Brigitta Bienz ist 42 Jahre alt, als das Schicksal ihr eine Entscheidung abverlangt. Seit wenigen Monaten arbeitet sie als Finanzchefin beim Schweizerischen Baukaderverband – eine Stelle, die sie »sehr glücklich machte«, wie Bienz heute erzählt. Doch dann stirbt der Chef. Der Verband steht ohne Präsident da. Und während Bienz mit ihren Kollegen einen Nachfolger sucht, rufen die Maurer und Zimmerleute von der Front an: Sie, Brigitta, sei die richtige Frau für den Job. Ob sie das selber nicht bemerkt habe? »Ich wollte mich eigentlich gar nicht bewerben«, sagt Bienz. »Ich war doch zufrieden.« Sie nimmt sich Bedenkzeit.

Immer wieder, meint Guido Schilling, sagten die Frauen ab. Schilling ist seit 24 Jahren Headhunter in Zürich. Bei der Suche nach Führungskräften verlangten fast alle Unternehmen heute nach Frauen, sagt er. »Aber sie zu finden ist sehr anspruchsvoll.« Spreche man sie an, stellten Frauen viel mehr Fragen zur potenziellen neuen Aufgabe als Männer. »Wenn es darum geht, ihre vertraute Umgebung zu verlassen, sind Frauen sehr kritisch«, sagt Schilling. »Sie sehen eher die Risiken, wo ein Mann die Chance sieht.« Viel öfter als von Männern komme dann von Frauen ein Nein.

Die Realität im Lande sieht so aus: Obwohl Frauen heute genauso gut ausgebildet sind wie Männer, schaffen sie es kaum weiter als bis ins mittlere Management. In den Geschäftsleitungen der 100 größten Schweizer Unternehmen sitzen 92 Prozent Männer. Bezieht man eine Ebene mehr mit ein, also Prokuristen, Chefbeamte und oberstes Kader, sind es noch 85 Prozent. Ein trostloses Bild – die Schweizer Wirtschaftsmacht ist in den Händen von Männern. Und verantwortlich dafür sind, so sagen viele, mit denen man spricht, zu einem großen Teil die Frauen selber.

Drastisch sagt das Bascha Mika. Die bittere Erkenntnis laute, so schreibt die deutsche Publizistin in ihrem Buch Die Feigheit der Frauen: »Wir wollen gar nicht gleichberechtigt Einfluss nehmen.« Denn dafür müsse man sich auf unbekanntes Terrain begeben, wo einem die kalten Winde um die Ohren pfiffen. »Das ist nicht nur lustig, wie wir ahnen. Da bleiben wir doch lieber in Deckung.« Sie wisse, dass sie mit ihren Aussagen möglicherweise Beifall von der falschen Seite bekomme, so Mika. Und trotzdem: »Darüber müssen wir reden.«

Seit Jahren gilt die schwierige Vereinbarkeit von Kind und Karriere als der Hauptgrund dafür, warum so wenige Frauen Wirtschaftskapitäne sind. Zwinge eine Gesellschaft Frauen zum Entscheid, ob sie Mutter oder Chefin sein wollten, entschieden sich verständlicherweise die meisten Frauen für Ersteres – so die allgemein anerkannte Lesart. Wolle die Schweiz also mehr Managerinnen, müsse sie mehr Teilzeitjobs schaffen und Kinderkrippen bauen. Das Problem ist nur: Die Schweiz tut das schon längst.