Regisseur Helmut Dietl 99 Fragen an Helmut Dietl
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"Das Telefonat des Herrn Wulff ist durchaus noch redigierbedürftig"

85. Ist es schwieriger geworden, Komödien zu schreiben, seitdem in Zimmern nicht mehr das Telefon laut ringen kann, sondern jeder ein Handy hat?

Nein, es ist nur anders.

86. Was ist das Lustigste, was im Film passieren kann?

Also, ich habe mir diese Frage nie gestellt. Aber ich werde sie bestimmt nie vergessen.

87. Was ist Charme?

Ein Zauber. 

88. Worin besteht der Unterschied zwischen lustig und komisch?

Gut, lustig ist im Grunde genommen ja überhaupt nicht komisch. Das Lustige ist die Mechanik. Im Komischen steckt die Menschlichkeit drin, die Sehnsucht des Menschen, mehr oder ganz jemand anderes zu sein, als er ist.

89. Wie beschreiben Sie die seelische Grundverfassung, die man zum Komödienschreiben braucht – besser grundlos traurig oder total depressiv?

Es liegt zwischen diesen beiden Polen. Dazwischen liegt der Graben. Da kann man dann mühelos von einem Pol zum anderen springen.

90. Wie alle große Komödianten haben Sie’s eigentlich nicht so gerne, wenn die Leute um Sie herum lustig sind?

Überhaupt nicht gerne, nein. Ich war ja gegen Ende seines Lebens gut mit Billy Wilder befreundet. Da waren verschiedene Leute eingeladen, ich war sehr beeindruckt, es kamen der Jack Lemmon und der Tony Curtis. Die durften aber nie was sagen. Und der Billy hat dieselben Witze erzählt, die er schon hundert Mal erzählt hat, und wehe, die haben nicht gelacht.

91. »Ich bin auf dem Weg zum Emir« – sind wir uns einig, dass dieser Satz des Bundespräsidenten den Helmut-Dietl-Preis des Jahres 2012 erhält? 

Er ist ja als Entree in das Telefonat leider nicht so gefallen. Wollte man eine Komödie schreiben, dann müsste man mit diesem Satz natürlich einsteigen. Das Telefonat des Herrn Wulff ist so gesehen also durchaus noch redigierbedürftig. Es gibt ja einen bayerischen Witz: Sagt der Scheich zum Emir: »Jetzt langt’s ma, jetzt gehn mir.« Sagt der Emir zu dem Scheich: »Dann gehn mir lieber gleich.«

Jetzt lachen wir. O Gott, ist das lustig. Da sitzt ein junger und befreit wirkender Dietl. Es ist eine Frage des Timings: Man kann ja auch zu früh lachen. Nach dem Lachanfall steht die Ratlosigkeit. Und nach diesem Interview, beim Leberkäs-Essen im Franziskaner, erreicht den Meisterkomödianten die Nachricht, dass Towje Kleiner, der Charmeur aus den »Münchner Geschichten« und »Der ganz normale Wahnsinn«, mit nur 63 Jahren gestorben ist. Sautraurig. Also, bis zum nächsten Gelächter.

92. Wo tut’s derzeit weh?

Ich bin beunruhigt, weil mir gar nichts wehtut.

93. Wann zuletzt an Selbstmord gedacht?

Das mach ich ja dauernd. Das begleitet mich täglich. Ich halte das, ehrlich gesagt, für ganz normal. Insofern –

94. Wann zuletzt am Grab des großen Karl Obermayr gestanden und geweint? 

Ich gehe auf keine Friedhöfe und auf keine Beerdigungen. Ich kann das nicht. Und ich werde das im Testament beschließen, dass ich auch nicht auf meine eigene Beerdigung gehen muss.

95. Warum steht in München eigentlich keine Monaco-Franze-Statue?

Es gibt einen Helmut-Fischer-Platz in Schwabing. Und dann gibt es tatsächlich eine Bronzefigur vor dem Café Münchner Freiheit. Da sitzt der Fischer, so wie wir im Café halt immer gesessen sind.

96. Echt wahr, dass Sie in Ihrem ganzen Leben vielleicht auf zwei, drei Partys waren?

Ein paar mehr waren’s, aber es waren relativ wenig. Und das hat Gründe gehabt.

97. Wie jemandem vertrauen, der keinen Dialekt spricht?

Ich sage es immer wieder: Ich hasse dieses Synchrondeutsch. Ich mag es nicht. Ich bin ein Befürworter der Tatsache, dass jeder irgendwo herkommen soll, und das soll man auch hören. 

98. Und – Zitat »Der ganz normale Wahnsinn« – woran liegt es nun, dass der Einzelne sich nicht wohlfühlt, obwohl es uns allen so gut geht?

Das liegt an jedem selbst sowie an allen andern.

99. Kann man Ihnen etwas Gutes tun?

Mir? Naa! Gottes willen! Und das »Naa« bitte mit zwei a.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

  2. Sehr geehrter Herr von Uslar,
    mit großem Vergnügen las ich Ihre 99 Fragen an Helmut Dietl, den ich wegen seines Oevres sehr gerne habe, im Zeitmagazin Nr.4 vom 19.1.2012. Darin zitiert er –falsch, wie ich meine- das Gedicht: „Da sprach der Scheich zum Emir“. Weil auch im Internet nach meiner Recherche nur unvollständige und abweichende Zitate kursieren, möchte ich Ihnen das gesamte Gedicht zur Kenntnis bringen. Möge es der Nachwelt (und Herr Dietl im Besonderen) so erhalten bleiben:

    In der Bar zum Krokodil am schönen, blauen Nil,
    Da sprach der Scheich zum Emir:
    „Zahl’n mir und dann geh’n mir.“
    Da sprach der Emir zum Scheich:
    „Dann geh’n mir lieber gleich!“
    Da sprach der Abdul Hamid:
    „De Löffeln nehm’mer aa mit!“
    Da sprach der Abdel Hassan:
    „Mir nemma aa de Tassan!“
    Letzt sprach der alte Pharao:
    „Des Dischduuch lass’mer aa net do!“

    Das ist der Wortlaut des Gedichts aus dem Fachbereich „Gstantzl“, so, wie ich es als kleiner Bub von meiner Mamma gelernt habe, die es wiederum von ihrer Mamma erfahren hat. Womit der Ursprung schon vor dem Weltkrieg (dem Ersten-wohlgemerkt)
    vermutet werden kann.

    Mit freundlichem Gruß,

    H. Schuster

    • Kometa
    • 26.01.2012 um 7:58 Uhr

    Nee - was für Held-chen!

    • Puqio
    • 11.05.2012 um 1:02 Uhr

    Zitat:
    "Ich hasse dieses Synchrondeutsch. Ich mag es nicht. Ich bin ein Befürworter der Tatsache, dass jeder irgendwo herkommen soll, und das soll man auch hören."

    Ist das nicht beleidigend und überheblich?
    Viele von uns hatten nicht das Glück in einem bayovarischen Dorf aufwachsen zu dürfen.
    Sie wurden mit ihren Eltern vertrieben und mussten sich in der deutschen "Fremde" einleben, oder sie durften erst spät zurück in die deutsche Heimat.
    Was ist an der deutschen Sprache dieser Menschen so schlimm?

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