Sachbuch Sein Superrätsel
Der Harvard-Historiker Niall Ferguson versucht zu erklären, warum der Westen so unschlagbar ist – und schafft es nicht.
© Fox Photos

US-amerikanische Soldaten in London um 1942
Der »Aufstieg des Westens«, meint Niall Ferguson, sei »das vielleicht schwierigste Rätsel, das die Historiker zu lösen haben«. Alle Versuche, das versteht man, sind bisher gescheitert. Was aber, wenn doch jemand daherkäme und es löste? Die Historie hätte ihren Terminator gefunden, die Sphinx stürzte sich verzweifelt von ihrem Felsen. Tausende würden dem nun geheimnis- und reizlos gewordenen Gewerbe des Historikers schleunigst den Rücken kehren. Da Ferguson keinen Zweifel daran lässt, dass er selbst das Rätsel aller Rätsel geknackt hat, steht man schaudernd vor diesem Buch. Ist dieser Harvard-Professor der Vollender und zugleich Totengräber aller Geschichtswissenschaft? In einer Fußnote nennt der Wirtschaftsexperte seine – erstaunlich englische – Auswahl der unvergänglichen Texte der abendländischen Tradition: die (King-James-)Bibel sowie Werke von William Shakespeare, Isaac Newton, John Locke, Adam Smith, Edmund Burke und Charles Darwin. Kein Historiker ist in diesem Pantheon vertreten; nur wer das tiefste aller Rätsel löst, wird den leeren Platz einnehmen dürfen.
Nun verbirgt sich hinter dem Problem, warum der Westen so erfolgreich »aufgestiegen« sei, ein zweites, kaum weniger interessantes: Warum hat dies, wenn Ferguson recht hat, noch niemand erklären können? Denn seit dem späten 18. Jahrhundert haben sich viele Denker darüber den Kopf zerbrochen, weshalb zumindest Westeuropa der übrigen Welt an Reichtum vorauseile und warum es militärisch in Übersee (nahezu) unbesiegbar sei. 1785 sah der Göttinger Historiker und Staatswissenschaftler August Ludwig Schlözer die Hauptursache im »Erfindungsgeist« der Europäer. Sie hätten »Compaß, Pulver, Papir und Druckerei, Brillen, Uhren und Posten« zur Perfektion gebracht. »Mit Hülfe jener Erfindungen«, so der nüchterne Aufklärer, »entdeckten wir drei neue Welten und unterjochten, plünderten, cultivirten oder verwüsteten sie«. Seither hat das Problem von Europas Sonderrolle in der Geschichte vor allem die Wirtschaftshistoriker nicht losgelassen. Eine ganze Wissenschaft, die Soziologie, befasst sich seit ihren Anfängen mit der Frage nach den Entstehungsbedingungen der spezifisch europäischen, dann nach Nordamerika exportierten »Moderne«. Globalhistoriker versuchen neuerdings, die Industrialisierung im weltweiten Vergleich zu interpretieren. All das beeindruckt Ferguson wenig.
Wenn er in der schimmernden Rüstung des erlösenden Schwanenritters auftritt und die gesamte bisherige Diskussion vom Tisch wischt, dann gibt es drei Möglichkeiten: Er kennt seine Vorgänger nicht, er hält sie für Dummköpfe, oder man redet über unterschiedliche Dinge. Die erste Möglichkeit wird man diesem blitzschnell arbeitenden, gut informierten Autor nicht unterstellen wollen. Die zweite trifft durchaus zu. Dort, wo er sich überhaupt um frühere Beiträge zu seinem Thema schert, urteilt er schneidend und ungerecht: David Landes, der Verfasser von Wohlstand und Armut der Nationen (1999), dem Fergusons Argumentation manches verdankt, wird mit einer Nebenbemerkung abgespeist, der heute viel diskutierte Kenneth Pomeranz brüsk korrigiert. Den »Klassikern« ergeht es nicht besser. Karl Marx, »ein unangenehmer Mensch, ein ungepflegter Schnorrer«, sieht sich polemisch demontiert, Max Weber wieder einmal auf seine Protestantismusthese reduziert, als hätte er keine viel umfassendere Theorie der okzidentalen Rationalisierung entwickelt.
Jürgen Osterhammmel, vielfach ausgezeichneter Historiker, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Konstanz. Zuletzt erschien von ihm: »Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts«, Verlag C. H. Beck, München 2009
Auch die dritte Vermutung trifft zu: Man redet aneinander vorbei. Frühere Autoren gaben sich viel Mühe, zu definieren, was sie erklären wollten: warum nur die Europäer überseeische Kolonialreiche gründeten; warum die Industrialisierung der Welt in England begann und nicht etwa in Frankreich oder in der Gegend um Nanjing und Shanghai; warum sich im Laufe der Neuzeit eine Wohlstandsschere zwischen den reichsten Gegenden Europas und Asiens öffnete; warum Europäer und Nordamerikaner zwischen etwa 1800 und 1950 (nahezu) jeden Krieg gegen Asiaten und Afrikaner gewannen; warum Elemente der europäischen Kultur, vor allem Konsummuster, freiwillig, also ohne imperialen Zwang, in vielen Teilen der Welt zunächst von Eliten und später auch von einem Massenpublikum übernommen wurden; warum im Westen entstandene Normen wie Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte universalen Anklang gefunden haben.
Ferguson verklumpt solche Fragen zu seinem allumfassenden Superrätsel: Warum ist »der Westen« mehrere Jahrhunderte lang und bis an die Schwelle zur Gegenwart dem »Rest« der Welt in jeder nur denkbaren Hinsicht (allein eine biologisch-rassistische Argumentation wird selbstverständlich vermieden) überlegen gewesen, warum war er die Quelle alles Guten in der Welt? Materieller Fortschritt, Europas Überschuss an »intellektueller Leistungsfähigkeit« (im Original prägnanter: brainpower) und moralisch-normative Höherwertigkeit gehen Hand in Hand. »Zivilisation« existiert nur im Singular. »Der Westen« ist dabei eine Art von rückwärts projizierter Nato plus Israel, minus Türkei (die heute durch Islamismus und eine »neo-osmanische Außenpolitik« vom Westen wegdrifte). Zuweilen scheint für Ferguson – wie für sein Idol Winston Churchill – »die Zivilisation« mit den English-speaking peoples identisch zu sein. Süd- und Südosteuropa zählen kaum, Lateinamerika, kulturell in vieler Hinsicht Europa sehr nahe, kommt nur ganz am Rande vor. Alles Islamische erscheint als aggressiver Anti-Westen, die indische Geschichte als eine des permanenten Versagens. Stets werden Unterschiede dramatisiert, Ähnlichkeiten heruntergespielt. Wer, wie Japan von 1868 an, vom Westen zu lernen versuchte, wird der Lächerlichkeit preisgegeben: »Da die Japaner keine Ahnung hatten, welche Elemente der westlichen Kultur und welche Institutionen die entscheidenden waren, entschlossen sie sich, einfach alles zu kopieren.«
- Datum 16.01.2012 - 19:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.1.2012 Nr. 03
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Der Westen betreibt dieses System und beutet die restliche Welt auf, das ist der ganze Aufstieg!
im Rest der Welt aufnehmen?
Warum?
Womit könnten wir einem atomar bewaffnetem Rest der Welt denn ernsthaft drohen?
... haben in einem Satz die komplette Wahrheit genannt und damit mehr Wissen an den Tag gelegt, als all die Harvard Historiker. Und das meine ich völlie ironiefrei.
Wobei ich nicht ausschließe, dass die Harvard Historiker sehr wohl wissen wo der Hase begraben ist, aber nicht Willens sind die Weltöffentlichkeit aufzuklären.
im Rest der Welt aufnehmen?
Warum?
Womit könnten wir einem atomar bewaffnetem Rest der Welt denn ernsthaft drohen?
... haben in einem Satz die komplette Wahrheit genannt und damit mehr Wissen an den Tag gelegt, als all die Harvard Historiker. Und das meine ich völlie ironiefrei.
Wobei ich nicht ausschließe, dass die Harvard Historiker sehr wohl wissen wo der Hase begraben ist, aber nicht Willens sind die Weltöffentlichkeit aufzuklären.
Wie wäre es einfach mit der Aufklärung? ''Der Westen'' hat einfach recht lange recht viele Menschen gehabt, die an die Macht der Vernunft geglaubt haben. Diese konnten auf die bereits ältere wissenschaftliche Methodik zurück greifen, diese weiter entwickeln und einen geordneten mit einander kommunizierenden Wissenschaftsbetrieb auf die Beine stellen.
Der Fortschritt wird im Wesentlichen durch Naturwissenschaften möglich.
Moin,
denk ich an die naturwissenschaftliche Bildung des Otto Normalverbrauchers in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht...
SCNR
Moin,
denk ich an die naturwissenschaftliche Bildung des Otto Normalverbrauchers in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht...
SCNR
von Jared Diamond
http://www.youtube.com/wa...
Viel Vergnügen
Extrem detailliert und nahezu zwingend hergeleitet:
http://de.wikipedia.org/w...
Natürlich werden auch hier nur begünstigende Faktoren angeführt, die in ihrer Summe aber zumindest die Richtung determinieren...
Extrem detailliert und nahezu zwingend hergeleitet:
http://de.wikipedia.org/w...
Natürlich werden auch hier nur begünstigende Faktoren angeführt, die in ihrer Summe aber zumindest die Richtung determinieren...
Also die Antwort ist doch wirklich einfach! :-)
Es ist das "Ich", das Ego, welches die Bewohner (West-)Europas gegenüber allen anderen Gegenden der Welt auszeichnet(e). Es ist diese spezielle Form des (übersteigerten) Individualismus, welches es ein paar Abenteurern erlaubte ganze Zivilisationen zu erobern und zu zerstören. Die es einem kleinen Landstrich am Meer erlaubte eine Weltmacht auf auf den Meeren zu werden. Ich spreche von Holland.
Es ist dieser Individualismus der Menschen zu fanatischen Erfindern und Künstlern machte. Die Ursprünge liegen in der Philosophie der Antike, und auch im Christentum, welches die Seele, und damit das Ich in das Zentrum von allem setzten.
Dieses "Ich" ist der Kristallisationspunkt von dem was folgen sollte.
Daneben gibt es natürlich Klima und Geografie etc.
Die Kleinteiligkeit des Kontinents beförderte z.B. einen evolutionären Wettstreit. Vor allem auch in der Kriegskunst.
Und war der Prozess erstmal angestoßen, konnte er sich auf all den bekannten Ebenen entwickeln. Wenn man so will ein sich selbstorganisierender evolutionärer Prozess, in dem verschiedene Teilbereiche sich gegenseitig verstärkten.
Wissenschaft-Ökonomie-Militär.
Aber die Wurzel von allem ist die "Erfindung" des "Ichs".
Zitat: „ Es ist das "Ich", das Ego, welches die Bewohner (West-)Europas gegenüber allen anderen Gegenden der Welt auszeichnet(e)….etc
Da ist viel dran. Aber abgesehen davon, dass dieses ICH erst vor wenigen Jahrzehnten seine wirkliche Explosion erlebt hat, wäre es wirkungslos ohne den spezifischen Stellenwert des Rationalen in der westlichen Welt. Schon der griechische Begriff „Kosmos“ bedeutet nicht nur Weltall, sondern auch Ordnung (und außerdem: Schmuck!)darin manifestiert sich das in die Sprache eingebaute Vertrauen in die vernünftige (und schöne) Ordnung der gesamten Welt (nebenbei: nur dann lohnt sich die Suche nach Weisheit = Philosophie, wenn die Welt gut geordnet ist, und nicht sinnloses Zufallsergebnis).
Die Christen haben das im Zuge der Hellenisierung der christlichen Lehre übernommen, auch der mittelalterliche Denker hält bereits die Schöpfung für rational geordnet und daher rational erfassbar.
Schließlich kann nur das, was eine rationale Struktur hat, rational erkannt werden.
Der Westen hat herausgebracht, dass bestimmte Aspekte der Wirklichkeit durch Logik und Zweck-Mittel-Denken manipulierbar sind, und dazu Techniken entwickelt.
Dass dies nicht die gesamte Wirklichkeit beschreibt, und dass eben dies auch ein Grund für diverse zu befürchtende Katastrophen ist, steht auf einem anderen, allerdings ziemlich großen Blatt.
Ja schon richtig, nichts destotrotz ist/war die Hauptkillerapplikation des Westens der unbedingte Wille zur gesellschaftlichen wie persönlich-individuellen (Unwelt-)Autonomie. Beispiel: In zB. Papua-Neuguinea passen sich die dort lebenden Menschen perfekt der Umwelt/Natur an. In zB. den USA passen die Menschen die Natur/Umwelt perfekt an sich an. "Mache dir die Erde untertan." Soll heissen: Pass die Umwelt deinen Bedürfnissen an. Sprich: "Bau dir ein Haus, fälle Holz und baue Feldfrüchte im Sommer an, damit du im Winter nicht frieren und hungern musst." Handele also antizyklisch, denn antizyklisches Verhalten macht dich AUTONOM!!! von deiner Umwelt, bzw. von der Natur. Das hat "der Westen" am Besten von allen Weltregionen internalisiert und daher ist/war er auch am erfolgreichsten. Das birgt letztendlich den Unterschied zwischen Arm und Reich. Wer arm ist, der ist auch meist abhängig, wer reich ist allermeist autonom und frei. Im Übrigen kann auch Bildung unabhängig und frei machen. Das erkennen gerade die Asiaten am allermeisten.
Zitat: „ Es ist das "Ich", das Ego, welches die Bewohner (West-)Europas gegenüber allen anderen Gegenden der Welt auszeichnet(e)….etc
Da ist viel dran. Aber abgesehen davon, dass dieses ICH erst vor wenigen Jahrzehnten seine wirkliche Explosion erlebt hat, wäre es wirkungslos ohne den spezifischen Stellenwert des Rationalen in der westlichen Welt. Schon der griechische Begriff „Kosmos“ bedeutet nicht nur Weltall, sondern auch Ordnung (und außerdem: Schmuck!)darin manifestiert sich das in die Sprache eingebaute Vertrauen in die vernünftige (und schöne) Ordnung der gesamten Welt (nebenbei: nur dann lohnt sich die Suche nach Weisheit = Philosophie, wenn die Welt gut geordnet ist, und nicht sinnloses Zufallsergebnis).
Die Christen haben das im Zuge der Hellenisierung der christlichen Lehre übernommen, auch der mittelalterliche Denker hält bereits die Schöpfung für rational geordnet und daher rational erfassbar.
Schließlich kann nur das, was eine rationale Struktur hat, rational erkannt werden.
Der Westen hat herausgebracht, dass bestimmte Aspekte der Wirklichkeit durch Logik und Zweck-Mittel-Denken manipulierbar sind, und dazu Techniken entwickelt.
Dass dies nicht die gesamte Wirklichkeit beschreibt, und dass eben dies auch ein Grund für diverse zu befürchtende Katastrophen ist, steht auf einem anderen, allerdings ziemlich großen Blatt.
Ja schon richtig, nichts destotrotz ist/war die Hauptkillerapplikation des Westens der unbedingte Wille zur gesellschaftlichen wie persönlich-individuellen (Unwelt-)Autonomie. Beispiel: In zB. Papua-Neuguinea passen sich die dort lebenden Menschen perfekt der Umwelt/Natur an. In zB. den USA passen die Menschen die Natur/Umwelt perfekt an sich an. "Mache dir die Erde untertan." Soll heissen: Pass die Umwelt deinen Bedürfnissen an. Sprich: "Bau dir ein Haus, fälle Holz und baue Feldfrüchte im Sommer an, damit du im Winter nicht frieren und hungern musst." Handele also antizyklisch, denn antizyklisches Verhalten macht dich AUTONOM!!! von deiner Umwelt, bzw. von der Natur. Das hat "der Westen" am Besten von allen Weltregionen internalisiert und daher ist/war er auch am erfolgreichsten. Das birgt letztendlich den Unterschied zwischen Arm und Reich. Wer arm ist, der ist auch meist abhängig, wer reich ist allermeist autonom und frei. Im Übrigen kann auch Bildung unabhängig und frei machen. Das erkennen gerade die Asiaten am allermeisten.
Moin,
die z.T. steilen Thesen kann man schon ein ganze Weile unter:
http://documentaryheaven....
oder:
http://topdocumentaryfilm...
ansehen.
Als Lesestoff würde ich Ian Morris empfehlen:
z.B.: http://tinyurl.com/7sur53x
Rezension: http://tinyurl.com/7svaznf
CU
Wer die " Verwandlung der Welt - eine Geschichte des 19. Jahrhunderts" von Jürgen Osterhammel gelesen hat, weiß, dass Osterhammels Kritik an Ferguson nicht ganz unberechtigt ist.
Für mich war die Lektüre von Niall Fergusons Traktat über den Aufstieg des Westens ebenfalls weder ein intellektuelles Feuerwerk, noch ein großes Lesevergnügen.
Zu oft klingt bei Ferguson ein nostalgisches "Rule, Brittania!" zwischen den Zeilen hindurch.
Moin,
denk ich an die naturwissenschaftliche Bildung des Otto Normalverbrauchers in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht...
SCNR
es verstehen und weiter selber forschen können muss?
Autofahren, Senseo-Automaten kaufen und telefonanieren schafft er schon. Heine zitieren manchmal auch.
es verstehen und weiter selber forschen können muss?
Autofahren, Senseo-Automaten kaufen und telefonanieren schafft er schon. Heine zitieren manchmal auch.
Was ist arm was ist reich, ist man reich weil man z.B. ein Smartphone neuester Generation hat? Ist auch nur ein blinkender Block wo man mit seinen Fingern rumtatschen kann. Vielleicht sind wir mit unserem technologischen Fortschritt am Ende ärmer als vielleicht ein einfaches Volk im Urwald oder die Höhlenmenschen vor Tausenden Jahren, weil wir was ganz anders verloren haben...
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