Der transparente User ist zugleich Opfer und Täter
Um Missverständnisse zu vermeiden: Gegen die Bekämpfung der Korruption oder gegen die Verteidigung der Menschenrechte im Namen der Transparenz ist nichts einzuwenden. Sie ist begrüßenswert. Die Kritik an der Transparenz gilt ihrer Ideologisierung, Fetischisierung und Totalisierung. Besorgniserregend ist vor allem, dass die Transparenzgesellschaft heute in eine Kontrollgesellschaft umzuschlagen droht. Die unzähligen Überwachungskameras verdächtigen jeden von uns. Der Nacktscanner, der den Körper durchleuchtet, ist über seinen tatsächlichen Nutzen hinaus, ein Symbol unserer Zeit. Das Internet erweist sich als ein digitales Panoptikum.
Alle entblößen sich – das ist die Logik der Kontrollgesellschaft
Die Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, wo ihr Subjekt nicht durch einen fremden Zwang, sondern aus einem selbst generierten Bedürfnis heraus sich entblößt, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre zu verlieren, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen. Die Kontrollgesellschaft folgt der Effizienzlogik der Leistungsgesellschaft. Die Selbstausbeutung ist effizienter als die Fremdausbeutung, weil sie vom Gefühl der Freiheit begleitet wird. Das Leistungssubjekt unterwirft sich einem freien, selbst generierten Zwang. Diese Dialektik der Freiheit liegt auch der Kontrollgesellschaft zugrunde. Die Selbstausleuchtung ist effizienter als die Fremdausleuchtung, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergeht.
Der Zwang zur Transparenz ist letzten Endes kein ethischer oder politischer, sondern ein ökonomischer Imperativ. Ausleuchtung ist Ausbeutung. Wer ganz ausgeleuchtet ist, ist der Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Die Überbelichtung einer Person maximiert die ökonomische Effizienz. Der transparente Kunde ist der neue Insasse, ja der Homo sacer des ökonomischen Panoptikums. Das Panoptikum der Transparenzgesellschaft unterscheidet sich von dem Panoptikum der Disziplinargesellschaft dadurch, dass es keiner Fesseln, keiner Mauern, keiner geschlossenen Räume bedarf. Im Gegensatz zu den voneinander isolierten Insassen des Benthamschen Panoptikums vernetzen sich ihre Bewohner und kommunizieren intensiv miteinander. Nicht die Einsamkeit durch Isolierung, sondern die Hyperkommunikation garantiert die Transparenz.
Die Besonderheit des digitalen Panoptikums ist dabei, dass seine Bewohner selbst an dessen Bau und an dessen Unterhaltung aktiv mitarbeiten, indem sie sich zur Schau stellen und entblößen. Deshalb vollzieht sich heute die Überwachung nicht als Angriff auf die Freiheit (Juli Zeh/Ilja Trojanow). Vielmehr fallen Freiheit und Kontrolle in eins – wie auch der transparente User Opfer ist und Täter zugleich. Jeder baut fleißig mit am Panoptikum der Netze.
Vom Autor erscheint im März im Verlag Matthes & Seitz das Buch »Transparenzgesellschaft«
- Datum 12.01.2012 - 10:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.1.2012 Nr. 03
- Kommentare 65
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Sorry, aber weder bei der Wulff-Debatte noch bei Liquid Democracy / Piratenpartei geht es doch um Überwachung der Bürger, sondern eher darum staatliche / gemeinschaftliche Entscheidungen auf auf eine Weise zu organisieren der jedem ein Maximum an Mitsprache ermöglicht und gleichzeitig mit einem Minimum and Beliebigkeit und Geklüngel verbunden ist - schließlich ist die Piratenpartei für Transparenz bei öffentlichen Entscheidungen, aber gleichzeitig gegen die Vorratsdatenspeicherung.
Aber natürlich ist Transparenz Überwachung, es ist die Überwachung von Institutionen und ihrer Amtsträger durch andere Bürger.
Aber natürlich ist Transparenz Überwachung, es ist die Überwachung von Institutionen und ihrer Amtsträger durch andere Bürger.
Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.
Was mache ich, wenn ich Transparenz nicht Verstehe?
Anstatt das Misstrauen auszubreiten und deshalb immer mehr Kontrolle zu fordern, wäre es vielleicht besser sich Gedanken darüber zu machen, wie wieder mehr Vertrauen aufgebaut werden kann.
Keine Beziehung funktioniert in dem sich die Beteiligten gegenseitig misstrauen, dass gegenseitige Offenlegen ("Transparenz") auch des letzten Geheimnisses ist da keine Lösung.
Warum sollte so etwas also zwischen Bürger und Staat oder anderen Institutionen besser funktionieren?
Transparenz ist oft ein untauglicher Versuch etwas zu reparieren, was viel früher kaputt gegangen ist.
Wie weit sind Sie vom Bundespräsidenten oder der Kanzlerin entfernt?
Kennen Sie diese Menschen persönlich?
Warum sollen Sie diesen Menschen dann vertrauen, womit haben die das verdient?
Ich will kontrollen haben und mich vor der Macht dieser Menschen beschützen, denn jedes Geschichtsbuch ist voll von Tatsachenberichten darüber was passieren kann wenn "denen da oben" niemand auf die Finger schaut.
Um Bruce Springsteen zu zitieren
"Blind Faith in people or institutions can get you killed."
Gesundes(!) Misstrauen ist nichts Schlechtes.
Die Privatsphere eines jeden Menschen - auch die des Präsidenten und der Kanzlerin - geht mich absolut nichts an.
Wie so oft ist das Mittelmass der richtige Weg.
Wie weit sind Sie vom Bundespräsidenten oder der Kanzlerin entfernt?
Kennen Sie diese Menschen persönlich?
Warum sollen Sie diesen Menschen dann vertrauen, womit haben die das verdient?
Ich will kontrollen haben und mich vor der Macht dieser Menschen beschützen, denn jedes Geschichtsbuch ist voll von Tatsachenberichten darüber was passieren kann wenn "denen da oben" niemand auf die Finger schaut.
Um Bruce Springsteen zu zitieren
"Blind Faith in people or institutions can get you killed."
Gesundes(!) Misstrauen ist nichts Schlechtes.
Die Privatsphere eines jeden Menschen - auch die des Präsidenten und der Kanzlerin - geht mich absolut nichts an.
Wie so oft ist das Mittelmass der richtige Weg.
.....jetzt noch ein philosophischer Diskurs, warum man die Piratenpartei doch besser nicht wählen sollte.Achtung, Gefahr!
Das erinnert mich ein wenig an die, aus heutiger Sicht lächerlichen,Anti-Frauenwahl-Kampagnen aus der Zeit, als Frauen noch nicht wählen durften.
Auf diesen Plakaten sah man einen von einer Fliege besetzten Schnuller. Die Headline lautete:"Mama,geht wählen"
Piraten,ihr macht denen Angst:)
Aber natürlich ist Transparenz Überwachung, es ist die Überwachung von Institutionen und ihrer Amtsträger durch andere Bürger.
Der Unterschied zwischen Transparenz und Überwachung liegt darin, wie diese Worte besetzt sind, was man dabei zwischen den Zeilen liest und wie diese Begriffe verwendet werden.
Der Autor des Artikels distanziert sich einerseits von einer "post privacy"-Ideologie (da kann ich mich übrigens anschließen), differenziert andererseits aber nicht zwischen persönlichen und geschäftlichen Informationen.
Ein Unternehmen oder eine Behörde hat per Definition keine Privatsphäre. Entsprechend gibt's da auch nichts zu schützen. Wo Vertrauen nicht nötig ist, weil man ohne Kollateralschaden Transparenz schaffen kann, sollten wir nicht unnötig Vertrauen einfordern.
Überwachung von Privatpersonen auf der anderen Seite muss ihre Grenzen haben. Schon allein deshalb, weil sonst in der Frage, was jetzt eigentlich wer über den Einzelnen weis oder wissen kann, hoffnungslose Intransparenz herrscht (Und sich darauf verlassen zu können, dass bestimmte Dinge über die eigene Person halt privat sind, ist in der Praxis oft wichtiger als die Möglichkeit, sicheres Wissen über anderer Leute Privatsachen zu erlangen.).
Der Unterschied zwischen Transparenz und Überwachung liegt darin, wie diese Worte besetzt sind, was man dabei zwischen den Zeilen liest und wie diese Begriffe verwendet werden.
Der Autor des Artikels distanziert sich einerseits von einer "post privacy"-Ideologie (da kann ich mich übrigens anschließen), differenziert andererseits aber nicht zwischen persönlichen und geschäftlichen Informationen.
Ein Unternehmen oder eine Behörde hat per Definition keine Privatsphäre. Entsprechend gibt's da auch nichts zu schützen. Wo Vertrauen nicht nötig ist, weil man ohne Kollateralschaden Transparenz schaffen kann, sollten wir nicht unnötig Vertrauen einfordern.
Überwachung von Privatpersonen auf der anderen Seite muss ihre Grenzen haben. Schon allein deshalb, weil sonst in der Frage, was jetzt eigentlich wer über den Einzelnen weis oder wissen kann, hoffnungslose Intransparenz herrscht (Und sich darauf verlassen zu können, dass bestimmte Dinge über die eigene Person halt privat sind, ist in der Praxis oft wichtiger als die Möglichkeit, sicheres Wissen über anderer Leute Privatsachen zu erlangen.).
"Die Liquid Democracy ohne Versammlungen und Machtwort schafft in Wirklichkeit die auf Parteien beruhende repräsentative Demokratie ab."
Es ist bizarr: Da kommt ein Autor daher, redet über ein noch nicht wirklich angewandtes Modell der politischen Repräsentation und sieht bereits das Ende der repräsentativen Demokratie. Was das Modell der Liquid Democracy faktisch bedeuten würde kann man nur in der Praxis erkennen und nicht im Modell, da eine Umstellung auch eine gesellschaftliche Dynamik auslösen würde, die nicht wirklich absehbar ist. Die gleiche Debatte könnte man mit Präferenzwahlsystemen führen - entscheidend ist aber die Praxis. Rumtheoretisieren, wie es der Autor hier tut, ist in meinen Augen vollkommen unglaubwürdig und esoterisch.
Als es darum ging, mit Hilfe des Genossen Gorbatschow den Arbeiter- und Bauernstaat UdSSR zu liquidieren, hieß die nun so gefürchtete Transparenz, mit der die repräsentative Demokratie ruiniert werden könnte: "Glasnost". Sehen wir hier eine Vergleichsebene zu der Herrschaft des Zentralkomitees, das ja auch repräsentativ handelte?
Als es darum ging, mit Hilfe des Genossen Gorbatschow den Arbeiter- und Bauernstaat UdSSR zu liquidieren, hieß die nun so gefürchtete Transparenz, mit der die repräsentative Demokratie ruiniert werden könnte: "Glasnost". Sehen wir hier eine Vergleichsebene zu der Herrschaft des Zentralkomitees, das ja auch repräsentativ handelte?
" Die Liquid Democracy beschleunigt zwar die Entscheidungsprozesse und macht sie flexibel, sie verkommt aber letzten Endes zu einer Demokratie des »Gefällt mir«-Buttons."
Ja natürlich, ein RIESEN Unterschied zum derzeitigen Wahlsystem!
Nein, lieber Herr Han, den "Gefällt-mir"-Button, haben wir momentan - mit Liquid Democracy hätte man mehrere dieser Knöpfe. Eigentlich eher ein ganzes Steuerpult.
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