DIE ZEIT: Herr Auf der Maur, die Schweiz gilt als ein sanftes, freundliches Land, ein Land des Friedens. Wie friedlich war sie wirklich in ihrer Geschichte?

Jost Auf der Maur: Im 20. Jahrhundert hat sie sich aus den Weltkriegen heraushalten können. 500 Jahre lang aber war die Schweiz der größte Kriegsdienstleister Europas. Vielleicht haben gerade die gesammelten Schrecken aus all dieser Zeit das Land dazu bewogen, keinen Krieg mehr zu führen.

ZEIT: Das Kriegshandwerk hat die Eidgenossen zu Pazifisten gemacht?

Auf der Maur: Zumindest manche. Zum Beispiel Henry Dunant , einen der berühmtesten Söhne der Schweiz. 1859 hat er die Gräuel der Schlacht von Solferino miterlebt – und danach das Rote Kreuz gegründet.

ZEIT: Für wen sind die Schweizer in den Krieg gezogen, und wie viele Söldner waren dabei über die Jahrhunderte im Einsatz?

Auf der Maur: Schätzungen gehen von einer Million aus, mindestens. Fast alle kriegstreibenden europäischen Nationen waren ihre Arbeitgeber: Sardinien-Piemont, Sizilien , Spanien , vor allem aber Frankreich . Zunächst dienten sich einzelne Männer oder auch Gruppen als Soldaten an und holten für manchen europäischen Fürsten die Kohlen aus dem Feuer. Anfang des 16. Jahrhunderts schloss man dann einen Vertrag mit der französischen Krone, um das Söldnerwesen zu regulieren. Nun wurden die Söldner Teil der ausländischen Heere. Doch behielten die Schweizertruppen das Privileg, eigene Regimenter zu bilden mit eigener Gerichtsbarkeit und eigener militärischer Führung. Im Falle eines Angriffs auf die Schweiz konnten sie auch zurückgerufen werden. Schon aus diesem Grund hatte niemand ein Interesse daran, die Schweiz zu attackieren. Dies war der erste Schritt hin zur späteren Neutralitätspolitik.

ZEIT: Söldnerheere haben einen üblen Ruf. Zuletzt bestätigten dies Gaddafis Marodeure in Libyen . Waren auch die Schweizer die Männer fürs Grobe?

Auf der Maur: Mitunter, ja. Zum Beispiel wenn ausländische Söldner gegen die eigene Bevölkerung, gegen die eigenen Untertanen oder in Bruder- und Bürgerkriegen eingesetzt wurden. Söldner galten als unsentimental, als Männer ohne Bindung. Vor allem aus dem ausgehenden Mittelalter sind manche Gräueltaten überliefert: Da wurden die Herzen der Gegner gegessen, man trank das Blut seiner Feinde und rieb die Stiefel mit dem Bauchfett der gegnerischen Gefallenen ein.

ZEIT: Wenn mehr als eine Million Schweizer über die Jahrhunderte als Krieger umherzogen, haben sie sich dann zuweilen auch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen?

Auf der Maur: Der Einsatz von Schweizer Söldnern gegen andere Schweizer war verboten. Aber es kam trotzdem immer wieder zu Schlachten, in denen auf beiden Seiten Eidgenossen standen – und fielen. Zum Beispiel im Spanischen Erbfolgekrieg. In der Schlacht von Malplaquet 1709 kämpften Brüder gegen Brüder, Väter gegen Söhne. Am Ende waren 8.000 Schweizer tot. Das löste einen Riesenskandal in der Eidgenossenschaft aus.