München, Hotel Bayerischer Hof. Er läuft, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, um eine Sitzgruppe herum. Er sagt: »Ich habe mir jetzt 100 Fragen an den Christian Wulff ausgedacht. Ist Ihnen das recht?« Sein feines, weit vorne ausgesprochenes Münchnerisch. Helmut Dietl : der Meisterregisseur, Münchner Gentleman, die graue Eminenz des deutschen Films. Legendäre Fernsehserien (»Monaco Franze«, »Kir Royal«), legendäre Kinofilme (»Schtonk!«, »Rossini«). Vielleicht ist »Monaco Franze« das charmanteste Kunstwerk in deutscher Sprache überhaupt. Immer wenn ein Beispiel dafür hermuss, dass es mit der Komödie in Deutschland doch geht, fällt Dietls Name. Die Vergangenheit ist bei ihm so groß, dass es im Grunde genommen überhaupt keinen neuen Film von ihm brauchte – mit »Zettl« , einer Komödie um den Berliner Politikbetrieb, geht der Meister in diesen Wochen in die deutschen Kinos. Platz nehmender Dietl: Haar und Bart sind grau, schwarzes Jackett. Er sieht auf zeitlos gute Art wie ein Münchner Vorstadtcowboy aus. Er bestellt Käsekuchen. Möchte er dazu Sahne? Entgeisterter Dietl zur Bayerischer-Hof-Bedienung: »Zum Käsekuchen?« Er kriegt die 99-Fragen-Waffe in die Hand, dass er »Weiter« sagen darf, wenn ihn eine Frage nervt.

1. Lubitsch oder Wilder?

Ja, beide. Am liebsten.

2. Woody Allen oder George Clooney?

Woody Allen . Mit starker Neigung zu George Clooney .

3. Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer?

Weiter.

4. Gibt’s was Schlimmeres im Leben eines Regisseurs als die Wochen, in denen er den Film fertig hat?

Es ist von Anfang an schlimm. Ich bin ja sozusagen ein Autorenfilmer. Das Filmemachen ist das Anstrengendste und Unbefriedigendste, was es gibt. Da ist jede Phase anders schlimm: Man hat zuerst eine Idee gehabt, die war wunderbar. Dann hat man viele Fassungen geschrieben, die waren schon lange nicht mehr so wunderbar wie die Idee, weil man es nicht konnte. Dann hat man einen Film gedreht, dann hat man sich das alles anschauen müssen und zusammengeschnitten. Und dann kann man nur noch sagen: Wer spricht von siegen, überstehen ist alles.

Der Käsekuchen. Er möchte jetzt vom neuen Film reden. Gleichzeitig möchte er, das ist auch klar, möglichst nicht vom neuen Film reden. So einen Meister wie den Dietl nervt natürlich alles, weshalb man gleich über alles Witze machen kann – darin liegt das Vergnügen.

5. Echt wahr, dass Sie am Drehbuch zehn Jahre gearbeitet haben?

Zehn Jahre nicht, aber fünf Jahre bestimmt. Die Finanzierung allein hat ein Jahr in Anspruch genommen – also, es war furchtbar. Ich rate jedem ab, Filme zu machen.

6. Ist Ihr Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre mindestens so gut wie der Patrick Süskind oder ganz anders gut?

So viel anders ist er nicht. Er ist sprachlich gesehen, Gott sei Dank, auch ein Pedant.

7. Einverstanden, dass die Posse um den Bundespräsidenten natürlich auch ein Dietl-Stoff gewesen wäre?

Ich mache ja keine Possen. Ich mache Komödien. Ich stelle auch hier fest, dass in Deutschland offenbar kein Genrebewusstsein herrscht.

8. Spinnt der Franz Xaver Kroetz eigentlich, dass er bei »Zettl« nicht mitgemacht hat?

Es hat mich schon ziemlich kalt erwischt. Er war im Bilde über die verschiedenen Fassungen, dann wollte er plötzlich eine ganz andere Figur haben. Er wollte kein älterer Mann sein, sondern ein jüngerer. Das wäre vielleicht kosmetisch gegangen, inhaltlich aber nicht.

9. Waren Sie beim Drehen gleich wieder in die Senta Berger verliebt?

Ich habe in meinem Verliebtsein in Bezug auf die Senta Berger nie eine Pause gemacht. Ich war damals in sie verliebt, ich bin es heute, und ich habe beschlossen, es auch in Zukunft zu sein.

10. Großfrage: Gibt’s in Berlin überhaupt eine Münchner Society?  

Das ist das Provinzielle an Berlin : dass es so ist, wie man sich die Münchner Society vorstellt.

11. Inwiefern ist die Berliner Society der Gegenwart noch unmoralischer als die Münchner Gesellschaft der achtziger Jahre?

Vielleicht ist diese Betrachtung einem verzeihenden Vergessen geschuldet: Das Verhalten der Münchner Gesellschaft, die ich damals in Kir Royal porträtiert habe, war spielerischer. Seitdem Berlin wieder Hauptstadt ist, hat es mit harmlosen Spielen dort wenig zu tun. Es geht um hohe Einsätze. Zum Spielerischen gehört ein gewisser Humor. Der Berliner Humor, der viel zitierte, der ist bis nach Berlin-Mitte, wo unser Film spielt, nicht durchgedrungen.