Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt erklärte der Europäische Gipfel von Göteborg (2001) die Verhinderung gewaltsamer Konflikte zu einer der Hauptaufgaben der Europäischen Union. Seither hat die EU 7,7 Milliarden Euro ausgegeben, um Krisen zu verhindern und Frieden zu konsolidieren (Peacebuilding). Das ist ungefähr ein Zehntel ihrer gesamten auswärtigen Hilfsleistungen. Die Union ist damit der größte »Peacebuilder« der Welt.

Ein kürzlich veröffentlichtes Gutachten kommt zu dem Schluss, dass die EU in verschiedenen Fällen ziemlich gute Arbeit geleistet hat, etwa auf dem Balkan, in China, Nepal oder Zentralasien.

Wenn wir heute auf Europa blicken, können wir uns die Frage stellen, ob eigentlich unsere eigene heimische Friedenszone noch so stabil und verlässlich ist – oder ob wir nicht in Erwägung ziehen sollten, den Auftrag der Friedenskonsolidierung auch auf Staaten innerhalb der EU selbst zu beziehen.

2005 erlebte London den schlimmsten Terroranschlag seiner Geschichte. Der Angriff fiel tödlicher aus als alles, was IRA-Terroristen in den 25 Jahren davor angerichtet hatten. 52 Menschen fanden den Tod, mehr als 700 Menschen wurden schwer verletzt. Tagelange Stille legte sich über die Stadt, und die Menschen fragten sich, ob es noch sicher sei, mit Bus und Bahn zur Arbeit zu fahren. Zwei Wochen später wurden weitere vier Bomben entdeckt, gerade noch rechtzeitig, bevor sie detonieren konnten. In dieser überhitzten Atmosphäre erschoss ein Polizist einen jungen Brasilianer, der nichts mit irgendwelchen Terrorgruppen zu tun hatte. Die Polizei war einfach in Panik geraten.

Der Tod dieses jungen Mannes ließ uns über die Verhältnisse bei uns nachdenken: darüber, weshalb junge britische Muslime ohne Verbindung zur britischen Gesellschaft lebten. Darüber, wie fehlender wirtschaftlicher Erfolg extreme Ideen und schroffe Kritik an der britischen Gesellschaft und der europäischen Moderne hervorbrachte. Und darüber, weshalb eine winzige Minderheit selbst vor Gewalt nicht zurückschreckte. Wir fragten uns, ob nicht friedenskonsolidierende Maßnahmen, mit denen wir in Afrika oder Asien Erfahrungen gemacht hatten, auch für den britischen Fall nützlich sein könnten. War es möglich, dass das, was wir in Beirut, Monrovia oder Kathmandu taten, auch für Bradford, Bristol oder Londons Süden bedeutend sein könnte?

Politik entfernt sich von Gesellschaft

Die Antwort lautete: ja – nicht weil wir im Besitz einer Zauberlehre gewesen wären, sondern weil wir stets damit anfangen, den Grund von Konflikten nüchtern zu analysieren. Seitdem kommen Menschen zusammen, um über die Konflikte zu diskutieren, die heute in der Gesellschaft hochkochen.

Es gibt heute in Europa verschiedene Arten von Entfremdung und Fehlentwicklung. Da war Anders Breiviks monströses Massaker auf der Insel Utøya. Die Unruhen in England vergangenen Sommer oder die Ausschreitungen in Griechenland, Spanien oder Italien wegen der Sparpolitik der jeweiligen Regierung. Diese Atmosphäre der Unzufriedenheit und Gewalt entspringt nicht überall denselben Quellen, denselben sozialen Gruppen, denselben politischen Bedingungen. Aber sie entsteht meist in einer politischen und gesellschaftlichen Landschaft, in der die Menschen wie niemals zuvor Angst haben, nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein. Dieses Gefühl der Abkoppelung hat zum einen wirtschaftliche Ursachen. Zum anderen denken viele, die Politik entferne sich immer stärker von großen Teilen der Gesellschaft, besonders von den Armen und den Jungen. Die ganz normalen Menschen haben den Eindruck, sie müssten für Fehler büßen, die sie selbst nicht begangen haben, während die eigentlich Verantwortlichen in Politik und Finanzwelt glimpflich davonkommen. Manche richten ihre Wut gegen das politische Establishment, manche gegen den Finanzkapitalismus. Wieder andere sehen in Einwanderern ihr Feindbild. Doch selbst wenn sich die Wut auf die falschen Ziele richtet, haben die ihr zugrunde liegenden Gefühle ihre Gründe. Und manchmal wirken sie tödlich.