Martenstein"Mir dürft ihr den Job nicht anbieten. Ich will noch was erreichen"

Harald Martenstein über die Würde des Bundespräsidentenamtes

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Die Aufregung um den Bundespräsidenten halte ich für übertrieben. Thomas Gottschalk ist für die deutsche Identität eindeutig wichtiger als der Bundespräsident, er redet besser, ist politisch unabhängiger, packt mutiger heiße Eisen an und hat auch mehr Nutzwert. Der Rücktritt von Thomas Gottschalk – ein echter Hammer, ein historischer Einschnitt. Falls der Nachfolger von Thomas Gottschalk aber, wie die Bundespräsidenten der letzten Zeit, von Angela Merkel bestimmt werden darf, wandere ich aus. Dann ist dies nicht mehr mein Land.

Ein Bundespräsident hat nichts zu sagen, soll es aber auf möglichst schöne Weise tun. Sie reden immer über »die Würde des Amtes«. Warum? Der Bundespräsident besteht deswegen hauptsächlich aus »Würde«, weil ansonsten nichts los ist mit seinen Kompetenzen. Sie haben ihm erzählt: »Brüderchen, leider hast du nicht viel zu bestimmen, zum Ausgleich darfst du dir Würde nehmen, so viel du haben möchtest. In puncto Würde heißt unser Angebot: All you can eat.« Wenn man eines Tages sagt, ihr dürft Martenstein nicht kritisieren, ihr dürft nicht sagen, wenn er Mist baut, seine Würde als Kolumnist dürft ihr auf keinen Fall verletzen, dann wüsste ich, dass es mit mir in kreativer Hinsicht vorbei ist. Mir dürft ihr den Job gar nicht erst anbieten. Ich will noch was erreichen.

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Wenn ihr meint, okay, die Bundespräsidenten treten neuerdings alle zurück, sie sind alle dem Amt nervlich-moralisch nicht gewachsen, dann nehmt doch den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Der würde selbst im Falle eines von ihm versehentlich ausgelösten Atomkrieges nicht zurücktreten. Er würde sagen: »Ich war bei der Abfeuerung der Atomraketen nicht immer geradlinig.« Angeblich geht es um günstige Zinsen, der Präsident hat einen billigen Kredit bekommen. Gleichzeitig wird gesagt, dass Italien, Griechenland oder Spanien große Probleme damit haben, an billige Kredite heranzukommen. Mit seinem Know-how kann er doch jederzeit Berater der griechischen Regierung werden, und die Griechen lieben uns wieder.

Der Bundespräsident ist ja auch relativ jung. Bei jungen Menschen bin ich zur Nachsicht aufgelegt, in der Jugend macht jeder mal Dummheiten. Guttenberg, Rösler, Frau Schröder, Lindner, die könnten alle Hauptrollen in einer Neuverfilmung des Fliegenden Klassenzimmers übernehmen oder in Harry Potter kehrt zurück. Junge, überehrgeizige Leute gehören eher in Castingshows und nicht so sehr in die Politik. Wer sich noch nicht regelmäßig rasieren muss, darf auch keine Gesetze erlassen: Nehmt diesen Satz in die Verfassung auf, und es gibt keine Politikverdrossenheit mehr.

Er wollte doch gar nicht Bundespräsident werden! Er ist Merkel lästig gewesen, deswegen hat sie ihn auf diese überflüssige Position geschoben. Wenn er nicht brav mitgemacht hätte, dann wäre er jetzt womöglich Krawattenmann des Jahres oder Botschafter in Panama. Fremdsprachen soll er ja können, obwohl, ich habe ihn mal Englisch reden hören. Das geht besser. In seiner Partei waren sie froh, dass er sein vorheriges Amt frei gemacht hat, es war dann frei für, wie hieß er noch, Ron Weasley? Es heißt, er habe sich zu intensiv um seine Freunde gekümmert und sie mit auf Reisen genommen. Ja, ein Präsident, der sich um seine Freunde überhaupt nicht kümmert, das wäre auch wieder moralisch fragwürdig, es ist halt ein schmaler Grat. Wie heißt der Mann überhaupt? Sehen Sie, ich merke mir gar nicht erst die Namen. Insofern geht diese ganze Aufregung an mir vorbei.

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Leserkommentare
    • Buh
    • 16.01.2012 um 16:19 Uhr

    Kritik an der Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten, die Kommentarfunktion ist für eine sachliche und konstruktive Diskussion des Artikelthemas vorgesehen. Danke, die Redaktion/fk.

    Antwort auf "Identität?"
  1. Hallo FrauM ,
    .
    ich denke da ja eher an die Haare auf den Zähnen ...

  2. 27. Mailbox

    Hallo Herr Martenstein,

    Und...hat "Er" schon auf Ihre Mailbox gesprochen?

  3. Ein wirklich guter Kommentar mit Witz und Ironie!

    Danke, es sollte öfter solche Artikel geben!

    ...in ein paar Monaten weiss man nur noch anhand von Wikipedia und dem Nachruf auf der BP-Webseite, daß wer-auch- immer mal Bundespräsident von wann-bis-wann-weiss-ich-auch-nicht gewesen ist....

    Die pseudo-medien-heissen Stories interessiert hier doch nur noch den harten Kern von Wuffs Tierleben wie ein Teddy mit Aufzieh-Knörr-Leine....ich würd das Ding ja nicht mehr anfassen und daran ziehen ;-)

    Antwort auf "weiter so"
  4. bobbycar!!!

    "Wer sich noch nicht regelmäßig rasieren muss, darf auch keine Gesetze erlassen: Nehmt diesen Satz in die Verfassung auf, und es gibt keine Politikverdrossenheit mehr."

    mein satz der woche, schick!!!

    und kandidaten gibts genug für die präsidiale leerstelle:
    schramm, pispers, grebe.... zur not ginge auch schmidt ;)))
    aber bitte nicht den gummibärchenonkel!

  5. Kolumnen sind doch Meinungsbildner erster Güte - kurz und schmierig. Aus der Vogelperspektive wird da mal gesagt, was Moral und Ethik ausmachen. Also, Herr Kolumnist, welch Verantwortung.
    Wulff ist ja nicht so schlimm(, wie sein Name sagt).
    Er bekleidet aber ein Amt und nur das ist von Interesse.
    Die Gesetze einer solchen Regierung durchzuwinken bedarf es schon eines Lammes im Wulffspelz, sonst könnten wir z.B. nicht mehr:
    Anti-Terror-Krieg im Mittelmeer spielen oder
    die Banken aus ihrer Not hebeln, um das liberale Monetariat zu stabilisieren, oder
    den Überhang der CDU genießen oder
    im Südsudan und Darfur mit Waffen Frieden schaffen oder
    Panzer in Krisenregionen liefern oder
    bei Abschiebungen die Augen zu machen oder
    risikofreudig mit CO2 und Atomrestlaufzeiten experimentieren oder oder oder,
    oder ?
    Er wollte doch gar nicht Bundespräsident werden...

  6. Besser konnte bisher niemand meine Gefühle für den inhaltslosesten Posten in diesem unserem Lande und die derzeit eisern darauf sitzende Person ausdrücken, nicht einmal ich selbst...
    Erfreut grüßt
    Elke Führer, Koblenz

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