Kaum ein anderes Schlagwort beherrscht heute den öffentlichen Diskurs so sehr wie das der Transparenz. Sie wird vor allem im Zusammenhang mit der Informationsfreiheit emphatisch beschworen. Wer aber die Transparenz allein auf Fragen der Korruption oder Demokratie reduziert, verkennt ihre Tragweite. Die Transparenz manifestiert sich heute als ein systemischer Zwang, der alle gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Prozesse erfasst und sie einer tief greifenden Veränderung unterwirft.

Die Transparenzgesellschaft ist eine Positivgesellschaft. Transparent werden die Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. Transparent werden die Dinge, wenn sie ihre Singularität ablegen und sich ganz in Preis ausdrücken. Transparent werden die Bilder, wenn sie, von jeder hermeneutischen Tiefe, ja vom Sinn befreit, pornografisch werden. In ihrer Positivität ist die Transparenzgesellschaft eine Hölle des Gleichen.

Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet, wo eine Kettenreaktion des Gleichen stattfindet. Die Negativität der Anders- und Fremdheit oder die Widerständigkeit des Anderen stört und verzögert die glatte Kommunikation des Gleichen. Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Abweichende eliminiert. In einer Tagebuchnotiz schreibt Ulrich Schacht: »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz.«

Das Wort »Transparenz« setzt sich aus den lateinischen Wörtern trans und parere zusammen. Parere bedeutet ursprünglich: Auf jemandes Befehl hin erscheinen oder sichtbar sein. Wer »pariert«, ist sichtbar, gehorcht ohne Widerspruch. Schon von seinem etymologischen Ursprung her haftet dem Wort »Transparenz« etwas Gewaltsames an. Entsprechend wird sie heute als Instrument der Kontrolle und Überwachung in den Dienst genommen.

Merkwürdigerweise glich jener unglückliche Fernsehauftritt des Bundespräsidenten, in dem er sich den Fragen der Journalisten von ZDF und ARD stellte, einem polizeilichen Verhör. Immer wieder betonte Wulff, »er wolle Vertrauen schaffen durch Transparenz«. Auch das Motto einer Hamburger Volksinitiative für ein Transparenzgesetz lautet: »Transparenz schafft Vertrauen«. Dieses Motto verbirgt in sich einen Widerspruch. Vertrauen ist nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen. Vertrauen heißt, trotz Nichtwissen gegenüber dem anderen eine positive Beziehung zu ihm aufzubauen. Es macht Handlungen möglich trotz Nichtwissen. Weiß ich im Vorfeld alles, erübrigt sich das Vertrauen. Die Transparenz ist ein Zustand, in dem jedes Nichtwissen eliminiert ist. Wo die Transparenz herrscht, ist kein Raum für das Vertrauen. Statt »Transparenz schafft Vertrauen« sollte es eigentlich heißen: »Transparenz schafft Vertrauen ab«.

In der totalen Ausleuchtung verkümmert die menschliche Seele

Die Forderung nach Transparenz wird gerade da laut, wo kein Vertrauen mehr vorhanden ist. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt. Für eine politische Persönlichkeit, die in der Bevölkerung ein tiefes Vertrauen genösse, wäre schon die leiseste Forderung nach Transparenz eine Entwürdigung. Die lautstarke Forderung nach Transparenz weist gerade darauf hin, dass das moralische Fundament der Gesellschaft brüchig geworden ist, dass moralische Werte wie Ehrlichkeit oder Aufrichtigkeit immer mehr an Bedeutung verlieren. An die Stelle der wegbrechenden moralischen Instanz tritt die Transparenz als neuer gesellschaftlicher Imperativ.

Der Ruf nach Transparenz geht mit einem Beschleunigungsdruck einher. Die konventionellen Parteien mit ihren Ideologien und Machtstrukturen sind zu langsam und zu unflexibel. Die sogenannte Liquid Democracy der Piratenpartei lässt sich als ein Versuch interpretieren, der Schwerfälligkeit, ja der Rigidität der auf dem Parteiensystem beruhenden Demokratie entgegenzuwirken. Auf der Webseite der Piratenpartei wird die Praxis der Liquid Democracy sehr anschaulich: »Für Steuerrecht möchte ich gerne durch die Partei SPD, für Umweltpolitik durch die Partei die Grünen und für die Schulpolitik durch die Privatperson Herrn Müller vertreten werden. Für die Entscheidung über das neue Hochschul-Zulassungsgesetz an den Universitäten möchte ich aber selbst abstimmen.« Die Liquid Democracy ohne Versammlungen und Machtwort schafft in Wirklichkeit die auf Parteien beruhende repräsentative Demokratie ab. Das Expertenwissen ersetzt die politische Willensbildung. Der Stellenwert der Parteien sinkt auf das Niveau der Privatperson Herrn Müller ab. Sie wären keine Partei mehr.