Das Gretchen (Isolda Dychauk) ist für Faust (Johannes Zeiler) kein dauerhaftes Ziel. © 2007–2012 MFA+ Filmdistribution

Die wahre Hauptfigur der Filme Alexander Sokurows ist unsichtbar; es ist die Macht. Sokurow erforscht sie, indem er die Gesichter der Herrscher zeigt, die von ihr befallen sind. Seine Filme kreisen um den Moment, da sie von der Macht verlassen werden; mitten im Tanz begreifen sie, dass ihr Sturz begonnen hat.

Vier Filme über titanische, unberechenbare, von der eigenen Herrschaft an den Rand des Wahnsinns getriebene Männer hat Sokurow gemacht, Moloch (über Hitler, 1999) , Taurus (über Lenin, 2000), Solntse ("Die Sonne", über den japanischen Gottkaiser Hirohito, 2005) und zuletzt Faust (2011, frei nach Goethe).

Diese Figuren haben bei Sokurow eine eigentümliche Grazie, selbst wenn es Bestien sind; sie erinnern an Artisten. Da sie auf Erden keinen Widerstand finden, bleibt ihnen als Partner nur die Macht. In ihrem Sog, ihrem Rückstoß tanzen sie. "Den König spielen immer die anderen", heißt ein berühmter Theatersatz, und Sokurow inszeniert ihn immer neu.

Hitler, Lenin, Hirohito, Faust – mit diesen vier Figuren, sagt er, sei das ganze 20. Jahrhundert zu erklären, und dass der letzte Film einen Mann des 19. Jahrhunderts zeigt, stabilisiert das ganze System: Aus dem Faust, so Sokurow, seien alle anderen Herrscher hervorgegangen.

Faust, der von den Deutschen benutzt wurde, wenn es galt, Grenzen zu eigenen Gunsten zu verschieben, Kriege zu rechtfertigen, Verbrechen zu entschuldigen, Faust also wird von dem russischen Regisseur in einen höheren Dienst gestellt: Er ist das Inbild des Scheiternden.

Faust hört das Brausen und Knarren einer zerrissenen Welt

In dem von Goethe und Schiller verfassten Xenion Deutscher Nationalcharakter heißt es: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." Sokurows Faust ist dieser freie deutsche Mann. Allerdings, er erringt die Freiheit des Nichts.

Im ersten Bild von Faust ist dieser Weg schon vorgezeichnet. Der Blick des Regisseurs stürzt aus dem Himmel und durch die Wolken hinab auf ein biedermeierliches Dorf und findet verwesendes menschliches Fleisch: Wir sehen den Penis eines Toten. Faust hat dem Mann die Bauchhöhle geöffnet und ihm das Gedärm entfernt. Nun wälzt er das Gekröse in den Leib zurück. "Das war’s, entschuldige", sagt er zum Toten.

Diese zerknirschte Neugier prägt den Mann. Sokurows Faust (Johannes Zeiler, ein Wiener Theaterschauspieler) durchwühlt das tote Fleisch auf der Suche nach dem Sitz der Seele. Aber er tut es, als wäre er dazu nicht befugt. Er glaubt nicht an Gott, aber er fürchtet ihn doch. Das Mörderische seiner Figur hat Goethe im Faust in der Szene Vor dem Tor anklingen lassen. Faust und sein Vater – "ein dunkler Ehrenmann" – haben die Pest mit selbst fabrizierten Mitteln bekämpft, und das hatte schlimme Folgen. Faust spricht zu seinem Famulus Wagner:

"So haben wir mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift (sic!) an Tausende
gegeben,
Sie welkten hin, ich muss erleben,
Dass man die frechen Mörder lobt."