Vielleicht ist hierzulande kein anderes Kunstwerk so ausführlich erforscht worden wie dieses eine, das wie das Symbolbild unserer schuldenkrisengeplagten Gegenwart wirken muss. Der Arme Poet von Carl Spitzweg – 1839 in Öl gemalt – zählt allerdings schon seit Jahrzehnten in den Umfragen der Meinungsforschungsinstitute zu den beliebtesten Gemälden der Deutschen. Entsprechend große Mühe gab sich die Forschung mit ihm, indem sie viel über das Motiv herausfand: Der mittellose Autor in seiner undichten Dachkammer wurde als der verarmte Münchner Gelegenheitsdichter Mathias Etenhueber (1722 bis 1782) identifiziert. An die Wand hat er das Versschema des Hexameters gemalt. Vor der Matratze soll ein Lehrbuch zum Verfassen lateinischer Verse stehen, und zwischen den Fingern seiner rechten Hand zerknackt der »arme Poet«, so wollen es Fachleute erkannt haben, einen Floh.

Zwei Fassungen des Gemäldes aus dem Jahr 1839 sind bekannt: Eine hängt in der Neuen Pinakothek in München , die andere im Charlottenburger Schloss. Diese allerdings wurde im September 1989 von einem angeblichen Rollstuhlfahrer und seinem Betreuer gestohlen und blieb seitdem verschwunden. Eine weitere, angeblich früher entstandene Fassung hing bis vor einigen Jahren als Leihgabe im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und soll sich heute in Schweizer Privatbesitz befinden.

Am 26. Januar wird Sotheby’s in London nun eine vierte Fassung anbieten, die nach Angaben des Auktionshauses noch nie in einer Ausstellung zu sehen war. Die 32 mal 43 Zentimeter große Ölstudie auf Papier gilt als erste Skizze für die später berühmt gewordenen Leinwandfassungen des Motivs. Siegfried Wichmann, Autor des Spitzweg-Werkverzeichnisses, datiert sie auf 1837. Unterschiede zu den späteren Versionen sind klar zu erkennen. Links vom kalten Kachelofen fehlen der Mantel des Dichters, der Gehstock und die als Brennmaterial gebündelten Zeitungen; an der Wand unter der noch balkenlosen Mansardendecke hängt keine rosafarbene Schlafmaske. Der löchrige Regenschirm ist noch rot, nicht grau. Auch die Perspektive veränderte Carl Spitzweg noch einmal: Gab er den grünen Ofen zunächst seitlich aus Augenhöhe wieder, so entschied er sich zwei Jahre später für eine leichte Aufsicht. Die erhöhte Position des Betrachters ermöglicht nicht nur atmosphärische Schattenwürfe, sie lässt das gesamte Bild auch plastischer wirken.

Fast 85 Jahre lang hat sich dieser erste Arme Poet im Besitz derselben Familie befunden. Die Geschichte des Bildes ist auch ein Kapitel deutscher Zeitgeschichte – denn die Sammlung Berolzheimer sorgt bereits seit einigen Jahren für Aufsehen. Für Kunstmarkt und Kunstgeschichte war es eine Sensation, als die auf Altmeisterzeichnungen spezialisierte Münchner Galerie Arnoldi-Livie vor knapp einem Jahr beim Pariser Salon du Dessin ein ganzes Konvolut von Blättern aus einer ehemals deutschen Privatsammlung präsentierte. Die Zeichnungen des Leonardo-Zeitgenossen Bernardino Lanino, der Landschaftsmaler Johann Georg Dillis, Carl Rottmann und Joseph Anton Koch und des Spätromantikers Moritz von Schwind, die ein eigener Katalog dokumentierte, hatten bis 1938 dem jüdischen Sammler Michael Berolzheimer aus Untergrainau bei Garmisch-Partenkirchen gehört. Als ihm die NS-Behörden 1938 – gegen Bezahlung einer sogenannten »Sühneleistung« von 80.000 Reichsmark – die Erlaubnis erteilten, in die USA zu emigrieren, war dies an eine Bedingung geknüpft: Zwar durfte das Ehepaar mehr als 600 Druckgrafiken mit ins Exil nehmen; die 800 Handzeichnungen aber, die ebenfalls zur Sammlung gehörten, mussten bei seinem Stiefsohn Waldemar Schweisheimer bleiben – der große Teile davon im März 1939 unter dem Druck der Nazis im Münchner Auktionshaus Weinmüller versteigern lassen musste. 22 Blätter, die die Wiener Albertina dort ersteigert hatte, musste das Grafikmuseum 2010 an die Berolzheimer-Erben restituieren; der österreichische Rückgabebeirat hatte entsprechend entschieden, das Kulturministerium war gefolgt. Hunderte weitere Zeichnungen, die 1938 in Deutschland zurückbleiben mussten, fehlen dagegen bis heute.

Spitzwegs Armer Poet nahm einen anderen Weg. Über Michael Berolzheimers Witwe Melitta fand er in die Sammlung des Stiefsohnes, der ebenfalls nach New York emigrieren konnte. Seine Erben haben das Bild nun zur Auktion eingeliefert, und Sotheby’s entschied, zum ersten Mal ein Spitzweg-Gemälde, für das andere bislang vor allem in Deutschland einen Markt gesehen haben, in New York anzubieten – und das nicht, wie ebenfalls vorher üblich, in einer Auktion mit Kunst des 19. Jahrhunderts. Der Arme Poet gilt dem Unternehmen als important old master painting und wird am selben Abend aufgerufen wie Lucas Cranachs Lucretia, Peter Paul Rubens’ Anbetung der Könige oder Fra Bartolomeos Darstellung des heiligen Hieronymus. Der im Katalog ausgedruckte Schätzpreis von 60.000 bis 80.000 Dollar für die Spitzweg-Studie dürfte deshalb vor allem dem Eigenmarketing von Sotheby’s dienen: Er wird bei Weitem überschritten werden.