Unternehmerinnen: Ohne-mich-AG
Die Schweiz hat zu wenige ehrgeizige Unternehmerinnen. Liegt das an unserem Wohlstand?
Was verbindet Shania Twain mit Tina Turner, Nana Mouskouri und ABBA-Sängerin Anni-Frid Lyngstad? Es sind Musikerinnen, und allesamt waren sie sehr erfolgreich. Aber da ist noch etwas: Sie sind die vermögendsten Selfmadefrauen in der Schweiz. Dies jedenfalls suggeriert die Bilanz-Liste der 300 Reichsten im Lande, und mögen solche Magazin-Rangierungen keine sozialwissenschaftlichen Studien sein: Sie machen doch gesellschaftliche Trends greifbar. Die globale Forbes-Liste und andere Geld-Rankings für Deutschland oder Großbritannien zeigen Ähnliches. Die reichsten Menschen sind mehrheitlich Männer, welche große Unternehmen schufen – Männer wie Bill Gates in den USA, Richard Branson in Großbritannien oder die Aldi-Brüder Albrecht in Deutschland. Beziehungsweise Männer wie Ingvar Kamprad, Viktor Vekselberg oder Medizinaltechnik-Milliardär Hansjörg Wyss in der Schweiz.
Und die reichsten Frauen? Das sind Erbinnen – und manchmal eben Stars.
Natürlich finden sich zunehmend Töchter wie Magdalena Martullo-Blocher oder Nayla Hayek, die einen Familienkonzern erfolgreich weiterführen. Aber letztlich sind die Frauen unter den großen Unternehmerfiguren dieses Landes seltener als in den Konzernleitungen der Großbanken oder in den Verwaltungsräten der SMI-Industriekonzerne. Viel seltener.
Bloß, dieser Unternehmerinnen-Mangel ist in der öffentlichen Debatte kein Thema. Wir streiten zwar gern über gläserne Decken, über den Filz der old boys networks, über die anhaltende Ungerechtigkeit bei der Lohnverteilung oder über den Sinn und Unsinn von Quoten. Aber dass sich Frauen deutlich seltener selbstständig machen, dass sie ihre Unternehmen kaum je zu einem Branchen-Schwergewicht hochstemmen können – dies scheint nicht der Rede wert.
Die Zahlen belegen es. 9,4 Prozent der erwerbstätigen Männer in der Schweiz sind selbstständig – bei den Frauen ist der Anteil halb so groß, er liegt bei 4,8 Prozent. Oder anders gerechnet: Knapp 70 Prozent der Firmen in der Schweiz werden von Männern gegründet, in nur 15 Prozent der Fälle meldet eine Frau eine Gesellschaft beim Handelsamt an – in nochmals 15 Prozent der Fälle sind sowohl Frauen wie Männer an einer Gründung beteiligt. Und obschon die weitere Entwicklung statistisch weniger erfasst ist, so zeigt jede Liste der größten Schweizer Konzerne, dass der Gründerinnen-Anteil sinkt, je gewichtiger die Unternehmen sind.
Konkret brachte es eine empirische Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz im Sommer 2010 ans Licht: Frauen stellen seltener Mitarbeiter ein – wir haben es hier also öfter mit Ich-AGs zu tun –, und sie wirtschaften weniger kapitalintensiv. Ein weiterer, entscheidender Unterschied: Nur 15 Prozent aller neuen Unternehmen, die von Frauen gegründet wurden, kamen mit Produktinnovationen auf den Markt. Wenn Männer eine Firma starteten, war dies doppelt so oft der Fall. Dass weibliche Steve Jobs so selten sind, liegt also bereits am Ansatz, mit dem die Unternehmen gegründet werden.
Tatsächlich spielt bei den Frauen ein anderes Motiv als der Ehrgeiz eine wichtigere Rolle bei der Firmengründung: Die Selbstständigkeit erlaubt es eher, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Das Muster, das sich hier abzeichnet, ist sogar global gültig. Tendenziell starten Männer eine Firma als Herausforderung – und Frauen aus einem ökonomischen Zwang heraus. Dies erklärt ein Ergebnis, das der Global Entrepreneurship Monitor des Babson College in Massachusetts zutage gebracht hat: Danach ist der Anteil der Unternehmerinnen ausgerechnet in den ärmeren Ländern bedeutsamer. In Ghana, dem Spitzenreiter, werden 55 Prozent der Firmen von Frauen geschaffen.






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