Der ungarische Premier Vilktor Orban (rechts) mit seinem Stellvertreter Zsolt Semlyen im Budapester Parlament © Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images

Wenn Ungarns Staatsminister Tamás Fellegi diese Woche beim Internationalen Währungsfonds in Washington und am nächsten Montag in Brüssel bei der EU-Kommission vorspricht , wird er als Bittsteller viel zu erklären haben. Bitten wird Fellegi um Milliardenhilfen, die sein Land einmal mehr vor der Staatspleite bewahren sollen, und erklären müssen wird er, warum Ungarn nach zwei Jahrzehnten Demokratie und Marktwirtschaft in eine äußerst prekäre Lage geraten ist: wirtschaftlich in schwerster Not und politisch so isoliert wie lange nicht mehr .

Die Zahlen, die sich im Reisegepäck des Staatsministers finden, sprechen für sich: Bis zu 324 Forint mussten die Ungarn zuletzt für einen Euro zahlen, so viel wie noch nie. Um Schuldtitel des Landes an den Mann zu bringen, waren Zinsen jenseits der zehn Prozent nötig, auch das ein Rekordwert. Zugleich verlieh – nach Moody’s und Standard & Poors – auch die Rating-Agentur Fitch ungarischen Staatspapieren den in Europa sonst nur für Pleiteländer wie Griechenland üblichen Ramschstatus ; die Wachstumsprognose für 2012 wurde auf knapp über null nach unten korrigiert; die Staatsverschuldung liegt inzwischen bei über 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), ein für Osteuropa sehr hoher Wert.

Geplant war anderes, als Fellegis Chef, Ungarns Premierminister Victor Orbán, im April 2010 die Macht übernahm . Orbán versprach den "wirtschaftlichen Freiheitskampf" und kappte folgerichtig die Beziehungen zum Währungsfonds , der das Land zusammen mit der EU 2009 zum ersten Mal mit 20 Milliarden Euro vor der Pleite gerettet hatte. Auch aus Brüssel werde man sich künftig keine Vorschriften mehr machen lassen, tönte der Premierminister. Überdies verkündete er eine politische "Revolution" – und das Entstehen einer "neuen Ordnung".

Damit jedenfalls sind Orbán und seine mit einer Zweidrittelmehrheit regierende Fidesz-Partei sehr gut vorangekommen: Von der Staatsanwaltschaft über die Gerichte und den Rechnungshof bis hin zu Schulbehörden und Theatern wurden öffentliche Ämter mit Gefolgsleuten des Premiers besetzt, mindestens 80 Prozent der Medien gelten heute als Fidesz-nah, und auch das Wahlrecht wurde so geändert, dass die Regierungspartei künftig stark begünstigt ist. In Ungarn, resümierte zur Jahreswende eine Gruppe Oppositioneller, unter ihnen der bekannte Schriftsteller György Konrád, "ist die freiheitliche Demokratie, wie man sie im Westen kennt, beendet". Der Rechtsstaat sei "zerstört", demokratische Kontrollorgane seien "abgeschafft", schrieben die schon zu kommunistischen Zeiten aktiven Dissidenten in einem offenen Brief.

Wirtschaftlich schien Orbáns Kurs zunächst Erfolgschancen zu haben, aber auch das ist vorbei. Vollmundig hatte die Regierung niedrige Steuern, Wachstum und Schuldenabbau angekündigt; zentrales Mittel für den Einzug ins ökonomische Nirvana sollte eine Einheitssteuer auf Einkommen von nur noch 16 Prozent sein. Sie wurde Anfang 2011 eingeführt und brachte vor allem dem wohlhabendsten Viertel der Ungarn zusätzliches Geld. Was sie nicht brachte, war die erhoffte Ankurbelung der Wirtschaft.

Nach Meinung des Konjunkturforschers András Vértes liegt dies vor allem daran, dass die Regierung wegbrechende Einnahmen durch teilweise unkonventionelle Mittel wieder hereinholen musste. Zum einen wurde die Mehrwertsteuer auf jetzt 27 Prozent angehoben, die höchste Rate in ganz Europa. Zudem gab es Sondersteuern für Banken, Telekom-Unternehmen sowie Handels- und Energiefirmen. Vor allem aber bediente sich Orbán bei den Rentensparern. Dass das Etatdefizit 2011 auf unter drei Prozent des BIP gedrückt werden konnte, ist nach Auffassung von Vértes überwiegend der zwangsweisen Verstaatlichung privater Pensionsfonds und der damit verbundenen Umleitung einiger Milliarden Euro Sparvermögen in den allgemeinen Haushalt geschuldet: "Ansonsten läge das Defizit bei sechs Prozent."