Pianist Glenn Gould Klavierkunst in Schlachtschiffgrau

Der Einsiedler im Fernsehen: Die TV-Auftritte des grandiosen Pianisten Glenn Gould auf zehn DVDs

Glenn Gould in der Royal Festival Hall in London, 1959

Glenn Gould in der Royal Festival Hall in London, 1959

Ein Dozent, der belehren, aber niemanden begeistern will. Unpersönlich ist sein Gestus, sternklar seine geistige Kälte. Über den Kopf eines Interviewers spricht er hinweg – in einem Selbstgespräch, dem der Stichwortgeber wie eine Puppe beiwohnt. Wir erleben die erwachsene Variante des Little-Professor-Syndroms, das in der Psychiatrie als Kennzeichen des Asperger-Syndroms gilt, eine sanfte Form des Autismus bei Höchstbegabten. Der Mann war, ohne Frage, ein Genie, aber er verbreitete Einsamkeit um sich, denn er war an Objekten interessiert, nicht an Menschen. Sein Timbre beim Reden glich seiner Lieblingsfarbe – Glenn Gould nannte sie »Schlachtschiffgrau«.

Wenn eine DVD-Box zur Sicherung einer medizinischen Diagnose taugt, dann diese. Sie konfrontiert uns mit einem der größten Pianisten der Musikgeschichte, dem Kanadier Glenn Gould (1932 bis 1982), aber sie bietet nicht nur Musik. Goulds Ruhm rührt zwar in erster Linie von den Schallplatten, die wir von ihm und seinem überwältigenden Klavierspiel besitzen. Die nicht kleine Zahl der Gould-Aficionados weiß überdies, dass der Meister auch als rhetorisches Talent reüssierte; seine Essays sind hinreißend, seine Briefe in ihrem Reichtum an intelligenten Botschaften über Musik aufklärerisch. Aber daneben gibt es auch noch das erhebliche Korpus von Fernsehauftritten, die Gould zumal seit seinem kompletten und schockierenden Rückzug aus den Konzertsälen im Jahr 1964 immer häufiger absolvierte. Diese Produktionen fanden sehr oft bei der Canadian Broadcasting Corporation (CBC) in Toronto statt, wo Glenn Gould als Stammgast und spleeniges Faktotum mitunter Tag und Nacht verbrachte und bisweilen für Minuten sogar aus seinen Kontaktstörungen erwacht sein soll.

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Jetzt gibt es – pünktlich zum Gould-Jahr – eine in ihrer Strahlkraft und unmittelbaren Wirkung schier enthusiasmierende Kollektion aller CBC-Sendungen Goulds. Sie heißt Glenn Gould on Television. The Complete CBC Broadcasts 1954-1977 (Sony, 10 DVDs). Auf zehn DVDs dringen wir ein in die Geisteswelt eines Getriebenen, der trotzdem mit jeder Faser Missionar sein wollte. In jenen unvergesslichen Gesprächen mit dem britischen Musikjournalisten Humphrey Burton etwa erklärt Gould noch einmal ebenso monoton wie faszinierend, wieso klassische Konzerte aus seiner Sicht sehr gestrige Veranstaltungen sind und wieso er diesen Szenarien zwangsläufig entfliehen musste.


Diese Sicht ist eremitenhaft, und sie konnte auch nur in einem Dickschädel wie demjenigen Goulds entstehen. Seine Argumentation ist allerdings als Resultat eines strengen ästhetischen Prinzips einleuchtend: Während andere Künstler (Maler, Schriftsteller, Regisseure) ihre Produkte erst am Ende eines Schöpfungsaktes vorzeigen, muss der Musiker diesen Akt für die Dauer eines Konzerts fortwährend auf null stellen und jedes Mal neu beginnen. Diese stete Konfrontation mit der Vorläufigkeit hatte Gould satt. Er zog sich aus dem öffentlichen Musikleben zurück und produzierte ausschließlich im Studio. Dort konnte er auch des Nachts um 4.35 Uhr aufnehmen und einen Beethoven-Sonatensatz 34-mal spielen, bis er ihn oder die Kombination einzelner Takes perfekt fand.

Leser-Kommentare
  1. "Während andere Künstler ihre Produkte erst am Ende des Schöpfungsakts vorzeigen, muss der Pianist den Schöpfungsakt jedesmal on neuem beginnen."

    Glenn war als Student ein begeisterter Fan des Torontoer Philosophen Marshall McLuhan, mit dem er stundenlang disputieren durfte, und dessen Diktum "The Medium is the Message" er ganz buchstäblich auffasste: Der Komponist war lediglich ein Mann, der schwarze Punkte auf Papier setzte. Erst der Pianist war das Medium, das daraus den Schöpfungsakt hervor brachte.

    • k2
    • 30.01.2012 um 16:47 Uhr

    Ich habe allein Glenn's Spiel zu beurteilen

    http://www.youtube.com/wa...

    Die Idee des Nordens haha in Eis als Schotte

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