InterventionWaffen helfen nicht

Eine Militärintervention in Syrien ist vorerst weder möglich noch sinnvoll. Es gibt andere Wege, Druck zu machen. von 

Proteste in Homs

Proteste in Homs  |  © AFP/Getty Images

Al-Sabadani ist ein beliebter Ferien- und Ausflugsort in Syrien , malerisch gelegen zwischen der Hauptstadt Damaskus und der Grenze zum Libanon . Vor einigen Tagen demonstrierten dort Einwohner, unter ihnen zahlreiche Kinder, gegen das Regime von Baschar al-Assad. Am vergangenen Freitag rollten Armeepanzer in Richtung Al-Sabadani und nahmen die Stadt unter Beschuss. Kämpfer der Freien Syrischen Armee feuerten zurück. Oppositionelle berichteten von Toten und Verletzten.

Es gilt die übliche Einschränkung: Solche Angaben sind vorerst nicht von unabhängiger Seite zu verifizieren. Aber was UN und internationale Menschenrechtsorganisationen in den vergangenen Wochen an Informationen gesammelt, abgeglichen und ausgewertet haben, lässt nur einen Schluss zu: Die Brutalität des Assad-Regimes geht nicht zurück , sie wächst. Die Zahl der Toten steigt – und zwar immer schneller.

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Also mehren sich die Stimmen für internationale Militäreinsätze unterschiedlichster Art. Amerikanische Thinktank-Experten spielen am Schreibtisch Libyen 2.0 durch; die Türkei erwägt die Einrichtung einer Schutzzone auf syrischem Territorium, der Emir von Katar , inzwischen einer der starken Männer in der Region, denkt laut über die Entsendung arabischer Truppen nach, um "das Töten zu stoppen". Bei Protestaktionen in Syrien halten Demonstranten immer häufiger für die Zuschauer von YouTube, Al-Dschasira oder CNN Transparente in die Handy-Kameras mit der Aufschrift "Flugverbotszone! Sofort! Warum für Libyen, warum nicht für uns?". Diese Menschen stellen keine Fragen. Sie klagen an. Und mit Recht.

Assad geht inzwischen grausamer vor, als es Gaddafi tat. Aber die Libyer hatten das verdammte Glück, dass ihr Diktator in der Region und im UN-Sicherheitsrat keine Verbündeten mehr hatte. Die Syrer haben das verdammte Unglück, dass ihr Diktator ein wichtiger Verbündeter des Irans ist; dass mit einem militärischen Eingreifen eine Kettenreaktion in Gang geraten könnte – von Israel und dem Libanon in den Irak und Iran, mitten hinein in den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Deswegen gibt es keine militärische Intervention in Syrien, deswegen darf es auch keine geben. Weil sie die Lage noch schlimmer machen würde.

Also Pech für all jene Syrer, die tagtäglich bei Protesten ihr Leben riskieren? Haben sie ihren Widerstand zur falschen Zeit im falschen Land angefangen?

Die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft gegenüber einer Bevölkerung, die von der eigenen Regierung zusammengeschossen wird, gilt. Sie gilt auch für Syrien – und sie besteht entgegen weitläufiger Meinung nicht nur im Einsatz militärischer Mittel. Man kann helfen, intervenieren, schützen, ohne ein Kampfgeschwader loszuschicken.

Assads Kalkül der Machterhaltung beruht, außer auf dem Iran, auf zwei Annahmen: dass der Widerstand im eigenen Land irgendwann erlahmt und die internationale Aufmerksamkeit nachlässt. Beidem kann man begegnen . Mit politischer Entwicklungshilfe für die immer noch chaotische syrische Oppositionsbewegung. Mit Satellitentelefonen, Laptops, Stromgeneratoren und Digitalkameras für die Aufständischen im Land. Das klingt nach humanitärem "Gedöns", ist aber sehr viel wirksamer als die Forderung nach einem Militäreinsatz, für den ohnehin keine ernst zu nehmenden Kräfte zur Verfügung stehen. Denn Hightech-Hilfe ermöglicht der syrischen Opposition, international sichtbarer zu werden und sich besser zu vernetzen. Das wiederum erhöht deren Durchhaltewillen und damit die Bereitschaft von Funktionären des Regimes, die Seiten zu wechseln. Hightech-Hilfe kann auch heißen: Einsatz von Satelliten zur Überwachung und Aufzeichnung von Truppenbewegungen, von Kampfhandlungen und Zerstörungen.

Leserkommentare
    • xpeten
    • 22. Januar 2012 13:52 Uhr

    Selbstverständlich gibt es in jedem Unrechtsregime Menschen, die von diesem Systemn profitieren und an dessen Erhalt interessiert sind.

    Hätte man 1989 Pro-Honnecker Demonstrationen im Deutschen Fernsehen gezeigt (hat es die überhaupt gegeben?), hätte man als Zuschauer doch nur den Kopf geschüttelt und sich gefragt, was der Quatsch denn soll.

    Aber gut, wie Sie meinen, wenn Sie das brauchen, um sich über das "Geschehen in der Welt" ein Bild zu machen.

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    • qotsa
    • 22. Januar 2012 14:06 Uhr

    Woher wollen Sie das denn wissen? Der unabhängige Journalist Jürgen Todenhöfer hat in Syrien bei seinen Umfragen auf der Straße ganz andere Fakten gesammelt:

    http://www.fr-online.de/politik/syrien-reise-in-ein-verbotenes-land,1472...

    Der Videobericht "Syrien: Reise durch ein zerrissenes Land" dazu:
    http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/329478_weltspiegel/8887720_sy...

    Hier eine Umfrage der "The Doha Debates" (finanziert von der Qatar Foundation), die die Mehrheit der Syrer hinter Assad sieht:

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jan/17/syrians-support-assa...

    Weder Todenhöfer (Ex CDU Politiker) noch die Organisation aus Katar stehen im Verdacht Pro-Assad zu sein.

    • qotsa
    • 22. Januar 2012 14:06 Uhr

    Woher wollen Sie das denn wissen? Der unabhängige Journalist Jürgen Todenhöfer hat in Syrien bei seinen Umfragen auf der Straße ganz andere Fakten gesammelt:

    http://www.fr-online.de/politik/syrien-reise-in-ein-verbotenes-land,1472...

    Der Videobericht "Syrien: Reise durch ein zerrissenes Land" dazu:
    http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/329478_weltspiegel/8887720_sy...

    Hier eine Umfrage der "The Doha Debates" (finanziert von der Qatar Foundation), die die Mehrheit der Syrer hinter Assad sieht:

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jan/17/syrians-support-assa...

    Weder Todenhöfer (Ex CDU Politiker) noch die Organisation aus Katar stehen im Verdacht Pro-Assad zu sein.

    • ThorHa
    • 22. Januar 2012 14:16 Uhr

    Mut und Freiheitswillen. Gehen Monate friedlich auf die Strasse, obwohl einer nach dem anderen erschossen wird. Und eine deutsche Journalistin empfiehlt ihnen de facto, genau das weiter zu tun. Weil Schutz ja sinnlos ist. Die gnadenlose Missachtung dea Freiheitswillens durch deutsche Bequemlichkeitspazifisten ist schon lange furchterregend.

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    • adal-
    • 22. Januar 2012 14:44 Uhr

    >> Da demonstrieren Menschen einen nahezu übermenschlichen
    Mut und Freiheitswillen. Gehen Monate friedlich auf die Strasse, obwohl einer nach dem anderen erschossen wird. Und eine deutsche Journalistin empfiehlt ihnen de facto, genau das weiter zu tun. Weil Schutz ja sinnlos ist. Die gnadenlose Missachtung dea Freiheitswillens durch deutsche Bequemlichkeitspazifisten ist schon lange furchterregend. <<

    Ihre Kritik an den hier versammelten "Bequemlichkeitspazifisten" ist völlig berechtigt. Nur trifft Ihre Kritik gar nicht die Autorin des Artikels.
    Andrea Böhm stellt fest, dass der politische Wille, in Syrien militärisch zu intervenieren, schlicht (noch?) nicht existiert.

    Einstweilen ist weder ein Beschluss des Sicherheitsrates zur Einrichtung einer Flugverbotszone vorstellbar noch eine gleichlautende Empfehlung der arabischen Liga.

    • yato
    • 22. Januar 2012 14:23 Uhr

    Es gibt hervorragende und kleine Full HD Camcorder mit 10 bis 20 Fach Zoom, Aufzeichnung auf kleinen SD Karten. Hundert Stück davon an Einheimische verteilt inclusive Tutorial in Landessprache auf einer SD Karte und schon haben wir eine Top Bild und Tonqualität für die Weltöffentlichkeit dieser unglaublichen Verbrechen. Mit schon 200 000 Euro für Equipment könnte man eine komplette Untergrund-Video-Doku-Infrastruktur in Syrien aufbauen, die die verbotene Weltpresse ersetzt. 10 bis 20 Netzwerkstationen, bei denen jede einzelne 10 Kameraleute betreut, mit Satelliten-Video-Upload-Möglichkeit, Solarpaneels, Schnitt-Computer und Camcorder-Akku-Lade Station.

    (Zum Beispiel Einen Top FullHD Camcorder Panasonic HDC-SD909 inclusive 4 Akkus und drei 32GB SD Karten für 12 Stunden TV Qualität Aufnahmezeit bekommt man heute bei Amazon schon für ca. 1000 Euro)

    Wann kapieren wir endlich das Information und nicht Waffen zunehmend das Machtmittel unserer Zeit wird.

    Wenn Assads Verbrechen top dokumentiert weltweit über Al Jazeera etc verfügbar sind, dann kann auch z. B. Russland seine Unterstützung nicht ewig aufrecht halten ohne die eigenen Bürger noch mehr gegen Putin aufzubringen...

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    Die "entlarvenden Beweise" müssen immer genau die Qualität haben, damit die Unterstellungen, die damit betrieben werden, selbst nicht entlarvt werden können.

    • adal-
    • 22. Januar 2012 14:44 Uhr

    >> Da demonstrieren Menschen einen nahezu übermenschlichen
    Mut und Freiheitswillen. Gehen Monate friedlich auf die Strasse, obwohl einer nach dem anderen erschossen wird. Und eine deutsche Journalistin empfiehlt ihnen de facto, genau das weiter zu tun. Weil Schutz ja sinnlos ist. Die gnadenlose Missachtung dea Freiheitswillens durch deutsche Bequemlichkeitspazifisten ist schon lange furchterregend. <<

    Ihre Kritik an den hier versammelten "Bequemlichkeitspazifisten" ist völlig berechtigt. Nur trifft Ihre Kritik gar nicht die Autorin des Artikels.
    Andrea Böhm stellt fest, dass der politische Wille, in Syrien militärisch zu intervenieren, schlicht (noch?) nicht existiert.

    Einstweilen ist weder ein Beschluss des Sicherheitsrates zur Einrichtung einer Flugverbotszone vorstellbar noch eine gleichlautende Empfehlung der arabischen Liga.

  1. 14. puh puh

    Frau Böhm. Ich weiß nicht ob das alles so gut ist, was sie da empfehlen. Die Menschen sind jetzt denke ich genug gestorben für Ihren Freiheitswillen. Irgendwann muß denk ich Schluß sein, und dann, na klar, dann muß man sich wehren. Der einzige, der sich bei Ihrer Argumentation ins Fäustchen lachen würde wäre: na klar: Assad. Er hat genug bewiesen, daß er ein skrupelloser Machthaber. Ein wirklich skrupelloser Machthaber, der Demonstrierende zu Tausenden erschießen läßt, zu zehntausenden inhaftieren, foltern und die Angeschossenen in Krankenhäusern ermorden läßt. Das muß nicht mehr sein. Er wird genauso weiter agieren.

    • yato
    • 22. Januar 2012 14:51 Uhr

    Die preisgekrönten syrischen Puppen-Video-Darsteller "Top Goon" mit ihren YouTube Videos über Assads Alptraum sind wirklich AAA Qualität ;-)

    http://www.youtube.com/watch?v=W5RifYxWr-4

  2. und er wird einer bleiben, Frau Böhm. Deshalb ist ihr Artikel ja auch so ein Fehlurteil. Er hat auch keine andere Wahl mehr, denn er kann nicht mehr zurück. Die Soldaten die in einer Zahl von bis zu 20000 Soldaten desertiert sind, können auch nicht mehr zurück, genauso wenig wie die Menschen dort. Sie werden sich nicht ergeben, sie werden kämpfen. Es war kein Spiel und es ist kein Spiel mehr in Syrien, es geht um Leben und Tod.

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    @flo24734
    bis zu ....0 - 20000?

    Wenn Sie auch nur nur einmal irgendetwas handfestes für Ihre Behauptungen bringe würden..

    und "er ist ein Mörder..."

    sind Sie sein Richter und haben Sie in seiner Abwesenheit und in Abwesenheit von Beweisen, Ihr Urteil gesprochen?

    Und zum offen Krieg aufrufen, das bringen Sie auch fertig?

    Mutig, Mutig

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