Fleischskandale: Die Hähnchen hacken zurück
Die Zustände in den Ställen sind skandalös – nicht ein paar Keime im Fleisch.
© Joern Pollex/Getty Images

Hähnchen sitzen in einem Stall eines deutschen Mastbetriebs (Archivfoto).
Glaubt wirklich irgendjemand, dass es möglich ist, mehr als zwanzig Hühner auf einem Quadratmeter Beton zusammenzupferchen und ihnen dabei in den 32 Tagen ihrer Existenz bis zur Schlachtreife auch nur halbwegs akzeptable Lebensbedingungen zu bieten? Dass es gesunde Vertreter einer Spezies geben kann, deren Muskelmasse so schnell zunimmt, dass das Knochengerüst mit seinem Wachstum nicht hinterherkommt? Dass man zwei Drittel aller überhaupt verwendeten Antibiotika in die Fleischproduktion stecken kann, ohne dass ein nennenswerter Teil davon irgendwann in der Umwelt und beim Menschen ankommt?
Wahrscheinlich glaubt das kaum jemand, weshalb »Lebensmittelskandalen« wie der jüngsten Aufregung um resistente Krankheitserreger im Geflügelfleisch etwas Seltsames anhaftet. Hier werden ja keine illegalen Praktiken beleuchtet, sondern nur einzelne Facetten aus dem wohlbekannten Normalvollzug der Fleischproduktion. Und infrage gestellt wird nicht dieser Normalvollzug selbst, sondern die seltsame Lebenskunst, die darin besteht, zwischen den hinreichend bekannten Verhältnissen in den Tierfabriken einerseits und dem Coq au Vin aus der ZEIT-Kantine andererseits keinerlei Zusammenhang zu erkennen – jedenfalls nicht in der halben Stunde, die es braucht, eine solche Mahlzeit zu verzehren.
Längst hat der »Verbraucher« seine eigene Resistenz entwickelt – gegen schlechte Nachrichten aus der Fleischproduktion. Zweifellos wird in den kommenden Wochen der Geflügelkonsum in Deutschland ein wenig zurückgehen. Und ebenso zweifellos wird sich der Verbrauch wenig später wieder »erholen«, wie Branchenvertreter es dann formulieren werden.
Fast scheint es, als gehöre der Lebensmittelskandal zum Ritual des modernen Massentieropfers. Von Zeit zu Zeit erregt man sich über irgendeinen Missstand, um weiter unbeirrt an die prinzipielle Möglichkeit einer anständigen, nachhaltigen Massenhaltung glauben zu können. Wir machen uns, sozusagen, den real existierenden Coq au Vin genießbar, indem wir ihn als Vorläufer eines künftigen, besseren Hähnchens betrachten, das demnächst gewiss auf den Tisch kommen wird, wenn bloß ein paar letzte kleine Herausforderungen der modernen Nutztierhaltung bewältigt sind. Beweist der Skandal nicht, wie scharf wir das Problem im Blick haben? Länger als eine halbe Stunde muss die Illusion ja nicht halten.
Es passt ins Bild, dass Ilse Aigner, »Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz« in dieser Reihenfolge, sogleich ein paar Vorschläge parat hat – als sei sie soeben darauf aufmerksam geworden, dass der Antibiotikaeinsatz in der Fleischwirtschaft möglicherweise ein Problem sein könnte. Auf der Internetseite des Ministeriums wirbt sie derzeit, unter anderem, für gesunde Ernährung und »Bayerischen Schweinsbraten mit Kartoffelknödeln und Biersoß’«.






daß das politische System nichts wirksames getan hat, um die Situation bei der Fleischerzeugung zu entschärfen. Solange jedes Bundesland vor sich hin regieren kann, wird sich auch nichts ändern.
Ich denke, die Konsumenten haben es in der Hand, die unsägliche Geflügelhaltung ins Abseits zu stellen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Preis nach wie vor das Hauptargument für Kauf oder Nichtkauf ist. Im übrigen hat sich in deutschland eine Zuwanderer-Etnie zu einer der Hauptkonsumenten von billigem Geflügelfleisch entwickelt. Diese Gruppe interessiert sich für Diskussionen wie hier im Forum herzlich wenig.
Ich denke, die Konsumenten haben es in der Hand, die unsägliche Geflügelhaltung ins Abseits zu stellen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Preis nach wie vor das Hauptargument für Kauf oder Nichtkauf ist. Im übrigen hat sich in deutschland eine Zuwanderer-Etnie zu einer der Hauptkonsumenten von billigem Geflügelfleisch entwickelt. Diese Gruppe interessiert sich für Diskussionen wie hier im Forum herzlich wenig.
wort für wort. vor allem das mitm fleischkonsum
für diesen Absatz:
"Die Antwort ist, dass jeder das kann und niemand es muss."
Der jetzige Fleischkonsum in dieser Gesellschaft ist so dermaßen daneben. Ich kann nur wahlweise mit dem Kopf schütteln, oder einfach nur lachen, wenn sich jetzt wieder viele Leute über die Art der Fleischerzeugung aufregen, die sie selbst jeden Tag unterstützen.
Bis zum nächsten "Skandal"...
Richtig so. Der Artikel trifft es vollends. Mir gefällt, ebenso wie meinem Vorgänger, besonders der Part zum Konsum an sich. Dieses von Fleischfressern entgegen geworfene "Argument" des sich nicht-leisten-könnens ist überflüssig - denn niemand ist verpflichtet sich Fleischkonsum leisten zu müssen.
Ethisch, ökologisch und auch ökonomisch, sowie gesundheitlich ist ein Verzicht auf diesen Verzehr in jeweils vielfältiger Sicht ein absoluter Gewinn.
Der Verweis auf die politische Klasse zieht hier übrigens auch nicht. Denn selbst wenn Gesetze zu lasch konzipiert sind und solche Verhältnisse erst ermöglichen, so hat ein jeder hier eine absolut direkt Macht: seinen Konsum.
Kauft man diese Scheiße nicht, dann lohnt es sich auch nicht mehr für den Produzenten. Da auf eine Vorgabe der Politik zu warten offenbart das degenerierte Denkmuster der Menschen in ihrer grenzenlosen Unselbstständigkeit.
bedenkliche Produktionsbedingungen reagieren, wenn er sie dann kennen würde. Wenn er den Verzehr aus ideologischen Gründen ablehnt, schadet er auch den Produzenten, die verantwortungsvoll produzieren.
Schon deshalb ist das politische System gezwungen, wirkliche Schutzmaßnahmen für die Bürger zu ergreifen und nicht Schutzmaßhnahmen für verantwortungslos handelnde Unternehmer. In diesem Sinne hatten die Politiker genügen Zeit zum Handeln. Sie haben die Zeit verstreichen lassen. Deshalb sind sie mit schuldig, auch dann, wenn sie strafrechtlich nicht zu fassen ein sollten.
bedenkliche Produktionsbedingungen reagieren, wenn er sie dann kennen würde. Wenn er den Verzehr aus ideologischen Gründen ablehnt, schadet er auch den Produzenten, die verantwortungsvoll produzieren.
Schon deshalb ist das politische System gezwungen, wirkliche Schutzmaßnahmen für die Bürger zu ergreifen und nicht Schutzmaßhnahmen für verantwortungslos handelnde Unternehmer. In diesem Sinne hatten die Politiker genügen Zeit zum Handeln. Sie haben die Zeit verstreichen lassen. Deshalb sind sie mit schuldig, auch dann, wenn sie strafrechtlich nicht zu fassen ein sollten.
fleischkonsum aus industrialisierter "tierhaltung" (es müsste wohl folterlebendighaltung o.ä. heißen)ist längst nicht mehr eine frage des geldes oder geldpreises, sondern der eigenen ethischen haltung - die mann/frau halt hat - oder nicht.
je billiger die "ware" für die käufer/konsumenten/verbraucher, umso höher ist der preis, den das "produkt" dafür zu zahlen hat. himmelschreiende ungleichheit also auch hier - wie so oft auf diesem globus.
wie wärs wenn wir damit beginnen würden vor der eigenen tür zu kehren (jeder für sich) - dann wären diverse aufregungen über alle anderen, und besonders "die da droben" (mit ihren sämtlichen ungerechtigkeiten) zumindest insofern berechtigter, als dass sie nicht der eigenen scheinheiligkeit und doppelmoral entspringen.
Solange viele Leute drei tiefgefrorene Hähnchen für 4,99 Euro kaufen, während ein frisches Hähnchen vom Bauern auf dem Wochenmarkt sieben oder acht Euro kostet, solange wird sich in der Geflügelhaltung nichts ändern. Geiz ist halt immer noch geil.
Mindestens genauso interessant wie das Hähnchenproblem ist im übrigen das Putenproblem. Diesen Tieren wird unnatürlich viel Brustfleisch angezüchtet, so dass die Puten fast nach vorne überkippen, vom Antibiotika-Einsatz ganz zu schweigen Ich habe mir Putenmastbetriebe angeschaut. Seitdem verzichte ich auf Putengerichte in der Gastronomie.
"Ich habe mir Putenmastbetriebe angeschaut. Seitdem verzichte ich auf Putengerichte in der Gastronomie."
Ich mag die konsequente Schlussfolgerung. Doch schauen Sie sich noch andere Mastbetriebe an: Schweine, Rinder, etc. - besser ist es auch dort nicht. Welche Handlungsmöglichkeit dürfte da naheliegen? ; )
im Discounter sind komplette Hühnchen für 2.99 Euro zu bekommen. Dagegen kostet ein ordentlich gehaltenes Huhn ca. 20,- Euro. Was genau bedacht ja nicht teuer ist (ich kann mir das auch nicht oft leisten).
Den Angebote auf den Märkten traue ich auch erst, wenn ich mehr über den Anbieter weiß, da gibts viel Schindluder.
Sie haben mich gerettet - gerade war ich am Meditieren, wie man Produzent und Kunde in der Stadt zusammenbringen könnte. Auf den Wochenmarkt bin ich natürlich nicht gekommen - und das, obwohl sich meine Großeltern als Gemüsegärtner und Marktleute lange die Rente aufgebessert haben.
Richtig, auf bald jedem Markt gibt's mindestens einen Geflügelbauern, der seinen Kopf und guten Namen hinhält für sein Produkt, nicht allzuweit gereist ist, und zu dem man (die Meisten von uns!) einmal hinfahren kann und sich anschauen, wie er arbeitet. Auf dem Land bieten sich Hofläden an, weil man sich da am "Point Of Sales" gleich noch die Produktion in Augenschein nehmen kann.
Das identisch Selbe gilt natürlich für die Eier - wissen, woher es kommt. Wobei da die verarbeiteten Eier das größere Problem sind - oft billige Batterieeier aus dem Ausland in Fertig- und Halbfertigprodukten "versteckt". Bis zur umfassenden Kennzeichnungspflicht helfen da nur Selberkochen und italienische Pasta (ohne Ei).
Der Verbraucher sollte es jedem Händler und jedem Produzenten überlassen: entweder Transparenz und ordentliche Bedingungen - oder die Ware bleibt liegen. Weniger Fleisch / Fisch und dafür gutes: ist erprobt, funktioniert, macht mehr Freude in Pfanne (Schrumpfung) und Teller (Geschmack - Weidefleisch IST überlegen) und es gibt unzählige ungeheuer leckere Gerichte ohne Fleisch - was tierisches Protein und Fett nicht zwingend ausschließt (Käse, Joghurt, (Freiland-)Eier...). Ich sag' nur: Käsespätzle!
Dann sehen wir mal nach, wieviel ein Spitzenhähnchen kostet:
http://www.otto-gourmet.d...
Aha, ca. 57 €. Ja, das kann sich jeder leisten.
8 € für ein Biohühnchen aus Freilandhaltung finde ich ganz schön wenig!
"Ich habe mir Putenmastbetriebe angeschaut. Seitdem verzichte ich auf Putengerichte in der Gastronomie."
Ich mag die konsequente Schlussfolgerung. Doch schauen Sie sich noch andere Mastbetriebe an: Schweine, Rinder, etc. - besser ist es auch dort nicht. Welche Handlungsmöglichkeit dürfte da naheliegen? ; )
im Discounter sind komplette Hühnchen für 2.99 Euro zu bekommen. Dagegen kostet ein ordentlich gehaltenes Huhn ca. 20,- Euro. Was genau bedacht ja nicht teuer ist (ich kann mir das auch nicht oft leisten).
Den Angebote auf den Märkten traue ich auch erst, wenn ich mehr über den Anbieter weiß, da gibts viel Schindluder.
Sie haben mich gerettet - gerade war ich am Meditieren, wie man Produzent und Kunde in der Stadt zusammenbringen könnte. Auf den Wochenmarkt bin ich natürlich nicht gekommen - und das, obwohl sich meine Großeltern als Gemüsegärtner und Marktleute lange die Rente aufgebessert haben.
Richtig, auf bald jedem Markt gibt's mindestens einen Geflügelbauern, der seinen Kopf und guten Namen hinhält für sein Produkt, nicht allzuweit gereist ist, und zu dem man (die Meisten von uns!) einmal hinfahren kann und sich anschauen, wie er arbeitet. Auf dem Land bieten sich Hofläden an, weil man sich da am "Point Of Sales" gleich noch die Produktion in Augenschein nehmen kann.
Das identisch Selbe gilt natürlich für die Eier - wissen, woher es kommt. Wobei da die verarbeiteten Eier das größere Problem sind - oft billige Batterieeier aus dem Ausland in Fertig- und Halbfertigprodukten "versteckt". Bis zur umfassenden Kennzeichnungspflicht helfen da nur Selberkochen und italienische Pasta (ohne Ei).
Der Verbraucher sollte es jedem Händler und jedem Produzenten überlassen: entweder Transparenz und ordentliche Bedingungen - oder die Ware bleibt liegen. Weniger Fleisch / Fisch und dafür gutes: ist erprobt, funktioniert, macht mehr Freude in Pfanne (Schrumpfung) und Teller (Geschmack - Weidefleisch IST überlegen) und es gibt unzählige ungeheuer leckere Gerichte ohne Fleisch - was tierisches Protein und Fett nicht zwingend ausschließt (Käse, Joghurt, (Freiland-)Eier...). Ich sag' nur: Käsespätzle!
Dann sehen wir mal nach, wieviel ein Spitzenhähnchen kostet:
http://www.otto-gourmet.d...
Aha, ca. 57 €. Ja, das kann sich jeder leisten.
8 € für ein Biohühnchen aus Freilandhaltung finde ich ganz schön wenig!
Endlich. Richtig so. Der Einsatz ist hoch, aber er wird sich auszahlen.
Es sind nicht die Zusände im Stall. Es ist der Zustand im Menschen.
Alle anderen Erklärungsversuche sind fadenscheinig.
bedenkliche Produktionsbedingungen reagieren, wenn er sie dann kennen würde. Wenn er den Verzehr aus ideologischen Gründen ablehnt, schadet er auch den Produzenten, die verantwortungsvoll produzieren.
Schon deshalb ist das politische System gezwungen, wirkliche Schutzmaßnahmen für die Bürger zu ergreifen und nicht Schutzmaßhnahmen für verantwortungslos handelnde Unternehmer. In diesem Sinne hatten die Politiker genügen Zeit zum Handeln. Sie haben die Zeit verstreichen lassen. Deshalb sind sie mit schuldig, auch dann, wenn sie strafrechtlich nicht zu fassen ein sollten.
Denken Sie denn wirklich, dass der Verbraucher die Zustände nicht kennt? Mittlerweile werden sie doch hin und wieder gar im Massenmedium Fernsehen beleuchtet, teilweise gar auf den Privatsendern. Eigentlich, ja eigentlich, sollte der Mensch doch fähig sein, sich aus dieser Information eine Meinung und Haltung ableiten zu können.
Denken Sie denn wirklich, dass der Verbraucher die Zustände nicht kennt? Mittlerweile werden sie doch hin und wieder gar im Massenmedium Fernsehen beleuchtet, teilweise gar auf den Privatsendern. Eigentlich, ja eigentlich, sollte der Mensch doch fähig sein, sich aus dieser Information eine Meinung und Haltung ableiten zu können.
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