Deutsches KaiserreichDie Kleine Exzellenz

Von Bismarck gehasst, von Deutschlands Katholiken verehrt: Ludwig Windthorst, legendärer Gründervater der Zentrumspartei, war einer der ganz großen Parlamentarier der deutschen Geschichte. von 

Ludwig Windthorst (links) 1889 steht mit dem damaligen Finanzminister von Preußen, Johannes von Miquel, im alten Berliner Reichstag.

Ludwig Windthorst (links) 1889 steht mit dem damaligen Finanzminister von Preußen, Johannes von Miquel, im alten Berliner Reichstag.  |  © Wikimedia Commons

Anfang Dezember 1874 kommt es im provisorischen Berliner Reichstagsgebäude in der Leipziger Straße zu einem Tumult, wie ihn das Parlament noch nicht erlebt hat. Reichskanzler Otto von Bismarck ist im Juli desselben Jahres während seiner Kur in Bad Kissingen von einem katholischen Böttchergesellen angegriffen und leicht verletzt worden – jetzt beschuldigt er das Zentrum, die Partei der Katholiken, hinter dem Anschlag zu stecken. »Ja, meine Herren«, ruft er, an die Mitglieder der Fraktion gewandt, aus, »verstoßen Sie den Mann, wie Sie wollen! Er hängt sich doch an Ihre Rockschöße!« Die Abgeordneten springen von ihren Sitzen auf, Pfuirufe gellen durch den Saal.

Als sich der Sturm endlich gelegt hat, erhebt sich Ludwig Windthorst , der Sprecher des Zentrums, und weist den Vorredner in ruhigem Ton zurecht. Gewiss, das Attentat sei schändlich, aber ebenso schändlich sei der Versuch, es dem Zentrum anlasten zu wollen. Im Übrigen sei es nicht Aufgabe seiner Partei, »die Schleppe des Herrn Staatskanzlers zu tragen«, und sie werde sich auch künftig nicht davon abbringen lassen, die Regierung zu kritisieren, wo es nötig sei.

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Der Vorfall beleuchtet schlaglichtartig die innenpolitische Szenerie im jungen Kaiserreich, in dem kein anderes Thema die Gemüter so aufgewühlt und das Klima so vergiftet hat wie der von Bismarck vom Zaun gebrochene »Kulturkampf« gegen die Katholiken. Dass Windthorst in diesem Kampf einmal zum Gegenspieler des mächtigen Mannes heranwachsen und zu dem deutschen Politiker werden würde, den Bismarck am meisten fürchtete und hasste, das hätte er sich selbst kaum träumen lassen. Denn bis zur Reichsgründung war Windthorsts Wirken ganz auf das Land Hannover beschränkt geblieben, und daran hätte sich vermutlich auch nichts geändert, wenn Preußen nicht 1866 das welfische Königreich annektiert hätte. Erst dieser Gewaltstreich katapultierte ihn in die nationale Politik.

Geboren wurde Ludwig Windthorst vor genau 200 Jahren, am 17. Januar 1812, auf dem Landgut Kaldenhof bei Osnabrück , wo der Vater, ein Jurist, als Verwalter tätig war. Zum Leidwesen seiner Eltern wies der Säugling einen Makel auf: Der übergroße Kopf stand in auffälligem Kontrast zum winzigen Körper – ein Missverhältnis, das sich nie richtig auswuchs; der spätere Zentrumspolitiker maß nur ein Meter fünfzig. Zur kleinen Gestalt kam eine extreme Kurzsichtigkeit. Im Alter war Windthorst nahezu blind.

Doch von früh auf ist der begabte Knabe bemüht, die körperlichen Nachteile durch besondere geistige Leistungen auszugleichen. Seinen Mitschülern auf dem katholischen Gymnasium Carolinum in Osnabrück eilt er weit voraus. Als einer von ihnen ihn einmal hänselt: »Knirps! Wenn ich wollte, könnte ich dich in meine Tasche stecken!«, erhält er prompt zur Antwort: »Du solltest mich besser in deinen Kopf stecken, dann hättest du wenigstens etwas drin!«

1830 macht der Klassenprimus sein Abitur und beginnt ein Jurastudium in Göttingen, das er 1834 abschließt. Während des Referendariats in Osnabrück verliebt er sich heftig in Julie Engelen, Tochter eines Gutsbesitzers, die seinem hartnäckigen Werben schließlich nachgibt. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor, zwei Töchter und zwei Söhne, von denen allerdings drei in jungen Jahren sterben.

Nicht nur für Katholiken fordert er gleiches Recht, sondern auch für Juden

Bald zählt Windthorst zu den bekanntesten Anwälten der Stadt. 1848 – da ist er gerade 36 – wird er Richter am Oberappellationsgericht in Celle, dem höchsten Gerichtshofs des Königreichs Hannover. Im Jahr darauf zieht Windthorst als Abgeordneter in die Zweite Kammer der Hannoverschen Ständeversammlung ein. Auch hier macht er durch Talent und Fleiß auf sich aufmerksam. Nach nur zwei Jahren wählt ihn die Kammer zu ihrem Präsidenten, und im November 1851 beruft ihn König Georg V. zum Justizminister. Es ist das erste Mal, dass ein Katholik im Königreich in ein so hohes Amt gelangt. Für Johann Carl Bertram Stüve, der bis Oktober 1850 das liberale »Märzministerium« in Hannover geleitet hat, erweist sich der Osnabrücker als der fähigste Kopf im Kabinett: »Ein echter Jesuit [...], schlau, unverschämt, wenn’s sein muß: er wird die übrigen einsacken.«

Leserkommentare
    • rnr
    • 15. Januar 2012 11:22 Uhr

    »Wer etwas auf sich hält und unabhängig sein will ... nimmt nichts geschenkt.«

    Eine vorbildliche Einstellung - von einem Politiker aus Osnabrück/Hannover! Leider aus einem anderen Jahrhundert.

    6 Leserempfehlungen
  1. mit Ludwig Windthorst zu tun ?

    Können sie diesen Kommentar bitteschön bei geeigneter Stelle hinterlassen?

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    Was das mit Windthorst zu tun gehabt hat? So hat er gedacht und so lebte er. Im Gegensatz zu anderen.

  2. selbstverständlich ;)

  3. Sowohl Windthorst wie auch Bismarck haben Denkmäler verdient.

    Es wird endlich nötig das Deutschland sich wieder erinnert das "Deutsches Reich" nicht immer negativ war und das man eine demokratische tradition hat die nicht erst '45 begann.

    Dazu müsste man allerdings mal aufhören immer wieder das deutsche Kaiserreich als Burtstätte der Nazis zu bezeichnen und vor allem mal das (besonders in Deutschland) gerne gebrachte Kriegsschulddogma für den ersten WK abzulegen und zu hinterfragen.

    Gerade das 19. Jhdt. wird permanent von Nazi-Deutschland danach überschattet, eigentlich eine Schande.

    "Wer den gleichgültigen Umgang unserer Republik mit ihren demokratischen Traditionen kennt, den kann das allerdings kaum verwundern."

    müsste eher heissen:

    "Wer den gleichgültigen Umgang unserer Republik mit ihrer Geschichte kennt, den kann das allerdings kaum verwundern."

    7 Leserempfehlungen
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    • u.t.
    • 15. Januar 2012 12:27 Uhr

    Ich möchte zunächst mal einen längeren historischen Kommentar verhindern, daher nur eine Minimalantwort:

    Bismarck war pures Gift für den deutschen Parlamentarismus! Die Geringschätzung dieses Parlmentarismus und besonders des Liberalismus geht auch auf ihn zurück.

    Man muss ihn nicht verteufeln, aber zu sehr bejubeln würde ich ihn sicher auch nicht.

    "Dazu müsste man allerdings mal aufhören immer wieder das deutsche Kaiserreich als Burtstätte der Nazis zu bezeichnen und vor allem mal das (besonders in Deutschland) gerne gebrachte Kriegsschulddogma für den ersten WK abzulegen und zu hinterfragen."

    Von der Geschichtswissenschaft ist die alleinige Kriegsschuld Deutschlands am 1. WK schon lange als Märchen identifiziert worden. (Auch die Fischer-Kontroverse liegt schon etwa 30 Jahre zurück.)

    Was die Demokratie während des Kaiserreichs angeht haben Sie allerdings recht. Lavinia Anderson hat schon vor langer Zeit festgestellt, dass die öffentliche Beteiligung der Wahlberechtigten im Kaiserreich oftmals wesentlich höher war als z.B. in den "traditionellen" Demokratien USA und Großbritannien. Trotzdem wird es nach wie vor meist vom Nazireich überschattet, übrigens auch die Weimarer Republik.
    Strukturschwächen der WR allein erklären keinen Aufstieg einer Diktatur, was aber oftmals an den Rand gekehrt oder schlicht übersehen wird. Jedenfalls gab es weder vom Kaiserreich, noch von der Weimarer Republik aus einen einzigen roten Faden zum Nazireich, welcher unaufhaltsam dessen Aufstieg zur Folge hatte.

    Zu Windthorst: Eindrucksvoller Mann. Einer der wenigen, die Bismarck die Stirn bieten konnten.

    • achimvr
    • 15. Januar 2012 11:51 Uhr

    nur halb so fähig gewesen wie Windthorst hätten sie 1933 nicht feige dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zugestimmt.
    Das haben nur die Sozialdemokraten getan.

    2 Leserempfehlungen
    • u.t.
    • 15. Januar 2012 12:27 Uhr

    Ich möchte zunächst mal einen längeren historischen Kommentar verhindern, daher nur eine Minimalantwort:

    Bismarck war pures Gift für den deutschen Parlamentarismus! Die Geringschätzung dieses Parlmentarismus und besonders des Liberalismus geht auch auf ihn zurück.

    Man muss ihn nicht verteufeln, aber zu sehr bejubeln würde ich ihn sicher auch nicht.

    Antwort auf "......."
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    Bismarck und windthorst sind meines erachtens die besten Politiker die wir je hatten in Deutschland.

    Bismarck war kein Parlamentarismus-Fan das stimmt sicher, auf der anderen Seite war er es, der das allgemeine Wahlrecht für den Norddeutschen Bund einführte, der das Reich einte und damit erst ein einiges Deutschland ermöglichte.

    Er hatte sicherlich seine Fehler, aber die hatten alle und wenn man ehrlich ist muss man sagen das unter seiner Reichskanzlerschaft das deutsche Reich ein sehr moderner Staat wurde für die damalige Zeit und er auch agil genug war Ideen anderer umzusetzen anstatt sie nur aufgrund ihrer Herkunft abzulehnen, das ist mehr als man von ALLEN heute sagen kann.

    Wie gesagt, für mich sind beide grosse Männer der deutschen staatsgeschichte, wobei ich den Vorzug etwas mehr Bismarck gebe....

    • zelotti
    • 15. Januar 2012 13:25 Uhr

    Der Kulturkampf war richtig, das Deutsche Reich musste die gesellschaftliche Macht des Vatikans in Deutschland brechen.

    4 Leserempfehlungen
  4. Was das mit Windthorst zu tun gehabt hat? So hat er gedacht und so lebte er. Im Gegensatz zu anderen.

    Antwort auf "Was hat das jetzt"
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    hatte sich auf ein Vorgängerposting bezogen das gänzlich off topic war. (Dieser wurde gelöscht)

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