Söldner Schweizer waren überall dabei

Brutal neutral: Viele Schweizer Familien machten einst mit dem Soldatenhandel ein Vermögen. Zu diesen Familien gehört die des Historikers und Journalisten Jost Auf der Maur. Jetzt hat er ihre Geschichte aufgeschrieben.

Eidgenössische Söldnerfolklore: Schweizergardisten im Vatikan

Eidgenössische Söldnerfolklore: Schweizergardisten im Vatikan

DIE ZEIT: Herr Auf der Maur, die Schweiz gilt als ein sanftes, freundliches Land, ein Land des Friedens. Wie friedlich war sie wirklich in ihrer Geschichte?

Jost Auf der Maur: Im 20. Jahrhundert hat sie sich aus den Weltkriegen heraushalten können. 500 Jahre lang aber war die Schweiz der größte Kriegsdienstleister Europas. Vielleicht haben gerade die gesammelten Schrecken aus all dieser Zeit das Land dazu bewogen, keinen Krieg mehr zu führen.

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ZEIT: Das Kriegshandwerk hat die Eidgenossen zu Pazifisten gemacht?

Auf der Maur: Zumindest manche. Zum Beispiel Henry Dunant, einen der berühmtesten Söhne der Schweiz. 1859 hat er die Gräuel der Schlacht von Solferino miterlebt – und danach das Rote Kreuz gegründet.

ZEIT: Für wen sind die Schweizer in den Krieg gezogen, und wie viele Söldner waren dabei über die Jahrhunderte im Einsatz?

Jost Auf der Maur
Jost Auf der Maur

Jahrgang 1953, lebt in Chur. Sein Buch Söldner für Europa ist im Echtzeit-Verlag, Basel, erschienen (112 S., 26,- €).

Auf der Maur: Schätzungen gehen von einer Million aus, mindestens. Fast alle kriegstreibenden europäischen Nationen waren ihre Arbeitgeber: Sardinien-Piemont, Sizilien, Spanien, vor allem aber Frankreich. Zunächst dienten sich einzelne Männer oder auch Gruppen als Soldaten an und holten für manchen europäischen Fürsten die Kohlen aus dem Feuer. Anfang des 16. Jahrhunderts schloss man dann einen Vertrag mit der französischen Krone, um das Söldnerwesen zu regulieren. Nun wurden die Söldner Teil der ausländischen Heere. Doch behielten die Schweizertruppen das Privileg, eigene Regimenter zu bilden mit eigener Gerichtsbarkeit und eigener militärischer Führung. Im Falle eines Angriffs auf die Schweiz konnten sie auch zurückgerufen werden. Schon aus diesem Grund hatte niemand ein Interesse daran, die Schweiz zu attackieren. Dies war der erste Schritt hin zur späteren Neutralitätspolitik.

ZEIT: Söldnerheere haben einen üblen Ruf. Zuletzt bestätigten dies Gaddafis Marodeure in Libyen. Waren auch die Schweizer die Männer fürs Grobe?

Auf der Maur: Mitunter, ja. Zum Beispiel wenn ausländische Söldner gegen die eigene Bevölkerung, gegen die eigenen Untertanen oder in Bruder- und Bürgerkriegen eingesetzt wurden. Söldner galten als unsentimental, als Männer ohne Bindung. Vor allem aus dem ausgehenden Mittelalter sind manche Gräueltaten überliefert: Da wurden die Herzen der Gegner gegessen, man trank das Blut seiner Feinde und rieb die Stiefel mit dem Bauchfett der gegnerischen Gefallenen ein.

ZEIT: Wenn mehr als eine Million Schweizer über die Jahrhunderte als Krieger umherzogen, haben sie sich dann zuweilen auch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen?

Auf der Maur: Der Einsatz von Schweizer Söldnern gegen andere Schweizer war verboten. Aber es kam trotzdem immer wieder zu Schlachten, in denen auf beiden Seiten Eidgenossen standen – und fielen. Zum Beispiel im Spanischen Erbfolgekrieg. In der Schlacht von Malplaquet 1709 kämpften Brüder gegen Brüder, Väter gegen Söhne. Am Ende waren 8.000 Schweizer tot. Das löste einen Riesenskandal in der Eidgenossenschaft aus.

Leser-Kommentare
  1. Die modernen Söldner arbeiten meist für große Unternehmen und sind wohl die hochbezahlten Berater, die die Wirtschaft so dringend benötigt. Auch hier finden sich viele Eidgenossen, die geschult an den Universitäten in Fribourg oder St. Gallen, dann in den deutschen Unternehmen für Kostenkontrolle und Effizienz sorgen. Der damalige Gang über Leichen ist dem heutigen massenhafte Entlassen von Arbeitern ähnlich und für die Betroffenen meist fatal.
    Fahren Sie ICE oder fliegen Sie innerdeutsch mit Är Berlin, dann erkennen Sie diese modernen Söldner schnell an ihrer Bewaffung. Laptop, Eiphone und Eipäd sind die heutigen Waffen, mit denen die Schlachten geschlagen werden.
    Und Schweizer? Diese sind bei der modernen Kriegsführung unverzichtbar.

  2. "Im 20. Jahrhundert hat sich die Schweiz aus den Weltkriegen heraus gehalten." Aber wie die Panzer-Armee Rommels bei Nacht und Nebel durch die Schweiz und den St. Gotthard-Pass in Richtung Afrika transportiert wurde, das erklären die "neutralen" Schweizer lieber nicht. Zweifellos sind alle Unterlagen "verloren".

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    Da gab es 2003 (oder 2004) eine tolle Ausstellung im Schweizer National Museum in Zuerich zum Thema die Schweiz im 2. Weltkrieg. Nicht nur Rommels Panzer hat die Schweiz durchgelassen, sondern auch Deportationszuege aus Italien Richtung Deutsches Reich. Fluechtlingen wurde an der Deutsch-Schweizer Grenze der Zutritt in die Schweiz verboten und ziemlich lange hat Hitler aus der Schweiz noch Kredite bezogen - mit ein Grund warum Deutsche Panzer nicht ueber den Rhein gerollt sind.

    Da gab es 2003 (oder 2004) eine tolle Ausstellung im Schweizer National Museum in Zuerich zum Thema die Schweiz im 2. Weltkrieg. Nicht nur Rommels Panzer hat die Schweiz durchgelassen, sondern auch Deportationszuege aus Italien Richtung Deutsches Reich. Fluechtlingen wurde an der Deutsch-Schweizer Grenze der Zutritt in die Schweiz verboten und ziemlich lange hat Hitler aus der Schweiz noch Kredite bezogen - mit ein Grund warum Deutsche Panzer nicht ueber den Rhein gerollt sind.

  3. "Söldnerheere haben einen üblen Ruf. Zuletzt bestätigten dies Gaddafis Marodeure in Libyen.."

    "Stehende Heere" (wenn überhaupt vorhanden) hatten in der fraglichen Blütezeit des Schweizer Söldnerwesens, keinen besseren Ruf bzw. Auftritt als die Söldnertruppen.
    Einigermaßen "zivilisiert" auftretende Armeen sind ziemlich neuzeitlich und selbst heute ist an manchen Stellen der Lack bekanntlich ziemlich dünn.

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    Sie haben zwar Recht, dass Krieg nicht mehr ganz so grausam ist wie "früher". Aber Krieg auch nur ansatzweiße als "zivilisiert" zu bezeichnen ist schwachsinn. Wenn ein Krieg "zivilisiert" rüberkommt, ist wenn die Berichtserstattung dünn ist und die Vertuschung gut funktioniert.

    Sie haben zwar Recht, dass Krieg nicht mehr ganz so grausam ist wie "früher". Aber Krieg auch nur ansatzweiße als "zivilisiert" zu bezeichnen ist schwachsinn. Wenn ein Krieg "zivilisiert" rüberkommt, ist wenn die Berichtserstattung dünn ist und die Vertuschung gut funktioniert.

  4. aber heute bestreiten Länder wie Nepal einen Teil ihres Haushaltes mit Einnahmen aus dem Verleih ihrer Menschen als UN-Blauhelme.

  5. ...schon wieder die sagenumwobenen "Söldner und Marodeure" Gaddafis auf. Hat man denn mittlerweile schon Informationen, Unterlagen, Filmberichte, Bilder etc.?

  6. Da gab es 2003 (oder 2004) eine tolle Ausstellung im Schweizer National Museum in Zuerich zum Thema die Schweiz im 2. Weltkrieg. Nicht nur Rommels Panzer hat die Schweiz durchgelassen, sondern auch Deportationszuege aus Italien Richtung Deutsches Reich. Fluechtlingen wurde an der Deutsch-Schweizer Grenze der Zutritt in die Schweiz verboten und ziemlich lange hat Hitler aus der Schweiz noch Kredite bezogen - mit ein Grund warum Deutsche Panzer nicht ueber den Rhein gerollt sind.

    Antwort auf "Die "neutrale" Schweiz"
  7. Sie haben zwar Recht, dass Krieg nicht mehr ganz so grausam ist wie "früher". Aber Krieg auch nur ansatzweiße als "zivilisiert" zu bezeichnen ist schwachsinn. Wenn ein Krieg "zivilisiert" rüberkommt, ist wenn die Berichtserstattung dünn ist und die Vertuschung gut funktioniert.

    • TSHR
    • 17.01.2012 um 19:18 Uhr

    ....auch über die Verdingung gesprochen hätte - auch so ein TABUTHEMA in der Schweiz. Zwischen 1800 und 1950 wurden Waisen- oder Scheidungskinder (durch die Behörden entrechtet) auf dem Verdingungsmarkt angeboten und an Bauern vermittelt, wo sie als günstige Arbeitskraft meist ausgenutzt, misshandelt und missbraucht wurden.

    Ich denke, dass die Einführung dieser Praxis deshalb erfolgte, weil man einen Ausgleich schaffen wollte, da so viele Männer als Soldaten außer Landes waren und es an Arbeitskräften fehlte.

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