Eifriger denn je bauen die Deutschen landauf, landab neue Kirchen und Schlösser und Villen, die in Wahrheit nicht neu, sondern alt sein sollen. Ob in Potsdam , Hannover , Dresden , München , Leipzig , Braunschweig oder auch Wesel, überall wird das längst Verschwundene wiedererrichtet. Noch in diesem Frühjahr werden in Berlin die ersten Bagger rollen, um ein Stadtschloss mit barocken Fassaden neu zu erstellen. Und auch die Frankfurter werden schon bald Teile ihrer Altstadt zurückgewinnen. Wenn es derzeit überhaupt einen Trend in der Architektur gibt, dann ist es der Trend zur Rekonstruktion des lange schon Zerstörten.

Woher dieser Drang zum Retrobauen? Für manche zeigt sich darin der Geist einer restaurativen Gesellschaft, die Trost und Zuflucht sucht in verblichener Schönheit. Andere sprechen von einer längst überfälligen Wiedergutmachung an den modernegebeutelten Städten. Vermutlich ist auch an beidem etwas dran. Doch spiegelt sich in den vielen Rekonstruktionen vor allem eines: unser verändertes Verhältnis zur Zeit. Die Zukunft ist nicht mehr, was sie war – und die Vergangenheit auch nicht.

Vor gerade mal dreißig, vierzig Jahren durfte der westliche Mensch noch frohgemut an die großen Utopien glauben, daran, dass die Zukunft viel schöner und gerechter und vor allem grundlegend anders sein könnte als die Gegenwart. Heute hat sich alles utopische Denken verloren, und die Zukunft erscheint nicht länger als weiter, offener Raum, in dem sich das ganz andere ereignen könnte. Zum Kapitalismus scheint es – allen Protesten zum Trotz – keine Alternative zu geben. Und so lässt sich die Zukunft allenfalls noch als ein optimiertes Heute denken, als eine Art Gegenwart 2.0, weniger klimaschädlich, weniger finanzkrisengeplagt, aber im Prinzip unverändert. Die Futurologen von einst sind zu Trendforschern verkümmert.

Alle Bedeutung und jeder Sinn werden der Architektur ausgetrieben

Analog hat sich das Bild der Vergangenheit gewandelt. Sie ist präsenter, heutiger denn je, in Büchern, Filmen, Ausstellungen, endlosen Fernsehsendungen von Guido Knopp bis Hape Kerkeling. Und so wie die Zukunft erscheint auch das Vergangene oft nur noch als Verlängerung der Gegenwart. Nicht mehr fremd und unverfügbar, sondern ein Teil der Jetztzeit.

Was dieser konkret bedeutet, zeigt sich überdeutlich im Umgang mit dem gebauten Erbe. In Sonntagsreden preisen Politiker zwar gern den Wert der Denkmalpflege, immer wieder predigen sie »Keine Zukunft ohne Herkunft«. Hinterrücks aber werden, wie jüngst in Schleswig-Holstein , die Denkmalämter entmachtet. Und ohne Umschweife zerstört man selbst unwiederbringliche Barock-Ensembles – so wie gerade in Bautzen und Zittau , wo ganze Straßenzüge mit denkmalgeschützten Bauten weichen sollen, um Platz zu schaffen für monströse Einkaufszentren.

Denkmale sind ja auch tendenziell anstrengend. Sie fragen nach dem, was war, sie fragen, warum es war. Sie fragen nach den Unterschieden zwischen Gestern und Heute. Doch daran scheint kaum noch jemand interessiert. Die alten Bauten werden geduldet, solange sie schön sind und den heutigen Bedürfnissen entsprechen. Stellen sie sich aber quer, stehen sie gar ökonomischen Interessen im Wege, dann im Zweifel weg damit. Die Gegenwart herrscht, sie ist absolut und total.

Paradoxerweise war der Denkmalschutz immer dann mächtig, wenn auch der Fortschrittsglaube machtvoll war, wie zuletzt in den sechziger Jahren. Ein Zukunftsstreben, das sich alles Gewesene unterwerfen wollte, brachte auf der Gegenseite ein Streben nach Bewahrung hervor, sodass ganze Arbeitersiedlungen, Kulturlandschaften, Fabrikanlagen unter Schutz gestellt wurden. Die Zukunft war offen, der Denkmalbegriff ebenfalls.