DIE ZEIT: Man kann im Urlaub angenehmere Dinge tun, als Armenviertel zu besuchen. Trotzdem sind Slum-Touren beliebt . Warum?

Malte Steinbrink: Viele suchen eine Kontrast-Erfahrung, und die Besichtigung von Armut verschafft sie ihnen. Die meisten Touristen kommen sehr zufrieden von den Slum-Besichtigungen zurück, für sie sind das intensive, auch schöne Erlebnisse! Als Motiv geben sie oft an, die "echte", die "andere" Seite einer Stadt erleben zu wollen. Das Fremde fasziniert sie, und die Armut steht für das authentische Andere.

ZEIT: Sie sind gerade von einer Forschungsreise nach Rio de Janeiro zurückgekehrt. Was haben Sie dort herausgefunden?

Steinbrink: Ich wollte den Tourismus in den Favelas mit jenem in den südafrikanischen Townships vergleichen. Mich interessierte, wie die Kommunalpolitik mit dem Phänomen umgeht und wo Unterschiede bei den jeweiligen Slum-Führungen liegen. Während in Südafrika der Kriminalitäts-Aspekt ausgeblendet wird, sind auf brasilianischen Touren Drogenkrieg und Gewalt zentrale Themen.

ZEIT: Wie gefährdet sind Touristen im Slum?

Steinbrink: In der Regel absolut ungefährdet. Aber bei vielen Touren in Rio de Janeiro geht es auch darum, den Adrenalinspiegel hoch zu halten. Mir sind unterwegs schon Jugendliche mit Sturmgewehren begegnet – das ist natürlich ein touristisches Erlebnis besonderer Art. Aber nicht bei allen Favela-Führungen steht der Thrill im Zentrum. Gerade im Zuge der massiven Befriedungsaktionen im Vorfeld der WM 2014 wird sich der Favela-Tourismus umorientieren, und Themen wie Samba oder Fußball werden stärker in den Vordergrund rücken.

ZEIT: Wie sieht das Angebot ganz allgemein aus?

Steinbrink: Meist handelt es sich um geführte Touren mit Kleinbussen, Jeeps oder zu Fuß. Für Individualreisende gibt es inzwischen sogar Unterkünfte in Armenvierteln. In Kapstadt lässt sich mittlerweile auch Bungee-Jumping in der Township buchen. Das finde ich bezeichnend, denn Slum-Tourismus kann man ja überhaupt als eine Art "soziales Bungee-Jumping" ansehen.

ZEIT: Wie ist Slum-Tourismus entstanden?

Steinbrink: Die Ursprünge liegen im viktorianischen London . Angehörige der Oberschicht besuchten damals in ihrer Freizeit die Armenviertel. Diese Besuche fanden häufig unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit statt. Aber gerade im prüden viktorianischen England ging es wohl zugleich um eine Lust am Laster. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es auch in den USA kommerzielle Touren durch die Quartiere der neuen Einwanderergruppen. Es wurden romantische Sehnsüchte bedient, aber auch stark rassistische Ressentiments geschürt. Seit den neunziger Jahren schwappt der Slum-Tourismus in Schwellen- und Entwicklungsländer. Das Phänomen globalisiert sich.

ZEIT: Welche Slum-Tour hat Sie selbst besonders beeindruckt?

Steinbrink: Da fragen Sie mich eher als Touristen denn als Wissenschaftler. Persönlich gefallen mir vor allem Touren, die direkt von unabhängigen Guides aus den jeweiligen Gebieten angeboten werden. Bei denen kann man stärker selbst bestimmen, was man sehen möchte. Viele Besucher wollen sich im Slum paradoxerweise nicht wie Touristen fühlen – da bieten diese individuelleren Führungen eine Alternative.