Plagiatsvorwurf "Scharlatan"

Die Promotionsdebatte Wöller: Erstmals spricht der Doktorvater

Sein einstiger Promovend hat Karriere gemacht, der Professor könnte sich sonnen im Glanze des sächsischen Kultusministers Roland Wöller (CDU). Ulrich Kluge aber lässt wissen, dass er dazu wenig Lust verspüre. »Wöller«, sagt Kluge der ZEIT, »hat den Boden unter den Füßen verloren.« Und: »Schreiben Sie, dass ich mich gräme!« Er halte Wöller für einen »Scharlatan«.

Ulrich Kluge, 76, wohnhaft im Schwarzwald, ist emeritierter Wirtschaftshistoriker. Er lehrte an der TU Dresden, er baute hier nach der Wende ein Institut mit auf, als vieles noch im Chaos lag. Nicht wenige Kollegen zollen ihm bis heute Respekt dafür.

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Es war im Jahr 1999, als Roland Wöller bei ihm klopfte: Ob er hier promovieren dürfe? Kluge sagte: Ja. Er habe Wöller schon aus der Diplomprüfung gekannt, berichtet er. »Glänzend«, sagt Kluge, sei der junge Wöller da gewesen. Arg selbstbewusst freilich, »mit Sprengsätzen in den Ellenbogen«. Aber doch: brillant. Ganz anders, sagt Kluge noch, als später dann im Promotionsverfahren.

Es ist nicht so, dass Kluge die Arbeit schlecht gefunden hätte, die Wöller binnen drei Jahren im Eiltempo fertigte. »Magna cum laude«, sehr gut, das war die Note, die er gab. Den Verdacht, Wöller könnte getäuscht haben, hatte Kluge nicht. 2007 erst, fünf Jahre später, wurden Vorwürfe laut, Wöller habe aus der Arbeit eines Magisterstudenten abgekupfert. Eine Prüfungskommission der Uni rügte ihn scharf dafür, ließ ihm aber den Titel.

Auch Kluge nahm sich die Arbeit damals wieder vor. Und sagt: Er hätte Wöller den Titel weggenommen. Zu gravierend seien die Verstöße gegen die wissenschaftliche Redlichkeit gewesen, die sich ihm als Fachmann offenbarten. Er, Kluge, habe Wöller sogar eine Mail geschrieben. Darin der Satz: »Ich schäme mich für Sie.« Wöller habe »frech« geantwortet. Seitdem sind die beiden wohl zerstritten.

2011 kam das Prüfungsverfahren der Plagiatskommission ins Gerede. Die Uni ließ Wöllers Arbeit erneut durchleuchten. Das Ergebnis blieb dasselbe: Wöller behält seinen Doktor, wird aber gerügt – wenn auch in sehr vorsichtigen Worten. »Nicht hinsichtlich aller Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten lässt sich eine Vereinbarkeit mit wissenschaftlichen Standards bejahen« – so formulierte, arg verklausuliert, die Uni Ende Dezember.

»Ein Armutszeugnis!«, ruft Kluge ins Telefon und meint damit wohl diesen Satz genauso wie Wöllers Arbeit. Er, der immer größten Wert auf Redlichkeit gelegt habe, fühle sich von Wöller getäuscht. Dabei bleibe es.

Der Minister spricht bisher nicht über sein Verhältnis zu Kluge. Auch den Bericht der Plagiatskommission, die ihn im Dezember freigesprochen hat, veröffentlicht er nicht.

Der Doktorvater wendet sich von seinem Promovenden ab. Das passiert wahrlich nicht oft. Kluge sagt, er wolle jetzt gar das Land verlassen, für einige Monate Abstand gewinnen. »Ich fliehe aus meinem Kummer. Vor dieser Wissenschaftsszene. Denn das hier habe ich nicht verdient – auf meine alten Tage.«

 
Leser-Kommentare
    • Rudi01
    • 12.01.2012 um 12:29 Uhr

    ... als jemanden über Gebühr in Schutz nehmen zu wollen, wenn ihm ein Vergehen glasklar nachgewiesen wurde.

    Aber was hier zum wiederholten Male in der ZEIT stattfindet, mit Überschriften, aus denen gleichermassen Nicht-Wissen wie auch suggestive Vorverurteilung sprechen, wie "Bald soll feststehen, ob X plagiiert hat", das ist einfach nur noch auf BILD-Niveau. Abstoßend also.

    Genauso das "Scharlatan" als Artikelüberschrift, in Anführungszeichen, ein Zitat eines Dritten also, dazu das Bild des vermutlich Gemeinten. Das ist Zeitungsmache der übelsten Art, als "Journalismus" kann man das nicht bezeichnen.

    Also, liebe ZEIT-Redakteure, schreibt über Plagiatoren, wenn nachgewiesen wurde, dass es sich um Plagiatoren handelt.

    Fakten. Keine Vermutungen. Das ist es, was in ein Qualitätsblatt gehört.

    Einem nachweislichen Plagiator kann man sich ja zuwenden, wenn die Sachlage klar ist. Und dann gilt es, sich nicht hinter den Gefühlsausbrüchen hintergangener Doktorväter zu verstecken!

    Und es gibt nun wirklich genug Skandalöses im deutschen Hochschulwesen, das man recherchieren und dann streng auf Faktenbasis berichten kann.

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    • serins
    • 12.01.2012 um 12:47 Uhr

    nicht um Plagiatoren sondern um die wie es scheint weit verbreitete Unsitte der s.g. Macht- und Führungseliten D-lands sich mit anderer Leute Arbeit zu schmücken. Das wiegt auch besonders schwer im Falle von Kultusministern oder Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, deren Aufgabe das Bildungswesen ist. Das ist wie, wenn sie einem ertappten Betrüger in einer Bank als Kassierer einstellen.

    Kann den Prof. schon verstehen, da bricht eine Welt zusammen. Leider ist akademischer Anstand ein Auslaufmodell.

    Und auch wenn es viele dt. besonders der Mittelschicht nocht wahrhaben wollen, sie werden von Blendern und Opportunisten regiert, die weder fachliche noch menschliche Eignung besitzen um ihre Rolle auszufüllen.

    Und zum glasklaren Vergehen, wenn ich nichts zu verbergen habe, dann veröffentliche ich auch das Gutachten. Über die Befangenheit der Uni Dresden, da es sich um den KM des Landes handelt, möchte man eigentlich nicht spekulieren.

    Rudi01, genau das dachte ich auch.

    Solche Vorwürfe ohne Belege fallen wohl unter „üble Nachrede“.

    Wenn diese Spekulationen irgendeine Substanz hätten, könnten der Doktorvater, der ehemalige Student oder die ZEIT die übereinstimmenden Passagen in Doktor- und Magisterarbeit in irgendeiner Form veröffentlichen, damit andere die Vorwürfe nachvollziehen können. Wer solche Anschuldigungen verbreitet, ist in der Bringschuld.

    Vroniplag kann sicher helfen, das systematisch aufzubereiten. Genauso zweckmäßig ist es, auf die Schnelle kopierte Seiten aus beiden Werken nebeneinander zu legen und übereinstimmende Passagen anzustreichen. Wie auch immer, es gehört offengelegt.

    Sonst könnte doch jeder jeden jederzeit mit solchen Behauptungen beschädigen.

    Solange hierzu nichts geliefert wird, sollte sich keiner ein Urteil erlauben, und es gilt die Unschuldsvermutung. Gerade der Doktorvater als anerkannter Wissenschaftler müsste wissen, dass Behauptungen ohne Belege jeglichen wissenschaftlichen Standards widersprechen.

    • serins
    • 12.01.2012 um 12:47 Uhr

    nicht um Plagiatoren sondern um die wie es scheint weit verbreitete Unsitte der s.g. Macht- und Führungseliten D-lands sich mit anderer Leute Arbeit zu schmücken. Das wiegt auch besonders schwer im Falle von Kultusministern oder Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, deren Aufgabe das Bildungswesen ist. Das ist wie, wenn sie einem ertappten Betrüger in einer Bank als Kassierer einstellen.

    Kann den Prof. schon verstehen, da bricht eine Welt zusammen. Leider ist akademischer Anstand ein Auslaufmodell.

    Und auch wenn es viele dt. besonders der Mittelschicht nocht wahrhaben wollen, sie werden von Blendern und Opportunisten regiert, die weder fachliche noch menschliche Eignung besitzen um ihre Rolle auszufüllen.

    Und zum glasklaren Vergehen, wenn ich nichts zu verbergen habe, dann veröffentliche ich auch das Gutachten. Über die Befangenheit der Uni Dresden, da es sich um den KM des Landes handelt, möchte man eigentlich nicht spekulieren.

    Rudi01, genau das dachte ich auch.

    Solche Vorwürfe ohne Belege fallen wohl unter „üble Nachrede“.

    Wenn diese Spekulationen irgendeine Substanz hätten, könnten der Doktorvater, der ehemalige Student oder die ZEIT die übereinstimmenden Passagen in Doktor- und Magisterarbeit in irgendeiner Form veröffentlichen, damit andere die Vorwürfe nachvollziehen können. Wer solche Anschuldigungen verbreitet, ist in der Bringschuld.

    Vroniplag kann sicher helfen, das systematisch aufzubereiten. Genauso zweckmäßig ist es, auf die Schnelle kopierte Seiten aus beiden Werken nebeneinander zu legen und übereinstimmende Passagen anzustreichen. Wie auch immer, es gehört offengelegt.

    Sonst könnte doch jeder jeden jederzeit mit solchen Behauptungen beschädigen.

    Solange hierzu nichts geliefert wird, sollte sich keiner ein Urteil erlauben, und es gilt die Unschuldsvermutung. Gerade der Doktorvater als anerkannter Wissenschaftler müsste wissen, dass Behauptungen ohne Belege jeglichen wissenschaftlichen Standards widersprechen.

  1. Ist die Arbeit nur inakzeptabel wegen eventueller Plagiatsteile oder in der Nachschau auf einmal auch inhaltlich schlechter als das frühere magna cum laude?

    Was völlig fehlt bei dem ganzen Gejammer des Herrn Professor ist doch eine kritische Sicht auf sich selbst.

  2. 3. [...]

    Entfernt da grob beleidigend. Die Redaktion/mak

    • serins
    • 12.01.2012 um 12:47 Uhr

    nicht um Plagiatoren sondern um die wie es scheint weit verbreitete Unsitte der s.g. Macht- und Führungseliten D-lands sich mit anderer Leute Arbeit zu schmücken. Das wiegt auch besonders schwer im Falle von Kultusministern oder Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, deren Aufgabe das Bildungswesen ist. Das ist wie, wenn sie einem ertappten Betrüger in einer Bank als Kassierer einstellen.

    Kann den Prof. schon verstehen, da bricht eine Welt zusammen. Leider ist akademischer Anstand ein Auslaufmodell.

    Und auch wenn es viele dt. besonders der Mittelschicht nocht wahrhaben wollen, sie werden von Blendern und Opportunisten regiert, die weder fachliche noch menschliche Eignung besitzen um ihre Rolle auszufüllen.

    Und zum glasklaren Vergehen, wenn ich nichts zu verbergen habe, dann veröffentliche ich auch das Gutachten. Über die Befangenheit der Uni Dresden, da es sich um den KM des Landes handelt, möchte man eigentlich nicht spekulieren.

    • hannam
    • 12.01.2012 um 12:59 Uhr

    Was ist der Bildungsstandort Deutschland noch wert, wenn solche Hochstabler wie W.Fthenakis, KT Guttenberg, R.Wöller und viele andere den Doktorgrad sich erschwindeln oder kaufen dürfen?
    Ein redlicher Professor hat es schwer, weil die anderen Mitarbeiter auf Seiten des Blenders stehen.

  3. ... bei dieser Arbeit die substanziellen Thesen abegeschrieben wurden oder nur "Literarisches Beiwerk". Aber auf so eine Unterscheidung kommt es offensichtlich nicht mehr an.

    Außerdem schafft endlich diesen lächerlichen Doktortitel ab. Es gibt sehr viele andere Bereiche, in denen Menschen Hervorragendes leisten, ohne glich mit einem Titel bedacht zu werden.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Der Bericht der Kommission gehört veröffentlicht. Auf welcher Basis wird der eigentlich geheim gehalten? Meinem Verständnis des wissenschaftlichen Betriebs nach sollte jede Erörterung einer wissenschaftlichen Arbeit öffentlich sein.

    Ich finde es allerdings schon recht viel sagend, wenn der Autor selbst daran kein Interesse hat, denn ein Autor eines wissenschaftlich werthaltigen Beitrags muss ein Interesse haben, dass dieser wissenschaftlich weiter verwertbar ist. Bei den Vorbehalten gegen diese Arbeit ist das offenbar nicht der Fall - ein Zustand, den ein interessierter aufrichtiger wissenschaftlicher Autor zu beheben interessiert sein sollte. Ich sehe keine andere Erklärung als den Wert der Arbeit in Zweifel ziehen zu müssen.

  5. ...dass all diejenigen, die bisher beim Betrügen, Täuschen und Schummeln erwischt wurden, wahlweise der CDU, CSU oder FDP angehören? Wo es doch grade diese Parteien sind, die immer von gesellschaftlichen Werten bzw. vom Leistungsgedanken daherfabulieren

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