Wer hätte gedacht, dass sich die Bundeskanzlerin einmal auf die Fortsetzung der Euro- und Finanzkrise freuen würde: Endlich wieder Normalität! Nach dem Ende der Weihnachtspause gehen die Staatsgäste in Berlin wieder ein und aus.

Die Wochen davor wirkten wie die verdichtete Variante des Irrsinns, in den sich die Koalition seit ihrem Bestehen immer aufs Neue verstrickt. Die gerade erst gekürte Nachwuchsführung der FDP zerlegte sich , mit Christian Wulff balanciert Merkels zweiter Bundespräsident am Abgrund. Und im Saarland kippt eine CDU-Ministerpräsidentin die Liberalen einfach aus der Regierung . Die FDP sei auf absehbare Zeit nicht regierungsfähig, lautete die schnörkellose Begründung von Annegret Kramp-Karrenbauer . Es war ein Satz, den Angela Merkel seit Herbst 2009 fast wöchentlich hätte sagen können. Doch Merkel regiert weiter. "Mir macht meine Arbeit Spaß, und es ist nicht abzusehen, dass sich das ändern wird." Der Satz aus ihrer letzten großen Pressekonferenz hat inzwischen etwas Programmatisches.

Doch wie gelingt es der verrücktesten Koalition seit Gründung der Bundesrepublik, sich so hartnäckig im Amt zu halten?

Politik, so scheint es, findet inzwischen auf zwei Ebenen statt: In der einen Etage tobt der tägliche Koalitionswahnsinn, fast schon folkloristisch. Auf der anderen werden die echten Probleme verhandelt: Euro-Krise, Naziterror , Energiewende. Auf der einen Ebene agieren ein überforderter Vizekanzler, ein Außenminister, auf den es erkennbar nicht mehr ankommt, ein CSU-Vorsitzender, der sich vor dem Machtverlust in Bayern ängstigt, oder eben ein Staatsoberhaupt, dem das Amt das politische Überleben sichert. In der anderen Etage bearbeitet der funktionierende Kern der Regierung die zentralen Fragen der europäischen Krisenbewältigung und arbeitet an Energiewende, Bundeswehrreform oder Arbeitsmarktpolitik.

Berlusconi weg, Papandreou weg, der Spanier Zapatero, der Ire Cowen, der Portugiese Sócrates: alle weg. Sarkozy und Cameron angeschlagen – in den anderen europäischen Ländern hat die Finanzkrise das politische System erschüttert und Regierungen hinweggefegt. In Deutschland scheint sie auf eigentümliche Art stabilisierend zu wirken. Wahrscheinlich ist diese Regierung die erste, die gerade durch den enormen Druck einer wirklich existenziellen Krise in die Lage versetzt wird, ihre hausgemachten Krisen zu überstehen.

So kann die Kanzlerin nahtlos an die ungelösten Probleme aus der Vorweihnachtszeit anknüpfen. Italien und Spanien finden weiter kaum Käufer für ihre Anleihen, Griechenland braucht bis März zusätzliche 90 Milliarden Euro Finanzhilfe . Um einen Kollaps der Euro-Zone zu verhindern, kauft die EZB immer weiter Staatsanleihen der Schuldnerländer. Offiziell gelten die Ankäufe als unerwünscht, doch insgeheim dürfte die Kanzlerin deren deeskalierende Wirkung durchaus schätzen.

Für Griechenland rückt der Tag der Entscheidung unaufhaltsam näher. Das Land stürzt immer tiefer in die Rezession und gilt inzwischen als faktisch pleite. Der Austritt aus der Währungsunion, für Merkel lange Zeit ein Tabu, wird wahrscheinlicher. Auch in Berlin gibt es Planspiele für den Tag X. Kommt er, werden die Kanzlerin und ihr Finanzminister erklären müssen, warum sie so lange für den Milliarden verschlingenden Verbleib der Griechen im Euro-Raum votierten und nun doch geschehen kann, was immer als Katastrophe galt.