Architekt Meinhard von Gerkan: "Wir dachten, es wird ein weltweites Vorbild"
Im Juni schließt der Flughafen Berlin-Tegel für immer. Ein Gespräch mit seinem Erbauer Meinhard von Gerkan
ZEITmagazin: Herr von Gerkan, als Konstrukteur von Tegel sind Sie einer der wenigen, die von einem Flughafen abheben können, den Sie selbst erbaut haben.
Meinhard von Gerkan: Ich kann sogar vom einen selbst gebauten Flughafen zum anderen selbst gebauten Flughafen fliegen. Unser Büro hat ja auch Stuttgart und Hamburg gebaut. Am Anfang habe ich das immer ganz stolz den Stewardessen erzählt, dass wir gleich sozusagen auf meinem Flughafen landen. Aber so was lässt dann auch irgendwann nach.
ZEITmagazin: Wie ist das, seit 1974 Passagier in Tegel zu sein?
von Gerkan: Mir gefällt nicht, was mit Tegel geschehen ist. Wir hatten zum Beispiel damals einen sehr schönen Boden aus trapezförmigen Fliesen eingepasst, der wurde gegen einen einfachen Kunststeinboden ausgetauscht. Und innen wurden überall Läden und Schnellrestaurants eingerichtet. Der Flughafen wurde völlig verbaut. Und das rot-gelbe Farbkonzept, das wir damals entworfen hatten, ist kaum noch zu erkennen. Überall sonst hält man sich an die Vorgaben der Architekten – aber in Berlin ist das eben anders.
ZEITmagazin: Tegel war damals der Durchbruch für Ihr Architektenbüro, waren Sie nicht überfordert von so einem Großprojekt?
von Gerkan: Es gab natürlich eine Riesendiskussion – zwei junge Kerle, die noch nie etwas gebaut hatten, sollten den Berliner Flughafen verwirklichen. Aber wir haben uns dann schnell Partner gesucht, die Erfahrung mit Großbauten hatten. Am Schluss hatten wir 70 Mitarbeiter – und heute sind es mehr als 500.
ZEITmagazin: Das Flughafenterminal macht einen sehr rohen Eindruck. Es gibt viele scharfe Kanten, viel unverputzten Beton.
von Gerkan: Das war das Prinzip. Der Flughafen sollte aus purer Funktion bestehen. Das Gepäck wird nicht sortiert, sondern kommt vom Check-in-Schalter direkt zur Maschine – und dann natürlich der Ring, der ermöglicht, immer den kürzesten Weg zum Gate zu wählen.
ZEITmagazin: Der sechseckige Ring von Tegel ist einzigartig unter den Flughäfen.
von Gerkan: Die Ringform war ideal, um die Passagiere möglichst schnell vom Auto ins Flugzeug zu befördern. Man fährt in den inneren Ring hinein und steigt direkt vor dem Check-in aus. Bis zum Flugzeug waren es nur 30 Meter zu Fuß. Wir waren überzeugt, dass es das Vorbild für alle Flughäfen weltweit würde.






Tegel ist ein ganz toller Flughafen. Vier Minuten dauert es vom Ausstieg aus der Taxe bis zum Sitzen im Wartebereich. Und in diesen 4 Minuten gibt es Checkin, Gepäckaufgabe, Sicherheitsprüfung und Laufzeit. Und wer mit dem Bus kommt, der muss halt maximal noch fünf Minuten zusätzlich laufen. Eine Bahnanbindung würde ebenso funktionieren. Letztlich lässt sich das Tegel-Konzept beliebig skalieren: Anstatt eines Kreises baut man halt 2 oder 3 oder 4. Auch Tegel war ja für mehrere dieser Kreise geplant.
Das wertvolle am Tegel-Konzept ist der dezentrale Ansatz für Sicherheitsüberprüfung, Checkin und Gepäckverwaltung. Das lässt sich überall realisieren, ist aber, wie im Interview angemerkt, natürlich weniger wirtschaftlich als ein riesiger Flughafen mit weit auseinander liegenden zentralen Aufgabenbereichen, wo man durch ekelhafte Shopping-Malls geführt wird.
Fliegen, gerade nur mit Handgepäck und vorherigem Online-Checkin, ist jedenfalls von Tegel aus ein Genuss. Kein Vergleich mit Flughäfen wie Frankfurt oder München, bei denen das Doppelte der Flugzeit alleine durch Warterei, Herumlauferei oder Gerolle auf dem Flugfeld drauf geht. In der Zeit, in der ich in Frankfurt von der S-Bahn zum Checkin-Schalter gehe, habe ich in Tegel bereits 4x alles durchlaufen und sitze im Warteraum herum. Einfach grandios!
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