UngarnDer Budapester Frühling

Ungarns Star-Philosophin Ágnes Heller gibt den Protesten gegen die Regierung ein Gesicht. Was treibt sie an?

Nun habe sie, sagt die Philosophin Ágnes Heller, zwei totalitäre Systeme überlebt, den Nationalsozialismus und den Stalinismus, da mache ihr der allerneueste Versuch, die Demokratie in Ungarn zurückzudrängen, keine Angst. Sie fürchte sich nicht, sie sei nur empört. Darüber, dass Ungarn mit Viktor Orbán einen Populisten als Ministerpräsidenten hat. Darüber, dass dieser mit seiner Partei Fidesz eine neue Verfassung verabschiedet hat, mit der die »Republik Ungarn« in »Ungarn« umbenannt wurde. Mit der die Kompetenzen des Verfassungsgerichts eingeschränkt wurden. Mit der man die Unabhängigkeit der Notenbank ausgehebelt hat. Mit der Christentum, Liebe und Glaube zu unverrückbaren Bestandteilen des ungarischen Nationalcharakters deklariert wurden. Mit der ein Geschichtsbild festgeschrieben wurde, das sich letztlich am autoritären Regime des Reichsverwesers Miklós Horthy orientiert, der für seine antisemitische Gesetzgebung berüchtigt war.

Sie sei empört, dass ihr Land neuerdings über eine Medienaufsichtsbehörde verfügt, die von Mitgliedern der Regierungspartei besetzt ist, die aber nicht vom Parlament kontrolliert werden kann – sie hat erheblichen Einfluss auf private wie öffentlich-rechtliche Sender, Zeitungen und Internetportale. Sie sei zudem empört, dass Ungarn mittlerweile kurz vor dem Staatsbankrott steht (sogar Polen drohe Ungarn in wirtschaftlicher Hinsicht zu übertrumpfen!), was die Euro-Krise noch einmal verschärfen dürfte: »Wir rutschen ab.«

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Man muss sich die 82 Jahre alte Ágnes Heller, die auf den ersten Blick so zierlich und zerbrechlich wirkt, als ausnehmend energische Person vorstellen. Sie spricht, wenn sie die Fehlentwicklungen ihres Landes aufzählt, im Duktus hochnervöser Intellektualität und derart schnell, dass man sich nicht recht traut, sie zu unterbrechen oder gar einen zaghaften Einwand zu erheben.

Ágnes Heller

Die 1929 in Budapest geborene Überlebende des Holocausts war Schülerin und Mitarbeiterin des Philosophen Georg Lukács. Sie lehrte nach ihrer Emigration aus Ungarn 1978 in Melbourne. 1986 übernahm sie den Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. In ihren philosophischen Werken beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Begriff des Alltags, den Bedürfnissen des Menschen, dem Menschenbild der Renaissance und Shakespeare. Ágnes Heller ist Trägerin der Goethe-Medaille.

Als vergangene Woche Zehntausende gegen Orbán auf die Straße gingen, war die renommierteste Philosophin des Landes mit dabei und fühlte sich, wie sie erzählt, ganz verjüngt. Für März sind erneut Massendemonstrationen geplant, und sie wird diese wieder mit anführen. Wie Ágnes Heller denn überhaupt, seit Orbán an der Macht ist, die Protestbewegung durch Auftritte bei Podiumsdiskussionen und durch zahlreiche Interviews zu befeuern sucht. Am kommenden Sonntag wird sie auch in Deutschland, in der Berliner Schaubühne, mit anderen ungarischen Intellektuellen diskutieren. Mit ihrem Engagement wurde Ágnes Heller zur Zielscheibe der Orbán-nahen Medien, die ihr kürzlich unter anderem eine skandalöse Veruntreuung von Forschungsgeldern nachsagten, was nachweislich eine Erfindung ist.

Ágnes Heller sitzt am Küchentisch in der Wohnung eines Freundes, die nicht nur den Vorzug hat, direkt an der Donau zu liegen, sondern auch mit einem Aufzug erreichbar zu sein. Ihre eigene hat sie aufgrund eines Hüftleidens für eine Weile verlassen müssen – zu viele Treppenstufen. Von hier aus, einem Hochhaus von Pest, hat man einen weiten Blick auf Buda, das mit seinen Burgen, Schlössern und Palästen friedlich in der Wintersonne funkelt. Warum ist ausgerechnet Ungarn, im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Länder der EU, derart entgleist? Ungarn, sagt Ágnes Heller, sei im Ostblock ein Sonderfall gewesen. Und das nicht nur wegen der eigentümlich einzigartigen Sprache. Die Revolution von 1989 konnte sich in Ungarn, anders als in Polen mit der Solidarność oder in der Tschechoslowakei mit dem Prager Frühling, nicht auf eine lang anhaltende Protestbewegung berufen, nicht auf den Willen des Volkes.

Und dann lasteten zwei Traumata auf diesem Land, in kommunistischen Zeiten wie auch in der Gegenwart. Das Trauma Trianon und das Trauma Nationalsozialismus. Mit dem Friedensvertrag von Trianon, mit dem der Erste Weltkrieg formal beendet wurde, sah sich Ungarn gezwungen, etwa zwei Drittel seines Territoriums an Nachbarländer abzutreten. Wie einst der Versailler Vertrag in Deutschland wird heute der Vertrag von Trianon in Ungarn politisch fruchtbar gemacht. Orbán führte jüngst gar einen Trianon-Gedenktag ein. Es gilt, in der Hoffnung auf Wählerstimmen, eine Wunde offen zu halten.

Leserkommentare
  1. Die ungarischen Liberalen haben die Nazizeit und den Sozialismus überstanden, ich bin zuversichtlich, dass die Proteste zunehmen werden und Orban auch bald 'Geschichte' ist.

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    Die ungarisch Liberalen waren alle Kommunisten,wie Ágnes Heller,die eine Schülerin von Lukács war.Diese Liberalen hatten Probleme mit Kádár und Kommunizmus,weil Kádár nach Ihrer Meinung nicht genug hart war.Mit einem Wort Sie waren linksradikalen und maoisten wie
    z.B.Demszky.Darum Kádár liess sie nicht in Führung.
    Diese Leute können nicht ertragen,dass Sie die Macht nicht besitzen,egal was die Wahl zeigt.

    ...werden sicherlich Orban überstehen und dieser wird sicherlich auch bald Geschichte sein.

    Das Letzte allerdings, was ich den Ungarn wünschen würde, ist, dass sie sich dem westeuropäischen Liberalismus zu eigen machen, denn den wird Ungarn oder zumindest die Ungarn sicher nicht überleben.

    Wenn Westeuropa fällt müssen weiße Christen halt nach den Amerikas, nord oder süd, oder in den europäischen Osten auswandern. Wenn diese dem Liberalismus standhalten.

    Noch ist Ungarn ein schönes Land...

    Die ungarisch Liberalen waren alle Kommunisten,wie Ágnes Heller,die eine Schülerin von Lukács war.Diese Liberalen hatten Probleme mit Kádár und Kommunizmus,weil Kádár nach Ihrer Meinung nicht genug hart war.Mit einem Wort Sie waren linksradikalen und maoisten wie
    z.B.Demszky.Darum Kádár liess sie nicht in Führung.
    Diese Leute können nicht ertragen,dass Sie die Macht nicht besitzen,egal was die Wahl zeigt.

    ...werden sicherlich Orban überstehen und dieser wird sicherlich auch bald Geschichte sein.

    Das Letzte allerdings, was ich den Ungarn wünschen würde, ist, dass sie sich dem westeuropäischen Liberalismus zu eigen machen, denn den wird Ungarn oder zumindest die Ungarn sicher nicht überleben.

    Wenn Westeuropa fällt müssen weiße Christen halt nach den Amerikas, nord oder süd, oder in den europäischen Osten auswandern. Wenn diese dem Liberalismus standhalten.

    Noch ist Ungarn ein schönes Land...

  2. Interessant der Hinweis auf die Arbeit Hellers unter Lukacs. Sollte wieder viel mehr studiert werden. Vielleicht rettet uns ja der unorthodoxe Marxismus über die Krise, wenn es schon weder die marktradikale noch die marxistische Orthodoxie vermag.

    Auch Kornai sollte endlich mal in Deutschland bekannt gemacht werden. Wir können viel von ungarischen Intellektuellen lernen, wenn auch nicht von Ungarn selbst.

  3. Ungarn hat so viele große Geister hervorgebracht und auch die Bildung nie vernachlässigt. Bei ersten Besuchen vor 50 Jahren bewunderte ich Gastfreundschaft und Sprachkenntnisse und später die Vielzahl großer Gelehrten und Künstler, die deutschsprachlich aufgewachsen, ungarisch gelernt, als hochgebildete Juden währen des Horthyregimes erst nach Deutschland und 1933 meist in die USA emigirieten und dort maßgeblich die Forschung und die Kunst beflügelten. Ich bin sicher, dass Ungarn einen würdigeren Platz in Europa finden wird.

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  4. für diesen Artikel!

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  5. Die ungarisch Liberalen waren alle Kommunisten,wie Ágnes Heller,die eine Schülerin von Lukács war.Diese Liberalen hatten Probleme mit Kádár und Kommunizmus,weil Kádár nach Ihrer Meinung nicht genug hart war.Mit einem Wort Sie waren linksradikalen und maoisten wie
    z.B.Demszky.Darum Kádár liess sie nicht in Führung.
    Diese Leute können nicht ertragen,dass Sie die Macht nicht besitzen,egal was die Wahl zeigt.

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    Antwort auf "Freiheitskämpfer"
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    Ich habe dieses Volk als Fußball-Auswahlspieler der TU Dresden in den 60iger Jahren kennen -und lieben gelernt.
    Es sind wunderbare Menschen, großherzig und gastfreundlich.
    Sie haben es längst verdient, daß sie sich ein unabhängiges Ungarn aufbauen dürfen. Ich wünschte mir schon, daß auch wir Deutschen trotz giftiger Kommentare aus dem linksgrünen Lager selbstbewußter sein und mehr Nationalstolz zeigen sollten. Dieses Selbstwertgefühl verbunden mit einem tiefen Gefühl der Liebe zu unserem Vaterland, würde uns prima zu Gesicht stehen und bei unseren Verbündeten keine Angstgefühle hervorrufen.
    Den Ungarn unterstelle ich, daß sie sehr wohl wissen, daß die Freiheit ein zu kostbares Gut ist, als daß sie diese jemals wieder in den Händen unverantwortlicher, rückwärtsgewandter Demagogen zur Beliebigkeit verkommen lassen.

    Ich habe dieses Volk als Fußball-Auswahlspieler der TU Dresden in den 60iger Jahren kennen -und lieben gelernt.
    Es sind wunderbare Menschen, großherzig und gastfreundlich.
    Sie haben es längst verdient, daß sie sich ein unabhängiges Ungarn aufbauen dürfen. Ich wünschte mir schon, daß auch wir Deutschen trotz giftiger Kommentare aus dem linksgrünen Lager selbstbewußter sein und mehr Nationalstolz zeigen sollten. Dieses Selbstwertgefühl verbunden mit einem tiefen Gefühl der Liebe zu unserem Vaterland, würde uns prima zu Gesicht stehen und bei unseren Verbündeten keine Angstgefühle hervorrufen.
    Den Ungarn unterstelle ich, daß sie sehr wohl wissen, daß die Freiheit ein zu kostbares Gut ist, als daß sie diese jemals wieder in den Händen unverantwortlicher, rückwärtsgewandter Demagogen zur Beliebigkeit verkommen lassen.

  6. "Man pendele in Ungarn zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, zwischen raubaukenhaftem Tätertum und Opfergehabe."
    Und dazu gesellt sich ein extrem ausgeprägter Nationalismus
    mit einem fast körperlich empfundenen Schmerz über den Trianonvertrag,selbst in der heutigen, jungen Generation.
    Selten habe ich mich in einem europäischen Land so fremd
    gefühlt wie in Ungarn.
    Ungarn ist noch lange nicht in Europa angekommen.
    Mit Orban entfernt es sich weiter........

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  7. Eine intelligente Diktatur pocht wie verrückt auf Demokratie und Gleichberechtigung.

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    • NDM
    • 15.01.2012 um 18:55 Uhr

    Sie schreiben:

    "Eine intelligente Diktatur pocht wie verrückt auf Demokratie und Gleichberechtigung."

    Nein. Das tut eine funktionierende Demokratie.

    Eine intelligente Diktatur versucht zu allererst einmal Patriotismus zu schüren(Abgrenzung nach außen) und behauptet hiernach, sich als einzige politische Kraft in den Dienst dieses Patriotismus zu stellen. Das tut Nordkorea, das tut China, das tut der Iran - und das tut Orban. Und das tat auch die DDR. Zugleich behauptet eine Diktatur stets eine von "fremden Mächten" kommende Gefahr und sieht jeden politischen Widerspruch als Ausdruck "fremder Interessen", die es nicht zu bedienen gälte. Auch hier: Das ist in Nordkorea so, im Iran, bei Fidesz, usw... In radikaleren Ausformungen wird Dissidenz als 'gegen patriotische Gefühle gerichtet'("Ungarnfeindlichkeit") bezeichnet, und mit langsam steigender Härte sanktioniert. Die rechtlichen Grundlagen dafür schafft die Fidesz derzeit, und beeilt sich damit, so lange die die Macht einer Einparteien-Diktatur innehat.

    • NDM
    • 15.01.2012 um 18:55 Uhr

    Sie schreiben:

    "Eine intelligente Diktatur pocht wie verrückt auf Demokratie und Gleichberechtigung."

    Nein. Das tut eine funktionierende Demokratie.

    Eine intelligente Diktatur versucht zu allererst einmal Patriotismus zu schüren(Abgrenzung nach außen) und behauptet hiernach, sich als einzige politische Kraft in den Dienst dieses Patriotismus zu stellen. Das tut Nordkorea, das tut China, das tut der Iran - und das tut Orban. Und das tat auch die DDR. Zugleich behauptet eine Diktatur stets eine von "fremden Mächten" kommende Gefahr und sieht jeden politischen Widerspruch als Ausdruck "fremder Interessen", die es nicht zu bedienen gälte. Auch hier: Das ist in Nordkorea so, im Iran, bei Fidesz, usw... In radikaleren Ausformungen wird Dissidenz als 'gegen patriotische Gefühle gerichtet'("Ungarnfeindlichkeit") bezeichnet, und mit langsam steigender Härte sanktioniert. Die rechtlichen Grundlagen dafür schafft die Fidesz derzeit, und beeilt sich damit, so lange die die Macht einer Einparteien-Diktatur innehat.

  8. 8. Ungarn

    Um eine 2/3 Mehrheit in einem Parlament zu erlangen, muß eine Partei viel Wahlvolk überzeugt und hinter sich gebracht haben. Trotz ihrer eher schrillen Proteste muß Frau Agnes Heller akzeptieren, daß das Volk diese Partei gewählt hat und sich dieser Vorgang durchaus als demokratisch bezeichnen läßt. Die Gesetzgebung durch das ungarische Parlament entspricht ebenfalls demokratischen Grundregeln vo Mehrheitsverhältnissen.
    Warum die EU nun auf Ungarn draufhaut, diesem Land seinen Willen aufzwingen will und angebliche Demokratiedefizite anprangert, ist mehr als befremdlich. Ist es denn besonders in Deutschland schon vergessen, daß dieses Land mit dem Frieden von Trianon 1920 2/3 seines Territoriums an die Siegermächte des 1.Weltkrieges abtreten mußte; ist es schon vergessen, daß dieses stolze Volk 1956 versuchte, unter großen Opfern mit Tausenden von Toten das kommunistische Regime abzuschütteln, für die Freiheit auch für uns Deutsche. Oder kann sich niemand oder will sich niemand mehr daran erinnern, daß ein ungarischer Ministerpräsident den Stacheldraht an der ungarisch-österreichischen Grenze aufschnitt und vielen Deutschen den Weg in die Freiheit öffnete. Ihnen wollen wir, die EU vorschreiben, was sie als Volk zu tun und zu lassen haben? Dazu haben die geifernden EU-Bürokraten kein Recht. Ich warne diese Herrschaften nur davor, den Griechen weitere ausufernde Kredite zur Verfügung zu stellen und die Ungarn in gleichem Atemzuge zu erpressen.

    3 Leserempfehlungen
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    Orban musste die Ungarn nicht überzeugen, er hat einfach Ressentiments angesprochen, die bereits vorhanden waren. Die Neofaschistische Fidesz hat das altfaschistische Horty Regime und seine Verbrechen rehabilitiert. Demokratie ist nicht nur eine formale Angelegenheit sondern und vor allem inhaltlich geführte Staatsräson, geprägt von Humanismus, Liberalismus und dem unerschütterlichen Versprechen an den Rechtsstaat nach den genannten Prinzipien. Orban und Fidesz wurde zwar ausgewählt aber demokratisch legitimiert sind sie nicht. Ungarn hat sich immer als Opfer des Kommunismus verstanden, nur müssen wir klar sehen, dass es ungarische Divisionen waren, die als Mitbeteiligte an der Operation Barbarossa die Sowjetunion überfielen und an der Südfront Jugoslawien angriffen. Die ungarischen Streitkräfte verübten schreckliche Verbrechen in den besetzten Gebieten. Die Infiltration der Gerichte mit Partei- und Linientreuen Richtern hat dazu geführt, dass die Verbrechen der Vergangenheit ungesühnt bleiben. Die Revision des Vertrages von Trianon ist eines der Hauptmotive der Fidesz und sie bedient dieses Thema mit nationalistischen und rassistischen Inhalten. Demokratie sieht anders aus.

    • NDM
    • 15.01.2012 um 20:56 Uhr

    "Um eine 2/3 Mehrheit in einem Parlament zu erlangen, muß eine Partei viel Wahlvolk überzeugt und hinter sich gebracht haben."

    Um genau zu sein, sind 53% der abgegebenen Wählerstimmen an die Fidesz gegangen. Da liegt ganz klar ein Fehler im Wahlsystem vor, den Fidesz zudem (natürlich zu eigenen Gunsten) verschlimmert hat.

    "muß Frau Agnes Heller akzeptieren, daß das Volk diese Partei gewählt hat und sich dieser Vorgang durchaus als demokratisch bezeichnen läßt"

    Das kann man über die Wahl der Hamas in Gazastan auch sagen. In beiden Fällen wurde instantly daran gearbeitet, die Macht "der Partei" auf legislativem Wege auszubauen. Aber vielleicht muss man gar nicht so weit reisen, um Vergleiche anzustellen. Berlusconi reicht da schon völlig aus. Es hatten sich auch schon anderswo lupenreine Demokraten durch die Mittel der Demokratie an die Macht gebracht. Etwa in Russland. Der vorliegende Fall zeigt schlicht, dass Demokratie, ein urliberales Projekt, sehr zerbrechlich ist, und sich immer wieder erneuern und festigen muss. Was für die Nach-Fidesz-Zeit zu tun ist, zeichnet sich ja bereits jetzt ab.

    Orban musste die Ungarn nicht überzeugen, er hat einfach Ressentiments angesprochen, die bereits vorhanden waren. Die Neofaschistische Fidesz hat das altfaschistische Horty Regime und seine Verbrechen rehabilitiert. Demokratie ist nicht nur eine formale Angelegenheit sondern und vor allem inhaltlich geführte Staatsräson, geprägt von Humanismus, Liberalismus und dem unerschütterlichen Versprechen an den Rechtsstaat nach den genannten Prinzipien. Orban und Fidesz wurde zwar ausgewählt aber demokratisch legitimiert sind sie nicht. Ungarn hat sich immer als Opfer des Kommunismus verstanden, nur müssen wir klar sehen, dass es ungarische Divisionen waren, die als Mitbeteiligte an der Operation Barbarossa die Sowjetunion überfielen und an der Südfront Jugoslawien angriffen. Die ungarischen Streitkräfte verübten schreckliche Verbrechen in den besetzten Gebieten. Die Infiltration der Gerichte mit Partei- und Linientreuen Richtern hat dazu geführt, dass die Verbrechen der Vergangenheit ungesühnt bleiben. Die Revision des Vertrages von Trianon ist eines der Hauptmotive der Fidesz und sie bedient dieses Thema mit nationalistischen und rassistischen Inhalten. Demokratie sieht anders aus.

    • NDM
    • 15.01.2012 um 20:56 Uhr

    "Um eine 2/3 Mehrheit in einem Parlament zu erlangen, muß eine Partei viel Wahlvolk überzeugt und hinter sich gebracht haben."

    Um genau zu sein, sind 53% der abgegebenen Wählerstimmen an die Fidesz gegangen. Da liegt ganz klar ein Fehler im Wahlsystem vor, den Fidesz zudem (natürlich zu eigenen Gunsten) verschlimmert hat.

    "muß Frau Agnes Heller akzeptieren, daß das Volk diese Partei gewählt hat und sich dieser Vorgang durchaus als demokratisch bezeichnen läßt"

    Das kann man über die Wahl der Hamas in Gazastan auch sagen. In beiden Fällen wurde instantly daran gearbeitet, die Macht "der Partei" auf legislativem Wege auszubauen. Aber vielleicht muss man gar nicht so weit reisen, um Vergleiche anzustellen. Berlusconi reicht da schon völlig aus. Es hatten sich auch schon anderswo lupenreine Demokraten durch die Mittel der Demokratie an die Macht gebracht. Etwa in Russland. Der vorliegende Fall zeigt schlicht, dass Demokratie, ein urliberales Projekt, sehr zerbrechlich ist, und sich immer wieder erneuern und festigen muss. Was für die Nach-Fidesz-Zeit zu tun ist, zeichnet sich ja bereits jetzt ab.

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