Slumtourismus : Bungee-Sprung ins Elend

Voyeurismus oder Entwicklungshilfe? Der Sozialgeograf Malte Steinbrink untersucht, warum Slums Touristen anziehen.
Touristen besuchen die Favela Santa Marta in Rio de Janeiro in Brasilien. Einwohner der Favela werden mit staatlicher Unterstützung zu Touristenführern ausgebildet. © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Man kann im Urlaub angenehmere Dinge tun, als Armenviertel zu besuchen. Trotzdem sind Slum-Touren beliebt . Warum?

Malte Steinbrink: Viele suchen eine Kontrast-Erfahrung, und die Besichtigung von Armut verschafft sie ihnen. Die meisten Touristen kommen sehr zufrieden von den Slum-Besichtigungen zurück, für sie sind das intensive, auch schöne Erlebnisse! Als Motiv geben sie oft an, die "echte", die "andere" Seite einer Stadt erleben zu wollen. Das Fremde fasziniert sie, und die Armut steht für das authentische Andere.

ZEIT: Sie sind gerade von einer Forschungsreise nach Rio de Janeiro zurückgekehrt. Was haben Sie dort herausgefunden?

Steinbrink: Ich wollte den Tourismus in den Favelas mit jenem in den südafrikanischen Townships vergleichen. Mich interessierte, wie die Kommunalpolitik mit dem Phänomen umgeht und wo Unterschiede bei den jeweiligen Slum-Führungen liegen. Während in Südafrika der Kriminalitäts-Aspekt ausgeblendet wird, sind auf brasilianischen Touren Drogenkrieg und Gewalt zentrale Themen.

ZEIT: Wie gefährdet sind Touristen im Slum?

Steinbrink: In der Regel absolut ungefährdet. Aber bei vielen Touren in Rio de Janeiro geht es auch darum, den Adrenalinspiegel hoch zu halten. Mir sind unterwegs schon Jugendliche mit Sturmgewehren begegnet – das ist natürlich ein touristisches Erlebnis besonderer Art. Aber nicht bei allen Favela-Führungen steht der Thrill im Zentrum. Gerade im Zuge der massiven Befriedungsaktionen im Vorfeld der WM 2014 wird sich der Favela-Tourismus umorientieren, und Themen wie Samba oder Fußball werden stärker in den Vordergrund rücken.

ZEIT: Wie sieht das Angebot ganz allgemein aus?

Steinbrink: Meist handelt es sich um geführte Touren mit Kleinbussen, Jeeps oder zu Fuß. Für Individualreisende gibt es inzwischen sogar Unterkünfte in Armenvierteln. In Kapstadt lässt sich mittlerweile auch Bungee-Jumping in der Township buchen. Das finde ich bezeichnend, denn Slum-Tourismus kann man ja überhaupt als eine Art "soziales Bungee-Jumping" ansehen.

ZEIT: Wie ist Slum-Tourismus entstanden?

Steinbrink: Die Ursprünge liegen im viktorianischen London . Angehörige der Oberschicht besuchten damals in ihrer Freizeit die Armenviertel. Diese Besuche fanden häufig unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit statt. Aber gerade im prüden viktorianischen England ging es wohl zugleich um eine Lust am Laster. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es auch in den USA kommerzielle Touren durch die Quartiere der neuen Einwanderergruppen. Es wurden romantische Sehnsüchte bedient, aber auch stark rassistische Ressentiments geschürt. Seit den neunziger Jahren schwappt der Slum-Tourismus in Schwellen- und Entwicklungsländer. Das Phänomen globalisiert sich.

ZEIT: Welche Slum-Tour hat Sie selbst besonders beeindruckt?

Steinbrink: Da fragen Sie mich eher als Touristen denn als Wissenschaftler. Persönlich gefallen mir vor allem Touren, die direkt von unabhängigen Guides aus den jeweiligen Gebieten angeboten werden. Bei denen kann man stärker selbst bestimmen, was man sehen möchte. Viele Besucher wollen sich im Slum paradoxerweise nicht wie Touristen fühlen – da bieten diese individuelleren Führungen eine Alternative.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Kommt drauf an wie

Mich hat als Jugendlicher, sicher auch inspiriert von der damaligen Rap, Hip-Hop und Graffiti-Szene, die Bronx in New York fasziniert. Es war immer der Ort, wo ich hinwollte, wäre ich damals als Tourist in New York gewesen. Weniger aus Sensationslust, sondern, weil es mich einfach fasziniert hat, wie Jugendliche versucht haben, aus ihrem Elend etwas Kreatives zu machen, um diesem Elend so zu entfliehen.

Gettos und Slums üben auf mich einen besonderen Reiz aus, aber wie schon oben beschrieben, weniger, um den Adrenalinspiegel hochzuhalten, sondern weil ich sehen und verstehen möchte, wie Menschen unter solchen Umständen klar kommen. Das alles mit dem nötigen Respekt dem Individuum gegenüber und nicht gaffend.

Das Leben im Slum ist auch lebenswert

...mal nicht übertreiben. Sie reden von mehr Fairness? Am besten jeder fängt mal bei sich selbst an...oder sind immer nur die anderen unfair? Oder muss man sich am Ende das bischen "mehr haben" als der Durchschnitt auch mit doppelt so viel Arbeit und Anstrengung erkämpfen? Der eine oder andere mag reich geboren worden sein, Fakt ist aber auch, dass sich sehr viele ihren Wohlstand hart erarbeitet haben! Ist es da fair, dass ein fauler das gleiche wie ein fleißiger Mensch bekommt? Ich denke nicht und ja natürlich sind nicht alle armen einfach nur faul, dennoch ist da eine ganze Menge Wahrheit dran, wenn ich sage dasses der Großteil ist!!!

Grausam

Wirklich grässlich. Ich hoffe, das wenigstens die Zeit, der Journalist und der Fotograf bei solchen Berichten auf ihren Gewinn verzichten und das Geld vollständig den Armen dort zukommen lassen. Denn, irgendeiner muss ja mal den Anfang machen und der Heuchelei ein Ende setzen. Es kann ja andersherum auch kein Privileg der Presse sein, allein solche Ausflüge zu machen und dann auch noch Geschäfte mit der Berichterstattung zu machen.

Das Slum ist nah...

Wer das Schaudern oder das "Erlebnis" der temporären Armutsumgebung sucht, oder gar dann am Ende die tollen Vergleiche Stolz-Armut-Lebenswillen-Bewunderung-Slumbewohner zieht und seinen Freunden dann bei den Dias (oder besser der Präsentation) sagt: "Aber die Menschen sind trotzdem so glücklich" und anfügt "da können wir was lernen" und gleichbedeutend sagt "ich habe viel mitgenommen", der muss nicht in lateinamerikanische Slums reisen. Da reichen im Ansatz auch deutsche Großstädte wie Teile von Dortmund oder ländliche Gemeinden in Brandenburg.

Ich will hier nichts relativieren oder Vergleiche zwischen einen brandenburgischen Dorf und einem Slum ziehen. Es gibt zudem eine Reisefreiheit und jeder kann machen was er mag. Ich denke nur manchmal erscheint eben das Slum, erlebt bei Sonne und im T-Shirt, dem Touristen attraktiver als ein deutsches Plattenbauviertel oder Teile Süd-Londons, so wie Wein in Italien auch besser schmeckt als das gleiche Produkt in der Heimat.

Der einzige gute Nebeneffekt: Ein paar Slumbewohner verdienen am Tourismus, aber eine wirkliche Alternative zu einer gesicherten Existenz mit med. und soz. Leistungen und einem Job ist das leider nicht...