FilmkritikerDie Richter und ihre Henker

Wie sich die Schweizer Filmkritik selbst abschafft. Gedanken anlässlich der 47. Solothurner Filmtage von Andreas Maurer

Als Altbundesrätin Micheline Calmy-Rey in ihrer letzten Rede zum Nationalfeiertag den Mut der Eidgenossen beschwor, rief sie angesichts der globalen Herausforderungen dazu auf, für einmal zwei »typisch schweizerische Tugenden« beiseitezulegen: Bescheidenheit und Selbstkritik. Mit Verlaub, aber den Berufsstand der Kritikerinnen und Kritiker hat Madame Calmy-Rey unterschlagen. Denn den öffentlich Kritisierenden fällt es schwer, selbst Kritik hin- oder gar anzunehmen, wie etwa die jährliche Kontroverse um den Bericht zur Qualität der Medien zeigt. Ja, auch Medienschaffende sind bloß Menschen, und aus Selbstschutz wird schnell Selbstgerechtigkeit; seien es Politjournalisten, die jeden Kratzer im Selbstbild als Verletzung ihrer Persönlichkeit ansehen, oder Feuilletonisten, deren dauernde Selbstbespiegelung im Onlinepressespiegel Perlentaucher die Wahrnehmung verzerrt. Tatsächlich wird es gerade im Zuge der digitalen Revolution für die etablierten Medienakteure überlebenswichtig, ihre eigene Rolle selbstkritisch zu hinterfragen. Auch für die Filmkritiker. Manche behaupten nämlich ganz unverschämt, nicht die Filmkritik sei heute kritisch, sondern ihr Zustand – in der Schwebe zwischen Arglosigkeit und Bedeutungslosigkeit.

Aus der Vogelperspektive betrachtet, präsentiert sich die Schweizer Filmkulturlandschaft en miniature auch im länderübergreifenden Vergleich als überaus reich: von den Filmschulen und -seminaren über die Festivals und Arthouses bis zu den Publikationen (wobei vom »Schweizer Film« einige leider immer noch – wie bei einer »Schweizer Uhr« – seriell gefertigte Qualitätsprodukte mit Massen-Swissness-Appeal erwarten). Näher herangezoomt, zeigen sich die Verwerfungen. So haben in jüngerer Zeit mehrere renommierte Filmkritikerinnen und -kritiker eine andere Rolle innerhalb der Filmszene übernommen oder sind in den Ruhestand gegangen (worden); darunter Weggefährten von Martin Schlappner und Martin Schaub, den langjährigen Filmpatrons der Neuen Zürcher Zeitung und des Tages-Anzeigers. Seither ist die Misere nicht zuletzt dank der Gratiszeitungen und Billigsender sichtbar geworden – auch in der Schweiz bedient man sich vorzugsweise jener anscheinend international patentierten Formel, nach der sich eine Filmbesprechung folgendermaßen zusammensetzt:

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Eingangsbemerkung über Gott, die Welt und/oder sich selbst + Inhaltszusammenfassung + Allgemeinplätze über Schauspieler, Dialoge und/oder Action + Gesamtbewertung.

Andreas Maurer

Der Autor, früher Filmkritiker bei der Neuen Zürcher Zeitung, arbeitet heute in Baden. Zuletzt erschien sein Buch Filmriss. Zehn große Irrtümer rund ums Kino des 21. Jahrhunderts (Edition Howeg, 144 S., 32 Fr.).

Kinderleicht anzuwenden... ob für Praktikanten (»Da kann man nichts falsch machen!«), Dilettanten (»Geiler Job, kostenlos ins Kino!«) oder alle anderen, die unter Deadline-Druck mit redaktionellen Beiträgen ihren Lebensunterhalt bestreiten (»Für dieses Honorar?!«). Dabei handelt es sich wohlgemerkt um eine Filmbesprechung – zu Feuilletondeutsch: Rezension –, keinesfalls um eine »Kritik«. Ein Wort, das ursprünglich »Kunst der Beurteilung« meinte. Fatal für die Filmkultur war nun die Ansicht, dieses Urteil solle vornehmlich ein Geschmacksurteil sein. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, zumindest nicht intelligent – wer weiß schon wirklich, weshalb einem dieses schmeckt und jenes nicht. Und trotzdem sollen irgendwelche professionellen Kinogänger, Vielleser und Musikhörer mit Sternchen, Pünktchen oder gerecktem Daumen Tausenden Unbekannten erbauliche Freizeittipps geben können? Absurd. Indem sich die Filmberichterstattung auf die Rolle des Geschmacksrichters konzentrierte, hat sie sich selbst den sprichwörtlichen Strick gedreht. Und der wird immer straffer gezogen durch die Onlineforen, Message Boards und Blogs – wo mehr und mehr Fans die Urteile von Fans finden, Gleichgesinnten, die ungleich glaubwürdiger wirken als selbst ernannte Experten.

Kritiker sollten sich als Anwälte des Films verstehen

Was sich dem entgegenhalten lässt, sind Beiträge, die – in welchem Medium auch immer – Hintergründe erhellen und Zusammenhänge aufdecken. Mittels Analyse und Recherche. In diesem Geist hat David Bordwell, der große Verfechter des Common Sense in der Filmwissenschaft, seine Formel für gelungene Kritiken vorgelegt:

Informationen + Meinung + Ideen.

So banal sie auf den ersten Blick erscheint, so fundamental sind ihre Forderungen. Erstens nach einer informativen Beschreibung des Werks und seiner Wirkungsweisen (jenseits von PR-Plattitüden wie »brillante Dialoge«, »Oscar-verdächtige Darstellerleistungen« oder »ein Meisterwerk«); zweitens nach einer auf klaren Kriterien beruhenden Meinungsbildung (im Unterschied zu rein persönlichen Vorlieben); und drittens nach Ideen und Idealen, die sich mit dem Sinn und Zweck des Kinos auseinandersetzen (statt mit immer neuen Möchtegernstars und immer gleichen Marketing-Pseudo-Events).

Freilich kann man sich mit etwas Galgenhumor lebhaft die Programmchefs und Ressortleiter vorstellen – die in der Literatur- oder Kunstkritik von alters her das Esoterisch-Elitäre zelebrieren –, wie sie darob gravitätisch ihr Haupt wiegen: Das Kino sei Populärkultur, einhergehend mit Popcorn… et cetera bla bla. Dabei sollte es der Kritik um die Überwindung des Gegensatzes zwischen Populärem und Elitärem, Anspruch und Unterhaltung gehen – genauso wie das Kino des 20. Jahrhunderts zugleich Groß und Klein, Blue und White Collar in seinen Bann schlug. Dieses Kino ist heute zwar Geschichte. Doch so wie »Film« sich längst nicht mehr nur auf Filmstreifen befindet, sondern auch auf DVDs, Smartphones und iPads, so findet »Kino« längst nicht mehr nur in Kinosälen statt, sondern auch im Heimkino oder im Cyberspace. Das Web 2.0 hat tatsächlich eine Cinephilie 2.0 geboren, wodurch schon in den wenigen Schweizer Onlineforen mitunter erstaunlich ernsthaft über die Zukunft von 3-D debattiert wird. Und dieses Mediennutzungsverhalten der digital natives wird zur Norm werden.

Abzuwarten bleibt, welche der durch die weit geöffneten Schleusen der Medienkanäle strömenden Akteure sich halten und welche untergehen werden in der Informationsflut. Jung-Entrepreneure, Mitprofiteure, einsame Amateure? Abhängen wird es vor allem davon, ob sich die Traditionsmedienunternehmen darauf besinnen, was sie einst zu Leitmedien erhoben hat: Sie schufen Orientierung – über die Tagesaktualität hinaus. Was für die Kritik bedeutet: In Zeiten, da willkürliche Geschmacksurteile gerade mal noch einen Klick auf den I like-Button wert sind, braucht es weniger Richter als vielmehr Anwälte, die sich hartnäckig für ihre Sache einsetzen. Mit profunden Aktenkenntnissen, fundierter Beweisführung, leidenschaftlichen Plädoyers. Und obwohl Letztere kaum dem eidgenössischen Temperament entsprechen, machen die Nähe, die Durchlässigkeit sowie der Nachwuchs der Filminstitutionen hierzulande, die »Informationen«, »Meinungen« und »Ideen« hervorbringen, Hoffnung auf einen regeren Austausch.

Kritik 2.0 also? Bei aller Selbstkritik – darüber entscheiden in letzter Instanz Sie, als Lesende, Zuhörende, Zuschauende. Berufung ausgeschlossen.

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