Faust und Mephisto
Von allen Figuren Goethes sind bei Sokurow nur zwei noch relevant: Faust und Mephisto. Alle Übrigen bleiben vorbeihuschendes Randpersonal, auch das Gretchen (Isolda Dychauk) ist für Faust kein dauerhaftes Ziel. Sein Gegenspieler, Führer, Partner ist Mephisto, der hier in der Gestalt eines Pfandleihers auftritt – der russische Schauspieler Anton Adassinsky spielt ein aasvogeliges Gespenst, dessen Leib sich hüftwärts immer mehr verdickt, einen Kauz, der dank seines niedrigen Schwerpunktes so wenig zu Fall gebracht werden kann wie ein Stehaufmännchen; als er sich im Badehaus entkleidet, offenbart er sich als ein Wesen buchstäblich ohne Schoß, aber mit einem am Steißbein baumelnden Penisrest.
Paradoxerweise scheitert die Beziehung dieser beiden daran, dass nur der Teufel an die menschliche Seele glaubt, der verfolgte Mensch aber nicht. So hat Faust dem Teufel nichts zu verkaufen und schuldet ihm auch nichts. Im Gegenteil: Er erschlägt den Mephisto am Ende, im Gebirge, und stürmt allein auf einen riesigen Gletscher zu. Die Stimme Gretchens tönt ihm aus der Ferne entgegen: »Wohin gehst du?« Und Faust brüllt: »Dahin! Weiter! Immer weiter!«
Es ist ein Ruf, der dem Zuschauer aus einem anderen Film von Sokurow vertraut ist, aus Russian Ark (»Russische Arche«). Darin unternehmen zwei Männer eine Reise durch 300 Jahre russischer Geschichte. Am Ende, als sie sich schon wieder aus den Augen verlieren, rufen sie sich diese Worte zu:
Gehen wir!
Wohin?
Immer vorwärts!
Was ist dort?
Keine Ahnung!
Russian Ark , Sokurows Film aus dem Jahr 2003, hat es ins Guinness Buch der Rekorde geschafft, denn er wurde an einem Nachmittag in einer einzigen, 96-minütigen Einstellung in den Räumen der St. Petersburger Eremitage gedreht unter der Leitung des deutschen Kameramannes Tillmann Büttner, der eine Strecke von mehr als einem Kilometer mit einer kohlensackschweren Kamera zurückgelegt und sich seinen Weg durch viele Hundert Schauspieler gebahnt hat, die alle in einer manischen Kollektivanstrengung 300 Jahre russischer Geschichte darzustellen hatten. Die Kamera dampfte wie eine unbremsbare, überhitzte Lokomotive durch die Räume, es war eine Jagd durch hundert Säle nach dem einen Geschehnis, das alles erklärt und in einen Zusammenhang bringt.
Sokurows Heimatort ist in den Fluten eines Stausees versunken
Sokurow weigerte sich, seinen Film zu schneiden, zu »montieren«. Russian Ark ist eine Demonstration und Bannung von »Echtzeit« – fast so, als solle die Weltwahrnehmung eines Menschen von der Geburt bis zum Tod gefeiert werden, die ja, wenn man so will, auch nichts anderes ist als ein Film in einer einzigen Einstellung.
Auch in diesem Film waren es zwei Männer, die einander antrieben und durch die Epochen jagten, ein russischer Tagträumer (der Erzähler des Films) und ein französischer Marquis. Der Franzose blieb immer wieder vor den Bildern der Eremitage stehen, betrachtete die Portraits und sagte: »Diese Menschen werden uns alle überleben. Lebt! Lebt weiter!«
Das Verrückte an Sokurow ist sein eigener faustischer Ehrgeiz. Er besteht darin, die Vergeblichkeit aller Taten in unauslöschliche Bilder zu fassen, vor denen wir stehen bleiben sollen – wie der Marquis aus Russian Ark vor den Gemälden vergangener Jahrhunderte, denen er zuflüstert: »Lebt weiter!«
Sokurows Heimatdorf ist übrigens vor vielen Jahren in einem Stausee versunken. Um seinen Geburtsort wiederzusehen, so sagte er einmal, müsste er mit einem Boot auf den See hinausrudern und ins Wasser starren. Vielleicht ist Film für ihn nichts anderes als das: auf unsicheren Gewässern unterwegs zu sein und die eine Stelle zu suchen, an der man hinabblicken kann bis auf den Grund.
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- Datum 18.01.2012 - 13:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.1.2012 Nr. 04
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Naja ist das (peinliche) Drama von Faust nicht, dass er transzendentale Erkenntnis sucht, aber ständig nur mit Körperlichkeiten befasst ist("durchwühlt das tote Fleisch auf der Suche nach dem Sitz der Seele")? Essen, Wein und Sex taugen dazu das Altern zu beschleunigen, berauben aber den Menschen von der Kraft zur Erkenntnis. Da hilft auch Kaffee (=Mephisto) nicht - der Verfall wird nur noch mehr beschleunigt. Die Frage ist, ob Goethe das klar war - wohl eher nur so halb, deswegen hat der mit Faust eine Frage gestellt, keine Antwort gegeben. :)
Vielen, vielen Dank für diesen wirklich guten Artikel.
Ich liebe Alexander Sokurow und freue mich sehr auf diesen Film.
und was wäre Macht anderes...
Goethe war sein Leben lang auf der Suche nach Sinn und ...lichkeit... Und der Liebe...
Er wusste dennoch, dass nichts von Dauer war...
Schon gar nicht der Mensch...
Goethes Faust endet mit dem Weg von Faustens Seele in den Himmel zu Gretchens Seele.
Die nihilistische Deutung des Faust erinnert mich an Dostjewiskis Dämonen. Dort gibt es eine Romangestalt, die eine nihilistische Weltsicht vertritt. Sie ähnelt auch der Nihilismus-Gestalt in Thomas Manns Version vom Faust.
Zunächst einmal, warum hat er Stalin vergessen? Weil er nicht im Augenblick seines Machtverlusts, sondern auf der Höhe seiner unumschänkten Macht starb?
Was aber suchte Faust der Erste (vom II. hören wir nichts) ?
Ein in die Jahre gekommener, grüblerischer, introspektiver Gelehrter sehnt sich nach dem, was ihm in seinem Leben entgangen ist - die Freiheit, das Leben (die Liebe) in seiner Fülle zu genießen! Er muss feststellen, dass es für ihn nur mit Magie, also mit dem Teufel im Bunde machbar ist. Mephi macht ihn wieder jung und schön und zeigt ihm nach der leichten Eroberung Grethchens das Bild der 'wahren', idealen Helena ... Die Opfer auf seinem neuen Weg hat er zwar nicht gewollt, aber er nimmt sie in Kauf. In ihm tobt der Kampf der himmlischen Heerscharen mit dem Bösen, das ihm im Tausch gegen seine Seele die Freiheit des Willens verkauft.
Doch am Ende (Faust II) geht er geläutert aus diesem Rausch hervor, er ist gerettet!
Im Streben nach dem „höchsten Dasein“ hat Faust seinen Egoismus überwunden.
Und das verschweigt uns der Regisseur.
FAUST ist eine Menschheitsparabel. Und als 'typisch deutsch' ist eher Goethe zu bezeichnen, der dies auf so eindrucksvolle Weise zu Papier gebracht hat.
Hitler, Stalin, Mao u.a. sind Ausgeburten des Machtmenschen. Faust ist der Verführt-Mächtige, dem Erkenntnis zuteil wurde. Euphorion, Fausts Sohn mit Helena, Sinnbild für Poesie, hat nicht lange überlebt. Aber die Liebe i.w.S., "das Ewig-Weibliche" - "zieht uns hinan" ... !
Faust wird am Ende zwar gerettet, "geläutert" hat er sich jedoch nicht. Bis zum Schluss versucht er, seine persönlichen Visionen ohne Rücksicht auf die Mitmenschen durchzusetzen: "Bezahle, locke, presse bei" - ihm sind alle Mittel recht, um seinen letzten großen Plan, die Eindeichung und Urbarmachung eines Sumpfes, zu verwirklichen.
Die Entwicklung, die Faust macht, bewegt sich von einem privatistischen Erkenntnisdrang hin zu einem Verwirklichungsdrang, in dem Fausts Egoismus mit seinem Engagement für eine große, gemeinnützige Sache verschmilzt. Kleingeistige Moral muss hier auf der Strecke bleiben, und damit kommen wir wieder bei den großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts an, die ohne Rücksicht auf Menschenleben und -Würde ihre Pläne für die jeweiligen Nationen, Völker etc. zu verwirklichen suchten.
Insofern ist Goethes "Faust" weniger eine "Menschheitsparabel" als vielmehr ein Urbild des modernen, nach Naturbeherrschung strebenden (Macht-) Menschen. Wurde Faust wirklich "Erkenntnis zuteil"? Durch "die Liebe i.w.S." wird er am Ende gerettet, aber als Empfänger dieser; denn eigentlich hat er von ihr eher wenig verstanden ...
Faust ist kein Prototyp des Entwicklungsweges eines edlen Menschen vom Zweifel und Egoismus hin zur Erkenntnis, so einfach hat es Goethe sich und uns dann doch nicht gemacht.
Hanna Schygulla vom TAT spielt
eine vom Shylock-Zinswucher
zerfressene Frau des Fausts.
Es gibt im Moment eine schlagende Shylock-Themenübereinstimmung von "Faust" und "Breaking Dawn".
Da bearbeitet ein guter Regisseur mit guten Schauspielern den Fauststoff, und man denkt sich: Da gehe ich hin! Und das habe ich heute Abend gemacht, mit Erwartungen, mit Vorfreude (mein Gott, es ist der Faust Stoff). Und dann geht der Film vorüber. Und man fragt sich, warum er überhaupt je angefangen hat.
Kurz: Wo war der Beitrag des Regisseurs zum Stoff? Darin, dass er zeigt, wie "alt" und verstaubt er ihn inszenieren kann? Dass er schräge Bilder und unübliche Klänge erschaffen kann? Dass der Drang des Fausts vor allem ein körperlicher Drang ist, und man ihn deshalb ständig dabei zusehen muss, wie er sich mit Anderen in den Frame drängt? Das Existenzielle, den Wahn, die "unsichtbare Macht", etcetc, das habe ich alles nicht gesehen.
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