Porträt Der große Verführer
In der Hamburger SPD war er die Nachwuchshoffnung, die Türken sahen in ihm schon einen Senator, man nannte ihn den »Obama von Altona«. Im Februar steht er wegen des Verdachts auf Wahlfälschung vor Gericht: Bülent Çiftlik, ein Einwandererkind, das zu viel wollte.
An einem frostkalten Dienstagnachmittag sitzt Bülent Çiftlik in seinem Bürgerbüro und wartet auf den Bürger. Um acht hat er sein Ladenlokal in der Einkaufsmeile von Hamburg-Altona aufgeschlossen, hat wie jeden Morgen sein Rennrad ins Büro geschoben, die Heizung aufgedreht, den Computer hochgefahren. Danach hat er mit dem Warten begonnen. Bürgerbüro hat er den Laden genannt, damit Bürger, die etwas auf dem Herzen haben, zu ihm kommen.
Ab und zu ist jemand vor dem Schaufenster stehen geblieben, hat ihn angeglotzt wie einen Goldfisch hinter Glas und ist weitergegangen. Çiftlik hat sich Tee gekocht, die Biografien von Dick Cheney, Condoleezza Rice und George W. Bush zu einem Haufen geschichtet und sich überlegt, was er darüber schreiben würde, falls ihn jemand um eine Rezension bitten sollte. Er hat an seinem eigenen Buch über türkische Jungen gearbeitet, das den Titel »Omega-Jungs« tragen soll, und sich gefragt, ob es noch einer drucken wird. Einmal öffnete sich die Tür des Ladens, und eine Bürgerin steckte den Kopf herein, eine Bulgarin. Ob er, der doch mal Politiker gewesen sei, ihr bei einer Vollmacht helfen könne? Endlich durchbrach eine menschliche Stimme die Stille, und er war nicht mehr auf sein Radio angewiesen. Nachdem er für die Bulgarin herumtelefoniert hatte, musste er wieder etwas gegen seine Bedeutungslosigkeit unternehmen. Er schob seine knallroten Sessel zu einem Halbkreis, sodass es aussah, als werde hier gleich eine Talkshow beginnen. »Bülent«, hatte ihm der Musikprofessor von gegenüber gesagt, einer seiner letzten Unterstützer: »Bülent, du musst sichtbar bleiben.« Ein öffentlicher Mensch, der seine Öffentlichkeit verliert, ist so gut wie tot.
Bülent Çiftlik. Auf dem Schaufenster steht noch sein Name, aber von der SPD sind nur die Ränder der aufgeklebten Buchstaben geblieben. Die SPD hat er mit einem Spachtel abgekratzt, nachdem ihn die Partei ausgeschlossen hatte. Ihn, den Shootingstar, den die Bild-Zeitung als den »Obama von Altona« feierte, den Mann, der in der Hamburger SPD als größte Nachwuchshoffnung galt.
Çiftlik ist so, wie die SPD immer sein wollte: nicht zu jung und nicht zu alt, 39 Jahre. Er kommt von ganz unten und war auf dem Weg nach ganz oben. Seine Eltern stammen aus der Türkei, Çiftlik hat in Hamburg studiert, sein Deutsch ist geschliffen. Er spricht von »deviantem Verhalten«, wenn er Menschen meint, die aus der Rolle fallen. Besuchern hilft er aus dem Mantel. Er trägt schmal geschnittene Anzüge, die gut sitzen. Er sagt nicht »Tach«, wie andere Sozialdemokraten, er sagt: »Schön, Sie zu sehen.« Olaf Scholz, der Bürgermeister von Hamburg, holte ihn in die Politik. Seine SPD sollte die Partei der Einwanderer werden, und Çiftlik war das Gesicht dieser Strategie.
Dann kam der Abend des 15. März vergangenen Jahres, als drei Polizisten das Bürgerbüro betraten und Çiftlik aufforderten, sie zu begleiten. Seine Frau wartete damals im Kino auf ihn. Sie wollten sich den Film Almanya. Willkommen in Deutschland ansehen, die Werbung lief schon, als Çiftlik sie auf dem Handy anrief und sagte: »Ich bin auf der Polizeiwache.« Untersuchungshaft. Im Juli kam er frei, im Februar wird er vor Gericht stehen, schon zum zweiten Mal. Ihm wird vorgeworfen, eine Scheinehe zwischen einer Deutschen und einem Türken eingefädelt und als Belohnung ein Darlehen für seinen Wahlkampf bekommen zu haben. Deswegen wurde Çiftlik zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt, er ging aber in Berufung, die Staatsanwaltschaft auch. Jetzt, im neuen Prozess, geht es außerdem um Briefwahlanträge der Hamburger Wahl 2008, die Çiftlik gefälscht haben soll. Spionagesoftware soll er eingesetzt haben, um fremde E-Mail-Fächer zu knacken. Einen unliebsamen Zeugen soll er geschlagen haben. Die meisten Zeugen, die in der Anklageschrift auftauchen, sind Türken oder Sozialdemokraten. Oder beides. Sind sie alle auf einen Hochstapler hereingefallen?
Verdacht auf Fälschung, Verdunklung, Körperverletzung, das ist die juristische Seite. Die politische Erzählung handelt von der Verführbarkeit einer Partei, von der Verblendung einer türkischen Großstadtgemeinde. Um einen chancenlosen Jungen geht es, der sich etwas Unmögliches in den Kopf setzte: es als jüngster Sohn eines türkischen Hilfsarbeiters im Land der Akademiker nach ganz oben zu schaffen. Er war so beseelt von seinem Erfolg, dass er keine Grenzen mehr kannte.
Wie brav er dasitzt. Er weiß, dass seine Augen die wichtigste Arbeit erledigen müssen: einen Menschen fangen. Die Augen schauen einen ständig an, sie können von einer Sekunde auf die andere traurig werden oder fröhlich. Çiftlik trägt eine Anzughose, Lederschuhe, einen Pullunder. Seine Koteletten sind akkurat rasiert. Er klemmt sich das Mikrofon des Aufnahmegeräts selbst an den Hemdkragen, beugt sich nach vorn, faltet die Hände, so als werde gleich Günther Jauch hereinkommen und ihm ein paar interessante Fragen stellen. Die Interviews mit der ZEIT nennt er »unsere Gesprächsreihe«. Er hat noch immer nicht verstanden, dass sein Spiel aus ist. Noch immer ist er nicht in die Wirklichkeit zurückgekehrt.
Als Çiftliks Vater, ein anatolischer Bauer, im Jahr 1963 nach Elmshorn bei Hamburg kam, heuerte er in einem Torfwerk an, kaufte sich von dem ersten Geld einen VW Käfer, fuhr zurück ins türkische Dorf Çiftlikören, heiratete ein 15-jähriges Mädchen, das ihm versprochen war. Die junge Türkin zog zu ihm nach Hamburg, in ein Arbeiterwohnheim der Werft Blohm & Voss, wo ihr Mann einen Job fand. Der Mann versuchte, lesen zu lernen, aber es gelang ihm nur mühsam. Seine Frau ist Analphabetin geblieben, und später, sehr viel später, im Hamburger Wahlkampf, wird der Sohn Bülent seine Glaubwürdigkeit daraus ableiten. »Musst du immer sagen, dass ich nicht lesen und schreiben kann?«, wird seine Mutter ihn fragen, und der Sohn wird ihr antworten: »Mama, ist doch gut! Dahinter steckt doch eine Geschichte.«
Damals, in der vierten Schulklasse, war Bülent klein und schmächtig, viel ängstlicher als sein Bruder, die Noten waren mäßig, nicht einmal die Fahrradprüfung bestand er. Eine Empfehlung fürs Gymnasium gaben ihm die Lehrer nicht, dennoch schickten ihn die Eltern dorthin. Der Junge sollte etwas aus sich machen, sich durchsetzen, das war der Wille des Vaters. Bülent Çiftlik lernte nur deutsche Schüler kennen, deren Mütter die Stundenpläne der Kinder auswendig kannten. Einige dieser Frauen kamen im Pelzmantel zum Elternsprechtag. »Für mich waren das Menschen von einem anderen Stern«, sagt Çiftlik in seinem Bürgerbüro. Die Mutter ging damals bei seinem Kinderarzt putzen, und wenn sie krank wurde, übernahm der Junge ihren Job. Wollte er an einer Klassenreise teilnehmen, mussten die Eltern den Schulverein um Geld bitten. Bülent Çiftlik warf seinen Eltern später vor, die Kargheit ihres Lebens bloß auszuhalten, statt etwas dagegen zu tun. Begeistert schaute er im Fernsehen die Serie über Timm Thaler, den Jungen, der sein Lachen verkaufte.
Für eine Detektei spionierte Çiftlik untreuen Ehemännern nach
Mit 19 hatte er seine erste feste Freundin, die Tochter eines Physikprofessors. Für einen Jungen, der sich emporkämpft, gibt es kaum etwas Reizvolleres als ein Mädchen von oben. Er kann es als Lohn seiner Anstrengung empfinden, als Prämie. Bülent Çiftlik studierte Politik, nebenher spionierte er für eine Detektei untreuen Ehemännern hinterher. Er fotografierte einen Unternehmer, der seiner jungen Geliebten vor einer Fahrt im Heißluftballon die Waden massierte, präsentierte die Bilder der weinenden Ehefrau. Er zog sich für den Job einen Anzug an. Abends tippte er auf der Schreibmaschine sogenannte »Ermittlungsberichte«, die er zur Zentrale faxte. Er hatte die aufwendig inszenierte Lüge kennengelernt, die Gebäude der Ausreden und Ausflüchte dokumentiert. Das war der erste Karriereschritt.
Der zweite folgte 1998, als er nach Manhattan zog, Kansas, USA, wo er Kriminologie und Politik studierte. Er begann, sich in Wahlkämpfe einzumischen, die Welt der Versprechen. Wie konnte es gelingen, die Stimmung gegen George W. Bush zu drehen? Çiftlik fuhr in einem alten Mazda 323 durch das stockkonservative Kansas und kündigte Farmern, die ihm die Haustür öffneten, im Namen des demokratischen Kandidaten Al Gore höhere Subventionen an. Çiftlik begriff Politik als eine verderbliche Ware, die man schnell verkaufen muss.
Als sich Çiftlik im Jahr 2000 bei der SPD in Hamburg bewarb, brauchte Olaf Scholz, der SPD-Landeschef, gerade einen persönlichen Referenten. Und er brauchte jemanden, der den 60.000 türkischstämmigen Hamburgern die SPD verkaufen konnte. Çiftlik war ein politisch unverbrauchtes Wesen, derart ideal zusammengesetzt, dass es ihn eigentlich gar nicht geben kann: so unterschichtig wie Schröder, so türkisch wie Özdemir, so höflich wie Ole von Beust. Scholz stellte ihn ein. Die beiden freundeten sich an.
- Datum 24.01.2012 - 19:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.1.2012 Nr. 04
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wenn ich ma störe. Hat denn der Herr das hier "Mit 19 hatte er seine erste feste Freundin, die Tochter eines Physikprofessors. Für einen Jungen, der sich emporkämpft, gibt es kaum etwas Reizvolleres als ein Mädchen von oben. Er kann es als Lohn seiner Anstrengung empfinden, als Prämie." selbst so gesehen? Falls doch nicht, dann, ja, will ich auch nicht weiter stören.
Noch kurz,
der Bericht hat mich in keinster Weise überzeugt, es hier mit einem Schwindler und Überführten zu tun zu haben. Was ua. an der offenkundig dargestellten Häme (oder was ist es, was sie der Person gegenüber empfinden?). [...]
Gekürzt. Bitte achten Sie auch bei kritischen Anmerkungen auf Sachlichkeit. Danke. Die Redaktion/sc
Wenn interessiert z.B. ob seine Frau im Kino war als er angerufen hat?
Ich mag die BILD auch viel lieber, da braucht man nicht so lange zu lesen!
Wenn Ihnen die Artikel aus dem gedruckten Zeit-Dossier zu lang sind - bei der Bild gibt es exzellent recherchierte, kurz gehaltene Artikel. Vielleicht sollten Sie sich dort umschauen.
Ich mag die BILD auch viel lieber, da braucht man nicht so lange zu lesen!
Wenn Ihnen die Artikel aus dem gedruckten Zeit-Dossier zu lang sind - bei der Bild gibt es exzellent recherchierte, kurz gehaltene Artikel. Vielleicht sollten Sie sich dort umschauen.
Entfernt. Wir nehmen uns Kritk gern an, bitten Sie jedoch darum, auch hierbei höflich zu bleiben. Danke. Die Redaktion/sc
war dies eine Lehre für Scholz. Eine Schande, wie verdiente alte Genossen mal eben "in die Rente" geschickt wurden. Ich sehe da eine Parallele zu der Affäre um Nils Annen.
Ja, er hat sich wohl straffällig gemacht und die moralische Orientierung verloren. Dafür büßt er offensichtlich auf sehr bittere Weise und vielleicht auch ein wenig mehr als vergleichbare Andere. Doch gar nicht gefällt mir der dünkelhafte Tenor des Textes wie der kolportierten Aussagen und Verhaltensweisen der Hamburger Genossen. Er vermittelt den verächtlichen Blick der Etablierten auf den da unten, der es sowieso nicht konnte oder wenn, dann nur mit kriminellen Methoden.
Schön auch, dass Britta Ernst ihm eine Kandidatur ausreden wollte, weil es sich "nicht schickte". Über die Schicklichkeiten des eigenen Tuns wurde wohl weniger nachgedacht.
Entfernt. Bitte diskutieren Sie auf der Basis sachlicher Arugmente. Danke. Die Redaktion/sc
So ein politisches Talent, und dann bringt er sich selbst um seine Karriere. Er wollte den Erfolg offensichtlich erzwingen, mit allen Mitteln.
Wer weiß, vielleicht hätte er auch auch ohne Betrug gewonnen? Was wäre das für eine bittere Ironie.
Es geht hier nicht darum, ob er schuldig ist. Das Gericht hat ihn verurteilt, und objektiver können wir vom bequemen Chefsessel aus nicht urteilen. Die Wut und die Enttäuschung seiner alten Freunde und Helfer kann man gut verstehen.
viel zu lang für die vielen Banalitäten und das viele Hörensagen und die Andeutungen. Das ist m.E. nicht der ZEIT Journalismaus, den die Leser erwarten (ich habe den Printartikel im Zug gelesen; hatte also eigentlich genug Zeit).
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