DIE ZEIT: Lucie Veith, Sie vergleichen die Behandlungsmethoden von Medizinern wie Herrn Hiort mit Genitalverstümmelung und Zwangskastration. Wie kommen Sie zu diesem Urteil?

Lucie Veith: Herr Hiort ist ein hervorragender Wissenschaftler und Arzt, an den man sich für eine medizinische Diagnose vertrauensvoll wenden kann. Gleichzeitig vertritt er aber eine Zunft von Medizinern, die systematisch gegen Menschenrechte verstoßen, weil sie unter anderem das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht beachten.

ZEIT: Was werfen Sie ihm und seinen Kollegen konkret vor?

Veith: Sie erklären intersexuelle Menschen wie mich zu Kranken, obwohl wir nicht krank sind. Sie operieren die Genitalien, ohne die Einwilligung der Betroffenen einzuholen, und bringen damit vielfaches Leid über sie. Das meine übrigens nicht nur ich. Auch der UN-Ausschuss gegen Folter, der Frauenrechtsausschuss, der UN-Sozialpaktausschuss sowie Amnesty International haben die Zwangsoperationen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland kritisiert.

Olaf Hiort: Solche Vorwürfe sind für einen Arzt vernichtend. Sie treffen mich hart, denn mein Ziel ist natürlich, Patienten Leid zu ersparen. Ob mir das immer gelingt, weiß ich nicht. Sicher weiß ich jedoch, dass unsachliche Vorwürfe gegen Ärzte den Betroffenen nicht nützen. Dafür ist das Thema medizinisch zu kompliziert und ethisch zu wichtig.

ZEIT: In Kürze wird der Deutsche Ethikrat deshalb seine große Stellungnahme zur Intersexualität abgeben. Herr Hiort, können Sie uns erklären, worum es geht?

Hiort: Kinder werden als Junge oder Mädchen geboren. Doch von dieser Regel kann es Abweichungen geben: auf der Ebene der Chromosomen, der Hormone oder der Genitalien. Solch biologisch bedingte Störungen der Geschlechtsentwicklung...

Veith: ...Computer haben Störungen. Ich bin ein Mensch. Wenn Sie Eltern sagen, dass ihr Kind eine Störung hat, nehmen Sie schon eine Wertung vor. Doch Geschlechtlichkeit ist keine Schublade, in die man passen oder für die man zurechtgeschnippelt werden muss.

ZEIT: Nennen wir es neutral Besonderheiten.

Hiort: Leichte Abweichungen wie eine Hypospadie begegnen uns relativ häufig. Bei einer von 200 Geburten kommt es etwa vor, dass bei Jungen der Ausgang der Harnröhre nicht auf der Penisspitze endet. Beim Ullrich-Turner-Syndrom fehlt jedem zweitausendsten Mädchen das zweite X-Chromosom. Sie sehen völlig weiblich aus, können aber keine Kinder bekommen, da die Eierstöcke nicht vollständig angelegt sind.

ZEIT: Sind das die Menschen, die man früher abwertend Zwitter oder Hermaphroditen nannte?

Hiort: Nein, so bezeichnete man eher Neugeborene, bei denen man das Geschlecht nur schwer bestimmen kann, zum Beispiel weil sie eine auffällig große Klitoris haben beziehungsweise einen sehr kleinen Penis. Ebenso kommt es vor, dass ein Neugeborenes völlig weiblich aussieht, die Ärzte aber gleichzeitig Hoden im Bauch finden. Im Jahr trifft dies in Deutschland auf rund 200 Neugeborene zu. Wie man diese Kinder behandeln soll, darum geht es in unserem Streit.