ZEITmagazin: Herr von Gerkan , als Konstrukteur von Tegel sind Sie einer der wenigen, die von einem Flughafen abheben können, den Sie selbst erbaut haben .

Meinhard von Gerkan: Ich kann sogar vom einen selbst gebauten Flughafen zum anderen selbst gebauten Flughafen fliegen. Unser Büro hat ja auch Stuttgart und Hamburg gebaut. Am Anfang habe ich das immer ganz stolz den Stewardessen erzählt, dass wir gleich sozusagen auf meinem Flughafen landen. Aber so was lässt dann auch irgendwann nach.

ZEITmagazin: Wie ist das, seit 1974 Passagier in Tegel zu sein?

von Gerkan: Mir gefällt nicht, was mit Tegel geschehen ist. Wir hatten zum Beispiel damals einen sehr schönen Boden aus trapezförmigen Fliesen eingepasst, der wurde gegen einen einfachen Kunststeinboden ausgetauscht. Und innen wurden überall Läden und Schnellrestaurants eingerichtet. Der Flughafen wurde völlig verbaut. Und das rot-gelbe Farbkonzept, das wir damals entworfen hatten, ist kaum noch zu erkennen. Überall sonst hält man sich an die Vorgaben der Architekten – aber in Berlin ist das eben anders.

ZEITmagazin: Tegel war damals der Durchbruch für Ihr Architektenbüro, waren Sie nicht überfordert von so einem Großprojekt?

von Gerkan: Es gab natürlich eine Riesendiskussion – zwei junge Kerle, die noch nie etwas gebaut hatten, sollten den Berliner Flughafen verwirklichen. Aber wir haben uns dann schnell Partner gesucht, die Erfahrung mit Großbauten hatten. Am Schluss hatten wir 70 Mitarbeiter – und heute sind es mehr als 500.

ZEITmagazin: Das Flughafenterminal macht einen sehr rohen Eindruck. Es gibt viele scharfe Kanten, viel unverputzten Beton.

von Gerkan: Das war das Prinzip. Der Flughafen sollte aus purer Funktion bestehen. Das Gepäck wird nicht sortiert, sondern kommt vom Check-in-Schalter direkt zur Maschine – und dann natürlich der Ring, der ermöglicht, immer den kürzesten Weg zum Gate zu wählen.

ZEITmagazin: Der sechseckige Ring von Tegel ist einzigartig unter den Flughäfen.

von Gerkan: Die Ringform war ideal, um die Passagiere möglichst schnell vom Auto ins Flugzeug zu befördern. Man fährt in den inneren Ring hinein und steigt direkt vor dem Check-in aus. Bis zum Flugzeug waren es nur 30 Meter zu Fuß. Wir waren überzeugt, dass es das Vorbild für alle Flughäfen weltweit würde.

"Manchmal kann man einen Flughafen nicht mehr von einem Shoppingcenter unterscheiden"

ZEITmagazin: Daraus wurde aber nichts.

von Gerkan: Damals hat ja kein Mensch daran gedacht, dass es eines Tages zu Flugzeugentführungen kommen würde! Für Sicherheitskontrollen ist es natürlich wirtschaftlicher, alle Passagiere durch einen Flaschenhals zu schleusen.

ZEITmagazin: Und außerdem will man sie heute an möglichst vielen Geschäften vorbeischleusen.

von Gerkan: Grauenhaft! Früher war man stolz darauf, den Passagieren nur möglichst kurze Wege zuzumuten, heute versucht man, die Wege möglichst lang zu machen. Manchmal kann man einen Flughafen schon gar nicht mehr von einem Shoppingcenter unterscheiden. Dabei bieten alle Flughäfen die gleichen Waren an. Die Leute kaufen aus bloßer Langeweile Sachen, die sie genauso gut auch zu Hause haben könnten.

ZEITmagazin: Aber die von Ihnen verantworteten Flughäfen in Hamburg und Stuttgart sind doch auch nach diesem Prinzip aufgebaut.

von Gerkan: Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Ich muss mich schließlich nach den Wünschen des Bauherren richten. Ich habe lange versucht, auf die Stadt Hamburg einzuwirken. Aber am Ende wollen die Hamburger wie alle anderen auch an den Ladenmieten verdienen.

ZEITmagazin: Nun wollen Sie Tegel noch einmal bauen.

von Gerkan: Ja, ich möchte, dass das Gebäude nach der Schließung erhalten bleibt, und habe dem Senat das Konzept »TXL plus« vorgelegt. Wir argumentieren, dass es viel teurer ist, den Flughafen Tegel abzureißen und den Boden zu sanieren, als ihn neu zu nutzen. Wir wollen, dass dort ein Innovationspark für erneuerbare Energien entsteht. Wir sehen eine gute Chance, dass das Konzept verwirklicht wird.

ZEITmagazin: Ihr Büro war ja auch maßgeblich an der Planung des neuen Flughafens Berlin Brandenburg beteiligt. Können Sie sagen, welchen der beiden Flughäfen Sie letztlich schöner finden?

von Gerkan: Haben Sie Kinder?

ZEITmagazin: Ja, drei.

von Gerkan: Und welches finden Sie am schönsten?