Demokratie in Europa ? Dazu fällt den meisten Bürgern vor allem ein Wort ein: Defizit, und das nicht erst seit der Finanz- und Euro-Krise . Schon immer gelten auch die Subventionen für Bauern als Paradebeispiel der Brüsseler Hinterzimmerpolitik. Wenn aber am Wochenende bei der Grünen Woche in Berlin zwischen Wurstbuden und Erlebnisbauernhof über die Zukunft der Landwirtschaft diskutiert wird, dann könnte sich dieser Demokratie-Fatalismus als bequeme Zuschauerhaltung entlarven.

Denn auch wenn es kaum jemand bemerkt hat: Im entscheidenden Jahr der europäischen Agrarreform haben die Bürger von Spanien bis Polen auf die Landwirtschaftspolitik viel größeren Einfluss als in früheren Jahrzehnten.

Vor 50 Jahren war die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) das erste Großprojekt der europäischen Gründerväter. Auf keinem anderen Feld arbeiten die Staaten der EU seither so eng zusammen wie bei der Unterstützung der Landwirtschaft . Dafür gibt Brüssel mit rund 58 Milliarden Euro bis heute den größten Einzelposten des Haushaltes aus. Bei der Mehrheit der Bevölkerung allerdings hat dieser Geldregen einen miesen Ruf. Die "Subventionitis" für Bauern begünstigt ausgerechnet die reichsten Betriebe, und sie fördert eine Intensivproduktion, die viele Probleme der Landwirtschaft verstärkt. Dazu gehören Tierquälerei und Antibiotikamissbrauch im Stall, Artenschwund, Treibhausgasemissionen, das anhaltende Bauernsterben in Europa, ja indirekt selbst der Hunger in der Welt .

Um die hohen Steuerausgaben wieder überzeugend begründen zu können, plant der zuständige Kommissar Dacian Ciolos deshalb, das Geld künftig gerechter zu verteilen. Zugleich will er die Überweisungen daran knüpfen, dass Landwirte ökologisch verträglicher wirtschaften. Um Boden und Wasser zu schonen, sollen sie Fruchtfolgen einhalten und auf zehn Prozent ihrer Flächen Bäume, Sträucher und die ganze Vielfalt der Pflanzen sprießen lassen. Nun ist der Streit um die Prioritäten voll entbrannt, die bis zum Jahr 2020 gelten sollen: noch mehr produzieren wie bisher, um die Welt zu ernähren, wofür die Bauernverbände und die Agrarindustrie plädieren? Oder ergrünen und die regionale Vielfalt stärken, wie es Konsumenten und Umweltschützer fordern?

Diese Weichenstellung sei zu bedeutsam, um sie allein unter Experten auszutragen, meint nicht nur der EU-Kommissar Ciolos. Umso gravierender ist die kleine Revolution: Seit den Lissabonner Verträgen kann das EU-Parlament bei der Agrarreform mitreden, ohne seine Zustimmung wird es bei dieser GAP-Reform keinen Kompromiss mehr geben. Das heißt: Schluss mit der Kungelei zwischen Kommission, Interessengruppen und den mächtigsten Agrarministern. Auch Bürger können jetzt ihren EU-Volksvertretern Druck machen. Die bekommen allerdings bisher vor allem wieder von den alten Agrarlobbyisten Besuch, und in den Medien ist fast nichts über die aktuellen Debatten in Straßburg zu lesen. Stell dir vor, es ist Demokratie in Europa und keiner geht hin?

Kein Wunder, sagen die Skeptiker: Wer kennt schon seinen EU-Abgeordneten, geschweige denn dessen Fachkollegen aus anderen Ländern? Wer will sich mit drögen Fördersäulen und Skaleneffekten befassen? Wie soll man rumänische und britische Besonderheiten durchschauen? Doch keine Ausreden: Kompliziert sind auch andere Themen, und dieses hält eine positive Vision bereit. Schließlich wurzelt in der agrikulturellen Vielfalt von den Cevennen über den Harz bis zu den Karpaten die Chance für ein modernes Europa der Regionen. Wohlgemerkt, nicht im Sinne der rechten Hetzer, sondern eines europäischen Föderalismus.

Immerhin haben sich bereits einige Bürger-Agrarlobbys gebildet. So etwa das europaweite Bündnis ARC oder die breite Koalition "Meine Landwirtschaft". Es sind Bauern und Köche, Umweltschützer und Dritte-Welt-Gruppen, die am Rande der Grünen Woche für eine andere Agrarpolitik auf die Straße gehen wollen. Auch wenn man all ihre Argumente und Ziele womöglich gar nicht teilt: Für die Demokratie in Europa ist diese Einmischung auf jeden Fall ein Fortschritt.