Auf dem Boden liegen Karten mit Bildern von Früchten. Maren Möller hebt die Stachelbeerkarte hoch und zeigt sie den Schulkindern. Welche Farbe haben Stachelbeeren?, möchte die Lehrerin wissen. Über so eine simple Frage würden sich die Zweitklässler normalerweise wohl wundern – aber Frau Möller stellt sie auf Plattdeutsch: » Wat is de Farv von de Stickelbeern? « Nicht »grün«, sondern » greun « ist die richtige Antwort. Einmal pro Woche steht in der Hamburger Grundschule Curslack-Neuengamme Niederdeutsch auf dem Stundenplan. Es ist kein trockenes Pauken, sondern eine bunte Mischung aus spielerischen Übungen, gemeinsamem Singen und kleinen Tanzeinlagen. Die Kinder sind mit Spaß bei der Sache. Für die meisten von ihnen ist Platt fast eine Fremdsprache, untereinander reden sie Hochdeutsch. Die Schule im dörflichen Stadtteil Curslack ist eine von acht Hamburger Grundschulen, in denen seit Kurzem Plattdeutsch als Wahlpflichtfach unterrichtet wird. Insgesamt mehr als 200 Kinder sind von ihren Eltern dafür angemeldet worden. Zwei weitere Schulen haben ebenfalls Plattdeutsch im Angebot – theoretisch. Praktisch war die Nachfrage bislang zu gering, um Stunden anzubieten. Unterstützt werden die Lehrer von ehrenamtlichen Sprachpaten, den »Plattsnackers«.

In den ersten beiden Schuljahren stehen Sprechen und Hörverständnis im Vordergrund. Erst später, wenn die Schüler die Grundlagen der hochdeutschen Rechtschreibung gelernt haben, sieht der Lehrplan auch Schreiben und Lesen auf Niederdeutsch vor – aber ohne Diktate und Grammatiktests. Die Unterrichtssprache ist von vornherein Platt, mit hochdeutschen »Ausrutschern« gehen die Lehrer tolerant um. Das Ziel ist nicht nur, das Niederdeutsche zu stärken, sondern auch, das Bewusstsein der Schüler für die sprachlichen Traditionen ihrer Heimat zu schärfen. Anknüpfungspunkte gibt es genug in einer Stadt, deren berühmtester Park Planten un Blomen heißt und deren Straßen Namen wie Schoolmesterkamp (Schulmeisterfeld) oder Kattensteert (Katzenschwanz) tragen.

Hamburg ist das erste Bundesland, in dem die regionale Sprache als eigenständiges Fach im Lehrplan verankert ist und von den Schülern aktiv erlernt wird. Wenn sich das Konzept bewährt, sollen den Pilotschulen weitere folgen. Niederdeutsch könnte dann sogar Abiturfach werden.

Doch jetzt, in der Anfangsphase, ist noch viel Pioniergeist gefragt: Lehrerinnen wie Maren Möller müssen oft improvisieren, weil es an Unterrichtsmaterialien fehlt. Um Abhilfe zu schaffen, haben Niederdeutsch-Freunde – unter ihnen der ehemalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau – den Verein Plattolio gegründet. Er betreibt eine plattdeutsche Internetwebsite für Kinder und bietet den Niederdeutsch-Lehrern Texte, Hörbeispiele und Unterrichtsvorschläge an.

Ein wesentliches Motiv für den pädagogischen Vorstoß des Stadtstaats liefert das EU-Recht: Dem zufolge gilt Plattdeutsch nämlich nicht als Dialekt, sondern als eine Regionalsprache. Und die fällt unter die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (siehe auch Kasten). In ihr verpflichtet sich Deutschland, neben Friesisch, Sorbisch, Dänisch und Romanes als Minderheitensprachen auch Niederdeutsch zu fördern und in den Schulen zu unterrichten. Dass Hamburg diese Verpflichtung so ernst nimmt, ist vor allem Heinz Grasmück zu verdanken. Der Referatsleiter für Deutsch im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung brachte die Fachleute an einen Tisch und trieb die Planung mit Nachdruck voran. Für den Unterricht fehlen dabei nicht nur Bücher und Lernspiele, auch Lehrer werden dringend gesucht. Grasmück kann sich vorstellen, dass nicht nur Deutsch-, sondern auch Fremdsprachenlehrer Niederdeutsch unterrichten, vorausgesetzt natürlich, sie sprechen Platt.

Bislang steht Hamburg unter den acht Bundesländern, in denen Niederdeutsch gesprochen wird, allerdings ziemlich allein da. Die meisten Schüler in der nördlichen Hälfte Deutschlands lernen Platt nur durch gelegentliche Lieder und Gedichte und in eher theoretischer Form als Gegenstand der Sprachbetrachtung kennen. Echter Sprachunterricht findet nur in einzelnen Schulen und Vorschulen statt, wo engagierte Pädagogen von sich aus die Initiative ergreifen. Ähnlich sieht es mit den Mundarten jenseits der »ik-ich-Grenze«, in den mittleren und südlichen Landstrichen Deutschlands aus. Sächsisch, Fränkisch, Bairisch oder Schwäbisch gelten zwar juristisch nicht als Sprachen, haben in ihren Regionen aber dieselbe Bedeutung wie Platt im Norden. Auch sie werden nicht als eigenständige Fächer gelehrt.

Unter dem Stichwort Sprachkunde spielen sie im Deutschunterricht mancher Bundesländer aber durchaus eine wichtige Rolle. Zum Beispiel in Bayern : Dort betätigen sich die Schüler in der Mittel- und Oberstufe als Mundartforscher. »Schüler haben zum Beispiel ein Wörterbuch zu den Trachten ihres Heimatdorfes zusammengestellt, Mundart-Autoren interviewt oder Dialektkarten gezeichnet«, berichtet Steffen Arzberger, Dialektologe und Deutschlehrer am Gymnasium in Neumarkt in der Oberpfalz. Dialekte seien hervorragend dazu geeignet, den Variantenreichtum der Sprache jenseits des hochdeutschen Standards zu verdeutlichen und Interesse an der heimatlichen Kultur zu wecken, findet Arzberger. Die Region seiner Schule, wo fränkische und bairische Mundarten aufeinandertreffen, ist ein fruchtbarer Boden für solche Expeditionen.