GesellschaftBeruhigt euch!

Droht uns auch noch das Ende der Demokratie? Kleine Polemik gegen das ewige Gerede vom Weltuntergang

Das Wort Krise hatte seinen Schrecken schon fast verloren. Es klang in den letzten Monaten auch bei dramatischer Nachrichtenlage etwas schwach und durch häufigen Gebrauch abgenutzt. Womit hatte die Karriere der »Krise« eigentlich einst begonnen? Mit der Ölkrise oder der Krise des Wohlfahrtsstaates? Mittlerweile haben wir uns an Wörter wie Bildungskrise, Energiekrise, Klimakrise, vor allem aber an Finanzkrise, Schuldenkrise, Euro-Krise gewöhnt. Wir hofften zuletzt, dass die Krisen selbst nicht noch bedrohlicher werden könnten, zumal die sprachlichen Steigerungsmöglichkeiten ausgereizt schienen: Weltfinanzkrise! Doch seit einigen Wochen geistert ein neues Drohwort durch die Debatten, es ist die »Krise der Demokratie«. Gibt es die wirklich? Oder ist das Gerede selbst das Problem?

Nie ist die Welt ja so schön wie kurz vor ihrem Untergang. Und nie sind die Worte, die zu ihrem Lobpreis erschallen, größer, strahlender, heiligmäßiger als in der Menetekelliteratur, die seit Jahrhunderten den Untergang des Abendlandes feiert: in der Offenbarung des Johannes ebenso wie in der berühmten deutschen Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. »Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt«, schrieb der Expressionist Georg Trakl 1912, »es ist ein Licht, das in meinem Mund erlischt.« Es war damals in Deutschland eine Zeit des gesellschaftlichen Stillstands, auch der gepflegten Langeweile. Man sehnte sich nach dramatischen Dichterworten, die das Lebensgefühl des Lesers steigerten. Heute haben wir keinen Mangel an politischer Dramatik. Aber vielleicht gibt es dennoch eine Sehnsucht nach Untergang.

Anzeige

Das Projekt des Euro mag gefährdet sein, der Parlamentarismus ist es nicht

Anders lässt sich kaum erklären, dass am vergangenen Wochenende in Berlin allen Ernstes »für ein neues Gesellschaftssystem« demonstriert wurde. Das war nach den jährlichen Gedenkfeiern für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, und man könnte die Demonstranten als linke Sektierer abtun. Doch die »Alternative« nicht nur zum Geschäftsgebaren der Großspekulanten, die sich auf Kosten ganzer Gesellschaften bereichert haben, sondern auch zur Demokratie wird allmählich zu einem populären Schlagwort. Wirtschaftsmagazine schreiben neuerdings vom »Stresstest für unser System« und meinen damit keineswegs nur die Marktwirtschaft, sondern den westlichen Parlamentarismus. Vorstandschefs warnen, dass »ab einem bestimmten Grad von Misstrauen der Gesellschaftsvertrag als Grundlage unserer Demokratie nicht mehr funktionieren« könne.

Wo aber ist die Krise der Demokratie, wenn mehr denn je über Demokratie diskutiert wird, wenn über 90 Prozent der Deutschen die Idee der Demokratie für die bestmögliche halten und wenn die Bürger auf öffentlichen Plätzen gegen politische Entscheidungen protestieren, sei es in Stuttgart oder New York? Die Parlamentarier müssen momentan schier unlösbare wirtschaftliche Probleme lösen, aber die politischen Strukturen sind davon weitgehend unberührt. Das Projekt der Europäischen Union und des Euro mag gefährdet sein, aber der Parlamentarismus ist es nicht. Allenfalls könnte man sagen, dass die politische und die ökonomische Sphäre sich zu stark entkoppelt haben, sodass die Finanzkrise erst möglich wurde. Aber gerade jetzt fordern die Bürger, voran die Occupy-Bewegung, mehr politische Einflussnahme auf ökonomische Entscheidungen. Sie sind sich ihrer demokratischen Rechte also bewusst. Schlimm wäre, wenn die Bürger nach einem starken Führer oder Monarchen riefen, aber sie fordern im Gegenteil mehr Teilhabe.

Wieso also Krise der Demokratie? Die Psychoanalytiker nennen es Angstlust. Sie beruht auf Furcht, Wonne und Hoffnung angesichts einer äußeren Gefahr – auf alldem, was auch die Weltuntergangsliteratur so prickelnd macht. Doch in der Wirklichkeit soll es lieber nicht prickeln. Da ist nicht der wohlig vor finalen Katastrophen erschaudernde Literaturfan, sondern der über tatsächliche Risiken aufgeklärte Bürger gefragt.

Seine eigentliche Angst muss dem leichtfertigen Demokratiekrisengerede gelten. Denn es erklärt die größte politische Errungenschaft unseres Kulturkreises zur Verhandlungsmasse. Wer jetzt die Funktionstüchtigkeit der Parlamente in einem Atemzug mit der Fragwürdigkeit gewisser Hedgefonds oder den Fehlern bei der Einführung des Euro diskutiert, verkennt absichtlich, dass die demokratischen Regierungen Europas mit aller Kraft versuchen, ihre Finanzprobleme in den Griff zu bekommen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Niemand will behaupten, die Wirtschaftspolitiker in Berlin, Paris und Washington seien unfehlbar und hätten zur Finanzkrise nicht selbst beigetragen. Am Beispiel der Rating-Agenturen lernen sie jetzt, dass man die Geister, die man rief, nicht einfach wieder loswird. Die Politik kann nicht Gesetze machen, die private Agenturen wie Standard & Poor’s ermächtigen, Bonitätsnoten an politische Institutionen zu vergeben, und erst dann, wenn ihr die Noten missfallen, das ganze Prozedere infrage stellen. Aber Auswege aus der Krise gibt es im Streit. Ja, was denn sonst? Demokratie heißt, keine Freiheit leichtfertig preiszugeben, auch im Ökonomischen nicht. Mit den Worten Ciceros, eines der frühen Väter der Demokratie: »Den Gesetzen gehorchen wir nur deswegen, um frei sein zu können.«

Also Schluss mit der Demokratiedämmerung. Sie ist eine Chimäre. Aber eine gefährliche.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. Sie schreiben: "Alle 4 Jahre ein Kreuzchen zu machen bringt uns noch lange nicht in die Lage, zu herrschen."

    Die Behauptung ist schlichtweg falsch. Tatsache ist: So viel Wahlen gab's noch nie: Europa-, Bundestags-, Landtags-, Kreistags-, Gemeinderats-, OB- und Bürgermeisterwahlen ... und noch jede Menge mehr.

    Und die Wahlbeteiligungen?

    Wer jetzt noch die Direktwahl des Bundespräsidenten fordert, sollte sich im Erfolgswahl nicht wundern, dass sie nach Kurzem mangels Wahlbeteiligung wieder aufgehoben werden müsste.

    Und wer sich über mangelnde Mitwirkungsmöglichkeiten beklagt, ist entweder zu faul, die bestehenden - z. B. Mitarbeit in Parteien, ja das ist mühselig - wahrzunehmen oder meint, Demokratie heiße, dass es nur nach seinem Kopf gehen dürfte.

    Er ist aber nur einer von 80 Millionen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Daß der zu kurze Anteil der Lebensarbeitszeit an der gesamten Lebenszeit zu klein ist, ist bestimmt nicht der hauptsächliche Grund der gegenwärtigen Schuldenkrise.
    Schwerwiegender sind Entwicklungen wie - weg von der Investition + hin zum Verbrauch. Oder weg von qualitativer Produktion - hin zur Marketingaktion. Oder weg von kurzen Zahlungszielen - hin zu dauernder Kreditfinanzierung. Man könnte auch Faktoren wie Wertschöpfung/Stunde, Automatisierung und Ähnliches berücksichtigen. Wenn man denn wollte.
    Denn die Finanzierung der Lebenszeit der Menschen, speziell nach ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben, ist eine Herausforderung für die Gesellschaft. Sehr richtig. Besonders weil die Rentenversicherung nur von human Resourcen bezahlt wird, Machinen bezahlen keine Beiträge.
    Wenn man in den letzten Jahren aufgepasst hat weiß man das.
    Aber selbstkritisches Hinterfragen ist bei den freiheitsliebenden Besserverdienern nicht angesagt, es könnte ja das mühsam gepäppelte Selbstbewußtsein ins Wanken bringen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 2b
    • 21.01.2012 um 15:23 Uhr

    lesen Sie ...
    (für Denker in einem HighTechLand mit "human Ressourcen")

    • 2b
    • 21.01.2012 um 15:23 Uhr

    lesen Sie ...
    (für Denker in einem HighTechLand mit "human Ressourcen")

    • Lutz2
    • 21.01.2012 um 15:18 Uhr

    Was für ein Artikel !!!
    Als krönender Abschluß wird uns allen hier gesagt was wir gefälligst sofort zu unterlassen haben und was wir nicht zu denken haben.
    Frau Finger die angeblichen Verteidiger von Gesellschaftsformen waren in der Geschichte am Ende immer ihre Zerstörer.
    Lesen sie mal ganz in Ruhe den Zauberlehrling.

    Eine Leserempfehlung
  3. ...wenn die Autorin der Auffassung ist, dass es Volkes Wille war und ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinander gegangen ist, dass Erziehung und Bildung dem Primat der künftigen ökonomischen Verwertung unterworfen wird, dass das Individuum via "demokratischer" Beschlüsse ökonomisch Verzweckt wird...

    Aber dann muss das Volk ziemlich dumm sein!

  4. Auch wenn ich selbst den derzeit heftig diskutierten Begriff der "Postdemokratie" von Prof. Crouch für unseren gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft nicht verwenden würde (noch nicht?) - an dem damit gemeinten großen Problem blickt Frau Fingers sehr sympathischer Artikel jedoch vorbei: Der Diskrepanz zwischen international agierender (globaler/globalisierter) ökonomischer Macht und den Möglichkeiten lokaler (nationaler) Demokratie. Ackermann, WalMart, Shell & Co ist es doch größtenteils ziemlich wurscht, was die jeweiligen Parlamente so wollen, da doch immer "die Märkte" es sind, die letztlich die Maßstäbe in diesem System setzen! Natürlich muss man pro forma gute Stimmung mit der Politik machen, aber letztlich muss sich dann immer die Politik "das Vertrauen der Märkte" verdienen - und nicht umgekehrt. Da können wir wählen, abstimmen und Sonntagsreden halten, wie wir wollen: "die Märkte" treiben die Politik vor sich her, solange der Glaube, die Börsenwerte seien die unverzichtbare und entscheidende Grundlage unseres Wohlergehens und Lebensglücks, so unwiderlegt die Köpfe dieser Welt beherrscht...

    • 2b
    • 21.01.2012 um 15:23 Uhr

    lesen Sie ...
    (für Denker in einem HighTechLand mit "human Ressourcen")

    Antwort auf "Auch uneinsichtig"
  5. Fände ich eigentlich gar nicht so schlecht, wenn die derzeitige Mono-Demokratie mit ihrem durch die Bank gleichgeschalten, bürgerfernen und imkompetenten Führungsperson ein Ende finden würde. Irgendjemand hat hier von Postdemokratie geschrieben. Die Einschätzung teile ich. Das, was unsere politischen Eliten über die letzten Jahrzehnte hinweg aus dem System gemacht haben, hat nur noch am Rande mit der demokratischen Idealform. Vor einer totalitären Demokratie, deren Vertreter für sich in Anspruch nehmen den "best way" zu kennen und glauben die ultimative Problemlöse- und Lebensgestaltungskompetenz in allen Bereichen zu besitzen (was ja, wie derzeit offenkundig ist, nicht der Fall ist), hat schon Aristoteles gewarnt. Eigentlich haben wir das schon.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • manu26
    • 21.01.2012 um 16:21 Uhr

    Wie können Sie allen Politikern und Politikerinnen so pauschal Inkompetenz unterstellen? Sie könnten es besser? Oder wer könnte es besser? Wann lief es denn in der Bundesrepublik besser? Unter Adenauer?! Oder eher unter Schmidt? Der ja dafür bewundert wird, dass er sich über die größte (basisdemokratische) Bürgerbewegung kraft seines repräsentativen Mandates hinwegsetzte. Unsere Demokratie wurde über die letzten 60 Jahren in vielen Bereichen reformiert, das Grundgesetz heute ist nicht zuletzt durch die Rechtsprechung des BVerfGE nicht mir jenes von 1949. Ich kann den meisten PolitikerInnen nicht ihre Authentizität absprechen, vielmehr glaube ich, dass sie durchaus ehrlich von ihren Vorschlägen und Vorhaben überzeugt sind.
    Was ist Ihre Gegenvorschlag zur repräsentativen Demokratie (vielleicht angereichert durch direktdemokratische Elemente)?

    • manu26
    • 21.01.2012 um 16:21 Uhr

    Wie können Sie allen Politikern und Politikerinnen so pauschal Inkompetenz unterstellen? Sie könnten es besser? Oder wer könnte es besser? Wann lief es denn in der Bundesrepublik besser? Unter Adenauer?! Oder eher unter Schmidt? Der ja dafür bewundert wird, dass er sich über die größte (basisdemokratische) Bürgerbewegung kraft seines repräsentativen Mandates hinwegsetzte. Unsere Demokratie wurde über die letzten 60 Jahren in vielen Bereichen reformiert, das Grundgesetz heute ist nicht zuletzt durch die Rechtsprechung des BVerfGE nicht mir jenes von 1949. Ich kann den meisten PolitikerInnen nicht ihre Authentizität absprechen, vielmehr glaube ich, dass sie durchaus ehrlich von ihren Vorschlägen und Vorhaben überzeugt sind.
    Was ist Ihre Gegenvorschlag zur repräsentativen Demokratie (vielleicht angereichert durch direktdemokratische Elemente)?

    • xy1
    • 21.01.2012 um 15:39 Uhr

    Man könnte doch eine nicht repräsentative Umfrage unter den (z.Zt.) 35 Empfehlenden machen:
    -Wie viele haben einen akzeptablen Job?
    -Wie viele haben ein Auto?
    -Wie viele haben ein Eigenheim?
    -Wie oft verreisen sie im Urlaub?
    -Wie viele arbeiten in Branchen die "nichts produktives
    hervorbringen?
    -Wie viele sind FREIWILLIG bei Facebook?
    -Wie viele schätzen die hiesigen Umstände so schlecht ein,
    dass sie sofort auswandern würden u. wenn ja - wohin?

    Ich befürchte, dass das Ergebnis nicht unbedingt die in diesem Post (Nr.4) veröffentlichte sugerierten Antworten unterstützen würde.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service