Architekt Meinhard von Gerkan "Wir dachten, es wird ein weltweites Vorbild"
Im Juni schließt der Flughafen Berlin-Tegel für immer. Ein Gespräch mit seinem Erbauer Meinhard von Gerkan
© Stephanie Pilick/dpa

Der Architekt Meinhard von Gerkan
ZEITmagazin: Herr von Gerkan, als Konstrukteur von Tegel sind Sie einer der wenigen, die von einem Flughafen abheben können, den Sie selbst erbaut haben.
Meinhard von Gerkan: Ich kann sogar vom einen selbst gebauten Flughafen zum anderen selbst gebauten Flughafen fliegen. Unser Büro hat ja auch Stuttgart und Hamburg gebaut. Am Anfang habe ich das immer ganz stolz den Stewardessen erzählt, dass wir gleich sozusagen auf meinem Flughafen landen. Aber so was lässt dann auch irgendwann nach.
ZEITmagazin: Wie ist das, seit 1974 Passagier in Tegel zu sein?
von Gerkan: Mir gefällt nicht, was mit Tegel geschehen ist. Wir hatten zum Beispiel damals einen sehr schönen Boden aus trapezförmigen Fliesen eingepasst, der wurde gegen einen einfachen Kunststeinboden ausgetauscht. Und innen wurden überall Läden und Schnellrestaurants eingerichtet. Der Flughafen wurde völlig verbaut. Und das rot-gelbe Farbkonzept, das wir damals entworfen hatten, ist kaum noch zu erkennen. Überall sonst hält man sich an die Vorgaben der Architekten – aber in Berlin ist das eben anders.
ZEITmagazin: Tegel war damals der Durchbruch für Ihr Architektenbüro, waren Sie nicht überfordert von so einem Großprojekt?
von Gerkan: Es gab natürlich eine Riesendiskussion – zwei junge Kerle, die noch nie etwas gebaut hatten, sollten den Berliner Flughafen verwirklichen. Aber wir haben uns dann schnell Partner gesucht, die Erfahrung mit Großbauten hatten. Am Schluss hatten wir 70 Mitarbeiter – und heute sind es mehr als 500.
ZEITmagazin: Das Flughafenterminal macht einen sehr rohen Eindruck. Es gibt viele scharfe Kanten, viel unverputzten Beton.
von Gerkan: Das war das Prinzip. Der Flughafen sollte aus purer Funktion bestehen. Das Gepäck wird nicht sortiert, sondern kommt vom Check-in-Schalter direkt zur Maschine – und dann natürlich der Ring, der ermöglicht, immer den kürzesten Weg zum Gate zu wählen.
ZEITmagazin: Der sechseckige Ring von Tegel ist einzigartig unter den Flughäfen.
von Gerkan: Die Ringform war ideal, um die Passagiere möglichst schnell vom Auto ins Flugzeug zu befördern. Man fährt in den inneren Ring hinein und steigt direkt vor dem Check-in aus. Bis zum Flugzeug waren es nur 30 Meter zu Fuß. Wir waren überzeugt, dass es das Vorbild für alle Flughäfen weltweit würde.
ZEITmagazin: Daraus wurde aber nichts.
von Gerkan: Damals hat ja kein Mensch daran gedacht, dass es eines Tages zu Flugzeugentführungen kommen würde! Für Sicherheitskontrollen ist es natürlich wirtschaftlicher, alle Passagiere durch einen Flaschenhals zu schleusen.
ZEITmagazin: Und außerdem will man sie heute an möglichst vielen Geschäften vorbeischleusen.
von Gerkan: Grauenhaft! Früher war man stolz darauf, den Passagieren nur möglichst kurze Wege zuzumuten, heute versucht man, die Wege möglichst lang zu machen. Manchmal kann man einen Flughafen schon gar nicht mehr von einem Shoppingcenter unterscheiden. Dabei bieten alle Flughäfen die gleichen Waren an. Die Leute kaufen aus bloßer Langeweile Sachen, die sie genauso gut auch zu Hause haben könnten.
ZEITmagazin: Aber die von Ihnen verantworteten Flughäfen in Hamburg und Stuttgart sind doch auch nach diesem Prinzip aufgebaut.
von Gerkan: Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Ich muss mich schließlich nach den Wünschen des Bauherren richten. Ich habe lange versucht, auf die Stadt Hamburg einzuwirken. Aber am Ende wollen die Hamburger wie alle anderen auch an den Ladenmieten verdienen.
ZEITmagazin: Nun wollen Sie Tegel noch einmal bauen.
von Gerkan: Ja, ich möchte, dass das Gebäude nach der Schließung erhalten bleibt, und habe dem Senat das Konzept »TXL plus« vorgelegt. Wir argumentieren, dass es viel teurer ist, den Flughafen Tegel abzureißen und den Boden zu sanieren, als ihn neu zu nutzen. Wir wollen, dass dort ein Innovationspark für erneuerbare Energien entsteht. Wir sehen eine gute Chance, dass das Konzept verwirklicht wird.
ZEITmagazin: Ihr Büro war ja auch maßgeblich an der Planung des neuen Flughafens Berlin Brandenburg beteiligt. Können Sie sagen, welchen der beiden Flughäfen Sie letztlich schöner finden?
von Gerkan: Haben Sie Kinder?
ZEITmagazin: Ja, drei.
von Gerkan: Und welches finden Sie am schönsten?
- Datum 17.01.2012 - 16:40 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 19.1.2012 Nr. 04
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"Let bygones be bygones" – was soll dieses Nachtarocken?
Die "Kurzen Wege" funktionieren aber nur, wenn man zu Flughafen chauffiert wird. Wer mit der S-Bahn kommt oder mit dem eigenen Auto, ist bei eine zentral aufgebauten Flughafen weit besser bedient. Tegel hatte ja nicht mal Bahn-Anschluss.
Gerkans Idee stammt eben aus einer Zeit, als nur wenige betuchte Menschen flogen. Für das Massenverkehrsmittel Flugzeug funktioniert es nicht. Deshalb baut man Flughäfen heute anders.
Die Zukunft begann übrigens in Amsterdam Schiphol, wo einer der ersten Flughäfen nach modernem zentralen Konzept entstand: Aus jeder Provinz der Niederlande ist man ganz schnell per Zug am Flughafen und dann am Gate. 30 Jahre später gibts das nun auch in Berlin...
Da würde mich doch mal der zeitliche Vergleich interessieren. Ich kann Ihnen garantieren, dass ich auch mit ÖPNV-Ankunft in Tegel und entsprechend etwas mehr Fußweg in unter 15 Minuten alles hinter mir habe und im Warteraum auf den Einlass zur Maschine warte.
Der Express-Bus fährt übrigens vom Hauptbahnhof nach Tegel in 20 Minuten. Der momentan viel beworbene Regionalexpress zum neuen BER braucht dafür... 20 Minuten. Sonstige Zugverbindungen wir BER ja erst gegen 2017 bekommen...
Da würde mich doch mal der zeitliche Vergleich interessieren. Ich kann Ihnen garantieren, dass ich auch mit ÖPNV-Ankunft in Tegel und entsprechend etwas mehr Fußweg in unter 15 Minuten alles hinter mir habe und im Warteraum auf den Einlass zur Maschine warte.
Der Express-Bus fährt übrigens vom Hauptbahnhof nach Tegel in 20 Minuten. Der momentan viel beworbene Regionalexpress zum neuen BER braucht dafür... 20 Minuten. Sonstige Zugverbindungen wir BER ja erst gegen 2017 bekommen...
TEGEL ist und bleibt der schönste Flughafen.
Tegel ist ein ganz toller Flughafen. Vier Minuten dauert es vom Ausstieg aus der Taxe bis zum Sitzen im Wartebereich. Und in diesen 4 Minuten gibt es Checkin, Gepäckaufgabe, Sicherheitsprüfung und Laufzeit. Und wer mit dem Bus kommt, der muss halt maximal noch fünf Minuten zusätzlich laufen. Eine Bahnanbindung würde ebenso funktionieren. Letztlich lässt sich das Tegel-Konzept beliebig skalieren: Anstatt eines Kreises baut man halt 2 oder 3 oder 4. Auch Tegel war ja für mehrere dieser Kreise geplant.
Das wertvolle am Tegel-Konzept ist der dezentrale Ansatz für Sicherheitsüberprüfung, Checkin und Gepäckverwaltung. Das lässt sich überall realisieren, ist aber, wie im Interview angemerkt, natürlich weniger wirtschaftlich als ein riesiger Flughafen mit weit auseinander liegenden zentralen Aufgabenbereichen, wo man durch ekelhafte Shopping-Malls geführt wird.
Fliegen, gerade nur mit Handgepäck und vorherigem Online-Checkin, ist jedenfalls von Tegel aus ein Genuss. Kein Vergleich mit Flughäfen wie Frankfurt oder München, bei denen das Doppelte der Flugzeit alleine durch Warterei, Herumlauferei oder Gerolle auf dem Flugfeld drauf geht. In der Zeit, in der ich in Frankfurt von der S-Bahn zum Checkin-Schalter gehe, habe ich in Tegel bereits 4x alles durchlaufen und sitze im Warteraum herum. Einfach grandios!
Tempelhof umarmt den Flugbereich.
Tegel umschließt den Zugangsbereich.
Gerkan ist sicherlich ein vorzüglich geübter Selbstdarsteller.
Primus inter Pares in seiner Zunft sozusagen ;-)
Tempelhof umarmt den Flugbereich.
Tegel umschließt den Zugangsbereich.
Gerkan ist sicherlich ein vorzüglich geübter Selbstdarsteller.
Primus inter Pares in seiner Zunft sozusagen ;-)
Da würde mich doch mal der zeitliche Vergleich interessieren. Ich kann Ihnen garantieren, dass ich auch mit ÖPNV-Ankunft in Tegel und entsprechend etwas mehr Fußweg in unter 15 Minuten alles hinter mir habe und im Warteraum auf den Einlass zur Maschine warte.
Der Express-Bus fährt übrigens vom Hauptbahnhof nach Tegel in 20 Minuten. Der momentan viel beworbene Regionalexpress zum neuen BER braucht dafür... 20 Minuten. Sonstige Zugverbindungen wir BER ja erst gegen 2017 bekommen...
...wer einmal gesehen hat, wie in Tegel eine 767 in die USA eingecheckt wird, merkt wohl, dass dieses Konzept nicht mehr trägt. Riesige Schlangen vor einem Schalter, ansonsten im Flughafen gähnende Leere. Das Konzept von Tegel - oder auch Hannover - war grundsätzlich gut, als nicht mehr als 80 Passagiere in einem Jet saßen.
Jetzt ist es nicht mehr zeitgemäß und die Flughäfen ja teilweise auch geradezu entsetzlich verbaut. Die langen Wege in Frankfurt erklären sich ja nicht nur durch die Architektur (hier sind die Wege im hochgelobten München auf Grund der linearen Terminalauslegung übrigens erheblich größer), sondern schlicht durch die extrem hohe Zahl an Flugzeugen, die nahezu gleichzeitig abgefertigt werden müssen.
Dagegen habe ich nicht den Eindruck, dass die Verkaufsflächen im Security Bereich wirklich so wichtig wären. In Frankfurt z.B. ist die Zahl der Restaurationsbetriebe relativ gering, Modeverkauf findet praktisch gar nicht statt und Duty Free ist relativ uninteressant geworden, seit es nicht mehr "free" ist.
Tempelhof umarmt den Flugbereich.
Tegel umschließt den Zugangsbereich.
Gerkan ist sicherlich ein vorzüglich geübter Selbstdarsteller.
Primus inter Pares in seiner Zunft sozusagen ;-)
Es wäre interessant gewesen, zu erfahren, wo die Architekten von Tegel dieses Konzept des befahrbaren Flughafens her hatten.
In Paris Roissy gibt es aus dieser Zeit ja auch noch den Terminal A, der ganz ähnlich konzipiert ist in Bezug auf die Autos.
An Tegel haben mich immer die introvertierte Disposition hin zu den unschönen inneren Autoparkflächen, der räumlich bescheidene Ringflur und die hermetische Verbarrikadierung der Luftseite gestört.
Automobil-funktional, aber kein Aufenthalts-Ort.
Roissy ist in diesen Hinsichten noch schlimmer.
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