Dies ist ein Film, der spaltet, wie man gemeinhin sagt. Bei den letztjährigen Filmfestspielen von Cannes in Buh- und Bravorufe. Und bei den abendlichen Diskussionen danach in zwei hoch erhitzte Lager, die angesichts von "Täterfilmen" gerne aufeinander losgehen. Die einen finden, dass ein Kunstwerk durchaus die Perspektive des Barbarischen, Monströsen, Perversen einnehmen dürfe. Die anderen reagieren mit einer Mischung aus Abscheu und Empörung.

Michael von Markus Schleinzer, der in Cannes als österreichischer Beitrag im Wettbewerb lief, zeigt den Alltag eines Pädophilen, der in seinem Keller einen zehnjährigen Jungen gefangen hält und ihn allabendlich vor dem Schlafengehen missbraucht.

Der Film ist eine nüchterne Beobachtung, man könnte auch sagen: das Protokoll eines nach außen hin vollkommen kleinbürgerlich wirkenden Lebens. Ohne Vorgeschichte und in Einstellungen von unheimlicher Ruhe zeigt Schleinzer den Rhythmus einer Existenz, die sich fast reibungslos um einen entsetzlichen Kern herum organisiert: den Jungen hinter der Kellertür. Man sieht, wie der Versicherungsangestellte Michael (Michael Fuith) und sein Gefangener Wolfgang (David Rauchenberger) hinter den heruntergelassenen Jalousien des gesichtslosen Einfamilienhauses gemeinsame Mahlzeiten einnehmen. Man sieht sie fernsehen, puzzeln, streiten, ja sogar Ausflüge unternehmen und Weihnachten feiern.


Man erlebt einen Jungen, der zutiefst zerrissen ist zwischen der Abhängigkeit von und der Angst vor seinem Wächter. Manchmal entlädt sich sein Zwiespalt in Aggressionen. Zum Beispiel wenn er seinem Peiniger bei einem verzweifelten Versuch zurückzuschlagen aufgrund der Wirtschaftskrise dessen baldige Arbeitslosigkeit vorhersagt. Es ist der psychische Überlebenskampf eines Kindes, das ansonsten nicht einmal die Herrschaft über das Licht in seinem Keller hat.

Parallel zu den Szenen der häuslichen Zwangsgemeinschaft folgt der Film dem Täter bei seinem nicht einfachen Unterfangen, vor Freunden und Kollegen die Fassade aufrechtzuerhalten. Da ist die Geschichte von der angeblichen Freundin, die in Deutschland wohne und nie zu Besuch kommen könne. Oder die Bekannte, die einen Spontanbesuch versucht und panisch vertrieben wird. Durch eine Grippe des Jungen gerät die mit großer Anstrengung aufrechterhaltene Konstruktion ins Wanken.

Am Ende nutzt Schleinzer einen Einbruch des Suspense, um aus seiner Geschichte herauszukommen. Es ist ein letztlich wohlfeil eingesetztes Element des Thrillers und der einzige fragwürdige Moment dieses Films, der sich ansonsten vor jeder emotionalen oder moralischen Manipulation hütet. Der lange, erstickende Schock von Schleinzers Films liegt ja nicht in einer ausgestellten Monstrosität des Täters, die leichter zu verkraften wäre. Er liegt in der Normalität des Monströsen.

Michael ist ein Regiedebüt, denn bisher war Markus Schleinzers Bereich das Casting, etwa die Auswahl der Kinder von Michael Hanekes Weißem Band . Diese Verbindung erstaunt nicht weiter, denn es ist das österreichische Kino, das der banalen Entsetzlichkeit und entsetzlichen Banalität des Menschen in den letzten Jahrzehnten am konsequentesten und unerschrockensten ins Auge geblickt hat.