Fotografie Gursky, Gursky über allem
Und diese Bilder sollen totalitär sein? Eine Retrospektive des Düsseldorfer Fotografen nahe Kopenhagen.
Mag schon sein, dass er der Größte und Beste und überhaupt der Erfolgreichste ist. Kein anderer Fotograf wird so teuer gehandelt wie Andreas Gursky aus Düsseldorf. Sonderlich beliebt aber ist er nicht gerade, jedenfalls nicht in den engeren Zirkeln des Kunstbetriebs. Auf den Biennalen, auf der Manifesta oder Documenta sind seine Bilder so gut wie nie zu sehen. Denn sie sind ziemlich genau das Gegenteil dessen, was viele Kuratoren heute unter zeitgemäßer Ästhetik verstehen.
Diese Ästhetik liebt das Vorläufige, zusammengepuzzelt aus lauter Alltäglichkeiten, ein wenig hindilettiert und angeranzt. Wie anders die Gursky-Kunst: nicht verträumt, nicht verspielt, sondern von chirurgischer Präzision und Kälte. Nicht mal die Wolken überlässt er dem Zufall, denn mit gewaltigem Aufwand arbeitet er am perfekten Bild, verführerisch und unausweichlich in seiner Wirkungsmacht.
Manche halten Gurskys Kunst gar für totalitär, andere für abgehoben, weil er seine Sujets gern aus ungewohnter Höhe zeigt. Sogar einen elitären, kritiklosen Glamourfotografen hat man ihn schon gescholten, weil zu seinen Sammlern auch Hugh Grant, Madonna oder Michael Schumacher zählen. Doch was kann die Kunst dafür, dass sie für Summen gehandelt wird, mit denen sich in Großburgwedel gleich mehrere Einfamilienhäuser kaufen lassen?
Ebenso unsinnig ist es, den Bildern ihre Monumentalität vorzuwerfen. Sie sind zwar kolossal im Format, oft drei bis vier Meter hoch und manchmal fünf Meter breit. Aber ihre Größe ist kein Selbstzweck, und sie ist auch keineswegs einschüchternd, wie sich jetzt in der neuen Retrospektive überprüfen lässt. Dort, im großartigen Louisiana-Museum nahe Kopenhagen, am Steilhang gelegen, mit weitem Blick über die Ostsee, fühlt man sich wie in einem dänischen Sommerhaus – und viel deutlicher als in der großen Münchner Ausstellung vor fünf Jahren wird hier Gurskys stille, warme Seite sichtbar.
Eigentümlicherweise ist seine Kunst ja beides: Ihre Erhabenheit fordert gebieterisch Distanz, zugleich lockt sie uns heran, verlangt Nähe und Intimität. Denn diese Bilder, egal, ob sie Landschaften zeigen, Hochhäuser oder Fabrikhallen, den Trubel auf dem Börsenparkett oder beim Madonna-Konzert, sind nicht nur groß im Format, sondern auch gewaltig im Detail, sie sind minutiös im Maximalen. Wie auf den Wimmelbildern von Ali Mitgutsch kann man sich in ihnen verlieren, gebannt von Nebensächlichkeiten. So wie auf Gurskys Foto eines Wohnblocks in Paris, der sich schier endlos in die Breite streckt, ein unbarmherziger Riegel, ein Architektur gewordenes Schließfach. Denkt man – und tritt heran und sieht das Bild noch einmal und anders. Im uniformen Schließfach nistet pluriformes Leben, und wer genau hinschaut, entdeckt Alte und Junge, Familien und Paare, eine Enzyklopädie des Alltäglichen.
Viele Gursky-Werke funktionieren wie ein Mikroskop: Was eben noch vertraut und klar geordnet schien, führt in der Naheinstellung ein überraschend wimmeliges Eigenleben. Auch das Bild von den vietnamesischen Korbflechterinnen ist auf den ersten Blick klar strukturiert, lauter Frauen, hineingepresst in ein ausbeuterisches Raster. Doch wieder besticht Gursky durch seine unermessliche Tiefenschärfe, in der sich der erste Eindruck verliert und ein lebendiges Durch- und Miteinander sichtbar wird.
Und nicht nur Gurskys Format, auch die saugende Schönheit seiner Bilder ist kein reiner Selbstzweck. Schön sind sie vor allem, weil man sich bei ihrem Anblick erhoben und vogelgleich befreit fühlen kann: Der Blick weitet sich, wir sehen tiefer, klarer, weiter. Es ist der Blick des Adlers aus den Augen einer Fliege. Denn kein Mensch, und mag er noch so sehr schielen, schaut derart panoramatisch in die Welt. Fast jedes Gursky-Bild ist ein Bild aus vielen Bildern, am Computer fein vernäht. Er lügt mit der Wahrheit, könnte man sagen. Er überhöht, glättet, nimmt zwei Berge und macht daraus einen Idealberg, kurzum, er ist ein echter Künstler. Vielleicht ist er sogar der letzte wahre Modernist.
Nicht die »neue Unübersichtlichkeit« (Jürgen Habermas) setzt Gursky ins Bild, sondern den alten Traum vom großen Überblick, von einer heroischen Moderne mit all ihren Glücksversprechen. Die abstrakte, technisch kalte Moderne erscheint auf seinen Bildern wie verzaubert: geheimnisvoll und voller Verheißung. Gurskys Kunst erzählt von einem Universalismus, in der die Technik kein Feind und der Mensch nicht länger einsam und verloren ist. Er geht auf im Kollektiv, ist ein Pünktchen in der Menge, aber ein Pünktchen mit Gesicht, ein erkennbares Individuum.
Gurskys eigentliche Kunst besteht aber darin, mit seiner Schönheit die Träume der Moderne zu reaktivieren, ohne die Traumata zu unterschlagen. Vom Helikopter herab fotografiert er die Autorennstrecke in Bahrain, ein schwarzes Gekräusel im Wüstensand, reines Ornament, das aussieht, als hätte es ein Maler wie K. O. Götz auf die Leinwand gezaubert. Die blanke Technikeuphorie – Autorennen in der Wüste! Bei Gursky dürfen wir noch einmal darüber staunen. Je länger man aber hinschaut, desto verknoteter kommt einem das Ganze vor. Und plötzlich erscheint es einem als Sinnbild: dafür, dass die Moderne sich hoffnungslos verfahren hat und feststeckt in einer rabenschwarzen Endlosschleife.
In Gurskys Bildern gibt es viele solcher Kippmomente, auch in seinen jüngsten, die sich ganz ins Abstrakte aufzulösen scheinen. Mehr denn je wird er zum fotografierenden Maler, zeigt mal düstere, mal beißend bunte Farbwellen – die man erst auf den zweiten Blick als bewegte Wasseroberfläche erkennt, mit glitzerndem Benzinfilm überzogen, von Schampooflaschen, Autoreifen, dem ganzen Zivilisationsschrott durchsetzt.
Das mag ein wenig didaktisch sein, doch seltsam berührt es einen, wie viel Unperfektes in seiner perfekten Hochglanzwelt lauert. Es sind die Stillleben einer globalisierten Gesellschaft, durchsetzt von Vanitas-Motiven: Als wäre er ein Meister des 17. Jahrhunderts, zeigt er uns die Gegenwart als köstlichste Pfirsiche, funkelnde Trauben. Und die Maden zeigt er auch.
Bis zum 13. Mai 2012, www.louisiana.dk
- Datum 25.01.2012 - 19:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.1.2012 Nr. 04
- Kommentare 9
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:










... es geht um etwas Visuelles. Architektur, Fotografie, o.ä. Es gibt einen großartigen Text wie diesen über Gursky. Aber dann gibt es gar kein oder nur ein einziges Bild und der ganze Artikel funktioniert nicht richtig.
... und Sie haben Gursky soweit das Auge reicht.
Es ist nicht so einfach, Abdruckgenehmigungen für Kunstwerke zu erhalten und manchmal kriegt sie die Zeit für die Druckausgabe, aber nicht für online etc.
Google-Bilder ist auch bei Architektur etc. eine unerschöpfliche Quelle.
Danke an Herrn Rauterberg für die Besprechung! Bin Gursky-Fan.
wir in diesem Fall sogar glücklich sein können, die Bilder nicht als komprimierte Mini-JPGs am Artikelrand zu finden. Ich fürchte jeder, der Gurskys Arbeiten nicht kennt, würde einen völlig falschen Eindruck bekommen.
Der Artikel ist hervorragend und drückt vieles aus, was einem bei der Betrachtung seiner Bilder selbst durch den Kopf geht. Vielen Dank dafür.
... und Sie haben Gursky soweit das Auge reicht.
Es ist nicht so einfach, Abdruckgenehmigungen für Kunstwerke zu erhalten und manchmal kriegt sie die Zeit für die Druckausgabe, aber nicht für online etc.
Google-Bilder ist auch bei Architektur etc. eine unerschöpfliche Quelle.
Danke an Herrn Rauterberg für die Besprechung! Bin Gursky-Fan.
wir in diesem Fall sogar glücklich sein können, die Bilder nicht als komprimierte Mini-JPGs am Artikelrand zu finden. Ich fürchte jeder, der Gurskys Arbeiten nicht kennt, würde einen völlig falschen Eindruck bekommen.
Der Artikel ist hervorragend und drückt vieles aus, was einem bei der Betrachtung seiner Bilder selbst durch den Kopf geht. Vielen Dank dafür.
... und Sie haben Gursky soweit das Auge reicht.
Es ist nicht so einfach, Abdruckgenehmigungen für Kunstwerke zu erhalten und manchmal kriegt sie die Zeit für die Druckausgabe, aber nicht für online etc.
Google-Bilder ist auch bei Architektur etc. eine unerschöpfliche Quelle.
Danke an Herrn Rauterberg für die Besprechung! Bin Gursky-Fan.
wir in diesem Fall sogar glücklich sein können, die Bilder nicht als komprimierte Mini-JPGs am Artikelrand zu finden. Ich fürchte jeder, der Gurskys Arbeiten nicht kennt, würde einen völlig falschen Eindruck bekommen.
Der Artikel ist hervorragend und drückt vieles aus, was einem bei der Betrachtung seiner Bilder selbst durch den Kopf geht. Vielen Dank dafür.
!!!
Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen sachlichen Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/lv
inszenierter anspruch, zuviel photoshop.
perfekt vermarketete, technisch fast unauffällig umgesetzte idee.
neidich, ehrlich, ein bischen.
ps. wenn schon, dann hr. olafur eliason > http://infranetlab.org/bl...
oder selber 3h ackern > http://commonman.de/wp/?p...
pps. das meiste wird überbewertet.
Er lässt mit einer Paintbox manipulieren. Das ist noch ein wenig anders und "handwerklicher".
Er lässt mit einer Paintbox manipulieren. Das ist noch ein wenig anders und "handwerklicher".
eliason ist installation.
sie verdeutlichen mit ihren fotos warum sie gursky nicht verstehen.
für den anfang empfehle ich einen uv filter.
LG
Er lässt mit einer Paintbox manipulieren. Das ist noch ein wenig anders und "handwerklicher".
wohl eher einfältig.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren