Am 21. Oktober 2011 wurde auf dem Frankfurter Flughafen eine neue Landebahn eröffnet. Seitdem ist es dort sehr viel unruhiger geworden, nicht nur der landenden Jets wegen. Die Anwohner wehren sich lautstark. Ihre Siedlungen haben sie mit grellen Transparenten beflaggt: »Fluglärm zerstört den Seelenfrieden«, »Fraport foltert Flörsheim!«.

Fraport betreibt den größten deutschen Flughafen, Flörsheim heißt die Kleinstadt nebenan. Wohlhabende Bürger aus dem Frankfurter Speckgürtel verbrüdern sich hier mit Umweltaktivisten und linken Studenten. Sie kämpfen gegen den Fluglärm, den Flughafen, die Lufthansa, die Stadt Frankfurt und das Land Hessen. Seit November versammeln sich die Empörten zu Tausenden regelmäßig im Terminal 1 des Feindes zu »Montagsdemonstrationen«, am 16. Januar erstmals im neuen Jahr.

Die Frankfurter Lärmkrise beschäftigt inzwischen das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Und die hessische Landesregierung hat ein großes Problem: Sie wollte die neue Landebahn; die Leute ringsum wollen sie nicht mehr. Der Streit in seiner Wucht weckt Erinnerungen an Stuttgart 21, auch wenn die beiden Infrastrukturprojekte ansonsten nicht zu vergleichen sind.

Wie hat es so weit kommen können? Der Flughafen sollte wachsen, damit noch mehr Flugzeuge starten und landen können – auf dass der Standort Frankfurt konkurrenzfähig bleibe. Im Jahr 1997 sprach der damalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber deshalb als Erster von einer möglichen vierten Bahn. Die Wunden vom Kampf um die Startbahn West waren da noch kaum verheilt. Von 1972 bis 1987 hatten die Proteste angedauert; zwei Polizisten waren erschossen worden.

Vor der Planung der neuen Bahn berief die Landesregierung eine große Mediationsrunde mit 20 Teilnehmern ein. Nach zweijähriger Beratung fanden alle Beteiligten, auch die Vertreter der Bürgerinitiativen, im Januar 2000 einen Kompromiss: Der Flughafen sollte eine neue Landebahn bekommen, im Gegenzug würde Fraport mit der Inbetriebnahme auf alle 50 bis 60 Nachtflüge verzichten. Diesem Votum versprach die damalige schwarz-gelbe Landesregierung zu folgen.

Doch dann fasste das hessische Wirtschaftsministerium im Dezember 2007 einen Planfeststellungsbeschluss, der kein generelles Nachtflugverbot mehr vorsah, 17 Nachtflüge sollte es geben. Ein folgenschwerer Wortbruch. »Die Lufthansa hat darauf gedrängt«, sagt Fraport heute. »Der hessische Verkehrsminister wollte die Nachtflüge aus formaljuristischen Gründen«, sagt die Lufthansa. Gewiss ist: Elf der 17 Nachtflüge sollten an Lufthansa Cargo gehen, das seinen Heimatflughafen in Frankfurt hat.

Am 10. Oktober 2011, kurz vor der Eröffnung der Landebahn, gab das hessische Verwaltungsgericht in Kassel der Klage einer Anwohnerin recht: In einer von 23 bis 5 Uhr definierten »Kernnacht« seien Flüge der schlafenden Rhein-Main-Bevölkerung nicht zuzumuten – bis das Bundesverwaltungsgericht im März 2012 in der Hauptsache letztinstanzlich entscheiden wird.