Stiftung Futurzwei : Wir sind nicht nett
Ein Professor geht ins echte Leben: Ein Gespräch mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer, der jetzt Geschichten über Vorbilder sammelt.

Harald Welzer, 53, hat sich durch Forschungen zum Nationalsozialismus und zum Klimawandel einen Namen gemacht.
Noch ein paar Tage, dann soll ein Versuch starten, den Katastrophennachrichten andere Geschichten entgegenzusetzen: Erzählungen über Menschen, die schon mal damit anfangen, anders und zukunftsfähig zu leben. Am 1. Februar geht in Berlin die frisch gegründete Stiftung Futurzwei online. Ihr Erfinder ist ein namhafter Wissenschaftler, der bisher mit Büchern gegen den Klimawandel anschrieb: Harald Welzer. Nun wechselt er also das Spielfeld.
ZEIT: Der Wissenschaftler Welzer wird praktisch und setzt ein Projekt namens Futurzwei in die Welt. Warum so kompliziert, warum nicht einfach Futur wie Zukunft?
Harald Welzer: Weil diese grammatische Form das wunderbare Kunststück vollbringt, dass man sich aus einer imaginierten Zukunft als Vergangenes betrachtet und also heute sagen kann: Wir werden etwas getan haben. Unsere Stiftung hat die Ambition, die Zukunft anders zu gestalten, weil wir die gegenwärtige Kultur der Verschwendung und der Produktion von Müll und Emissionen für nicht zukunftsfähig halten.
ZEIT: Was will die Stiftung Futurzwei dieser Kultur entgegensetzen?
Welzer: Aus der Sozialpsychologie weiß man, dass Wissen und Einsicht allein nicht reichen, um unsere Lebenspraktiken und die Infrastrukturen des Alltags zu verändern. Man weiß, dass das stärkste Moment der Veränderung einer Praxis die Praxis selbst ist. In Gesellschaften wie unserer, die jede Menge Freiräume anbieten, gibt es auch jede Menge Labore einer anderen, nachhaltigeren Wirklichkeit. Da betreibt einer sein Unternehmen so, dass es nicht mehr wächst, zwei junge Berliner Modedesignerinnen schneidern aus alten Kleidern neue, oder eine Gruppe von Nachbarn kultiviert Guerilla-Gärten. Bekannt sind solche Geschichten des Gelingens nur anekdotisch. Wir wollen sie stärker sichtbar machen und in unserem »Zukunftsarchiv« online erzählen.
ZEIT: Hat man sich das wie eine Zeitung vorzustellen oder eher wie eine Gebrauchsanweisung für ein besseres Leben?
Welzer: Weder – noch. Uns geht es, neudeutsch gesagt, um Porträts der »first mover«, oder auch einfach ganz altmodisch: um Vorbilder. Man kann’s ihnen nachmachen.
Wir schicken eine Flaschenpost in die Gesellschaft. Unser Kriterium ist die Notwendigkeit. Es ist zunächst egal, wie viele Menschen das interessant finden
Harald Welzer
ZEIT: Nach welchen Kriterien suchen Sie solche Geschichten aus?
Welzer: Die Akteure, von denen wir erzählen, tun etwas Unerwartbares. Dass wir zu viel Dreck, Mobilität, Emissionen, Ungerechtigkeit hervorbringen, finden wir ja alle bedenklich. Aber in der Regel erschöpft sich das Unzufriedensein darin, dass man mit anderen darüber spricht. Futurzwei interessiert sich für die Leute, die sagen: Ich mache das jetzt anders. Und das ist ja alles andere als leicht. Erwartbar ist, dass man tut, was alle tun, und nicht, davon abzuweichen, wie es etwa das Ehepaar Sladek aus Schönau gemacht hat. Da fingen ein Mediziner und eine Grundschullehrerin eines Tages damit an, ein grünes Energieunternehmen aufzubauen.
ZEIT: Das ist doch nicht neu. Was unterscheidet Sie von den Websites der deutschen Umweltstiftung oder von utopia.de?
Welzer: Wir wollen dem Universum des Objektivierten und Komplizierten, von dem keineswegs klar ist, ob es etwas verändert, etwas anderes hinzufügen: Wir erzählen Storys. Wir erzählen sie in der klassischen Struktur, mit Anfang, Mittelteil und Schluss, nach dem Muster: Früher dachte ich, dann passierte etwas, heute weiß und handele ich. Solche Geschichten sind stark, Menschen verstehen sich in diesem Medium als Handelnde, nicht als Ohnmächtige. Aber letztlich funktioniert das Ganze nicht anders als ein Gourmetführer: Wo’s gut schmeckt, geht’s rein – was nicht schmeckt, das lassen wir weg.
ZEIT: Frei nach Kästner gefragt: Wo bleibt das Negative? Wirklich gute Geschichten ergreifen und verändern uns durch Spannung, Schrecken, Ambivalenz. So viel Gutes glaubt man nicht.
Welzer: Darin kann ein Problem auch von Futurzwei liegen: dass man sich die künftige Welt vorstellt wie in der Rama-Werbung, immer grün, die Sonne scheint, die Windräder drehen sich, die Kinder spielen. Aber wir kommen nicht nett daher. Bei uns kann man scheitern, muss Widerstände überwinden, und es sind manchmal auch unsympathische Typen, die gute Projekte machen. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass Ziele der Nachhaltigkeit für den Normalo unerreichbar sind.
ZEIT: Nachhaltigkeit ist kein wertneutraler Begriff, die SPD versteht darunter etwas anderes als die Industrieverbände oder der Bund Naturschutz. Welches Gesellschaftsbild steht hinter Ihrer Auswahl? Erzählen Sie nur Geschichten, oder wollen Sie auch Geschichte machen?
Welzer: Bisher sind es nur Storys, die wir sammeln, aber die Hoffnung ist, dass sie sich zu einer anderen Geschichte fügen. Wir wollen die Gegengeschichte zu der unerhört starken Konsum-, Wachstums- und Wohlstands-Geschichte erkennbar machen, die westliche, kapitalistische Gesellschaften über sich erzählen. Unsere Utopie ist, dass wir eine Promotionsagentur für eine soziale Bewegung in Richtung Zukunftsfähigkeit werden, die noch nicht weiß, dass sie existiert. Wir werden glücklich gewesen sein, wenn uns das gelungen ist.
ZEIT: Das klingt auch nach jener Gegenöffentlichkeit, die der Publizist Roger Willemsen kürzlich gefordert hat. Kommen die Geschichten, die Sie erzählen wollen, denn nicht ohnehin in die Medien?
Welzer:Nachhaltigkeitsthemen sind zwar groß repräsentiert – aber auf eine Weise, die wenig motivierend ist. Auf der einen Seite türmt sich ständig ein bedrohliches, aber abstraktes und fernes Katastrophen-Geschehen auf, mit schmelzenden Gletschern und Extremwettern in Asien. Auf der anderen Seite wird man mit befremdend zusammengerechneten Labels und Carbon Footprints verwirrt.
ZEIT: Wen stellen Sie sich als Zielgruppe vor?
Welzer: Niemanden. Wir schicken eine Flaschenpost in die Gesellschaft. Unser Kriterium ist die Notwendigkeit, da ist es erst mal egal, ob das drei Leute interessant finden, 300 oder 30.000.
ZEIT: Der Intellektuelle schreitet, wie er es immer geträumt hat, zur Tat!
Welzer: Ich fange jetzt nicht damit an, aus Rote-Bete-Saft Reinigungsmittel herzustellen, wie das eine Frau in einer unserer Geschichten eines Tages beschlossen hat. Ich begreife Futurzwei eher als eine Veränderung meines eigenen Handlungsspielraumes. Aber ich bleibe bei dem, was ich kann.
ZEIT: Was Sie unterstützen, ist eine Art außerparlamentarische Opposition. Aber brauchen wir nicht viel eher Politiker, die ausdauernd scharfe politische Rahmenbedingungen erstreiten? Ohne das Erneuerbare-Energien-Gesetz zum Beispiel wären viele Vorbilder, die Sie nun vorstellen, nicht stark geworden...
Welzer: Parteiinitiativen kommen bei uns tatsächlich nicht vor. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht für nötig halte. Es handelt sich um ein Wechselspiel, nicht um Konkurrenz. Wir betonen arbeitsteilig das Außerparlamentarische, aber Futurzwei zieht sich nicht in das naive Eckchen zurück, nur auf der Graswurzelebene ließe sich handeln.
ZEIT: Ihr Eckchen gilt allerdings als more sexy im Gegensatz zum langen Marsch durch träge Institutionen wie Parteien, Parlamente, das Umweltbundesamt. Könnte es sein, dass Sie das schnelle digitale »Geht doch« einfach prickelnder finden?
Welzer: Es ist Geschmackssache. Ich wollte nie diesen mühsamen Weg durch die Politik gehen.
ZEIT: Es ist auch eine Frage der Analyse: Außerparlamentarisch tut sich eine Menge, während den Parteien das Personal ausgeht.
Welzer: Mich macht eben dieser Konsum-Totalitarismus wahnsinnig. Den halte ich für verhängnisvoll. Ich sehe das Defizit eher darin, diesen kulturellen Praktiken etwas entgegenzusetzen.
ZEIT: Sie schimpfen gern auf Intellektuelle und werfen ihnen vor, sie schauten dem Schlamassel der Klima- und der Finanzkrise nur zu. Ist es nicht noch schlimmer? Wir haben seit den siebziger Jahren, besonders seit Tschernobyl, eine immer lebendigere demokratische Landschaft entstehen sehen, zumal in den Städten und Dörfern – aber auch die Alternativen mussten ohne die Intellektuellen wachsen.
Welzer: Ja, d’accord, genau das habe ich auch vor Kurzem bei unserer Veranstaltung zur Gefährdung der Demokratie über mich selbst gesagt. Meine heutige Kritik richtet sich gezielt an die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, und da würde ich den Vorwurf aufrechterhalten, dass von denen fast nichts kommt. In einer gesellschaftlichen Phase, in der so viel wie schon lange nicht mehr unabsehbar im Umbruch ist, fällt diese Deutungselite durch vornehmes Schweigen auf.
ZEIT: Es sind aber doch Sozialwissenschaftler, Philosophen und Psychologen wie Daniel Kahnemann, Martha Nussbaum, Amartya Sen, Eva Illouz, Juliet Schor, also sozusagen Ihre Leute, die die Diskussion voranbringen!
Welzer: Sicher. Nur schauen Sie mal in die ganz normalen Universitäten! Da gab es keine nach außen strahlenden Veranstaltungen zur Euro-Krise, da gibt es keine kulturwissenschaftlichen Perspektiven auf den Klimawandel, aber auch kaum Ansätze zu einer Gesellschaftsanalyse, die Veränderbarkeit erkennbar werden lässt.
ZEIT: Noch einmal: Vor der Finanzkrise, vor Fukushima haben Attac, der BUND und mancher CSU-Bürgermeister die kritische Unterstützung von Intellektuellen und Wissenschaftlern vermisst. Gab es Berührungsängste?
Welzer: Der beschriebene Quietismus in den Hochschulen ist auch daran schuld. Das hat mit 1989 zu tun und der tief gefühlten Kränkung, dass ein Epochenereignis stattgefunden hat, das niemand prognostiziert hat, schon gar nicht aus den zuständigen Disziplinen. Strafverschärfend kam hinzu, dass sich nach dem Sieg – wahrscheinlich dem Pyrrhussieg – des Kapitalismus vieles von dem analytischen Handwerkszeug abgenutzt hatte. Man konnte beobachten, wie sich die Vorlesungsverzeichnisse veränderten: von Marx zu Max Weber. Zugleich verlor man sich in eine Esoterik der immer neuen wissenschaftlichen turns. Eine sensitive Sozialwissenschaft mit Gegenwartsfühlung war nicht zu erkennen.
ZEIT: Haben Sie auch deshalb der Wissenschaft jetzt den Rücken gekehrt und die Verträge aufgelöst?
Welzer: Ich hoffe, ich habe meine Skepsis zuerst durch Forschung und Bücher artikuliert. Aber ich mache Sachen nicht gerne lebenslänglich.
ZEIT: Das klingt nun aber sehr subjektiv, als hätten Sie nicht in dieser Zeitung unter der programmatischen Überschrift Schluss mit nutzlos! geschrieben, die Geisteswissenschaftler sollten sich nicht länger als verwertungsferne Aufklärer missverstehen.
Welzer: Was fehlt, ist ein Ausweg zum Transfer des Wissens. Das hat bisweilen groteske Züge. Ein Wissenschaftsbetrieb, der Konferenzen veranstaltet, zu denen Hunderte von Wissenschaftlern fliegen, um sich Gedanken zu machen, wie man Menschen vom Fliegen abbringt, kommt mir kurios vor. Und natürlich gibt es Wissenschaftler, die wie einst Norbert Elias ein Leben lang stoisch an ihren Themen arbeiten, mit Ergebnissen, die Bestand haben. Auch das ist vorbildlich, ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Aber es ist eben nicht meine Sache. Vielleicht bin ich narzisstischer und brauche die Schnellschüsse.
ZEIT: Kürzlich haben Sie in Berlin zehn Intellektuelle zusammengetrommelt, um dem »Angriff auf die Demokratie« durch Expertenherrschaft und die Finanzmärkte zu trotzen. Bleibt diese Initiative auch so ein Schnellschuss; ein einmaliger Zwischenruf? Oder hat sie Folgen?
Welzer: Sie war spontan, aber es sieht aus, als gehe es weiter. Der Regisseur Romuald Karmakar hat einen Dokumentarfilm über unsere Auftaktveranstaltung geschnitten, der wird bei der Berlinale laufen, und Futurzwei gibt etwas Geld dafür.
ZEIT: Stichwort: Woher kommt das Geld?
Welzer: Wir haben private Mäzene, ein Ehepaar, das früher ein Zeitarbeitsunternehmen hatte. Sie statten die Stiftung Futurzwei so aus, dass man ein kleines Redaktionsteam bezahlen kann.
ZEIT: War es für Sie wichtig, wie dieses Geld verdient wurde?
Welzer: Ja, mit Unterstützung von Heckler & Koch oder einem Unternehmen, das nur mit Greenwashing seine fragwürdigen Geschäfte bemänteln will, wäre Futurzwei nicht ins Leben gerufen worden.
ZEIT: Wenn sich keiner für Futurzwei interessiert, dürfen Sie nach einer Weile wieder dichtmachen?
Welzer: Genau. Dann würden wir sagen: Das war’s. Aber vor allem: Gut, dass wir’s probiert haben. Wir werden es versucht haben. Das Futur zwei ist in jedem Fall besser.
Mehr ab 1. Februar auf der Website futurzwei.org







erzeugt Herr Welzer allerdings auch mit Positionen wie diesen:
"Ja, mit Unterstützung von Heckler & Koch oder einem Unternehmen, das nur mit Greenwashing seine fragwürdigen Geschäfte bemänteln will, wäre Futurzwei nicht ins Leben gerufen worden"
In meiner Erkenntnisbildung wäre es sinnvoll in einer friedliebenden Gesellschaft für "ExtremBranchen" sinnige Aufgabengebiete zu finden, statt diese pauschal zu kriminalisieren - oder will man beispielsweise einem wilden Tier in freier Natur ohne Sicherungsmittel begegnen (wie solche Aussehen können, das könnte auch zB waffentechnische Evolution sein - und auch nicht_letal?)
lichtähnlich 4futur2: http://de.wikipedia.org/wiki/Nicht-tödliche_Waffe
als kritische Anmerkung gedacht ...
aber die Geldgeber (Gründer der DIS AG) sind es sicher nicht, vgl. http://www.dooyoo.de/arbe....
Hier wäre mehr Transparenz durch Prof. Welzer wünschenswert
"In einer gesellschaftlichen Phase, in der so viel wie schon lange nicht mehr unabsehbar im Umbruch ist, fällt diese Deutungselite durch vornehmes Schweigen auf."
Dem kann ich - als Sozialwissenschafler - nur zustimmen!
Die INWO Köln.
Die INWO Köln.
...alles andere an dem Konzept des Internetauftritts von
FUTURZWEI leider nicht. Ich habe versucht, andere Menschen darüber zu informieren und Leser zu gewinnen.
Sie machen es uns wirklich nicht leicht.
Meine Kritik zur Website gibt es hier:
http://blog.nordbayern.de...
Zuerst die gute Nachricht: Die Leute hier tun nichts Böses.
Die Zweifel: Eine natürliche Entwicklung der Menschen als Teil der Natur erfolgt meiner Meinung überwiegend aus dem Gefühl heraus und wird weniger vom Verstand gesteuert.
Beispiel: Eine Weile können Menschen ihre Sauerstoffversorgung, ihren Durst und ihren Hunger, also elementare Lebensvoraussetzungen, mit dem Verstand kontrollieren. Wenn aber diese Grundlagen nicht mehr zur Verfügung stehen, aus welchen Gründen auch immer, wird die Existenz bedroht, der Verstand setzt aus und der Lebenserhaltungstrieb setzt ein.
Zum Schluss die schlechte Nachricht: Dann wird sowieso alles anders.
Die INWO Köln.
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