Noch ein paar Tage, dann soll ein Versuch starten, den Katastrophennachrichten andere Geschichten entgegenzusetzen: Erzählungen über Menschen, die schon mal damit anfangen, anders und zukunftsfähig zu leben. Am 1. Februar geht in Berlin die frisch gegründete Stiftung Futurzwei online. Ihr Erfinder ist ein namhafter Wissenschaftler, der bisher mit Büchern gegen den Klimawandel anschrieb: Harald Welzer. Nun wechselt er also das Spielfeld.

ZEIT: Der Wissenschaftler Welzer wird praktisch und setzt ein Projekt namens Futurzwei in die Welt. Warum so kompliziert, warum nicht einfach Futur wie Zukunft?

Harald Welzer: Weil diese grammatische Form das wunderbare Kunststück vollbringt, dass man sich aus einer imaginierten Zukunft als Vergangenes betrachtet und also heute sagen kann: Wir werden etwas getan haben. Unsere Stiftung hat die Ambition, die Zukunft anders zu gestalten, weil wir die gegenwärtige Kultur der Verschwendung und der Produktion von Müll und Emissionen für nicht zukunftsfähig halten.

ZEIT: Was will die Stiftung Futurzwei dieser Kultur entgegensetzen?

Welzer: Aus der Sozialpsychologie weiß man, dass Wissen und Einsicht allein nicht reichen, um unsere Lebenspraktiken und die Infrastrukturen des Alltags zu verändern. Man weiß, dass das stärkste Moment der Veränderung einer Praxis die Praxis selbst ist. In Gesellschaften wie unserer, die jede Menge Freiräume anbieten, gibt es auch jede Menge Labore einer anderen, nachhaltigeren Wirklichkeit. Da betreibt einer sein Unternehmen so, dass es nicht mehr wächst, zwei junge Berliner Modedesignerinnen schneidern aus alten Kleidern neue, oder eine Gruppe von Nachbarn kultiviert Guerilla-Gärten. Bekannt sind solche Geschichten des Gelingens nur anekdotisch. Wir wollen sie stärker sichtbar machen und in unserem "Zukunftsarchiv" online erzählen.

ZEIT: Hat man sich das wie eine Zeitung vorzustellen oder eher wie eine Gebrauchsanweisung für ein besseres Leben?

Welzer: Weder – noch. Uns geht es, neudeutsch gesagt, um Porträts der "first mover", oder auch einfach ganz altmodisch: um Vorbilder. Man kann’s ihnen nachmachen.

Wir schicken eine Flaschenpost in die Gesellschaft. Unser Kriterium ist die Notwendigkeit. Es ist zunächst egal, wie viele Menschen das interessant finden
Harald Welzer

ZEIT: Nach welchen Kriterien suchen Sie solche Geschichten aus?

Welzer: Die Akteure, von denen wir erzählen, tun etwas Unerwartbares. Dass wir zu viel Dreck, Mobilität, Emissionen, Ungerechtigkeit hervorbringen, finden wir ja alle bedenklich. Aber in der Regel erschöpft sich das Unzufriedensein darin, dass man mit anderen darüber spricht. Futurzwei interessiert sich für die Leute, die sagen: Ich mache das jetzt anders. Und das ist ja alles andere als leicht. Erwartbar ist, dass man tut, was alle tun, und nicht, davon abzuweichen, wie es etwa das Ehepaar Sladek aus Schönau gemacht hat. Da fingen ein Mediziner und eine Grundschullehrerin eines Tages damit an, ein grünes Energieunternehmen aufzubauen.

ZEIT: Das ist doch nicht neu. Was unterscheidet Sie von den Websites der deutschen Umweltstiftung oder von utopia.de ?

Welzer: Wir wollen dem Universum des Objektivierten und Komplizierten, von dem keineswegs klar ist, ob es etwas verändert, etwas anderes hinzufügen: Wir erzählen Storys. Wir erzählen sie in der klassischen Struktur, mit Anfang, Mittelteil und Schluss, nach dem Muster: Früher dachte ich, dann passierte etwas, heute weiß und handele ich. Solche Geschichten sind stark, Menschen verstehen sich in diesem Medium als Handelnde, nicht als Ohnmächtige. Aber letztlich funktioniert das Ganze nicht anders als ein Gourmetführer: Wo’s gut schmeckt, geht’s rein – was nicht schmeckt, das lassen wir weg. 

ZEIT: Frei nach Kästner gefragt: Wo bleibt das Negative? Wirklich gute Geschichten ergreifen und verändern uns durch Spannung, Schrecken, Ambivalenz. So viel Gutes glaubt man nicht. 

Welzer: Darin kann ein Problem auch von Futurzwei liegen: dass man sich die künftige Welt vorstellt wie in der Rama-Werbung, immer grün, die Sonne scheint, die Windräder drehen sich, die Kinder spielen. Aber wir kommen nicht nett daher. Bei uns kann man scheitern, muss Widerstände überwinden, und es sind manchmal auch unsympathische Typen, die gute Projekte machen. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass Ziele der Nachhaltigkeit für den Normalo unerreichbar sind.