ÜberwachungTransparent ist nur das Tote

Ob Wulff-Debatte oder Piratenpartei – neuerdings soll die ganze Welt durchsichtig werden. Doch diese Ideologie macht die Gesellschaft nicht freier und demokratischer. Sie erzeugt nur neue Zwänge und nährt ein Klima des Verdachts. von Byung-Chul Han

Kaum ein anderes Schlagwort beherrscht heute den öffentlichen Diskurs so sehr wie das der Transparenz. Sie wird vor allem im Zusammenhang mit der Informationsfreiheit emphatisch beschworen. Wer aber die Transparenz allein auf Fragen der Korruption oder Demokratie reduziert, verkennt ihre Tragweite. Die Transparenz manifestiert sich heute als ein systemischer Zwang, der alle gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Prozesse erfasst und sie einer tief greifenden Veränderung unterwirft.

Die Transparenzgesellschaft ist eine Positivgesellschaft. Transparent werden die Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. Transparent werden die Dinge, wenn sie ihre Singularität ablegen und sich ganz in Preis ausdrücken. Transparent werden die Bilder, wenn sie, von jeder hermeneutischen Tiefe, ja vom Sinn befreit, pornografisch werden. In ihrer Positivität ist die Transparenzgesellschaft eine Hölle des Gleichen.

Anzeige

Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet, wo eine Kettenreaktion des Gleichen stattfindet. Die Negativität der Anders- und Fremdheit oder die Widerständigkeit des Anderen stört und verzögert die glatte Kommunikation des Gleichen. Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Abweichende eliminiert. In einer Tagebuchnotiz schreibt Ulrich Schacht: »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz.«

Der Autor

Byung-Chul Han lehrt Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe

Das Wort »Transparenz« setzt sich aus den lateinischen Wörtern trans und parere zusammen. Parere bedeutet ursprünglich: Auf jemandes Befehl hin erscheinen oder sichtbar sein. Wer »pariert«, ist sichtbar, gehorcht ohne Widerspruch. Schon von seinem etymologischen Ursprung her haftet dem Wort »Transparenz« etwas Gewaltsames an. Entsprechend wird sie heute als Instrument der Kontrolle und Überwachung in den Dienst genommen.

Merkwürdigerweise glich jener unglückliche Fernsehauftritt des Bundespräsidenten, in dem er sich den Fragen der Journalisten von ZDF und ARD stellte, einem polizeilichen Verhör. Immer wieder betonte Wulff, »er wolle Vertrauen schaffen durch Transparenz«. Auch das Motto einer Hamburger Volksinitiative für ein Transparenzgesetz lautet: »Transparenz schafft Vertrauen«. Dieses Motto verbirgt in sich einen Widerspruch. Vertrauen ist nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen. Vertrauen heißt, trotz Nichtwissen gegenüber dem anderen eine positive Beziehung zu ihm aufzubauen. Es macht Handlungen möglich trotz Nichtwissen. Weiß ich im Vorfeld alles, erübrigt sich das Vertrauen. Die Transparenz ist ein Zustand, in dem jedes Nichtwissen eliminiert ist. Wo die Transparenz herrscht, ist kein Raum für das Vertrauen. Statt »Transparenz schafft Vertrauen« sollte es eigentlich heißen: »Transparenz schafft Vertrauen ab«.

In der totalen Ausleuchtung verkümmert die menschliche Seele

Die Forderung nach Transparenz wird gerade da laut, wo kein Vertrauen mehr vorhanden ist. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt. Für eine politische Persönlichkeit, die in der Bevölkerung ein tiefes Vertrauen genösse, wäre schon die leiseste Forderung nach Transparenz eine Entwürdigung. Die lautstarke Forderung nach Transparenz weist gerade darauf hin, dass das moralische Fundament der Gesellschaft brüchig geworden ist, dass moralische Werte wie Ehrlichkeit oder Aufrichtigkeit immer mehr an Bedeutung verlieren. An die Stelle der wegbrechenden moralischen Instanz tritt die Transparenz als neuer gesellschaftlicher Imperativ.

Der Ruf nach Transparenz geht mit einem Beschleunigungsdruck einher. Die konventionellen Parteien mit ihren Ideologien und Machtstrukturen sind zu langsam und zu unflexibel. Die sogenannte Liquid Democracy der Piratenpartei lässt sich als ein Versuch interpretieren, der Schwerfälligkeit, ja der Rigidität der auf dem Parteiensystem beruhenden Demokratie entgegenzuwirken. Auf der Webseite der Piratenpartei wird die Praxis der Liquid Democracy sehr anschaulich: »Für Steuerrecht möchte ich gerne durch die Partei SPD, für Umweltpolitik durch die Partei die Grünen und für die Schulpolitik durch die Privatperson Herrn Müller vertreten werden. Für die Entscheidung über das neue Hochschul-Zulassungsgesetz an den Universitäten möchte ich aber selbst abstimmen.« Die Liquid Democracy ohne Versammlungen und Machtwort schafft in Wirklichkeit die auf Parteien beruhende repräsentative Demokratie ab. Das Expertenwissen ersetzt die politische Willensbildung. Der Stellenwert der Parteien sinkt auf das Niveau der Privatperson Herrn Müller ab. Sie wären keine Partei mehr.

Leserkommentare
  1. Sorry, aber weder bei der Wulff-Debatte noch bei Liquid Democracy / Piratenpartei geht es doch um Überwachung der Bürger, sondern eher darum staatliche / gemeinschaftliche Entscheidungen auf auf eine Weise zu organisieren der jedem ein Maximum an Mitsprache ermöglicht und gleichzeitig mit einem Minimum and Beliebigkeit und Geklüngel verbunden ist - schließlich ist die Piratenpartei für Transparenz bei öffentlichen Entscheidungen, aber gleichzeitig gegen die Vorratsdatenspeicherung.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • _bla_
    • 12. Januar 2012 10:37 Uhr

    Aber natürlich ist Transparenz Überwachung, es ist die Überwachung von Institutionen und ihrer Amtsträger durch andere Bürger.

  2. Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

    9 Leserempfehlungen
    • genius1
    • 12. Januar 2012 10:32 Uhr

    Was mache ich, wenn ich Transparenz nicht Verstehe?

    • _bla_
    • 12. Januar 2012 10:34 Uhr

    Anstatt das Misstrauen auszubreiten und deshalb immer mehr Kontrolle zu fordern, wäre es vielleicht besser sich Gedanken darüber zu machen, wie wieder mehr Vertrauen aufgebaut werden kann.
    Keine Beziehung funktioniert in dem sich die Beteiligten gegenseitig misstrauen, dass gegenseitige Offenlegen ("Transparenz") auch des letzten Geheimnisses ist da keine Lösung.
    Warum sollte so etwas also zwischen Bürger und Staat oder anderen Institutionen besser funktionieren?
    Transparenz ist oft ein untauglicher Versuch etwas zu reparieren, was viel früher kaputt gegangen ist.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gerry10
    • 12. Januar 2012 10:53 Uhr

    Wie weit sind Sie vom Bundespräsidenten oder der Kanzlerin entfernt?
    Kennen Sie diese Menschen persönlich?
    Warum sollen Sie diesen Menschen dann vertrauen, womit haben die das verdient?
    Ich will kontrollen haben und mich vor der Macht dieser Menschen beschützen, denn jedes Geschichtsbuch ist voll von Tatsachenberichten darüber was passieren kann wenn "denen da oben" niemand auf die Finger schaut.
    Um Bruce Springsteen zu zitieren
    "Blind Faith in people or institutions can get you killed."
    Gesundes(!) Misstrauen ist nichts Schlechtes.
    Die Privatsphere eines jeden Menschen - auch die des Präsidenten und der Kanzlerin - geht mich absolut nichts an.
    Wie so oft ist das Mittelmass der richtige Weg.

    • Hermez
    • 12. Januar 2012 10:35 Uhr

    .....jetzt noch ein philosophischer Diskurs, warum man die Piratenpartei doch besser nicht wählen sollte.Achtung, Gefahr!
    Das erinnert mich ein wenig an die, aus heutiger Sicht lächerlichen,Anti-Frauenwahl-Kampagnen aus der Zeit, als Frauen noch nicht wählen durften.
    Auf diesen Plakaten sah man einen von einer Fliege besetzten Schnuller. Die Headline lautete:"Mama,geht wählen"
    Piraten,ihr macht denen Angst:)

    5 Leserempfehlungen
    • _bla_
    • 12. Januar 2012 10:37 Uhr

    Aber natürlich ist Transparenz Überwachung, es ist die Überwachung von Institutionen und ihrer Amtsträger durch andere Bürger.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • GDH
    • 12. Januar 2012 13:06 Uhr

    Der Unterschied zwischen Transparenz und Überwachung liegt darin, wie diese Worte besetzt sind, was man dabei zwischen den Zeilen liest und wie diese Begriffe verwendet werden.

    Der Autor des Artikels distanziert sich einerseits von einer "post privacy"-Ideologie (da kann ich mich übrigens anschließen), differenziert andererseits aber nicht zwischen persönlichen und geschäftlichen Informationen.

    Ein Unternehmen oder eine Behörde hat per Definition keine Privatsphäre. Entsprechend gibt's da auch nichts zu schützen. Wo Vertrauen nicht nötig ist, weil man ohne Kollateralschaden Transparenz schaffen kann, sollten wir nicht unnötig Vertrauen einfordern.

    Überwachung von Privatpersonen auf der anderen Seite muss ihre Grenzen haben. Schon allein deshalb, weil sonst in der Frage, was jetzt eigentlich wer über den Einzelnen weis oder wissen kann, hoffnungslose Intransparenz herrscht (Und sich darauf verlassen zu können, dass bestimmte Dinge über die eigene Person halt privat sind, ist in der Praxis oft wichtiger als die Möglichkeit, sicheres Wissen über anderer Leute Privatsachen zu erlangen.).

    • Kansaro
    • 12. Januar 2012 10:41 Uhr

    "Die Liquid Democracy ohne Versammlungen und Machtwort schafft in Wirklichkeit die auf Parteien beruhende repräsentative Demokratie ab."

    Es ist bizarr: Da kommt ein Autor daher, redet über ein noch nicht wirklich angewandtes Modell der politischen Repräsentation und sieht bereits das Ende der repräsentativen Demokratie. Was das Modell der Liquid Democracy faktisch bedeuten würde kann man nur in der Praxis erkennen und nicht im Modell, da eine Umstellung auch eine gesellschaftliche Dynamik auslösen würde, die nicht wirklich absehbar ist. Die gleiche Debatte könnte man mit Präferenzwahlsystemen führen - entscheidend ist aber die Praxis. Rumtheoretisieren, wie es der Autor hier tut, ist in meinen Augen vollkommen unglaubwürdig und esoterisch.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Als es darum ging, mit Hilfe des Genossen Gorbatschow den Arbeiter- und Bauernstaat UdSSR zu liquidieren, hieß die nun so gefürchtete Transparenz, mit der die repräsentative Demokratie ruiniert werden könnte: "Glasnost". Sehen wir hier eine Vergleichsebene zu der Herrschaft des Zentralkomitees, das ja auch repräsentativ handelte?

    • Kansaro
    • 12. Januar 2012 10:45 Uhr

    " Die Liquid Democracy beschleunigt zwar die Entscheidungsprozesse und macht sie flexibel, sie verkommt aber letzten Endes zu einer Demokratie des »Gefällt mir«-Buttons."

    Ja natürlich, ein RIESEN Unterschied zum derzeitigen Wahlsystem!

    Nein, lieber Herr Han, den "Gefällt-mir"-Button, haben wir momentan - mit Liquid Democracy hätte man mehrere dieser Knöpfe. Eigentlich eher ein ganzes Steuerpult.

    10 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Grüne | Piratenpartei | SPD | Überwachung | Peter Handke | Georg Simmel
Service