Ludwig Windthorst (links) 1889 steht mit dem damaligen Finanzminister von Preußen, Johannes von Miquel, im alten Berliner Reichstag.

Anfang Dezember 1874 kommt es im provisorischen Berliner Reichstagsgebäude in der Leipziger Straße zu einem Tumult, wie ihn das Parlament noch nicht erlebt hat. Reichskanzler Otto von Bismarck ist im Juli desselben Jahres während seiner Kur in Bad Kissingen von einem katholischen Böttchergesellen angegriffen und leicht verletzt worden – jetzt beschuldigt er das Zentrum, die Partei der Katholiken, hinter dem Anschlag zu stecken. »Ja, meine Herren«, ruft er, an die Mitglieder der Fraktion gewandt, aus, »verstoßen Sie den Mann, wie Sie wollen! Er hängt sich doch an Ihre Rockschöße!« Die Abgeordneten springen von ihren Sitzen auf, Pfuirufe gellen durch den Saal.

Als sich der Sturm endlich gelegt hat, erhebt sich Ludwig Windthorst , der Sprecher des Zentrums, und weist den Vorredner in ruhigem Ton zurecht. Gewiss, das Attentat sei schändlich, aber ebenso schändlich sei der Versuch, es dem Zentrum anlasten zu wollen. Im Übrigen sei es nicht Aufgabe seiner Partei, »die Schleppe des Herrn Staatskanzlers zu tragen«, und sie werde sich auch künftig nicht davon abbringen lassen, die Regierung zu kritisieren, wo es nötig sei.

Der Vorfall beleuchtet schlaglichtartig die innenpolitische Szenerie im jungen Kaiserreich, in dem kein anderes Thema die Gemüter so aufgewühlt und das Klima so vergiftet hat wie der von Bismarck vom Zaun gebrochene »Kulturkampf« gegen die Katholiken. Dass Windthorst in diesem Kampf einmal zum Gegenspieler des mächtigen Mannes heranwachsen und zu dem deutschen Politiker werden würde, den Bismarck am meisten fürchtete und hasste, das hätte er sich selbst kaum träumen lassen. Denn bis zur Reichsgründung war Windthorsts Wirken ganz auf das Land Hannover beschränkt geblieben, und daran hätte sich vermutlich auch nichts geändert, wenn Preußen nicht 1866 das welfische Königreich annektiert hätte. Erst dieser Gewaltstreich katapultierte ihn in die nationale Politik.

Geboren wurde Ludwig Windthorst vor genau 200 Jahren, am 17. Januar 1812, auf dem Landgut Kaldenhof bei Osnabrück , wo der Vater, ein Jurist, als Verwalter tätig war. Zum Leidwesen seiner Eltern wies der Säugling einen Makel auf: Der übergroße Kopf stand in auffälligem Kontrast zum winzigen Körper – ein Missverhältnis, das sich nie richtig auswuchs; der spätere Zentrumspolitiker maß nur ein Meter fünfzig. Zur kleinen Gestalt kam eine extreme Kurzsichtigkeit. Im Alter war Windthorst nahezu blind.

Doch von früh auf ist der begabte Knabe bemüht, die körperlichen Nachteile durch besondere geistige Leistungen auszugleichen. Seinen Mitschülern auf dem katholischen Gymnasium Carolinum in Osnabrück eilt er weit voraus. Als einer von ihnen ihn einmal hänselt: »Knirps! Wenn ich wollte, könnte ich dich in meine Tasche stecken!«, erhält er prompt zur Antwort: »Du solltest mich besser in deinen Kopf stecken, dann hättest du wenigstens etwas drin!«

1830 macht der Klassenprimus sein Abitur und beginnt ein Jurastudium in Göttingen, das er 1834 abschließt. Während des Referendariats in Osnabrück verliebt er sich heftig in Julie Engelen, Tochter eines Gutsbesitzers, die seinem hartnäckigen Werben schließlich nachgibt. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor, zwei Töchter und zwei Söhne, von denen allerdings drei in jungen Jahren sterben.

Nicht nur für Katholiken fordert er gleiches Recht, sondern auch für Juden

Bald zählt Windthorst zu den bekanntesten Anwälten der Stadt. 1848 – da ist er gerade 36 – wird er Richter am Oberappellationsgericht in Celle, dem höchsten Gerichtshofs des Königreichs Hannover. Im Jahr darauf zieht Windthorst als Abgeordneter in die Zweite Kammer der Hannoverschen Ständeversammlung ein. Auch hier macht er durch Talent und Fleiß auf sich aufmerksam. Nach nur zwei Jahren wählt ihn die Kammer zu ihrem Präsidenten, und im November 1851 beruft ihn König Georg V. zum Justizminister. Es ist das erste Mal, dass ein Katholik im Königreich in ein so hohes Amt gelangt. Für Johann Carl Bertram Stüve, der bis Oktober 1850 das liberale »Märzministerium« in Hannover geleitet hat, erweist sich der Osnabrücker als der fähigste Kopf im Kabinett: »Ein echter Jesuit [...], schlau, unverschämt, wenn’s sein muß: er wird die übrigen einsacken.«