Mit einem satten Klatschen lässt Nummer 422 hinten im Stall gerade einen fallen. Der Fladen pladdert braungrün und dampfend auf den Boden. Unterdessen randaliert Nummer 270. Wie so oft. Mit Wucht scheppert sie ihren mächtigen Kopf durch die Klappe zum Futtertrog und wühlt mit dem Maul im Fressen herum, schnaubt und schmatzt.

Claudia Verhülsdonk muss schon gar nicht mehr hinsehen, um zu wissen, wer diesen Krach veranstaltet. Die Referentin für Rinderhaltung am Haus Riswick im nordrhein-westfälischen Kleve kennt ihre Pappenheimer. "Das ist Juxe", sagt sie. Juxe frisst, rülpst und furzt im Dienste der Wissenschaft. Wie ihre anderen 143 Artgenossinnen auch. Denn was auf den ersten Blick wie ein zwar moderner, aber doch normaler Laufstall für Kühe aussieht, ist in Wahrheit ein mit sensiblen Messvorrichtungen ausgestatteter Forschungsraum.

Indiz dafür sind die dünnen Schläuche an der Decke des Stalls. Durch sie saugen vier kleine Pumpen in einem Nebengebäude die nach Urin und Kot stinkende Luft aus dem Stall. Alle 60 Sekunden zeichnet ein angeschlossener Messapparat die Daten auf. Sie sollen Aufschluss über die Konzentration klimarelevanter und umwelttoxischer Gase in der Stallluft geben, die die Kühe im Laufe ihres Aufenthalts aus den verschiedenen Körperöffnungen so von sich geben. "Das ist praxisbezogene Forschung. Zum ersten Mal finden solche Messungen unter realen Haltungsbedingungen statt", sagt Professor Wolfgang Büscher vom Institut für Landtechnik der Universität Bonn .

Gemeinsam mit der Doktorandin Inga Schiefler taucht er regelmäßig an dem miefigen Arbeitsplatz im Forschungsstall auf. Hier wollen die Wissenschaftler verschiedene Einflussfaktoren auf den Methanausstoß beim Milchvieh untersuchen. Das klimaschädliche Gas produzieren Bakterien im Pansen der Wiederkäuer, wenn sie die gefressene Pflanzenmasse aufknacken. Bis zu 14 Millionen Tonnen des klimarelevanten Methans rülpsen die Milch gebenden Vierbeiner in Deutschland jährlich in die Atmosphäre. Zum Vergleich: Die gesamten Methanemissionen betragen in Deutschland laut Umweltbundesamt etwa 950 Millionen Tonnen.

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Seit Ende des vergangenen Jahres zeichnen die Forscher die Daten im Stall in Kleve auf. Dabei sollte in einer ersten Phase festgestellt werden, ob sich die Konzentration der Gase in der Stallluft je nach Haltungsverfahren unterscheidet. Dazu ist der Stall durch Folien dreigeteilt. Je 48 Tiere haben in den einzelnen Segmenten ihr Zuhause. In zwei Stallbereichen koten die Kühe auf einen Spaltenboden, bei dem der Mist direkt in ein Lager unter dem Stall fällt. Die hängen gebliebenen Reste schiebt ein unermüdlicher Roboter in die Ritzen. Im dritten Drittel lassen die Kühe ihre Fladen auf eine plan befestigte Lauffläche klatschen. Dort räumt ein regelmäßig über den Boden fahrender Schieber den Mist auf einen dampfenden Haufen außerhalb des Stalls.

"Die verschiedenen Haltungsverfahren zeigen bislang im Jahresverlauf keine signifikanten Unterschiede in den Emissionen von klimarelevanten Gasen und Ammoniak", sagt Schiefler. Für die Landwirte sind solche Informationen wichtig, um die Emissionen bei der Planung ihrer zukünftigen Stallungen berücksichtigen zu können. Die Standards bei modernen Ställen sind hoch. An den offenen Seiten ermöglicht eine ganze Batterie an Futtertrögen 24 Stunden All-you-can-eat für die Kühe. In der Mitte ist der Ruhe- und Wellnessbereich. Hier liegen die Schwarzbunten auf Matten oder reiben ihre juckenden und von Fliegen umschwirrten Hinterteile an überdimensionierten Bürsten. Das alles kostet die Landwirte eine Menge Geld. Da können Fehler bei der Planung enormen wirtschaftlichen Schaden verursachen.