Alzheimer-Betreuung "Das ist schön"
Der Rentner Wolfgang Strobel bringt Grundschüler mit Alzheimerpatienten zusammen
Zehn kleine Besucher stehen im Halbkreis neben einem alten Klavier. Sie haben Bälle dabei und kleine Bilder mit Regenbogen und Sternen, die sie später an Fenster und Wände kleben werden. Aber erst mal spielt einer von ihnen Akkordeon, die anderen singen Schneeflöckchen, Weißröckchen, anfangs leise und verhalten, voller Ehrfurcht vor dem versammelten Alter, das da in Rollstühlen und auf gepolsterten Bänken vor ihnen sitzt.
Der Raum ist zu einer Seite verglast und lichtdurchflutet, in einer Ecke steht ein altes Radio, an den Wänden hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos. Darauf Menschen, Häuser und Bauernhöfe, die für viele hier längst im Nebel des Vergessens untergegangen sind – genauso wie der eigene Name, die Namen der eigenen Kinder, das Wissen darum, wie man sich anzieht, wie man isst und wie man spricht. Das Gradmannhaus in Stuttgart ist eine Einrichtung speziell für Demenzkranke und Alzheimerpatienten. Alle paar Wochen bringt Wolfgang Strobel ein kleines Stückchen Kindheit in dieses Heim zurück – an diesem Wintermorgen mithilfe der Klasse 3b der Grundschule Kaltental.
Wolfgang Strobel ist 68 Jahre alt, pensionierter Studienrat, ein kleiner, sanfter Mann mit leiser Stimme und Grübchen um die Mundwinkel. Seit 2003 arbeitet er als ehrenamtlicher Betreuer im Gradmannhaus. Strobel weiß, was Pflege bedeutet, viele Jahre lang pflegte er seine an Parkinson erkrankte Mutter. Im Gradmannhaus hilft er beim Abendessen, erzählt den Bewohnern im Sommer, wie die Sonne scheint, im Herbst, wie die Blätter fallen, im Winter vom Schnee.
Im Jahr 2003 begann er auch in Stuttgarter Grundschulen, Kindergärten und in der Kinderbibliothek, Geschichten zu erzählen, Märchen von Hans Christian Andersen oder den Brüdern Grimm, und irgendwann kam er auf die Idee, dass seine beiden Ehrenämter, die Kinder und die Alzheimerpatienten, vielleicht ganz gut zusammenpassen könnten. »Alzheimerpatienten entwickeln sich nach und nach zurück«, sagt er. »Sie werden immer hilfloser, sie finden sich nicht mehr zurecht in unserer Welt. Sie werden Kindern immer ähnlicher.«
Strobel ließ sich 2004 zum Mentor für Bürgerengagement ausbilden und gründete ein Projekt, in dem Schulkinder Alzheimerkranke besuchen. Er nennt es »Besuch im Anderland«, weil für ihn Alzheimerpatienten nach und nach von der bewussten Welt in eine andere rutschen.
So wie Jule Lempp, 1926 geboren, mit zerfurchtem Gesicht und Tausenden kleinen Lachfalten um die Augen, die aus einem früheren, fröhlicheren Leben stammen. Damals spielte sie Mozartsonaten auf dem Klavier, bestieg Viertausender, sprach fließend Italienisch, Französisch und Spanisch. Als Seniorstudentin besuchte sie noch Philosophievorlesungen – da wusste sie schon nicht mehr, wie man die Uhr liest.
Oder Gisela Stache, 85 Jahre alt, eine zarte, blasse Frau, die mit ihrem Mann fast die ganze Welt bereist hat, eine liebevolle Person, die eines Tages nicht mehr nach Hause fand und nach und nach sich selbst vergaß. Sie sitzt in einem Rollstuhl, reglos, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen auf einen unbekannten Punkt in der Ferne gerichtet.
Ein Mann mit gelber Schiebermütze beginnt plötzlich zum Gesang der Kinder den Takt zu klopfen, eine Frau summt die Melodie, eine andere singt, jede Strophe des Weihnachtslieds. »Wunderbar! Ganz wunderbar!«, ruft ein älterer Herr, reckt den Daumen in die Höhe und lächelt verschmitzt über das zerfurchte Gesicht. Die 3b singt In der Weihnachtsbäckerei: »Sind die Plätzchen, die wir stechen, erst mal auf den Ofenblechen, warten wir gespannt ... verbrannt.« – »Oh nein!«, seufzt eine Seniorin, eine andere lacht laut auf, die Kinder kichern. Das Eis ist gebrochen. Wolfgang Strobel sieht zufrieden aus. »Es ist schön«, sagt er, »wenn ich merke, wie die Kinder die Alten in der Seele berühren.«
Für die Idee zu seinem Projekt hat ihm die Bürgerstiftung Stuttgart im Jahr 2005 den Bürgerpreis verliehen. Später bekam er eine Auszeichnung der Robert-Bosch-Stiftung, er hat Förderer gewonnen, darunter ein Brauhaus, das Kultusministerium Baden-Württemberg, die Deutsche Alzheimer Gesellschaft und Ursula von der Leyen als Schirmherrin. Mittlerweile hat er drei Grundschulen und drei Heime für sein Projekt gewonnen und sogar Unterrichtsmaterialien zum Thema Alzheimer mitproduziert. Und alle paar Wochen begleitet er eine Gruppe Grundschüler in eines der Betreuungshäuser.
Jeder neuen Klasse erklärt Wolfgang Strobel in einer Vorbereitungsstunde, was Alzheimer ist. Er fragt, ob in letzter Zeit mal einer krank war, wie das ist, wenn man mal etwas vergisst. Dann erzählt er die Geschichte von Alois Alzheimer und der Frau, die ihr Leben vergessen hatte und vieles durcheinanderbrachte. »Die alten Leute freuen sich, wenn ihr sie besuchen kommt«, sagt er. »Nur manche können das nicht richtig zeigen, weil sie vergessen haben, wie das geht.«
Die Kinder im Gradmannhaus sind mutiger geworden. Ein Mädchen mit Jeansrock und weißen Strümpfen nimmt einen großen roten Ball und wirft ihn den Senioren zu. »Na, was ist das denn?«, fragt Frau Lempp verdutzt, als der Ball auf ihrem Schoß landet. Sie dreht ihn in ihren Händen, befühlt seine Rundung, wirft ihn sanft in die Höhe, fängt ihn wieder auf. »Das ist schön«, sagt sie. Ein Stückchen weiter sitzt Gisela Stache in ihrem Rollstuhl, die Hände gefaltet, den Blick in die Ferne gerichtet. Auf einmal blitzt in ihrem fein geschnittenen Gesicht ein flüchtiges Erkennen auf. Sie lächelt, und für einen Moment sieht es so aus, als wäre sie kurz aus dem »Anderland« zurückgekehrt.
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- Datum 24.01.2012 - 14:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.1.2012 Nr. 04
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Ja, es gibt einen Schlüssel, der die Tür zum Vergessen aufschließt. Und das ist kein Medikament - es ist überhaupt nichts Seelenloses.
Die Seele ist da, und sie wartet darauf, berührt zu werden. Die Kinder tun es, in all ihrer Unbefangenheit und Klarheit.
Wir alle sollten daran arbeiten, Wege zu finden, damit die Tür sich nicht wieder schließt - sondern geöffnet bleibt, erst einen kleinen Spalt, dann einen größeren ...
... aber das erfordert Engagement, Zeit, Mut - und Liebe.
die Krankheit besser verstehen und würdigen könnten und die Patienten begleiten würden. Es bedarf eines großen Einfühlungsvermögens und ein Rückerinnerns in die eigene Kindheit um Alzheimer zu verstehen. Ich begleite meine demente Mutter täglich 24 Stunden und habe mein Lachen nicht verlernt.Im Gegenteil - manche Aktionen meiner Mutter sind urkomisch und festigen unseren Zusammenhalt. Trotzdem chapeau Herr Strobl für diese herzliche Initiative
untergebrachte Alte sind besonders schlecht dran, weil alles anders, ungewohnt, so steril und neu ist. Und auch die Medikamente sind nicht immer nur zum Guten der Patienten. Nicht alles, was nach Parkinson oder Alzheimer aussieht ist es. Viele Menschen dort sind auch "nur" verwirrt. Durch die Umstände ihrer Einlieferung, durch Medikamente, durch Stoffwechselprobleme oder Austrocknung. Ich habe diesen letzteren Fall mit meiner damals 87-jährigen Mutter auf einer geriatrischen Krankenhausstation erlebt und es musste ein halbes Jahr Verwirrtheit durchlebt werden, ehe wir das "paradox" wirkende Neuroleptikum als Haupt-Übeltäter erkannten und ausschalten konnten. Jetzt ist sie seit 2 1/2 Jahren wieder richtig im Kopf und kann sogar ihre Bankgeschäfte im Dorf wieder selbständig erledigen. Sie ist fit wie 'n Turnschuh, macht zweimal wöchendlich Gymnastik, schafft jeden Tag im Garten...
Kinderbesuch ist natürlich toll. Aber man kann auch selber regelmäßig spielen, singen, Gedichte wiederlesen. Das kann fit und fröhlich machen!
bekommt - Strobl contra Wulff - Interesse - traurig, wieviel Kommentare Herr Wulff bekommt gegenüber Herrn Strobel -
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