Behinderung: Dass es dich gibt
Kurz vor Lottas Geburt wurde in ihrem Gehirn eine Fehlbildung entdeckt. Ihre Mutter schreibt hier von Momenten tiefer Verzweiflung. Und großen Glücksgefühlen.
Lotta kann krabbeln, sagt ihr großer Bruder Ben. Im Geheimen. Im Geheimen kann Lotta, zwei Jahre alt, so einiges: sitzen, sehen, »Mama« sagen. Meine Tochter hat geheime Superkräfte, die nur ihr vierjähriger Bruder kennt. Der Rest der Welt sieht sie anders: als Vena-Galeni-Kind, körper- und sehbehindert. Ihre Krankengeschichte lagert in einem dicken roten Ordner, bald müssen wir einen zweiten kaufen, so voll ist er schon. Ben sagt, es macht nichts, falls Lotta später mal einen Rollstuhl kriegt, »aber schieben darf nur ich den«. Außerdem könne sie ja immer noch fliegen.
Im Sportverein. Ben rennt mit den anderen Kindern um die Wette, ich trinke Latte macchiato und lasse Lotta auf meinen Knien reiten. Sie grinst. Eine andere Mutter:
»Wann hat man das denn festgestellt?«
»Die Fehlbildung? Im neunten Monat, 33. Woche.«
»War es da zu spät?«
»Wofür?«
»Um was dagegen zu machen.«
»Das kann man nicht im Mutterleib operieren.«
»Nein, aber...«
Das Wort »abtreiben« spricht sie schon nicht mehr aus.
Warum gibt es dich, Lotta? Ein behindertes Kind, das muss in Deutschland heute doch nicht mehr sein. Dafür gibt es Vorsorgeuntersuchungen, Pränataldiagnostik, Abtreibungen, notfalls Spätabtreibungen. Und doch werden in Deutschland immer noch behinderte Kinder geboren. Laut Statistischem Bundesamt haben 2009, in dem Jahr, in dem Lotta geboren wird, 365 Babys unter einem Jahr einen Schwerbehindertenausweis aufgrund einer angeborenen Behinderung. Lotta ist keins von ihnen, wir beantragen den Ausweis erst später, so wie viele andere Eltern. Schaut man sich die entsprechende Zahl für die Kinder unter fünf Jahren an, liegt sie bereits bei 6.881. Lotta und Ben tragen in Wirklichkeit andere Namen, weil ich sie schützen möchte, aber ihre Geschichte steht stellvertretend für die vieler Kinder.
19. Oktober 2009. Ich küsse Ben, damals zwei Jahre alt, zum Abschied auf den Kopf. »Mama geht zum Arzt, das Baby angucken.« Noch sieben Wochen bis zum errechneten Geburtstermin. Meine größte Sorge ist jetzt der blaue Strampler, den ich gestern für Lotta gekauft habe. In der Mädchenabteilung, mit Schleifen, aber dunkelblau. Sorgen haben wir zu dieser Zeit selten, mein Mann Harry und ich, wir sind beide Journalisten, er 43, ich 32 Jahre alt, gesund, zufrieden. Wenn es Streit gibt, dann darüber, ob wir in der Küche geöltes Parkett verlegen sollten. Ansonsten ist es ein Leben in Technicolor, so kommt es mir in der Rückschau vor. Wir sind Familie »Sonnenschein«, so haben unsere Mütter uns genannt, so rufen wir auch unseren Sohn. Auch die zweite Schwangerschaft ist geplant, es wird ein Mädchen.
Beim Routine-Ultraschall stutzt die Gynäkologin Stefanie Hamm. Sie sieht »sehr viel Blut im Hirn. Sie fahren jetzt in die Uniklinik.« Ich rufe Harry an, er bringt mich mit einem Taxi ins Krankenhaus, äußerlich bleiben wir beide ruhig. Die Arzthelferin wird später sagen: »Sie wirkten so gefasst, Sie haben gar nicht geweint.« Ich erlebe das Geschehen um mich herum wie durch eine Wand, als beträfe es mich nicht, starr vor Schock. Durch die innere Stille dringt nicht der Taxifunk, nicht das Zufallen der Autotür, als wir im Krankenhaus ankommen. Ich höre nur mein eigenes Stoßgebet: Es wird alles gut gehen, es ist immer alles gut gegangen, es muss, es darf nichts Schlimmes sein. Ich werde erst fünf Tage später wieder nach Hause kommen.
In der Uniklinik Köln lege ich mich auf eine Liege, darum im Halbdunkel etwa 15 Personen: der Leiter der Kinderklinik, Oberärzte, Assistenzärzte. Ich halte die Hand meines Mannes, als mir jemand kaltes Ultraschall-Gel auf den Bauch spritzt und die Bilder von dem Baby in meinem Bauch auf dem Monitor aufflackern. Blau und rot der Blutfluss, zu viel Blau und Rot. Das Bild verschwimmt, mir steigen Tränen in die Augen, ich dränge sie zurück. Jetzt beobachten, begreifen. Die Ärzte beraten sich auf dem Flur. Mein Mann streckt mir ein Brötchen entgegen: »Du musst was essen.« Ich nehme einen Bissen und schmecke nichts. Als wieder alle im Raum sind, erläutert ein Arzt Lottas Befund: »Malformation der Vena Galeni.« Es wird lange dauern, bis wir verstanden haben, was das bedeutet. Auf etwa 1:25.000 wird das Risiko für ein Kind mit Vena-Galeni-Malformation geschätzt, das heißt, in Deutschland werden pro Jahr etwa 27 Babys mit dieser Fehlbildung geboren. Bei vielen bleibt sie bis zur Geburt unentdeckt. Einige haben so einen geringen Schaden, dass er erst auffällt, wenn sie nach dem Robben nicht das Krabbeln lernen. Bei anderen verschlechtert sich der Zustand bald nach der Geburt. Manche sterben.





Frau Roth, vielen Dank für diesen beeindruckenden Artikel. Er ist ungemein wichtig und gut!
Sehr guter und eindrücklicher Artikel. Danke!
Ich hoffe, dass er im Onlineangebot lange und prominent plaziert wird.
Danke für diesen wunderbaren Artikel! Als hätten Sie jedes Wort aus meinem Herzen abgeschrieben..
...und ich habe die ersten 3 ihrer Lebensjahre gebraucht, um zu sehen und zu begreifen, dass die Liste der Dinge, die sie kann viel länger ist, als die Liste ihrer Behinderungen und Beeinträchtigungen. Ich danke Ihnen, Frau Roth, für jedes einzelne Wort Ihres Artikels! Vieles von Ihnen geschilderte haben mein Mann und ich sehr ähnlich erlebt und Ihre "Gebrauchsanweisung" sollte zur Allgemeinbildung zählen! Ich habe mich beim Lesen des Artikels dauernd dabei ertappt, dass ich laut zu mir "Ja", "Genau" und "Stimmt" sagte. Mittlerweile ist unsere Tochter fast 15 und das kleine Gedicht, welches ich vor vielen Jahren schrieb, kam und kommt immer noch aus tiefstem Herzen:
Warum bist Du
so wie Du bist
und
das
gerade bei uns?
Wir haben lange
nach einer
Erklärung
gesucht und haben sie jetzt
gefunden:
Du hast Dir
uns
ausgesucht
weil
Du so bist
wie Du bist!
http://www.handicap-essen...
Die Autorin gehört hier nicht nur für Ihre Leistung als Mutter gelobt, sondern auch für eine wunderbare, sensible Berichterstattung, die es vermochte mich an einigen Stellen zu Tränen zu rühren. Danke für diesen Denkanstoß.
Dass das Leben mit einem behinderten Kind schwer ist und dennoch reich machen kann, haben Sie auf sehr anrührende Weise gezeigt.
Frau Roth, vielen Dank für diesen Artikel! Vor allem möchte ich Ihnen meine Bewunderung aussprechen, für Ihren Mut, Ihr Durchhaltevermögen und Ihre Mutterliebe - es sollte mehr Menschen geben wie Sie, die Leben (egal in welchem Stadium) als das sehen, was es ist: lebenswert.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie, vor allem Lotta nur das Beste für die Zukunft!
Ich habe zum Thema behinderte Kinder noch nichts gelesen, was gleichermaßen bewegend, kritisch, informativ und affirmativ ist.
Ihnen alles Gute.
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