Kallmünz zieht Prominenz an - Politiker, Autoren, Künstler kommen gerne in die Oberpfalz.

An Tisch sieben, gleich neben der Schank im Goldenen Löwen , landet man immer wieder, wenn man aus der Kälte kommt. Das ist die Familienecke der Wirtsleute Luber, mit einer von Generationen eingesessenen hölzernen Umlaufbank; Chefin Waltraud Luber kritzelt hier ins alte schwarze Kassabuch, und Enkel Franz ruckelt auf Opa Richard Lubers Schoß herum. Wer im Goldenen Löwen zu Kallmünz, dieser viel geliebten Oberpfälzer Traditionswirtschaft, mit am »Siebener« sitzen darf, fühlt sich automatisch etwas begünstigt, noch ein wenig aufgehobener, als es den Gästen dieses Quartiers ohnehin verlässlich widerfährt.

Kallmünz im Winter – das ist die krasse Gegenrichtung zu allen glitzernden alpinen Pisten- und Event-Destinationen. Der Oberpfälzer Jura nördlich von Regensburg ist schon im Sommer kein überlaufenes Ferienrevier . Zur kalten Jahreszeit fehlen dann glücklicherweise auch die knallfarben kostümierten Radsportler. Man gondelt durch eine leere Landschaft in den matten Grün- und Ockertönen eines schneelosen Winters, das Tageslicht ist kraftlos, und der Wind weht scharf. Die nördlichen Nebenflüsse der bayerischen Donau, die Schwarze Laber, die Vils und die Naab, prägen diese Gegend, mäandernd eingeschnitten in die weitläufigen Anhöhen des Juralandes. Randvoll und rasch strömt die sonst behäbige Naab dahin, auch in Auenwiesen und Altwässern steht der Wasserspiegel schon hoch – winterliches Hochwasser ist ein häufiges Los dieser Täler und womöglich schon bald zu befürchten. Wenige Autos sind unterwegs zwischen Penk und Pielenhofen, Duggendorf und Heitzenhofen; und im Marktflecken Kallmünz dämmert es bereits am mittleren Nachmittag.

Peter Handke lobt im Gästebuch »die Anmut der Speisen«

An so einem düsteren Tag ist die Ankunft im Goldenen Löwen pure Wohltat: Da blitzt der zackige Stern, der die Hausbrauerei Zoigl anzeigt, da knarzt schon das Hoftor. Man tritt auf die speckige Sandsteinschwelle, in die krokodilartige Hausdämonen eingeritzt sind, und in den Fletz mit unebenem Steinboden, Vertiko und dunkel gerahmten Bildern. Die zierliche Waltraud Luber in ihrer langen weißen Schürze taucht auf und spricht: »Meng S’ an Espresso?« Wie angenehm, dass als Logis das zweistöckige Austragshäusl frei ist, das mit der hochlehnigen Sitzbadewanne und dem feuerroten Kanapee.

Dem Wirtspaar, vormals Kunsterzieherin und Kindergärtner, ist in den vergangenen drei Jahrzehnten ein Kunststück gelungen, das dem ganzen Örtchen Kallmünz wohl bekommt, wenngleich das nicht von allen Einheimischen anerkannt wird. Es hat auch Neid erzeugt, wie »die Spinnerten« das Jobst-Anwesen am Gänsbühel, seit 300 Jahren im Familienbesitz der Vorfahren Waltraud Lubers, von einer verrotteten Bierkneipe zu einem brummenden Künstler- und Literatentreff mit prima Küche aufmöbelten. Wie die beiden die verwinkelte Hofstelle behutsam instand setzten, schlicht-schöne Zimmer in die Stallungen bauten, das verpennte Nest mit Kunstausstellungen, Malerfesten und Dichterlesungen aufmischten – mit dem »ganzen Kultur-Brimbamborium«, wie Richard Luber es selbstironisch nennt.

Es kam und las immer wieder der große Eckhard Henscheid , Oberpfälzer »Heimatler« aus Überzeugung; es kamen Gerhard Polt und Eva Demski , Alfred Biolek und auch eine mongolische Volksmusikgruppe. Die SPD-Politikerin Renate Schmidt feierte im Löwen ihre zweite Hochzeit, und Peter Handke lobte im Gästebuch »die Anmut der Speisen«. Dabei ist der Betrieb grundoberpfälzisch geblieben, bis zum selbstbewusst gepflegten Dialekt. Die Mischung aus Offenheit und Bodenständigkeit ist auch dem Schwager des Hauses zu verdanken, dem wunderbar hintersinnigen und bissigen Oberpfälzer Schriftsteller Eugen Oker, der ständiger Hausgast war und in Kallmünz begraben liegt.

Und es blieb nicht beim Stammhaus Goldener Löwe – die Lubers, entschiedene Ortsbildbewahrer, retteten auch das urige Bürstenbinder-Häusl im Äußeren Markt vor dem Abriss, heute eine niedrige, hundsgemütliche Beiz, die an einem Winterabend dampft vor Kanonenofenwärme, Gerede und Gewurl. Später kauften sie noch das Raitenbucher Schloss dazu, einen Adelssitz neben der Kirche, der lange als Kallmünzer Schulhaus, dann als gerümpeliges Sozialwohnungsquartier gedient hatte. Nun leuchtet das Schlösschen frisch gekalkt und beherbergt ein paar renovierte Gästezimmer von herrschaftlichen Dimensionen, mit Flügel, Biedermeiersofas oder verglasten Bädern. Hausen kann man hier allerdings erst wieder ab Mai – zu schwer heizbar sind die hohen Räume.