Das Retrogirl mit der todschicken Hollywood-Frisur: Elizabeth Grant aus Lake Placid © Nicole Nodland

Die besten Bilder entstanden eine Stunde vor dem Konzert. Während auf der Bühne im Kölner Gebäude 9 noch an den Mikrofonständern geschraubt wurde, war Lana Del Rey in eine rote Ferrari-Jacke geschlüpft und hielt draußen vor den Toren eine Art Boxenstopp für die Fans ab – zum Small Talk und quick shot. Von diesem Moment werden die Besucher später erzählen können, er muss dem Glücksgefühl entsprochen haben, Nirvana 1991 ein paar Tage vor dem Megaerfolg Nevermind erlebt zu haben, in einem kleinen, schmutzigen Club um die Ecke. Beste Bilder vom Vorabend des Ruhms.

Die Zukunft sah nämlich großartig aus für Lana Del Rey, das Mädchen aus dem Trailerpark, das gekommen war, sich vor der Welt mit ihren dunklen Geheimnissen zu entblättern. Das von Verderben und Verlust zu erzählen wusste, von Todesahnung und dem Drogen-Cocktail aus Liebe und Verzweiflung – allesamt Gefühle, die etwas zu groß für einen gewöhnlichen Popsong waren. Im De-luxe-Sound von Video Games aber hatten sie ein Zuhause gefunden, Lana Del Rey gab die Dompteuse der exorbitanten Emotionen, das Retro-Girl mit todschicker Hollywood-Frisur, das jederzeit Glamour mit Melancholie auszutauschen wusste, Biografie mit Fiktion. Ein reizvolles Arrangement, das sich für einen Moment lang wie der Siegeszug über die gerade gängigen Inszenierungen von Weiblichkeit anfühlte. Lana Del Rey schien der Popstar, der uns noch fehlte.

Die Hype-Maschine war schon vor Monaten angeworfen worden; Soziale Netzwerke, Blogs und traditionelle Medien versuchten sich in Beiträgen zu den Lana-Del-Rey-Festspielen gegenseitig zu überbieten, nicht weniger als eine Weltkarriere wurde der 25-jährigen Amerikanerin aus dem Wintersportort Lake Placid prophezeit, sie tauchte lange vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums auf den Seiten dieser Zeitung und zuletzt in jeder "What’s up"-Liste für 2012 auf. Irgendwo auf dieser langen Vorlaufstrecke muss ihr aber auch die Kontrolle über das Spektakel abhandengekommen sein, mit jedem Klick auf die YouTube-Videos zu den Paradesongs Video Games und Blue Jeans , mit jedem Ton und jedem Bild, das einer Interpretation anheimfiel, verlor das Mysterium Lana Del Rey ein Stück Attraktivität. Die Konjunktur zeigte nach früher Überhitzung Tendenzen zum Abschwung. Mit der Veröffentlichung des lang erwarteten Debütalbums ist unter diese Entwicklung nun ein vorläufiger Schlussstrich gezogen.


Bis kurz vor Toresschluss soll an dem Werk gedreht und geschraubt worden sein, zwischenzeitlich hatte die Record Company die Platte schon auf den März geschoben. Jetzt, wo Born To Die auf den Markt kommt, darf Entwarnung gegeben werden. Born To Die ist weder Himmel noch Hölle, sondern eine anständige Popplatte geworden, und diese anständige Popplatte unterscheidet sich in Sound und Textur nicht so arg von momentan salonfähigen Mainstreamproduktionen. Entkoppelt von der Bilderflut, die die Künstlerin im Internet und bei den Projektionen ihrer Auftritte umgibt, schrumpft das Phänomen Lana Del Rey auf Normalmaß. Die Sängerin versteht es, sich auf den coolen Gitarrenklang der Rock-’n’-Roll-Gründerjahre elegant zu bewegen, muss sich anderenorts aber auch mit den breiten Keyboardflächen auf den Ebenen abmühen. Mitten in diesem orchestrierten Popspektakel gehen ihr auch schon mal die guten Melodien verloren.