Ob Christian Wulff uns einen neuen, den elften Präsidenten bescheren wird, steht noch dahin. Doch schon heute zeigt sich eine kuriose Volte im Leben der deutschen Medien. Nennen wir sie "Familienzusammenführung", eine große Koalition unter Führung der Bild , die weder links noch rechts kennt, sondern nur noch den nationalen Auftrag, den Wulff zu jagen. SZ und FAZ , Spiegel und Focus , FR und Welt , halb links und halb rechts. Wann hätten die je das politische Bett miteinander geteilt – die Qualitätszeitungen und der Boulevard? "Die Zeit ist aus den Fugen", murmelt Hamlet, und die alte Schlachtordnung mit dazu.

Wann hätten sich die Elite-Blätter je von Bild mit Brandbeschleunigern aus der Mailbox füttern lassen, damit, wie Macbeths Hexen singen, das "Feuer sprühe", der "Kessel glühe"? Wie konnte diese merkwürdige Einheitsfront entstehen? Die Erklärung liefert Christian Wulff selber, der Präsident des bürgerlichen Lagers, der auch dem linken gefallen wollte. Er hat mit der "bunten Republik", mit "Der Islam gehört auch zu Deutschland" und mit milder Kapitalismuskritik ("verwilderte Märkte") "nach links geblinkt", wie ein aufmerksamer Leser schreibt, aber die Bürgerlichen verstört. Dann, als die Affäre ruchbar wurde – die kleinen Vorteile, die Winkelzüge, das Bitten und Drohen –, hat er seine Konservativen verschreckt . Denn deren Ethos heischt Wohlanständigkeit, Selbstdisziplin, Redlichkeit, kurz: "Das tut man nicht."

Die mediale Großkoalition spiegelt einen bedeutsamen Wandel

Die einen hat er nicht überzeugt, die anderen nicht gehalten, und beide versagen ihm jetzt die Gefolgschaft. Verdruckst vermeiden alle zwar das R-Wort , lassen ihn aber zappeln, während sie Hohn und Moralin über ihn ausgießen. Nur die Parteiräson der Kanzlerin und eine dahinschmelzende Mehrheit des Volkes stehen noch zwischen Bellevue und Frühverrentung.

Doch widerspiegelt die mediale Großkoalition einen bedeutsameren Wandel, nämlich in der Politik. Was früher links oder respektabel-rechts war, ist in der Ära Merkel zum neuen rot-schwarz-grünen Konsens verschmolzen. In der großen Brache rechts von der Union siecht denn auch die FDP mit zwei Prozent ihrem Ende entgegen . Die Widersprüche haben sich Hegel-gemäß aufgehoben – ein denkwürdiges Novum in der Demokratie. Es bleibt der Streit über ein bisschen mehr oder weniger, was zwar theoretisch ein Idealzustand, aber in der Praxis langweilig ist. Deshalb die Suche nach dem verlorenen Drama. Die einen finden es in DSDS, die anderen im politischen Skandal. Der Boulevard bedient virtuos beide Bedürfnisse, die Qualitätspresse muss sich mit dem Unterschleif der gehobenen Stände begnügen.

Nixon war ein großer Schurke, der ein Staatsverbrechen begangen hatte. Wir haben keinen Macbeth, nur den kleinen bösen Wulff wie aus Micky Maus , den wir nicht mit dem Dolch in der Pfote, sondern mit dem Zinsvorteil im Maul erwischt haben – und mit Halbwahrheiten. "Spart am Werk nicht Fleiß noch Mühe", singen sie bei Macbeth. Können wir Wulff keinen Gesetzesbruch nachweisen, müssen wir seine Moral, Wahrhaftigkeit oder Amtseignung anzweifeln. Seine Entschuldigungen nehmen wir nicht an. Denn wir können ihm nicht verzeihen, dass er so ist wie wir.