Film "Faust"Immer vorwärts, lebt weiter!

Alexander Sokurows monumentaler "Faust"-Film

Das Gretchen (Isolda Dychauk) ist für Faust (Johannes Zeiler) kein dauerhaftes Ziel.

Das Gretchen (Isolda Dychauk) ist für Faust (Johannes Zeiler) kein dauerhaftes Ziel.

Die wahre Hauptfigur der Filme Alexander Sokurows ist unsichtbar; es ist die Macht. Sokurow erforscht sie, indem er die Gesichter der Herrscher zeigt, die von ihr befallen sind. Seine Filme kreisen um den Moment, da sie von der Macht verlassen werden; mitten im Tanz begreifen sie, dass ihr Sturz begonnen hat.

Vier Filme über titanische, unberechenbare, von der eigenen Herrschaft an den Rand des Wahnsinns getriebene Männer hat Sokurow gemacht, Moloch (über Hitler, 1999), Taurus (über Lenin, 2000), Solntse ("Die Sonne", über den japanischen Gottkaiser Hirohito, 2005) und zuletzt Faust (2011, frei nach Goethe).

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Diese Figuren haben bei Sokurow eine eigentümliche Grazie, selbst wenn es Bestien sind; sie erinnern an Artisten. Da sie auf Erden keinen Widerstand finden, bleibt ihnen als Partner nur die Macht. In ihrem Sog, ihrem Rückstoß tanzen sie. "Den König spielen immer die anderen", heißt ein berühmter Theatersatz, und Sokurow inszeniert ihn immer neu.

Alexander Sokurow

Alexander Sokurow wurde 1951 in der Nähe von Irkutsk geboren. Er studierte am Filminstitut Moskau und zog das Interesse des Regisseurs Andrej Tarkowski auf sich, als dessen legitimer Nachfolger er heute gilt.

Sokurow, ein Mystiker und Romantiker mit radikal langsamer, eigensinniger Filmsprache, hat zahllose Dokumentar- und Spielfilme gedreht, die ihn oft in Konflikt mit den russischen Zensurbehörden brachten. Sein "Faust", der jetzt in die Kinos kommt, erhielt den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig.

Hitler, Lenin, Hirohito, Faust – mit diesen vier Figuren, sagt er, sei das ganze 20. Jahrhundert zu erklären, und dass der letzte Film einen Mann des 19. Jahrhunderts zeigt, stabilisiert das ganze System: Aus dem Faust, so Sokurow, seien alle anderen Herrscher hervorgegangen.

Faust, der von den Deutschen benutzt wurde, wenn es galt, Grenzen zu eigenen Gunsten zu verschieben, Kriege zu rechtfertigen, Verbrechen zu entschuldigen, Faust also wird von dem russischen Regisseur in einen höheren Dienst gestellt: Er ist das Inbild des Scheiternden.

Faust hört das Brausen und Knarren einer zerrissenen Welt

In dem von Goethe und Schiller verfassten Xenion Deutscher Nationalcharakter heißt es: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." Sokurows Faust ist dieser freie deutsche Mann. Allerdings, er erringt die Freiheit des Nichts.

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Im ersten Bild von Faust ist dieser Weg schon vorgezeichnet. Der Blick des Regisseurs stürzt aus dem Himmel und durch die Wolken hinab auf ein biedermeierliches Dorf und findet verwesendes menschliches Fleisch: Wir sehen den Penis eines Toten. Faust hat dem Mann die Bauchhöhle geöffnet und ihm das Gedärm entfernt. Nun wälzt er das Gekröse in den Leib zurück. "Das war’s, entschuldige", sagt er zum Toten.

Diese zerknirschte Neugier prägt den Mann. Sokurows Faust (Johannes Zeiler, ein Wiener Theaterschauspieler) durchwühlt das tote Fleisch auf der Suche nach dem Sitz der Seele. Aber er tut es, als wäre er dazu nicht befugt. Er glaubt nicht an Gott, aber er fürchtet ihn doch. Das Mörderische seiner Figur hat Goethe im Faust in der Szene Vor dem Tor anklingen lassen. Faust und sein Vater – "ein dunkler Ehrenmann" – haben die Pest mit selbst fabrizierten Mitteln bekämpft, und das hatte schlimme Folgen. Faust spricht zu seinem Famulus Wagner:

"So haben wir mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift (sic!) an Tausende
gegeben,
Sie welkten hin, ich muss erleben,
Dass man die frechen Mörder lobt."

Leserkommentare
  1. Naja ist das (peinliche) Drama von Faust nicht, dass er transzendentale Erkenntnis sucht, aber ständig nur mit Körperlichkeiten befasst ist("durchwühlt das tote Fleisch auf der Suche nach dem Sitz der Seele")? Essen, Wein und Sex taugen dazu das Altern zu beschleunigen, berauben aber den Menschen von der Kraft zur Erkenntnis. Da hilft auch Kaffee (=Mephisto) nicht - der Verfall wird nur noch mehr beschleunigt. Die Frage ist, ob Goethe das klar war - wohl eher nur so halb, deswegen hat der mit Faust eine Frage gestellt, keine Antwort gegeben. :)

    2 Leserempfehlungen
  2. Vielen, vielen Dank für diesen wirklich guten Artikel.
    Ich liebe Alexander Sokurow und freue mich sehr auf diesen Film.

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  3. und was wäre Macht anderes...

    Goethe war sein Leben lang auf der Suche nach Sinn und ...lichkeit... Und der Liebe...

    Er wusste dennoch, dass nichts von Dauer war...

    Schon gar nicht der Mensch...

  4. Goethes Faust endet mit dem Weg von Faustens Seele in den Himmel zu Gretchens Seele.

    Die nihilistische Deutung des Faust erinnert mich an Dostjewiskis Dämonen. Dort gibt es eine Romangestalt, die eine nihilistische Weltsicht vertritt. Sie ähnelt auch der Nihilismus-Gestalt in Thomas Manns Version vom Faust.

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    • foenix
    • 20.01.2012 um 16:17 Uhr

    Zunächst einmal, warum hat er Stalin vergessen? Weil er nicht im Augenblick seines Machtverlusts, sondern auf der Höhe seiner unumschänkten Macht starb?

    Was aber suchte Faust der Erste (vom II. hören wir nichts) ?
    Ein in die Jahre gekommener, grüblerischer, introspektiver Gelehrter sehnt sich nach dem, was ihm in seinem Leben entgangen ist - die Freiheit, das Leben (die Liebe) in seiner Fülle zu genießen! Er muss feststellen, dass es für ihn nur mit Magie, also mit dem Teufel im Bunde machbar ist. Mephi macht ihn wieder jung und schön und zeigt ihm nach der leichten Eroberung Grethchens das Bild der 'wahren', idealen Helena ... Die Opfer auf seinem neuen Weg hat er zwar nicht gewollt, aber er nimmt sie in Kauf. In ihm tobt der Kampf der himmlischen Heerscharen mit dem Bösen, das ihm im Tausch gegen seine Seele die Freiheit des Willens verkauft.

    Doch am Ende (Faust II) geht er geläutert aus diesem Rausch hervor, er ist gerettet!
    Im Streben nach dem „höchsten Dasein“ hat Faust seinen Egoismus überwunden.

    Und das verschweigt uns der Regisseur.

    FAUST ist eine Menschheitsparabel. Und als 'typisch deutsch' ist eher Goethe zu bezeichnen, der dies auf so eindrucksvolle Weise zu Papier gebracht hat.

    Hitler, Stalin, Mao u.a. sind Ausgeburten des Machtmenschen. Faust ist der Verführt-Mächtige, dem Erkenntnis zuteil wurde. Euphorion, Fausts Sohn mit Helena, Sinnbild für Poesie, hat nicht lange überlebt. Aber die Liebe i.w.S., "das Ewig-Weibliche" - "zieht uns hinan" ... !

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  5. Faust wird am Ende zwar gerettet, "geläutert" hat er sich jedoch nicht. Bis zum Schluss versucht er, seine persönlichen Visionen ohne Rücksicht auf die Mitmenschen durchzusetzen: "Bezahle, locke, presse bei" - ihm sind alle Mittel recht, um seinen letzten großen Plan, die Eindeichung und Urbarmachung eines Sumpfes, zu verwirklichen.

    Die Entwicklung, die Faust macht, bewegt sich von einem privatistischen Erkenntnisdrang hin zu einem Verwirklichungsdrang, in dem Fausts Egoismus mit seinem Engagement für eine große, gemeinnützige Sache verschmilzt. Kleingeistige Moral muss hier auf der Strecke bleiben, und damit kommen wir wieder bei den großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts an, die ohne Rücksicht auf Menschenleben und -Würde ihre Pläne für die jeweiligen Nationen, Völker etc. zu verwirklichen suchten.

    Insofern ist Goethes "Faust" weniger eine "Menschheitsparabel" als vielmehr ein Urbild des modernen, nach Naturbeherrschung strebenden (Macht-) Menschen. Wurde Faust wirklich "Erkenntnis zuteil"? Durch "die Liebe i.w.S." wird er am Ende gerettet, aber als Empfänger dieser; denn eigentlich hat er von ihr eher wenig verstanden ...

    Faust ist kein Prototyp des Entwicklungsweges eines edlen Menschen vom Zweifel und Egoismus hin zur Erkenntnis, so einfach hat es Goethe sich und uns dann doch nicht gemacht.

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    • k2
    • 21.01.2012 um 9:55 Uhr

    Hanna Schygulla vom TAT spielt
    eine vom Shylock-Zinswucher
    zerfressene Frau des Fausts.

    Es gibt im Moment eine schlagende Shylock-Themenübereinstimmung von "Faust" und "Breaking Dawn".

  6. Da bearbeitet ein guter Regisseur mit guten Schauspielern den Fauststoff, und man denkt sich: Da gehe ich hin! Und das habe ich heute Abend gemacht, mit Erwartungen, mit Vorfreude (mein Gott, es ist der Faust Stoff). Und dann geht der Film vorüber. Und man fragt sich, warum er überhaupt je angefangen hat.

    Kurz: Wo war der Beitrag des Regisseurs zum Stoff? Darin, dass er zeigt, wie "alt" und verstaubt er ihn inszenieren kann? Dass er schräge Bilder und unübliche Klänge erschaffen kann? Dass der Drang des Fausts vor allem ein körperlicher Drang ist, und man ihn deshalb ständig dabei zusehen muss, wie er sich mit Anderen in den Frame drängt? Das Existenzielle, den Wahn, die "unsichtbare Macht", etcetc, das habe ich alles nicht gesehen.

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