste Satz begrüßt mich mit einem groß geschriebenen Verb: "Wer sich Hinstellt [...]". Ähm ja, die Welt geht ja ohnehin dieses Jahr unter, deshalb brauchen Journalisten sich auch nicht mehr um Grammatik, Rechtschreibung und Stil zu kümmern.

    4 Leserempfehlungen
    • Kriton
    • 12.01.2012 um 8:48 Uhr

    Vielen Dank für diesen spöttischen Artikel, der die Doppelzüngigkeit aktueller Schönheitsideale auf den Punkt bringt. Für weiteres Interesse empfehle ich zum Thema Inszenierung von Authentizität als Schönheit Kornelia Hahn: Die Repräsentation des authentischen Körpers, in: Hahn, Kornelia/ Meuser, Michael (Hrsg.):
    KörperRepräsentationen in der Ordnung des Sozialen, Konstanz: UVK 2002, S. 279 - 301
    und zu Schönheitsidealen verschiedener sozialer Gruppen: Nina Degele: Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln.
    Wiesbaden: VS, 2004

    3 Leserempfehlungen
  5. 3 Leserempfehlungen
  6. Seht euch mal diesen Artikel an:

    http://www.spiegel.de/net...

    und unbedingt (!) auch das Video dazu. China fliegt auf die Sprachlern-Videoclips einer jungen Amerikanerin. Große blonde Augen, natürlich wirkende Naivität, im ganzen Gestus: kokett, niedlich, lustig. Jeder Mann, nicht nur in China, wird die Kleine zum Reinbeißen finden. Und jede Frau wird wissen, warum. Viele werden sich echauffieren und doch heimlich bei dem Gedanken ertappen: mit der würde ich tauschen.

    Alice und Konsorten müssen sich wohinbeißen, wenn sie so was sehen. Feldbusch wohin man blickt.

    3 Leserempfehlungen
  7. "Sie mögen es ja auch, wenn Frauen kleine Füße und große Brüste haben."

    Ist es so schwer folgenden Satz zu schreiben?:
    "VIELE Männer mögen es ja auch, wenn Frauen kleine Füße und große Brüste haben."
    Ansonsten belegen sie bitte, dass alle Männer auf Frauen mit kleinen Füßen und großen Brüsten stehen.

    Formulierungen wie "viele", "meistens", "häufig", "in der Regel", etc.
    solche Wörter gibt es nicht ohne Grund.
    Liebe Redaktion, bitte verwenden sie diese Wörter auch hin und wieder!
    Normalerweise lege ich keinen Wert auf sprachliche Qualität, aber die Artikel der ZEIT verlottern immer mehr.

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEITmagazin, 12.1.2012 Nr. 03
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  • Schlagworte Emma Watson | Clown | Grace Kelly | Pelz | Virgin | Zirkus
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