Durch die großen Fenster kann Eliza Orta die Moritzbastei sehen, Leipzigs Studentendisko, in der das Leben tobt. Es wären nur wenige Schritte bis zur großen Party. Die 23-Jährige hat heute jedoch keine Zeit für solche Annehmlichkeiten. Es ist erst kurz vor zwei Uhr nachts. Viel zu früh, um schon die Bibliothek zu verlassen.

Schlafenszeit in der Leipziger Innenstadt, der Mittwoch hat gerade begonnen. Nur in der Campus-Bibliothek geht das Licht nicht aus. Weil das Licht hier nie ausgeht: Dieses Haus hat 24 Stunden geöffnet. Jeden Tag. Jede Woche. Dies ist eine der modernsten Rund-um-die-Uhr-Büchereien der Republik. Stolz veröffentlichte die Verwaltung gerade die neuesten Besucherstatistiken: Selbst an Heiligabend seien um 16 Uhr exakt 35 Leser dagewesen, um 23 Uhr immerhin noch 20, am ersten Weihnachtsfeiertag um 18 Uhr waren es 62. Sieben Studenten, heißt es, hätten gar den Jahreswechsel im Lesesaal erlebt. Wieso tun Menschen das?

Die einfache Antwort lautet: Weil es möglich ist. Sie lerne oft nachts, sagt Eliza Orta, die Wirtschaftswissenschaften studiert und aus Mexiko stammt. Tagsüber fänden ja die Vorlesungen statt, überdies habe sie noch einen Job. »Manchmal schlafe ich sogar hier«, sagt Orta, »aber nie auf den Sofas. Immer mit dem Kopf auf dem Tisch.«

Bibliotheken sind Orte geworden, an denen man lebt; Räume, in denen man Ruhe findet. Die Refugien einer beschleunigten Zeit. Nachts kommen jene, die besonders viel Ruhe brauchen. Ein Dutzend Studenten teilt sich die drei Etagen. Die meisten sprechen nicht viel. Aber alle eint ihr Schicksal: Man teilt das Leid, so spät zu büffeln. Man teilt auch Kekse und Schokolade, oben in den Aufenthaltsräumen. Ein Nacht-Bistro ist wohl die einzige Annehmlichkeit, die fehlt.

Auch die Müdigkeit teilen wohl alle. Manchmal, wenn es wieder zu spät geworden ist, wird Eliza Orta von den Nachtwächtern geweckt. Sie sei doch hier nicht im Wohnheim, sagen die dann. Wahrscheinlich sind sie sich da aber selbst nicht mehr so sicher.

Für die Wirtschaftswissenschaftlerin Orta ist dieses Haus eine Art Zweitwohnsitz. Sie lässt ihre Sachen auf dem Tisch, wenn sie morgens geht, und setzt sich abends wieder dran. Sie komme täglich an diesen Ort, sagt sie, denn: In der Bücherei könne man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Da seien keine Freunde. Keine Mitbewohner, die reden wollen. Keine Fernsehapparate.

Im Herbst 2009 eröffnete die Leipziger Universität ihre Campus-Bibliothek, mitten im nagelneuen, für 200 Millionen Euro errichteten Hochschulkomplex am Augustusplatz. 300.000 Bände zählt der Bestand, 500 Arbeitsplätze gibt es. Arbeitsplätze – darunter versteht man an diesem Ort nicht nur Tische mit Stühlen, sondern auch Sofas und Sessel. Man sieht sich auch als eine Art öffentliches Wohnzimmer. Wo man gemeinsam einsam ist. Die Zeiten, in denen Bibliotheken noch Ehrfurcht einflößten, in denen sie bloße Verleihstationen waren, die Wissen verwalteten – diese Zeiten sind vorbei. Eine große, ehrwürdige Universitätsbibliothek hat Leipzig weiterhin: die Bibliotheca Albertina im prächtigen Musikviertel. Ein wunderschöner Ort, zweifellos. Aber keiner, an dem man die Nacht verbringen wollte.