Regisseur Helmut Dietl 99 Fragen an Helmut Dietl
Mehr braucht kein Mensch
München, Hotel Bayerischer Hof. Er läuft, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, um eine Sitzgruppe herum. Er sagt: »Ich habe mir jetzt 100 Fragen an den Christian Wulff ausgedacht. Ist Ihnen das recht?« Sein feines, weit vorne ausgesprochenes Münchnerisch. Helmut Dietl: der Meisterregisseur, Münchner Gentleman, die graue Eminenz des deutschen Films. Legendäre Fernsehserien (»Monaco Franze«, »Kir Royal«), legendäre Kinofilme (»Schtonk!«, »Rossini«). Vielleicht ist »Monaco Franze« das charmanteste Kunstwerk in deutscher Sprache überhaupt. Immer wenn ein Beispiel dafür hermuss, dass es mit der Komödie in Deutschland doch geht, fällt Dietls Name. Die Vergangenheit ist bei ihm so groß, dass es im Grunde genommen überhaupt keinen neuen Film von ihm brauchte – mit »Zettl«, einer Komödie um den Berliner Politikbetrieb, geht der Meister in diesen Wochen in die deutschen Kinos. Platz nehmender Dietl: Haar und Bart sind grau, schwarzes Jackett. Er sieht auf zeitlos gute Art wie ein Münchner Vorstadtcowboy aus. Er bestellt Käsekuchen. Möchte er dazu Sahne? Entgeisterter Dietl zur Bayerischer-Hof-Bedienung: »Zum Käsekuchen?« Er kriegt die 99-Fragen-Waffe in die Hand, dass er »Weiter« sagen darf, wenn ihn eine Frage nervt.
1. Lubitsch oder Wilder?
Ja, beide. Am liebsten.
2. Woody Allen oder George Clooney?
Woody Allen. Mit starker Neigung zu George Clooney.
3. Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer?
Weiter.
67, Drehbuchautor und Regisseur, revolutionierte in den achtziger Jahren mit Serien wie Monaco Franze und Kir Royal, deren Drehbücher er gemeinsam mit Patrick Süskind schrieb, das Fernsehen. Am 2. Februar kommt Dietls Komödie Zettl, eine Persiflage auf den Berliner Politikbetrieb, ins Kino
4. Gibt’s was Schlimmeres im Leben eines Regisseurs als die Wochen, in denen er den Film fertig hat?
Es ist von Anfang an schlimm. Ich bin ja sozusagen ein Autorenfilmer. Das Filmemachen ist das Anstrengendste und Unbefriedigendste, was es gibt. Da ist jede Phase anders schlimm: Man hat zuerst eine Idee gehabt, die war wunderbar. Dann hat man viele Fassungen geschrieben, die waren schon lange nicht mehr so wunderbar wie die Idee, weil man es nicht konnte. Dann hat man einen Film gedreht, dann hat man sich das alles anschauen müssen und zusammengeschnitten. Und dann kann man nur noch sagen: Wer spricht von siegen, überstehen ist alles.
Der Käsekuchen. Er möchte jetzt vom neuen Film reden. Gleichzeitig möchte er, das ist auch klar, möglichst nicht vom neuen Film reden. So einen Meister wie den Dietl nervt natürlich alles, weshalb man gleich über alles Witze machen kann – darin liegt das Vergnügen.
5. Echt wahr, dass Sie am Drehbuch zehn Jahre gearbeitet haben?
Zehn Jahre nicht, aber fünf Jahre bestimmt. Die Finanzierung allein hat ein Jahr in Anspruch genommen – also, es war furchtbar. Ich rate jedem ab, Filme zu machen.
6. Ist Ihr Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre mindestens so gut wie der Patrick Süskind oder ganz anders gut?
So viel anders ist er nicht. Er ist sprachlich gesehen, Gott sei Dank, auch ein Pedant.
7. Einverstanden, dass die Posse um den Bundespräsidenten natürlich auch ein Dietl-Stoff gewesen wäre?
Ich mache ja keine Possen. Ich mache Komödien. Ich stelle auch hier fest, dass in Deutschland offenbar kein Genrebewusstsein herrscht.
8. Spinnt der Franz Xaver Kroetz eigentlich, dass er bei »Zettl« nicht mitgemacht hat?
Es hat mich schon ziemlich kalt erwischt. Er war im Bilde über die verschiedenen Fassungen, dann wollte er plötzlich eine ganz andere Figur haben. Er wollte kein älterer Mann sein, sondern ein jüngerer. Das wäre vielleicht kosmetisch gegangen, inhaltlich aber nicht.
9. Waren Sie beim Drehen gleich wieder in die Senta Berger verliebt?
Ich habe in meinem Verliebtsein in Bezug auf die Senta Berger nie eine Pause gemacht. Ich war damals in sie verliebt, ich bin es heute, und ich habe beschlossen, es auch in Zukunft zu sein.
10. Großfrage: Gibt’s in Berlin überhaupt eine Münchner Society?
Das ist das Provinzielle an Berlin: dass es so ist, wie man sich die Münchner Society vorstellt.
11. Inwiefern ist die Berliner Society der Gegenwart noch unmoralischer als die Münchner Gesellschaft der achtziger Jahre?
Vielleicht ist diese Betrachtung einem verzeihenden Vergessen geschuldet: Das Verhalten der Münchner Gesellschaft, die ich damals in Kir Royal porträtiert habe, war spielerischer. Seitdem Berlin wieder Hauptstadt ist, hat es mit harmlosen Spielen dort wenig zu tun. Es geht um hohe Einsätze. Zum Spielerischen gehört ein gewisser Humor. Der Berliner Humor, der viel zitierte, der ist bis nach Berlin-Mitte, wo unser Film spielt, nicht durchgedrungen.
12. Hat Berlins Hauptstadt-Society Grund, Angst zu haben vor Ihrem neuen Film?
Angst? Wieso Angst? Nein. Höchstens die Leute, die nicht vorkommen in so einem Film, die sind natürlich gefährlich.
Den Käsekuchen isst er praktisch nicht. Lieber stochert er ein bissel darin herum. Wir gehen nun, um mit dem klassischen Dietl warm zu werden, in die siebziger und achtziger Jahre hinein: sieben Dietl-Redewendungen, Dietlismen. Er soll halt bissel was dazu sagen, sie übersetzen.
13 »A bisserl was geht immer.«
Ja, das kann ich jetzt im Alter von 65 Jahren aufwärts rückblickend bestätigen.
14. »Freili’ hab i was ’trunken!«
Das kann ich nicht mehr sagen. Ich habe ja das Rauchen aufgehört, und das Rauchen aufhören kann man nur, wenn man gleichzeitig das Trinken aufgibt. Es müsste jetzt heißen: Ich habe schon lange nichts mehr getrunken.
15. »Ich scheiß dich zu mit meinem Geld.«
Diesen Satz habe ich in Berlin in vielen neuen Formen gehört.
16. »Mei, Franzi.«
Ja, mei. Einer dieser spielerischen Bavarismen. Die Leute, die so einen Satz verursacht haben, sind auch schon tot.
17. »I will mi gar net beschwern, i sag bloß, wie es ist.«
Das ist berechtigt. Das sage ich auch oft zu meiner Frau.
18. »Ich möchte wenigstens am Tag meiner Scheidung in Ruhe gelassen werden.«
Auch das ist authentisch. Ich war ja öfter verheiratet und habe das bei diesen Gelegenheiten dann auch gesagt.
19. »Leck mich am Arsch.«
Ja, komisch. Der sitzt nicht mehr. Der Satz ist lang nicht mehr so kräftig, wie er einmal war.
20. Wie reagiert der Gentleman Helmut Dietl, wenn der Oliver Berben im Berliner Grill Royal auf ihn zukommt und schwärmt: »Helmut, ich bin der Charlie aus den ›Münchner Geschichten‹«?
Da freue ich mich.
21. Können Sie jetzt einfach noch mal kurz das schöne bayerische Wort »Baby« sagen?
Baby. Bäibi. Ich glaube, ich schreib’s mit ä und einem i.
22. Echt wahr, dass Sie sich für die Rolle des Baby einmal selber gecastet haben?
Aus lauter Verzweiflung. Vom Niki Paryla, der den Baby zuerst gemacht hat, habe ich mich ja getrennt. Die Produktion stand, es musste weitergehen. Ich habe also Probeaufnahmen von mir gemacht, und meine französische Ehefrau, die damalige, hat zu mir gesagt: Mach es nicht, Helmut, du bist zu unsympathisch.
23. Ihr Kommentar zum naheliegenden Gerücht, dass alle Ihre großen Serienfiguren – der Max, Charlie, Baby, Monaco – in Seele und Sprache identische Kopien des echten Helmut Dietl sind?
Nicht identische Kopien. Es sind immer Teile von mir. Die Hitler-Tagebuch-Geschichte Schtonk!, die konnte ich auch erst schreiben, nachdem ich Teile in mir entdeckt hatte, die sowohl der Fälscher als auch der Journalist waren.
Alles klar. So ein Käsekuchen ist nichts, was man in dem Sinne essen muss. Den kann man, ganz offenbar, auch einfach stehen lassen.
24. Der Shakespeare von der Isar, ist das ein angenehmer Titel für Sie?
Nein. Das wäre wirklich zu hoch gegriffen. Da nehme ich lieber einen wie Horváth. Horváth und Tschechow, die sind mir nahe.
25. Welche kulturelle Leistung sollte in Zukunft mit dem Helmut-Dietl-Preis ausgezeichnet werden?
Den Preis gibt’s ja schon, das ist der Ernst-Lubitsch-Preis. Ich habe auch einen gekriegt, damals für Rossini. Da ich aber an den Ernstl nicht hinstinken kann, ist der Preis in guten Händen.
26. Wären Sie sehr böse, wenn die Filmakademie Ihnen den Preis fürs Lebenswerk verleihen würde?
Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zur Deutschen Filmakademie. Damals habe ich gemeinsam mit dem Bernd Eichinger und dem Uli Felsberg diesen Gedanken durchgekämpft, weil wir überzeugt waren, dass der deutsche Film eine Akademie braucht. Wir haben allerdings nicht mit dem deutschen Volk gerechnet. Wir wollten Gremien abschaffen; aber die Akademie ist zu einer Gremieninstitution geworden.
27. Kann man bei Ihnen sagen, dass Sie irgendwie von Anfang an schon alles konnten, praktisch gleich als Genie eingestiegen sind?
Naa! Ich empfinde mich auch nicht als solch eines. Ich empfinde mich als Sturkopf. Was man schon daran sieht, dass ich nur Sachen mache, die ich selber geschrieben habe und die mich persönlich interessieren. Andere mache ich gar nicht.
28. Wie parieren Sie die Klugscheißer-Kritik, dass der Dietl ein genialer Serienregisseur, aber nur ein sehr guter Kinoregisseur ist?
Da sage ich: Mei. Echt?
29. Vermissen Sie das Fernsehen von 1979?
Überhaupt nicht. Es wäre ja völlig hirnrissig, das zu vermissen. Denn: Es lässt sich ja nicht wiederherstellen. Ganz ehrlich: Es war ja damals auch schon keine Freude. Weder Kino noch Fernsehen ist eine Freud’. Aber sagen wir so: Kino ist die größere Herausforderung. Ich bin sehr froh, dass ich aus dem Fernsehbetrieb, wie er sich entwickelt hat, heute raus bin.
Der große grauschwarze Mann: Er ist von stattlicher Gestalt. Der Kopf des Helmut Dietl: Da wohnt der Geist drin, der das große Aua, den Frust, die Langweile, die Depression kennt und sich gegen alle Wahrscheinlichkeit immer wieder neu für das Lachen entscheidet. Bravo. Er sucht die Pointe, den Widerspruch, das Paradoxon – davon profitiert dieses Interview. Der Humor des Helmut Dietl sitzt um den Mund: Der Mund wird spitz, wenn er seinen Spott äußert. Wir wollen runter im Niveau, auf zum Evergreen-Thema München, weil der geistvolle Mensch im Seichten ja bekanntlich zu Hochform aufläuft.
30. Einmal München-Giesing, immer München-Giesing?
Ich komm ja aus München-Laim, dem Glasscherbenviertel.
31. Richtig, dass auf gut Münchnerisch die größten Unverschämtheiten immer gleich ein bissel charmanter klingen?
Auf jeden Fall. Ich sehe das an meiner Frau, die Hamburgerin ist. Sie ist manchmal beleidigt, und ich versteh das gar nicht. Es ist eine Temperamentsfrage.
32. Richtig, dass Sie den Münchner Schweinsbraten, den weltberühmten, nie besonders gemocht haben?
Ich habe ihn schon gemocht. Aber ich ess ihn schon lange nicht mehr.
33. Ihre Münchner Lieblingsvokabel?
Weiter, weiter.
34. Ihre Münchner Lieblingskirche?
St. Ursula am Kaiserplatz.
35. Ihr Lieblingsstand auf dem Münchner Viktualienmarkt?
Da gehe ich nicht hin.
36. Richtig, dass der Marienplatz der hässlichste Platz Europas ist?
Ich bin mir fast sicher, aber ich vermeide es auch, dort hinzugehen.
37. Wo ist Schwabing ganz Schwabing?
Schwabing ist ja in mir selber.
38. Wo ist es schöner, in München oder in Los Angeles?
Ich habe mich in Los Angeles zu Hause gefühlt. Das liegt daran, dass dort alle fremd sind.
39. Aubing, Gräfelfing, Giesing, Obermenzing, Harlaching – was liebt einer wie Sie an der Münchner Vorstadt?
Ich habe die Vorstadt damals sehr gemocht. Der Blick von draußen hat eine Poesie zugelassen, er hat einem das Ereignis München beschert. Das Kleine, von außen betrachtet, wurde groß. Man kam von draußen und war ganz begeistert: Die eigentliche Stadt war ein Geheimnis. München wurde eine Großstadt.
40. War das ein schlimmes Jahr, als die CSU bei 42 Prozent stand und nicht Bayern, sondern Wolfsburg Meister wurde?
Die Zahlen der CSU habe ich nie verfolgt. Ich wusste, dass die immer das Land regieren, da spielen die Prozente keine Rolle. Es gibt einen Punkt, da bin ich patriotisch: Wenn der FC Bayern verliert, dann schmerzt mich das. Dann ist das Gefühl da: Es geht mit Bayern abwärts.
41. Echt wahr, dass Sie in Berlin einmal eine Wohnung angemietet haben?
Drei Jahre lang. Gegenüber vom Monbijouplatz. Sehr schön. Zu der Zeit, als ich mit dem Stucki da geschrieben habe.
42. Wie ist das Wetter in Berlin?
Es ist mir nicht aufgefallen.
43. Großfrage zwei: Warum ist Berlin eigentlich so eine total unlustige Stadt?
Humorlos, ja. Ich muss noch mal deutlich sagen: Wenn ich von Berlin spreche, dann von Berlin-Mitte, der preußischen Quadratmeile Torstraße, Friedrichstraße, Museumsinsel. Mitte ist für einen Westler natürlich deshalb interessant, weil es früher im Osten war. Man hat immer das Gefühl, es birgt tausend Geheimnisse, aber es birgt nicht eines. Deshalb ist es dann irgendwann auch nicht mehr so komisch.
44. Können Sie in Berlin-Mitte ein italienisches Restaurant empfehlen?
Nein. Gut, eines kann ich empfehlen: das Bocca di Bacco in der Friedrichstraße.
Leichtes Amüsement: so um den Mund herum. Aber noch kein Gelächter. Und auf zum nächsten Evergreen-Thema: Frauen.
45. Lieben Sie die Frauen wie wahnsinnig?
Wie wahnsinnig? Gut. Ja. Der Wahnsinn schwindet allmählich.
46. Warum Frauen?
Ja, weil es mir einfach nicht gelungen ist, schwul zu sein.
47. Stimmt die alte Geschichte, dass nur Männer etwas von Romantik verstehen?
Ja, dieser Meinung bin ich auch. Das ist im Verhältnis zur Zeit zu sehen: Männer sind in kürzerer Zeit romantischer. Frauen brauchen für dasselbe Gefühl länger. Es herrscht da eine verhängnisvolle Ungleichzeitigkeit.
48. Spontan, wie viele Ehefrauen waren’s?
Vier? Ja, vier.
49. Netteste Erinnerung an die erste Ehefrau?
Die war Journalistin, und wir waren gemeinsam in Rom. Das war schön.
50. Die schlechteste Erinnerung an Ihre zweite?
Das war die Barbara Valentin, da will ich auch nichts Schlechtes sagen.
51. Wünschen Sie der Vroni alles Gute?
Der Vroni wünsche ich alles Gute, ja. Ich freue mich, dass sie jetzt mit diesem Bachmeier – nein, wie heißt er? –, also, dass sie mit diesem Maschmeyer einen gefunden hat, der selber Geld hat. Da braucht er ihres nicht, und das finde ich schon mal gut. Sie hat es sich hart erarbeitet.
52. Hatten Sie genug blonde Frauen?
Man kann nie genug blonde Frauen haben. Aber auch nicht genug schwarzhaarige. Also, es ist immer so ein Problem.
53. Was ist Ihr Befund, wachsen genug blonde Frauen nach?
Ehrlich, seit ich mit einer Frau verheiratet bin, die dunkle Haare hat, seit also etwa zehn Jahren sehe ich die blonden gar nicht mehr.
54. Was ist ein Hase im Unterschied zu einer Frau?
Die Hasen. Mei, die Hasen.
Er spricht die Hasen mit einem o und einem a aus. Die Hoasen.
Die Hasen gab’s zu einer Zeit, als man selber noch ein Hase war. Also ein Rammler. Kann sein, dass es die Hasen noch gibt. Aber Rammler sind die anderen.
55. Was macht man als Mann von Welt, wenn man plötzlich die Töchter seiner ehemaligen Frauen gut findet?
Das kann passieren. Ja. Es kommt vielleicht bissel darauf an, wie lang das mit der Ex her ist.
56. Nach all den Jahren, gilt der Satz »Edda, ich kann mich nicht konzentrieren, wennst’ mir dauernd deine Titten zeigst« noch?
Das gilt schon noch, ja.
57. Welche Mahlzeit kann man mit Frauen noch am ehesten einnehmen, Frühstück, Mittagessen oder Abendessen?
Beim Frühstück möchte ich weder mich sehen noch sie. Mittagessen tue ich nicht. Also Abendessen.
58. Gegen welche Ausrede schöner Frauen sind Sie vollkommen machtlos?
Gut, wenn sie sagt: »Komme gleich«, dann weißt du, dass es noch ein bissel dauern kann.
59. Wie beruhigt man eine Frau?
Indem man sich selber kleiner macht, als man ist.
60. Eine Scheidung in Würde, wie geht das?
Gar net.
Er lächelt. Es ist ein feines, kleines Lächeln, in den Augen, um den Mund. Den großen Lachanfall, das Kaputtlachen, überlässt er den anderen. Wir befragen den Gentleman Helmut Dietl, den Mann von Welt: ein Kapitel zum Genießen.
61. Wie lautet der Hersteller des Teewasserenthärters Ihres Vertrauens?
Früher war es das Wasser von Evian. Jetzt hat meine Frau eine größere Anlage, einen Filter, gekauft.
62. Was hat das zu bedeuten, wenn ein Mann weiße Leinenhosen trägt?
Das hat zu bedeuten, dass er andere nicht mag.
63. Wo haben Sie all die weißen Dinnerjackets?
Ich habe das Weiß abgelegt, als ich grau wurde. Da war kein Kontrast mehr drin. In meinem Alter mit weißen Klamotten daherzukommen ist peinlich. Jetzt bin ich oben weiß und unten schwarz.
64. Ist Kaschmir auch nicht mehr das, was es früher einmal war?
Kaschmir funktioniert. Aber nicht auf blanker Haut.
65. Nach was riecht ein Gentleman?
Lange hatte ich ein tahitianisches Öl. Das hat sich bewährt, auch sehr bei Damen.
66. Ihre Lebenserfahrung, wie stoppt man als Gentleman eine langweilige Unterhaltung?
Indem man selber nichts mehr sagt.
67. Wer ist der Stolz von der Au?
Den gibt’s immer wieder. Interessanterweise. Weil Sie vorhin vom Oliver Berben sprachen: Der könnte ein würdiger Nachfolger vom Stolz von der Au sein.
68. Bitte nicht zu schnell verneinen: Sehen Sie einen Gentleman in der deutschen Politik?
Nach diesen Maßstäben ist die deutsche Politik nicht ausgelegt.
Nun bolzen wir. Wir wollen nun ein Abstraktum, den Kulturbegriff des Helmut Dietl, klären.
69. Wie ist das denn nun – mögen Sie lieber das Leichte oder das Schwere?
Das Problem ist, dass das Leichte ja sehr schwer herzustellen ist. Ansonsten, wenn man das Problem rein physisch nimmt, ist mir das Leichte lieber.
70. Was ist a G’schicht?
Kommt ganz drauf an, von wem sie erzählt wird. Ich hoffe, dass man meine G’schichten gerne hören und sehen will.
71. Wann zuletzt in München im Theater gewesen?
Ich gehe ja nicht ins Theater.
72. Wann zuletzt aus einer Theaterpremiere, noch bevor das Licht ausging, gleich wieder rausgerannt?
Noch mal, ich gehe nicht ins Theater, wirklich nicht, ich gehe ja auch so gut wie nie ins Kino. Das ist nichts Neues. Das ist halt so.
73. Ihr Lieblingsroman von Thomas Bernhard?
Gut, das ist halt mein Lieblingsautor. Ich versteh den Bernhard sehr gut, wenn nicht zu gut. Mir gefällt da fast alles. Besonders gut: Holzfällen.
74. Kann man sagen, dass Sie die Kultur an sich eigentlich nicht leiden mögen?
Nicht die Kultur: die Kunst! Die Kunst ist für mich kein Genuss. Wirklich wahr. Ich leide darunter. Es ist eine Qual. Es spricht mich nicht genussvoll an, sondern herausfordernd. Und das mag ich nicht. Ich möchte meine Ruhe haben.
75. Kann man bei Ihnen von Hass sprechen, was die deutsche Hochkultur angeht?
Ich weiß nicht, was man unter Hochkultur versteht. Ich will es auch gar nicht wissen.
76. Ganz ohne 3sat-»Kulturzeit« geht’s aber doch nicht, oder?
Das lasse ich keinen Abend aus, natürlich nicht. Man braucht ja jeden Tag etwas, worüber man sich zu Recht ärgern kann.
77. Was läuft falsch im deutschen Kulturfernsehen?
Na, dass die einfach nicht sachlicher über die Dinge sprechen. Und weniger ergriffen. Kaum geht die Sendung an, schon san’s ergriffen. Das ist doch der Scheiß. Ich habe lange in Frankreich gelebt, da habe ich viele Kultursendungen gesehen: Kein Mensch war ergriffen. Sie sind nicht dauernd auf Knien gerutscht. Aber sachlich kompetent über die Dinge geredet, das haben sie.
78. Wie viel Geld müsste man Ihnen hinlegen, damit Sie zum Streit um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses auch eine interessante Meinung haben?
Da habe ich eine Meinung: Jedes Gebäude, das den Palast der Republik vergessen macht, ist gut. Ehrlich gesagt: Das Stadtschloss beschäftigt mich überhaupt nicht.
79. Beliebig ausgewählt für einen Kollegen: Wie lautet Ihre Kurzkritik an Ihrem Regisseurskollegen Christian Petzold?
Ich übe keine Kritik an Kollegen.
80. Ist der Kern der Dietlschen Kunst die totale Lockerheit?
Im Gegenteil: Es ist der totale Krampf. Durch mühselige Arbeit löst er sich. Und dann kriegt die Arbeit, wenn du Glück hast, den Swing. Man muss aber vorher den Krampf haben. Sonst löst es sich nicht. Weil sonst ... aber über die Kollegen wollte ich ja nichts sagen.
81. »Keinohrhasen«, »Kokowäh«, »Rubbeldiekatz« – warum tragen Komödien in Deutschland jetzt alle Babytitel?
Ich glaube, dass diese Titel auf eine besonders geniale Art und Weise den Geisteszustand des Publikums widerspiegeln. Sie sind identisch mit dem, was ein bestimmtes Publikum will. Die würden sich auch so ausdrücken. Die Leute wollen das, die sollen das auch kriegen.
82. In wenigen Worten, worin besteht das grundsätzliche Missverständnis der Deutschen über die Komödie?
Ich habe dazu ja was geschrieben, ein Vorwort zum Buch von Zettl. Deutschland hat nie einen Begriff von Komödie gehabt. Was in Deutschland gemacht wurde, das war das Lustspiel. Kleist, Lessing. Letzterer hat quasi das Lustspiel erfunden – es war aber nie lustig. Es war immer klar, dass in einem Land, in dem das Lustspiel vorherrscht, die Komödie keinen Platz hat. Komödien, das war das, was zum Beispiel Molière gemacht hat. Es gab in Deutschland aber keinen Molière. Der Einzige, der ein bissel einen Humor gehabt hat, war der Heinrich Heine.
83. Gehen die guten Komödien eigentlich alle mit Sinatras »New York, New York« los?
In Zettl ist das ein ironischer Effekt. Berlin-Mitte tut ja immer so, als ob es wie New York wäre. Oder wie Paris. Oder wie Wien. Immer schaut etwas aus wie wie. Es würde aber genügen, wenn Berlin wie Berlin aussähe.
84. Gibt’s etwas Besseres in einer Komödie als einen gescheiten Platzregen?
Also, ein Platzregen ist erst mal gar nichts.
85. Ist es schwieriger geworden, Komödien zu schreiben, seitdem in Zimmern nicht mehr das Telefon laut ringen kann, sondern jeder ein Handy hat?
Nein, es ist nur anders.
86. Was ist das Lustigste, was im Film passieren kann?
Also, ich habe mir diese Frage nie gestellt. Aber ich werde sie bestimmt nie vergessen.
87. Was ist Charme?
Ein Zauber.
88. Worin besteht der Unterschied zwischen lustig und komisch?
Gut, lustig ist im Grunde genommen ja überhaupt nicht komisch. Das Lustige ist die Mechanik. Im Komischen steckt die Menschlichkeit drin, die Sehnsucht des Menschen, mehr oder ganz jemand anderes zu sein, als er ist.
89. Wie beschreiben Sie die seelische Grundverfassung, die man zum Komödienschreiben braucht – besser grundlos traurig oder total depressiv?
Es liegt zwischen diesen beiden Polen. Dazwischen liegt der Graben. Da kann man dann mühelos von einem Pol zum anderen springen.
90. Wie alle große Komödianten haben Sie’s eigentlich nicht so gerne, wenn die Leute um Sie herum lustig sind?
Überhaupt nicht gerne, nein. Ich war ja gegen Ende seines Lebens gut mit Billy Wilder befreundet. Da waren verschiedene Leute eingeladen, ich war sehr beeindruckt, es kamen der Jack Lemmon und der Tony Curtis. Die durften aber nie was sagen. Und der Billy hat dieselben Witze erzählt, die er schon hundert Mal erzählt hat, und wehe, die haben nicht gelacht.
91. »Ich bin auf dem Weg zum Emir« – sind wir uns einig, dass dieser Satz des Bundespräsidenten den Helmut-Dietl-Preis des Jahres 2012 erhält?
Er ist ja als Entree in das Telefonat leider nicht so gefallen. Wollte man eine Komödie schreiben, dann müsste man mit diesem Satz natürlich einsteigen. Das Telefonat des Herrn Wulff ist so gesehen also durchaus noch redigierbedürftig. Es gibt ja einen bayerischen Witz: Sagt der Scheich zum Emir: »Jetzt langt’s ma, jetzt gehn mir.« Sagt der Emir zu dem Scheich: »Dann gehn mir lieber gleich.«
Jetzt lachen wir. O Gott, ist das lustig. Da sitzt ein junger und befreit wirkender Dietl. Es ist eine Frage des Timings: Man kann ja auch zu früh lachen. Nach dem Lachanfall steht die Ratlosigkeit. Und nach diesem Interview, beim Leberkäs-Essen im Franziskaner, erreicht den Meisterkomödianten die Nachricht, dass Towje Kleiner, der Charmeur aus den »Münchner Geschichten« und »Der ganz normale Wahnsinn«, mit nur 63 Jahren gestorben ist. Sautraurig. Also, bis zum nächsten Gelächter.
92. Wo tut’s derzeit weh?
Ich bin beunruhigt, weil mir gar nichts wehtut.
93. Wann zuletzt an Selbstmord gedacht?
Das mach ich ja dauernd. Das begleitet mich täglich. Ich halte das, ehrlich gesagt, für ganz normal. Insofern –
94. Wann zuletzt am Grab des großen Karl Obermayr gestanden und geweint?
Ich gehe auf keine Friedhöfe und auf keine Beerdigungen. Ich kann das nicht. Und ich werde das im Testament beschließen, dass ich auch nicht auf meine eigene Beerdigung gehen muss.
95. Warum steht in München eigentlich keine Monaco-Franze-Statue?
Es gibt einen Helmut-Fischer-Platz in Schwabing. Und dann gibt es tatsächlich eine Bronzefigur vor dem Café Münchner Freiheit. Da sitzt der Fischer, so wie wir im Café halt immer gesessen sind.
96. Echt wahr, dass Sie in Ihrem ganzen Leben vielleicht auf zwei, drei Partys waren?
Ein paar mehr waren’s, aber es waren relativ wenig. Und das hat Gründe gehabt.
97. Wie jemandem vertrauen, der keinen Dialekt spricht?
Ich sage es immer wieder: Ich hasse dieses Synchrondeutsch. Ich mag es nicht. Ich bin ein Befürworter der Tatsache, dass jeder irgendwo herkommen soll, und das soll man auch hören.
98. Und – Zitat »Der ganz normale Wahnsinn« – woran liegt es nun, dass der Einzelne sich nicht wohlfühlt, obwohl es uns allen so gut geht?
Das liegt an jedem selbst sowie an allen andern.
99. Kann man Ihnen etwas Gutes tun?
Mir? Naa! Gottes willen! Und das »Naa« bitte mit zwei a.
- Datum 18.01.2012 - 10:58 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 19.1.2012 Nr. 04
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Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.
Sehr geehrter Herr von Uslar,
mit großem Vergnügen las ich Ihre 99 Fragen an Helmut Dietl, den ich wegen seines Oevres sehr gerne habe, im Zeitmagazin Nr.4 vom 19.1.2012. Darin zitiert er –falsch, wie ich meine- das Gedicht: „Da sprach der Scheich zum Emir“. Weil auch im Internet nach meiner Recherche nur unvollständige und abweichende Zitate kursieren, möchte ich Ihnen das gesamte Gedicht zur Kenntnis bringen. Möge es der Nachwelt (und Herr Dietl im Besonderen) so erhalten bleiben:
In der Bar zum Krokodil am schönen, blauen Nil,
Da sprach der Scheich zum Emir:
„Zahl’n mir und dann geh’n mir.“
Da sprach der Emir zum Scheich:
„Dann geh’n mir lieber gleich!“
Da sprach der Abdul Hamid:
„De Löffeln nehm’mer aa mit!“
Da sprach der Abdel Hassan:
„Mir nemma aa de Tassan!“
Letzt sprach der alte Pharao:
„Des Dischduuch lass’mer aa net do!“
Das ist der Wortlaut des Gedichts aus dem Fachbereich „Gstantzl“, so, wie ich es als kleiner Bub von meiner Mamma gelernt habe, die es wiederum von ihrer Mamma erfahren hat. Womit der Ursprung schon vor dem Weltkrieg (dem Ersten-wohlgemerkt)
vermutet werden kann.
Mit freundlichem Gruß,
H. Schuster
Nee - was für Held-chen!
Zitat:
"Ich hasse dieses Synchrondeutsch. Ich mag es nicht. Ich bin ein Befürworter der Tatsache, dass jeder irgendwo herkommen soll, und das soll man auch hören."
Ist das nicht beleidigend und überheblich?
Viele von uns hatten nicht das Glück in einem bayovarischen Dorf aufwachsen zu dürfen.
Sie wurden mit ihren Eltern vertrieben und mussten sich in der deutschen "Fremde" einleben, oder sie durften erst spät zurück in die deutsche Heimat.
Was ist an der deutschen Sprache dieser Menschen so schlimm?
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